Zum nächsten AbschnittZum vorigen AbschnittUttenweiler, Bernd: Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden.
Josefine Koerner-Baumann: Erinnerungen an jüdische Mitbürger, Seite 436-437.

Erinnerungen an jüdische Mitbürger

Josefine Koerner-Baumann

Die jüdischen Mitbürger, die bei der Machtergreifung Hitlers in Rust ihren Wohnsitz hatten, waren alteingesessen und unterschieden sich in nichts von den Rüster Bürgern als durch ihren Glauben.

Die Gesetzmäßigkeiten der jüdischen Religion waren den streng gläubigen Rüster Katholiken fremd und unverständlich. Während im katholischen Gotteshaus niemals ein Jude anzutreffen war, wurden die Rüster Katholiken von den andersartigen Riten, die in der Synagoge zelebriert wurden, magisch angezogen. Am Sabbat und an den jüdischen Feiertagen nahmen immer mehrere Katholiken am Gottesdienst in der Synagoge teil. So am Laubhüttenfest, das als jüdischer Erntedank im September/Oktober gefeiert wurde. Das Miterleben des Gottesdienstes zeitigte jedoch kein Verständnis für das ungewohnte Ritual. Auch das Passahfest hatte seine Zaungäste in der Synagoge. Das ungesäuerte Passahgebäck, der Matzen, fand viele Liebhaber, es gab wohl keinen Rüster Bürger, der ihn nicht gekostet hätte. Dafür wollten einige der jüdischen Mitbürger nicht auf das für sie streng verbotene Schweinefleisch verzichten. Wenn sie "Gesalzenes" zum Sauerkraut bekommen konnten, war das für sie ein Fest. Man arrangierte sich, einer erfüllte die kleinen Wünsche des anderen. Wenn in Glaubensfragen naturgemäß keine Übereinstimmung herrschen konnte, so waren die menschlichen Beziehungen davon unberührt. Man kann sagen, daß die Rüster mit den jüdischen Einwohnern in bestem Einvernehmen gelebt haben. Daran änderte sich auch nach 1933 nichts.

Die Juden hatten vor der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten davor gewarnt, für Hitler zu stimmen. Ihre Warnungen verhallten ungehört, keiner konnte sich vorstellen, daß in einem geordneten Staatswesen Übergriffe vorkommen könnten, wie sie hier befürchtet wurden. Eine eindringliche Mahnerin war Klara Grumbacher. Alles trat später ein, was sie vorausgesagt hatte, alle die Greueltaten, die nur in einem totalitären Regime möglich sind.

Die jüdischen Familien in Rust waren geachtete Bürger, die weder mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren, noch sonst in irgendeiner Weise unangenehm aufgefallen wären, sie hätten also allen Grund gehabt, zuversichtlich zu sein.

Leopold Grumbacher hatte im Ersten Weltkrieg an der französischen Front für sein deutsches Vaterland gekämpft. Als angesehener Mann war er Mitglied des ehemals bestehenden Bürgerausschusses. Grumbacher vertrat bei Behörden und wichtigen Anlässen die Rüster israelitische Gemeinde und amtierte als Vorsteher. Sein Geschäft, eine Weinhandlung, ernährte die Familie. Aus der Ehe mit seiner bereits erwähnten Frau Klara geb. Weil entstammen drei Töchter: Ruth, Irma und Gretel. Sie pflegten alle guten Kontakt mit ihren Rüster Altersgenossinnen. Die drei jungen Frauen hatte jeweils eine Berufsausbildung, was in Rust damals nicht gerade üblich war.

Die alleinstehende Mathilde Dreifuß war in einem Rüster Textilgeschäft als Verkäuferin tätig und zeichnete sich durch Bescheidenheit und große Freundlichkeit aus. Frau Dreifuß war besonders beliebt in Rust. Auch sie hatte freundschaftliche Verbindungen zu den Rüstern, nie gab es Differenzen oder gar Streitigkeiten.

Julius Heilbronn handelte mit Altmaterialien und besserte seine kargen Einkünfte auf, indem er mit seinem Pferd in Lohnarbeit Felder pflügte und Fuhraufträge ausführte. Aus der Ehe mit Sofie geb. Offenheimer gingen zwei Söhne, Heinz (genannt Hans) und Rudolph hervor. Die Familie Heilbronn galt als arbeitsam und bescheiden. Hans erlernte nach seiner Schulentlassung das Metzgerhandwerk in einem Kippenheimer Betrieb. Im Haushalt Heilbronns lebte auch die Schwester der Hausfrau, Rosa Offenheimer. Im Original hier Ende Seite 436

Bertha Heilbronn, die Mutter von Julius, verlor bereits 1925 ihren Mann. Sie verdiente sich als Näherin ihren Lebensunterhalt. Ihr ganzer Stolz waren ihre Enkelkinder Hans und Rudi, ebenso Hilde und Gerda, die Töchter ihres Sohnes Ludwig, der in Ringsheim mit einer Katholikin verheiratet war. Trotz der bescheidenen Verhältnisse, in denen Bertha Heilbronn lebte, hielt sie für Kinder, die sich mit ihren Enkeln auf dem Hof tummelten, immer irgendwelche Süßigkeiten bereit.

"S Getsche" - unter diesem Namen war die Familie Bernhard Johl in Rust ein Begriff. Der Großvater Bernhards, der bereits die koschere Metzgerei und das Gasthaus "Zur Blume" betrieben hatte, hieß Gustav. "Götsch" war die jüdische Bezeichnung für Gustav. Bernhard Johl also hatte in dritter Generation Gasthaus und Metzgerei übernommen. In der koscheren Metzgerei gab es Rind-, Kalb-, Lammfleisch und koschere Wurst zu kaufen. Solange Bernhard Johl in Rust war, hatten die Rüster Landwirte selten einen Tierarzt nötig. In jeder Notlage wußte er Rat, zu jeder Tages- und Nachtzeit erschien er, wenn im Stall Hilfe vonnöten war. Für die Armen und Kranken im Dorf hatte die Familie Johl stets eine offene Hand. Aus der Ehe Bernhards mit Fanny geb. Veit gingen die Zwillinge Max und Gustav, sowie Tochter Sofie hervor. Die Geschwister hatten viele gute Freunde unter den Altersgenossen. Sie feierten zusammen die gleichen Feste, sangen die gleichen Lieder und spielten dieselben Streiche. Die Zwillige Max und Gustav sahen sich zwar ähnlich, aber Max war blond und blauäugig wie sein Vater, während Gustl, wie er in Rust genannt wurde, schwarzhaarig war und dunkle Augen hatte. Dieses Phänomen wurde oft diskutiert, die Zwillinge selbst amüsierten sich darüber.

Eise Schmidt geb. Moch, Kriegerwitwe, gehörte schon bald zur Familie Johl, wo sie täglich in Geschäft und Haushalt mithalf, um ihrer Tochter Berta mit dem Verdienst eine gute Erziehung und eine Berufsausbildung zu ermöglichen. Der katholische Ehemann Eise Schmidts, Josef, war Kaufmann gewesen und mußte im Ersten Weltkrieg an der französischen Front sein Leben lassen. Viele gute Bekannte der Eise Schmidt fanden sich unter den Nichtjuden im Dorf. Ihre Tochter Berta war ein bildschönes Mädchen, sie lebte sehr zurückgezogen.

David Klein kam 1921 von Straßburg mit 4 Kindern nach Rust. Klein betrieb eine Altwarenhandlung. Er war sehr belesen und half manchem Mitbürger bei der Abfassung von Briefen an Behörden oder in geschäftlichen Angelegenheiten. Das gilt auch für seine Tochter Erna, die den Menschen im Dorf manchen wertvollen Hinweis geben konnte. Die Kinder des David Klein kehrten bald zurück ins Elsaß, 1933 folgte ihnen der Vater nach Benfeld.

Max Moch bestritt den Lebensunterhalt ebenfalls mit einem Handel. Daneben kaufte er für Bernhard Johl hauptsächlich in den Rieddörfern Schlachtvieh auf. Der Ertrag seiner Handelsgeschäfte war jedoch dürftig. Um sich über Wasser halten zu können, war er gezwungen, eine Hälfte seines Hauses zu verkaufen. Die andere Hälfte bewohnte er zusammen mit seiner Familie auf engstem Raum. Max Moch und seine Frau Cora geb. Frank waren zuvorkommend und freundlich zu den Nachbarn, sie hatten mit allen Menschen, mit denen sie zu tun hatten, ein gutes Verhältnis. Als streng gläubige Jüdin beobachtete Cora Moch alle Gebote, die sich auf den Sabbat und eine gottgefällige Lebensweise bezogen. An jüdischen Feiertagen bat sie ihren Nachbarn, das Herdfeuer für sie zu entfachen oder andere kleine Arbeiten auszuführen, die für sie verboten waren. Den katholischen Gemeindeschwestern, die ihrem Haus gegenüber wohnten, war sie freundschaftlich verbunden, besonders der unvergessenen Schwester Cordula. Häkeln und Stricken waren das Hobby Coras, stolz zeigte sie ihren Nachbarn die vollendeten Arbeiten. Ansonsten widmete sie sich ganz ihrer Familie. Max und Cora Moch hatten fünf Kinder, Herbert-Markus, Martha-Melanie, Milli und Selma. Ruth starb im Kindesalter. Herbert Moch erlernte in einem Rüster Handwerksbetrieb den Beruf des Schlossers.

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