Schreiben
an das Erzbischöfliche Ordinariat Freiburg
Betr.: Tagung des Priesterforums zu "Marktplatz
Seelsorgeeinheit" am 20. Juni in Rastatt
Hinterzarten, den 12. 9. 2000
Sehr geehrte Damen und Herren,
erlauben Sie mir diese allgemeine Anrede; seit Herr
Domkapitular Dr. Sauer aus dem Domkapitel ausgeschieden ist, hat das
Priesterforum in der Erzdiözese Freiburg keinen unmittelbaren Ansprechpartner
mehr im Ordinariat. Da es allerdings ein Anliegen des Priesterforums ist, mit
der Diözesanleitung zusammenzuarbeiten, wie wir es uns in unserer Satzung
vorgenommen haben, möchte ich Ihnen einige Ergebnisse mitteilen, die die
Teilnehmer des "Marktplatzes Seelsorgeeinheit" gerne an die
Diözesanleitung weitergegeben hätten.
Zu dieser Tagung am 20. Juni 2000 in Rastatt, in der es um
die Stellung des Priesters im diözesanen Konzept der Seelsorgeeinheit ging,
sind alle Priester im aktiven Dienst der Erzdiözese Freiburg vom
Priesterforum angeschrieben und eingeladen worden. In verschiedenen Workshops
haben sich die 28 Teilnehmer damit beschäftigt, worin sie Chancen und Risiken
im Konzept der Seelsorgeeinheit sehen, welche Empfehlungen sie sich
gegenseitig geben können und wovor sie sich warnen. Auf diese Weise kam es zu
einem regen Austausch der vorhandenen Kompetenzen und Erfahrungen. Darüber
hinaus wollten die Teilnehmer folgende Aussagen an die Diözesanleitung
weitergeben, weil manche Probleme mit den Möglichkeiten vor Ort nicht oder
nur ungenügend gelöst werden können.
Die Protokollanten haben aus den Workshops folgende Punkte festgehalten:
1. Die Verantwortung des Priesters im Seelsorgeteam der Hauptamtlichen
- Die Leitungskompetenz des Priesters ist auszubilden und
er ist zur Teamarbeit zu befähigen.
- Es sollten auch stärker solche Modelle durchdacht und
praktiziert werden, in denen der Priester nicht einfach der Leiter der
Seelsorgeeinheit ist, denn nicht jeder Priester besitzt dazu die
Fähigkeiten und die Berufung.
- In der Seelsorgeeinheit braucht es einen
Geschäftsführer, der nicht mit dem Priester identisch ist; es besteht
die Gefahr, dass der Priester immer mehr nur noch zum Geschäftsführer
wird.
- Der Kontakt des Priesters zur einzelnen Gemeinde wird
immer mehr verloren gehen.
- Schon jetzt ist klar, dass die Seelsorgeeinheit ein
Durchgangsmodell ist; was aber wird in wenigen Jahren sein, wenn sich
herausstellt, dass nicht einmal mehr die Seelsorgeeinheiten mit Priestern
zu besetzen sind?
- Es besteht die Tendenz zu einer Klerikalisierung der
Hauptamtlichen. Die neue Praxis der Seelsorgeeinheit muss zu einem
Überdenken der Amtstheologie führen.
2. Wo bleibt meine Identität im diözesanen Konzept der Seelsorgeeinheit?
- Was ist die Identität eines Priesters, wenn er nicht
(mehr) Pfarrer ist?
- Zwischen der Aufgabe Chef/Leiter und Seelsorger gibt es
eine innere Spannung.
- Die Größe der Seelsorgeeinheit bietet die Chance, dass
in ihr viele (kleine, Gruppen-, Gemeinschafts-) Identitäten ausgebildet
werden können, so dass verschiedene Wege zu einem gemeinsamen Ziel
führen können.
- Wie/lässt sich die Identität einer Gemeinde fassen und
wie korreliert sie mit der Identität des Priesters?
- Diese Fragen müssen in der Aus- und Fortbildung der
Priester thematisiert werden. Die Frage nach der Identität ist eine
Herausforderung und eine Möglichkeit zur Kreativität und zur Gestaltung,
denn meine Identität gestalte ich und sie wird gestaltet.
3. Mein Bezug als Pfarrer zu den Gläubigen
- Es wird die Gefahr gesehen, dass aufgrund der wachsenden
Aufgabenfelder die Beschäftigung mit den Menschen notgedrungen immer
weiter zurückgeht.
- Es ist wichtig, nicht nur zu managen und zu delegieren,
sondern auch selbst etwas zu machen, um eigene Erfahrungen zu haben.
4. Wie ich meine Arbeit organisiere
- Das System rollierender Gottesdienste an den Hochfesten
ist nicht immer die beste Lösung!
- In der Seelsorgeeinheit müssen Strukturen geschaffen
werden, in der viele Fragen "automatisch" behandelt werden.
- Zwischen manchen Teilgemeinden und Gruppierungen gibt es
eine regelrechte Konkurrenz um "ihren" Pfarrer.
- Visionen müssen gesucht werden, Ziele müssen sauber
benannt werden und Prioritäten müssen gesetzt werden.
- Die Diözesanleitung hat für die Leiter von
Seelsorgeeinheiten Kurse für Organisationsentwicklung und Planung
anzubieten. (Ein Angebot gibt es zum Teil schon, aber inwieweit wird es
wahrgenommen, verpflichtend gemacht ...?
- Von diözesaner Seite sollte ein klärendes Wort zu den
Sonntagsmessen und Wortgottesfeiern gesprochen werden
5. Meta- und Substrukturen der Seelsorgeeinheit, wenn es ein Seelsorgeteam
gibt
- In einer gemeinsamen Sakramentenkatechese (Erstkommunion,
Firmung ...) wird eine große Chance gesehen. Gruppen und Gemeinschaften
in den einzelnen Gemeinden können sich durch gemeinsame Treffen
gegenseitig bereichern.
- Wir warnen vor Gremien ohne Entscheidungskompetenz!
- Es gibt die Angst vor Identitätsverlust durch den
Verlust der Nähe zwischen dem Pfarrer und der Gemeinde.
- Es wird die Gefahr gesehen, dass das Seelsorgeteam allein
entscheidet ohne die gewählten Repräsentanten der Gemeinden.
6. Meta- und Substrukturen der Seelsorgeeinheit, wenn der Pfarrer fast der
einzige Hauptamtliche ist
- In diesem Fall ist eine langfristige Planung
unerlässlich.
- Das Ehrenamt erfährt eine Aufwertung (Missbrauch?). Man
muss sich aber auch die Grenzen des Ehrenamts bewusst machen: zeitlicher
Art, der Kompetenzen, ...
- Der Einsatz von Ehrenamtlichen führt nicht einfach zu
Zeitersparnis; Ehrenamtliche müssen auch gefördert und begleitet werden.
Es gibt eine Fürsorgepflicht des Pfarrers gegenüber den Ehrenamtlichen.
- Wenn der Pfarrer der einzige Hauptamtliche in der
Seelsorgeeinheit ist, fehlt oft ein (fachliches, mit entsprechender Zeit
...) Gegenüber.
- "Bin ich nur noch ein Zirkusartist, der die Teller
auf den Stangen in Drehung halten muss?"
- Wo bleiben die Dekanatsaufgaben?
7. Suchen, (An-)Leiten und Führen von MitarbeiterInnen in der
Seelsorgeeinheit
- Wer keine Visionen hat, das Ziel nicht kennt, kann keinen
Weg finden. Zusammen mit Personen und Gremien müssen in der Gemeinde
klare Zielorientierungen erarbeitet werden. Bei laufendem Verkehr muss die
neue Trasse gebaut werden. Alle bilden zusammen eine Lerngemeinschaft.
Dabei sind vor allem auch langfristige Veränderungen (5-10) Jahre in den
Blick zu nehmen.
- Im Gottvertrauen Neues angehen und nicht zuvor zu Tode
diskutieren.
- Der Leiter trägt die Verantwortung, dass das Ziel im
Blick und wir auf dem Weg bleiben.
- Delegation stärkt das Selbstwertgefühl der
MitarbeiterInnen und entlastet den Leiter.
- Alle Beziehungen und Zuständigkeiten, die nicht geklärt
sind, sind Konfliktpotentiale. Deshalb müssen Stellen, Aufgaben und
Zuständigkeiten beschrieben werden, die allerdings von Zeit zu Zeit
reflektiert werden müssen und geändert werden können.
- Bewusstseinsbildung braucht lange Zeit; kurzfristiges,
erfolgsorientiertes Arbeiten gefährdet diese oft.
8. Viele Orte - viele Messen?
- Tote ("unlebendige") Gottesdienste (-orte)
ruhig sterben lassen. Die Reduktion der Sonntagsmessen stellt eine
Kontrastbewegung gegen das Anspruchsdenken der "Leute" dar.
Erforderlich ist dafür allerdings ein diözesaner Hinweis (wie in
Hildesheim): am Sonntag nur noch eine Eucharistiefeier an einem Ort.
- Der Status quo wird leider oft so lange aufrechterhalten,
bis der Druck (von außen, zusätzliche Pfarrei, eigene Krankheit,
regelmäßig "eingeflogene" Priester ...) zu groß wird.
- Wortgottesfeiern können wichtige Integrationspunkt der
Menschen am Ort darstellen. In kleineren Gemeinden fehlt es aber oft an
kompetenten LeiterInnen. Sind LeiterInnen aber zu dominant, besteht die
Gefahr, dass niemand nachwächst. Die Wortgottesfeiern sollten bewusst als
eine andere Art von Gottesdienst (ohne Kommunion) gepflegt werden. Wie
aber ist das umzusetzen, wenn die Eucharistiefeier als die Hochform des
Gottesdienstes in unserer bisherigen Praxis propagiert worden ist.
- Es ist wichtig, dass der Priester auch andere
Gottesdienstarten selbst praktiziert (und von Gemeindemitgliedern so
erlebt wird), auch wenn dann vielleicht weniger Eucharistiefeiern
stattfinden.
- Die Seelenamtslösung ist schlichtweg nicht in Sicht!
- Priester aus anderen Erdteilen sind nicht die Lösung, um
unseren Priestermangel zu beheben. Es ist deshalb mit allem Nachdruck
öffentlich für Viri probati, Frauenordination, ... einzutreten, um das
sicherzustellen (Eucharistie), was zentral für die Kirche ist.
Da im Vorfeld der Tagung "Marktplatzes
Seelsorgeeinheit" verschiedene Medien informiert wurden, die zum Teil
auch darüber berichtet haben, ist es unsere Absicht, in den nächsten Tagen
diese Ergebnisse wiederum an verschiedene Medien weiterzugeben.
Bitte sagen Sie uns Ihre Meinung.
Rückmeldungen an:
Christof Heimpel, Blumenstraße 23, D-69115 Heidelberg,
Tel.: (06221) 1302-16,
Fax: (06221) 1302-26, e-Mail: c.heimpel@bonifatius-hd.de

Letzte Änderung: 15. September 2000