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Uttenweiler,
Bernd: Schicksal und Geschichte der jüdischen Gemeinden.
Ulrich Baumann / Costas Schulze: Die Geschichte der jüdischen Gemeinde
Schmieheim, Seite 369-397.
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Für uns, die wir in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts geboren wurden, stellt sich die Begegnung mit Lebensschicksalen jüdischer Menschen zunächst als etwas Fremdes dar. Aber Menschen jüdischer Religion waren einst eingebunden, verwurzelt in ihre Umgebung. Das "Fremde" war für die christliche Bevölkerung erfahrbar, insbesondere auf dem Dorf. Führte das dörfliche Zusammenleben zur Überwindung von festgefahrenen Vorurteilen den Juden gegenüber?
In Schmieheim waren die Juden keine Minderheit. Mitte des 19.
Jahrhunderts machten sie beinahe die Hälfte der Dorfbevölkerung aus, in der
Schule des Orts befanden sich Kinder aus jüdischen Familien zeitweise in der
Mehrzahl. Doch die Chancen für ein offenes Zusammenleben waren denkbar
schlecht. Über Jahrhunderte versperrten das antijudaistische Denken und der
feudalistische Charakter der ländlichen Wirtschaftsordnung eine freie
Entwicklung. Das Dorf Schmieheim war arm, ohnehin nicht groß, und die
Forderungen der Grundherrschaften (meist elsässische Adelsfamilien) belasteten
alle. Die Dorfbewohner hatten Abgaben für Weinbau, Vieh Wirtschaft, Wald- und
Weidegenuß zu entrichten. Hinzu kamen noch Steuern und Sportein
(Vertragsgelder) und beim Tod eines Untertanen das sogenannte Besthaupt, d. h.
der Grundherr erhielt das beste Stück Vieh aus dem Besitz des Verstorbenen.
Die Juden mußten zusätzlich Mittel für die Aufnahme (55 Gulden) und
den Schutz durch die Grundherren (12 Gulden jährlich) aufbringen. Hinzu kamen
Abgaben für die Synagoge, das "Judenbegräbnis", Salz- und
Fleischaccis (15 Gulden) sowie eine Kopfsteuer.
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Wann die ersten Juden in Schmieheim lebten ist nicht mehr
genau zu klären, 1624 werden sie zum ersten Mal in der Dorfordnung erwähnt.
Man beschuldigt sie "unwiderbringlichen schadten und Verderben" durch
ihren "hoch verbottenen und unleidlichen wucher" an den Armen des
Dorfes anzurichten, worauf die Herrschaft, hier vertreten durch Claus Friedrich
Böckhle, den Befehl gibt, daß "Kheiner Meiner Untertanen bey Leib Straff
von den Judten geldt" aufnehmen oder entlehnen dürfe und keiner sich
unterstehe, "zun practizieren, in gemeinschaften zu khaufen, tauschen, oder
zu handtlen." ![]()
Es läßt sich sicherlich hier schon die Frage aufwerfen, inwieweit diese scharfe Anordnung ein Spiegelbild des Verhältnisses zwischen Juden und Christen war oder dieses beeinflußt hat. Eines steht soweit fest: Die Juden waren weniger wegen ihrer religiösen Andersartigkeit Anfeindungen ausgesetzt, sondern vielmehr durch die Ausübung ihres Händlerberufes und das Verleihen von Geldern: sie hatten eine neue Einkommensmöglichkeit gefunden, die der damaligen Bevölkerung als suspekt und mit wenig körperlicher Arbeit verbunden erschien. Hierbei wurde Ursache und Wirkung verwechselt: Es waren schließlich die Christen, die den Israeliten den Zugang zur Landwirtschaft und zum Handwerk versperrt hatten.
Weitere Hinweise auf die Ansiedelung von Israeliten in Schmieheim können der Gemeinderechnung entnommen werden. Da heißt es beispielsweise 1702 "2 Schilling 6 Kreuzer von Isaak Dreyfuß wegen Strof seiner Buben" und von "Melchior Baumann 5 Schilling Judengeld".
1716 erhielt die Gemeinde Schmieheim vorübergehend Zuwachs
aus Ettenheim, wo die Juden vertrieben worden waren: Neid und Mißgunst stellten
einmal mehr das Motiv. Die Stadt Ettenheim wollte der Anwesenheit der jüdischen
Einwohner (sieben Familien) mit ihren Kramläden und ihrer beherrschenden
Stellung im Eisenhandel ein Ende setzen. Zuvor hatte die Stadt dem
Landesfürsten für die "Abschaffung" ihrer Juden 2760 Gulden geboten;
dazu kam noch die Verpflichtung, die jährliche Bezahlung der Schirmgelder
aufrecht zu erhalten. So wurden die Juden vertrieben, sie siedelten in die
nahegelegenen reichsritterschaftlichen Flecken Schmieheim und Altdorf und das
badische Kippenheim um.
Dort blieben sie für ein halbes Jahr. Waren die Juden nur ein wirtschaftlicher
Faktor, eine gute Geldquelle, derer man sich nach Belieben bedienen konnte?
Diese Frage liegt nahe, wenn man sich den Fortgang der Vertreibung aus Ettenheim
vor Augen führt. Die Juden verkauften, obwohl sie u. a. in Schmieheim wohnten,
ihre Häuser in Ettenheim nicht, da sie auf eine baldige Rückkehr hofften.
Infolgedessen wurden die Häuser zwangsversteigert. Daraufhin boten die Juden
der Stadt Ettenheim 2260 Gulden, wenn sich wieder fünf jüdische Familien
ansiedeln dürften. Die "weisen Stadtväter" (Zitat aus Rosenthal,
1927) baten nach kurzer Zeit ihren Landesfürsten um die Wiederaufnahme von
jüdischen Familien mit der Begründung, "daß ihnen die Juden nicht so
schädlich seien, wie sie vermeint hätten und deshalb gerne sehen täten, wenn
wieder einige Familien gestattet würden".
Daß es in der Region trotzdem nicht zu einem innigen Verhältnis kam, läßt
sich aus dem Dekret des Straßburger Bischofs (Landesherr Ettenheims) von 1736
ersehen; darin wird u. a. das Verbot ausgesprochen, "die Juden zu necken
oder zu mißhandeln, weder einheimische noch fremde, weder arme noch
reiche". ![]()
Auch in Schmieheim kam es zu Streitereien zwischen Juden und
Christen. Zum einen ging es um die alltäglichen Abgaben an die Gemeinde und die
Herrschaft, zum anderen entwickelte sich ein Häuserstreit zwischen Juden und
Christen. Die Gemeinde beklagte 1747 eindringlich, "daß ihre Juden, in
einer Anzahl von mehr als 80 Leuten, immer mehr Häuser erwarben und besonders
aus verschuldeten Hinterlassenschaften". Es herrschte deshalb unter den
jungen Bürgern Wohnungsnot.
Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, erließ der ritterschaftliche Amtmann
Johann Georg Wild (Straßburg) am 20. Mai 1747 folgende Verordnung:
"Jeder Jud, so künftig zu Schmieheim ein Hauß kaufet, sogleich gnädige
Herrschaft vor die Erlaubnis 30 Gulden zahlen solle." Außerdem wurde den
Christen das Rückkaufrecht für ein Jahr gewährt, und auch die Abgaben blieben
auf dem Haus, obwohl die Juden nicht im Genuß des Bürgerrechts waren. Zu den
Sonderlasten, die die Israeliten schon zu tragen hatten, kam nun also eine
weitere hinzu: keine Handels- oder Aufenthaltsbeschränkung oder dergleichen,
wie sie immer wieder vorkamen: Nein, hier griff die Herrschaft in einen für das
tägliche Leben elementaren Bereich ein. Für den Erwerb einer Unterkunft
mußten die Israeliten nun noch größere Anstrengungen unternehmen.
An dieser Stelle scheint es sinnvoll, auf die wirtschaftliche
Situation des Dorfes einen kurzen Blick zu werfen. Auskunft darüber erhalten
wir aus den Beitragszahlungen der Gemeinde in die Ritterkasse des Ortenauer
Ritterverbandes, dem die Schmieheimer Herrschaften Bock von Böcklinsau und
-Gerstheim sowie Wurmser, Berstett und Waldner angehörten.
In Fällen großer Bedrängnis erhielten einzelne Gemeinden Nachlaß am
Geldbeitrag und an den Fronden, so Schmieheim 1769.
Auch in den Jahren danach erließ man der Gemeinde einen Teil der Beiträge.
Schmieheims Zahlungsschwierigkeiten hatten, im Gegensatz zu anderen Dörfern,
ihre Ursache nicht in Nachlässigkeiten, sondern in "der schlimmen Lage der
Gemeinde und in der Dürftigkeit der Einwohner". Es kam sogar soweit, daß
1735 sich die Gemeinde für unfähig erklärte, weitere Summen zu zahlen,
"weil bei 50 Bürgern kein Sester Acker besitzen und ihr Leben durch
Taglöhne kümmerlich hinbringen."
Auch die Tatsache, daß die Grundherren nicht in Schmieheim lebten und nur
selten zu Besuch kamen, da die Bezüge von Schmieheim ihm nicht für einen
"standesgemäßen Unterhalt" genügten, läßt auf die Armut des
Dorfes schließen.
Christen als auch Juden hatten unter den Entbehrungen der damaligen Zeit zu
leiden. Vielleicht sind die immer wieder auftretenden Spannungen zwischen ihnen
sowie die daraus resultierende Diskriminierung der Juden auf diese sozialen
Umstände zurückzuführen.
Die Juden, so kann man auch heute noch hören, hielten zusammen gegen Not und Unterdrückung, sie stellten eine Gemeinschaft dar, von der andere ausgeschlossen waren. Die Möglichkeit, daß hieraus Neid, Vorurteile und Mißtrauen entstanden, war also durchaus gegeben, zumal in Zeiten großer Not oft die Toleranz gegenüber Andersartigem abnimmt.
Die Stellung der Juden, die kein Bürgerrecht besaßen und damit auch kein Aufenthaltsrecht, bot jederzeit die Möglichkeit, sich eines unangenehmen Konkurrenten, eines vermeintlichen Nutznießers zu entledigen, indem man ihnen das Leben im Beruf als auch im Privaten schwer machte.
Die Situation der Juden sollte sich jedoch bald verbessern,
denn am Oberrhein als auch im Reich begann sich aufklärerisches Gedankengut
anzusiedeln. Für die Israeliten mochte dies eine Chance sein, ihren Status zu
verändern und dadurch auch die Lebensqualität zu erhöhen. Der gescheiterte
Versuch der erneuten Ausweisung der Israeliten aus Ettenheim durch Kardinal
Rohan 1790 läßt darauf schließen. Um den Bürgern einen Gefallen zu erweisen,
verfügte er, daß die zwölf Familien starke jüdische Gemeinde wieder auf
fünf Familien reduziert werden soll. Nachdem alle möglichen Schritte der Juden
gegen diese Verfügung ohne Erfolg geblieben waren, wendeten sie sich an das
Reichskammergericht in Wetzlar. Das Wirken Mendelsohns, die Judengesetzgebung
des aufgeklärten Kaiser Josef II. und die Erklärung der Menschenrechte in
Paris hatten die Juden Ettenheims ermuntert, ihr Recht zu verteidigen. ![]()
Im Zwischenurteil des Reichskammergerichts wurde die
Ausweisung und die Übersiedlung der Juden in die Vorstädte mit der Begründung
einstweilig aufgehoben: "Die Juden sind ebensogut Staatsuntertanen wie die
anderen auch. Sie werden zu den Lasten beigezogen, müssen also auch Rechte
genießen. Die Judenschaft hat durch den Vertrag von 1717 und die
rechtskräftigen Urteile, welche von der Stadt und Regierung anerkannt seien,
ein rechtmäßiges Eigentum erworben, und aus diesem könne sie nicht vertrieben
werden." ![]()
Inwieweit hatten solche Urteile Signalwirkung auf die
Emanzipation der Juden? Oder war es nur ein kurzer Lichtblick, der bald wieder
dem Dunkel wich? Die Antwort hierauf gibt das 1. Konstitutionsdelikt
vom 14. Mai 1807. In der Zwischenzeit war durch Napoleons Willen und das
diplomatische Geschick des badischen Geschäftsträgers in Paris, des Freiherrn
von Reitzenstein, das Großherzogtum Baden entstanden. In dem Edikt wird die
jüdische Konfession im Lande als "konstitutionsgemäß geduldet"
anerkannt und folgender Grundsatz aufgestellt, der eine völlig neue
Rechtsauffassung begründen sollte: "Keine Religion aber, welchen Namen sie
führe, kann in dem Sinne herrschend sein, daß ihre Kirche verlange, irgendein
Stück der Staatseinrichtung auf ihren einseitigen Vorteil gewogen zu sehen oder
ihren Gliedern Vorzüge für die Teilnahme an irgendeinem Ausfluß der
allgemeinen staatsbürgerlichen Vorteile zu geben." ![]()
Dieses Edikt setzte den Startpunkt zur Emanzipation der Juden,
in deren Verlauf die Juden vom Schutzbürger zum Vollbürger wurden. Bei aller
Fortschrittlichkeit spielten auch erzieherische Gedanken mit dem Ziel, die Juden
zu assimilieren, eine Rolle.
So wurde im 6. Konstitutionsedikt vom 4. Juni 1808 die Gewährung der Rechte von
der Bereitschaft zur Anpassung abhängig gemacht. Es heißt da u. a.: "...
zwar sollen sie noch zur Zeit, und solange sie nicht eine, zu gleicher
Nahrungsart und Arbeitsfähigkeit mit den christlichen Einwohnern hinreichende
Bildung ... angenommen haben und solange nicht daraufhin etwas anderes durch die
Staatsgesetze verordnet wird, an keinem Ort zur Wohnung zugelassen werden, wo
bisher noch keine waren. ..." ![]()
Unabhängig von diesem Druck zur Anpassung entwickelte sich zu jener Zeit in Schmieheim die "Infrastruktur" der jüdischen Gemeinde.
Es lebten zwar schon seit dem 17. Jahrhundert Juden in
Schmieheim, aber abgesehen von der Existenz eines Grabsteines von 1703 auf dem
jüdischen Friedhof finden sich erst im 18. Jahrhundert Hinweise auf die Bildung
einer religiösen Gemeinde. So wird als erster Judenschultheiß Samuel Levi im
Jahre 1769 erwähnt.
Der Judenschultheiß war für die Organisation und die Belange der Gemeinde
zuständig. Er konnte Strafen verhängen und sie mit Hilfe von staatlicher
Gewalt durchsetzen.
In den Prozeßakten gegen Judenschultheiß Samuel Levi der
1777 wegen Meineids und Ehebruch angeklagt worden war, findet sich zum erstenmal
ein Hinweis auf einen Rabbiner.
Zum Rabbinat Schmieheim gehörten die Dörfer Altdorf, Kippenheim, Nonnenweier,
Diersburg, Durbach, Ettenheim, Friesenheim, Orschweier, Rust später auch Lahr
und Offenburg. 1803 wird David Günzburger als Rabbiner genannt, ihm folgte sein
Sohn Joseph Günzburger, der nach dreißigjähriger Dienstzeit 1847 starb. Sein
Nachfolger wurde K. Roos aus Lichtenau, dem 1876 der letzte Rabbiner in
Schmieheim, Dr. Rawicz, folgte.
Auf seine Bitte wurde der Sitz des Rabbinats 1893 nach Offenburg verlegt,
nachdem dort die größte jüdische Gemeinde entstanden war. Der Rabbiner besaß
eine bedeutende Stellung in der jüdischen Gemeinde. Zum einen war er in
religiösen Fragen als ein fundierter Kenner des Talmud eine Autorität,
darüber hinaus war er auch vielfach Richter in Straf- und Privatprozessen.
Der Kantor und der Synagogendiener waren für die Funktion der jüdischen
Gemeinde und vor allem für die Abhaltung des Gottesdienstes ebenfalls von
Bedeutung.
Die Synagogenräte sind ein weiteres Produkt der Bemühungen
um Angleichung der Israeliten an die Christen. Entsprechend der Gemeindeordnung
wurde in jeder israelitischen Gemeinde ein Synagogenrat eingesetzt. Die Anzahl
der Mitglieder im Synagogenrat variierte je nach Größe der Gemeinde zwischen
3-7 Mitgliedern. In Schmieheim waren es fünf Synagogenräte. Sie wurden von der
Gemeinde auf sechs Jahre gewählt, wobei immer alle drei Jahre die Hälfte der
Mitglieder durch Wahl neu bestimmt wurden.
Der Synagogenrat wiederum wählte einen Vorsteher aus seiner Mitte, die neuere
Form des Judenschultheißen (Parnaß). ![]()
Seit Inkrafttreten dieser Regelung im Jahre 1833 werden Jakob
Dreyfuß
,
Getsch Bloch und David Dreyfuß
als Synagogenratsvorsteher aktenkundig. 1878 stirbt der Vorsteher Joseph Weil,
sein Nachfolger ist Samuel Dreyfuß. Als dieser im Jahre 1899 stirbt, wird der
seit 1886 im Synagogenrat vertretene Salomon Rosenstiel Vorsteher. Nach dessen
Tod 1916 bleibt die Stelle des Vorstehers für die Dauer des Krieges unbesetzt.
Samuel Weil als erfahrenster Synagogenrat (seit 1886) übernimmt die Geschäfte.
Sandel Bloch, der 1927 stirbt, ist vermutlich sein Nachfolger.
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Zuletzt wird im Jahr 1937, also schon während der
Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten, ein dreiköpfiger Synagogenrat
erwähnt. Seine Mitglieder waren Sigmund Bloch, der auch gleichzeitig Vorsteher
war, Elias Schnurmann und Isidor Bloch. ![]()
Seit wann es eine Synagoge in Schmieheim gab, läßt sich
nicht genau klären. 1803 hatte die Synagoge ein Viertel der späteren Synagoge.
Da sie also zu klein war, strebten die Israeliten einen Neubau an.
Hierzu wurde ein Gremium von acht Männern gebildet. "Was diese in Betreff
der Synagoge beschlossen, dem sollte jeder bei Vermeidung von 50 Gulden Strafe
sich fügen!" ![]()
1812 erfolgte dann der Neubau der Synagoge. Da die jüdische
Gemeinde nicht genügend Geld besaß, bat der Judenvogt Hirschel Levi Mannheimer
um unentgeltliche Abgabe von Bauholz aus dem Fronholzwald bei Schmieheim.
Dieser Bitte gab man jedoch im Gegensatz zum Synagogenbau in Kippenheim nicht
statt. Auch das Ersuchen um einen Preisnachlaß wurde nicht erhört. Zur
Finanzierung der Baukosten
versteigerte die Gemeinde die Plätze in der Synagoge. Dies führte, wie in
anderen jüdischen Gemeinden, z. B. Sulzburg, zu Streitereien. Die ärmeren
Familien hatten vermutlich bei diesem Vorgang das Nachsehen gehabt. Es kam sogar
zur Klage beim Amt, hier wurde allerdings dem Rabbiner Günzburger in seiner
Auffassung recht gegeben.
Für die Instandhaltung der Synagoge wurde offensichtlich
wenig getan, denn 1843 traf man die Synagoge bei einem Ruggericht innen und
außen in einem verwahrlosten Zustand an. Bei der darauffolgenden Renovierung
wurde auch die Zahl der Sitzplätze erhöht. Die Neueinweihung fand am 7. August
1846 in aller Stille statt. ![]()
Mit Beginn der Emanzipation bekam auch das Schulwesen der
Israeliten eine neue Bedeutung. Diente der Unterricht früher eher der
religiösen Bildung, so wurde nun im 9. Edikt von 1809 von Staats wegen der
Besuch staatlicher Schulen für jüdische Kinder zur Pflicht gemacht.
Da eine höhere Bildung einen zusätzlichen Grad an Freiheit, intellektueller
als auch juristischer Natur, bedeutete, bemühten sich die Juden darum, ihren
Kindern auch weltlichen Unterricht zuteil werden zu lassen.
In Schmieheim begann der Aufbau des israelitischen Schulwesens jedoch recht bescheiden. 1813 versprachen die Israeliten dem evangelischen Lehrer 24 Kreuzer im Vierteljahr zu geben, wenn er ihre Kinder täglich eine Stunde extra unterrichte. Die Kinder waren jedoch sehr lässig im Schulbesuch, was Pünktlichkeit und Anwesenheit betraf. Daraufhin bat der Rabbiner Dekan Engler in Kippenheim um Unterstützung in seinem Bestreben den Schulbesuch zu heben.
Im Jahre 1819 ließ Dekan Engler die Eltern der jüdischen
Kinder zusammenkommen, fand aber kein Gehör bei ihnen. Daraufhin bat er das
Bezirksamt um Hilfe. Von dort erging nun ein strenger Befehl zum pünktlichen
Schulbesuch.
Erst im Jahre 1828 bestellten die Israeliten einen eigenen Lehrer, Moses Richter
aus Buchen. Ihm folgte Gideon Moos aus Thiengen. Nach dessen Ausscheiden
übernahm Issak Löw Ballin das Lehreramt.
Im Jahre 1855 beläuft sich die Zahl der Kinder auf 120, sie
werden vom Lehrer Gombrich aus Ettenheim unterrichtet.
Sehr bald waren die Raumverhältnisse nicht mehr ausreichend für die ständig
steigende Schülerzahl, und so planten die Israeliten um 1850 den Bau eines
eigenen Schulhauses.
Aber bereits im Jahre 1851 wurde deutlich, daß der Bau des israelitischen
Schulhauses nicht so bald abgeschlossen sein würde. Dem Bürger Jakob Stuck,
dessen Scheune zugunsten des israelitischen Schulhauses abgerissen werden
sollte, hatte die Gemeinde eine zeitlich nicht festgelegte
"Gnadenfrist" eingeräumt. Da in der Zwischenzeit der Staat und das
Schulamt das Schulhalten in den "ungesunden Räumen" der alten Schule
untersagte, zogen die israelitischen Schüler 1855 ins Schloß um. ![]()
Der Bau des Schulhauses wurde vom Bezirksrabbiner Roos wieder
in Bewegung gebracht. 1867 wurde die Schule fertiggestellt. Die politische
Gemeinde beteiligte sich, trotz Bitten der Israeliten, nicht an den Kosten. Noch
am 8. März 1870 wurde darüber vor dem Kreistag in Freiburg verhandelt, jedoch
ohne Erfolg.
Bei der Bildung der Simultanschule, bei der die evangelische mit der
israelitischen Schule vereinigt wurde, wird auf die nicht gewährte finanzielle
Unterstützung Rücksicht genommen. Die Gemeinde bezahlte den Israeliten für
die Einquartierung von vier Klassen eine monatliche Miete.
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Zum Einweihungsfest der neuen Schule erschien im Ortenauer Tagblatt vom 21.12.1867 folgender Artikel:
"Am vergangenen Samstag, den 14. d. M. feierte die
israelitische Gemeinde zu Schmieheim ein, für wohl jung und alt, sehr
erfreuliches Fest, nämlich die Einweihung des israelitischen Schulhaus
daselbst. Nicht nur die Einwohner von Schmieheim, sondern auch die aus den
nächstgelegenen Ortschaften nahmen theil an dieser feierlichen Handlung.
Namentlich erhielt diese Einweihung die eigentliche Würde durch die gediegene,
Herz und Gemüth ergreifende Rede des Herrn Rabbiners, in welcher er in beredten
Worten den Zweck und die hohe Bedeutung des Gebäudes darlegte! Darf es immerhin
ein Schmuck und eine Zierde für eine Gemeinde sein, im Besitze eines eigenen,
den derzeitigen Verhältnissen entsprechenden Schulgebäudes zu sein, so muß
hierin dem Vorsteher der israelitischen Gemeinde und insbesondere dem Herrn
Bezirksrabbiner die unermüdliche Umsicht und Thätigkeit nachgerühmt werden,
mit welcher sie dem Zustandekommen dieses mit Schwierigkeiten aller Art
verbundenen Baues mit eigener Aufopferung die Hand reichten. Bedauern erregte es
unter den Vorstehern, daß der Herr Kreisschulrath, welcher hierzu eingeladen
wurde, wegen dringender Geschäfte diesem Fest nicht beiwohnen konnte, jedoch
gab er in einem Schreiben seine Theilnahme an dieser feierlichen Handlung kund.
Möge dieses Gebäude seine Bedeutung und seinen Zweck niemals verlieren und zu
einer reichlichen Glanzstätte des Lichts und der Wahrheit werden." ![]()
Die "hohe Bedeutung" des israelitischen
Schulgebäudes sollte nicht lange vorhalten. Zwar wurde bei Errichtung der
Simultanschule der israelitische Lehrer zum zweiten Hauptlehrer gemacht, jedoch
führte das drastische Absinken der Schülerzahl von 120 im Jahre 1855 auf 36 im
Jahre 1900 zur Rückstufung der Hauptlehrerstelle in eine Unterlehrerstelle.
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Die absurde Situation der Juden, wahlberechtigte Staatsbürger
und zugleich unmündige Schutzbürger des Hofes, blieb lange unverändert; das
ganze Hoffen der Judenschaft richtete sich auf die Entwicklung des politischen
Liberalismus in Baden. Als 1848 die Revolution ausbrach, herrschte in Schmieheim
Unruhe; zunächst betrafen die Auseinandersetzungen kirchliche Belange, dann
jedoch
,
im Mai 1849, als die badische Republik mit Revolutionstruppen gegen die
preußische Reaktion verteidigt werden sollte, stellte auch Schmieheim ein
Aufgebot an Soldaten. Ob die Israeliten daran beteiligt waren ist ungewiß. Sie
verfolgten die Vorgänge wohl aufmerksam, hatte ihnen die erste revolutionäre
Welle doch das Versprechen auf völlige Gleichstellung gegeben. Zum
Bürgeraufgebot werden sie jedoch aufgrund ihrer schutzbürgerlichen
Unterprivilegierung keinen direkten Bezug gehabt haben. Immerhin bemühte sich
Simon Bernheimer, einer der ihren, um die Ausstattung der Truppe. Er fährt für
sie nach Karlsruhe und Straßburg mit dem Auftrag, blaue Uniformblusen zu
besorgen. ![]()
Ein zweiter Israelit wurde Jahre später aktenkundig: Nathanal
Bloch, ein "getaufter" Israelit. Er hatte in Rastatt auf
aufständischer Seite als Kanonier gekämpft und war dann für Jahre in
badischen Gefängnissen verschwunden. Wahrscheinlich stammte er nicht von
Schmieheim, da er sich 1862 gegen den Willen der Israeliten und der Gemeinde
dort niederließ und dann von den Schmieheimern nach Amerika geschickt wurde.
Das direkte Engagement der Juden war also eher gering, und dennoch zog man sie
nach der Niederlage über Gebühr zur Verantwortung. Durch die Ereignisse
während des Auf Standes waren der Gemeindekasse hohe Verbindlichkeiten
entstanden. Noch 1851 fehlten 580 Gulden.
Wer sollte für sie aufkommen?
Die christlichen Dorfbürger erklärten sich bereit, auf den Bürgernutzen in Form von Gemeindeholz zu verzichten. Dadurch erhielt das Dorf 277,50 Gulden; für den Rest sollten die Juden, "die alle Bestrebungen im Mai 1849 geteilt hatten" (Neu), aufkommen. Doch den Juden stand kein Quasi-Kredit in Form des Bürgernutzens zu; sie waren keine Dorfbürger. Für sie bedeutete die Begleichung dieser Summe eine Barzahlung, die sie kaum leisten konnten. Sie wiesen die Forderung zurück. Erst im darauffolgenden Jahr einigte man sich auf die Zahlung von 130 Gulden.
Die Entwicklungen der Jahre 1848/49 zeigen am Beispiel
Schmieheims das Dilemma der badischen Juden. Doch die Forderung nach
Gleichberechtigung kam nicht mehr vom Tisch. 1862 schließlich war es soweit:
Auf Initiative des Liberalen Lamay wurde ein Gesetzentwurf eingebracht, der
jeglicher Ungleichbehandlung in den Gemeinden ein Ende machen sollte.
Kaum war die Vorlage publik, setzte ein gewaltiger Proteststurm aus allen
Landesteilen ein. Ein lithographierter Petitionsentwurf wurde von Unbekannten an
alle Ortsvorsteher versandt, 194 Petitionen mit beinahe 18000 Unterschriften
gegen das Gesetz trafen in Karlsruhe ein. Die Absender waren fast
ausschließlich Dorfgemeinden.
Wie verhielten sich die Schmieheimer? Auch von ihnen lag in
Karlsruhe eine Protestpetition vor, auch sie holten die alten Ladenhüter noch
einmal hervor, um sich gegen das Unaufhaltsame zu wehren.
Ladenhüter? Rosenthal
hat diesen Ausdruck 1927 im Rückblick verwendet, aber die mit ihm
angesprochenen psycho-sozialen Bewertungskriterien gegenüber Juden blieben im
Unterbewußtsein der christlichen Bevölkerung wohl noch lange vorhanden. Der
ökonomisch bedingte Antisemitismus, dessen Basis Neid war, und die religiös
bedingte Voreingenommenheit mit ihrer Grundlage Mißtrauen konnten noch
1933 ausgenutzt werden.
Zunächst schildert die Petition die beengten Verhältnisse,
die Schmieheim schon immer prägten: wenige Häuser, wenig Wald auf einer
kleinen Gemarkung, wenig Ackerfläche. Die Häusernot saß den Dorfbe-
wohnern noch immer in den Knochen. 191 Häuser für 1220 Schmieheimer, aber:
"die schöneren und besseren ... Häuser inmitten des Orts sind in die
Hände der Juden gekommen". Doch allzu plump wollten die Bittsteller ihre
Argumentation nicht einleiten und fügten hinzu: "Dessenungeachtet sind es
doch die jüdischen Einwohner, deren zahlreiche Familien in kleinen Hausräumen
wohnen und es bloß der reinen Gebirgsluft zu verdanken haben, daß sie in
physischer Hinsicht nicht zu Grunde gehen." Die Armut mancher Juden war
allen offensichtlich. Vor einer Einbeziehung gerade der armen Juden in die
politische Gemeinde hatten die christlichen Vollbürger große Angst. Karlsruhe
mußte daher nahegelegt werden, daß mit dem freien Aussiedlungsrecht die "vermöglicheren,
emanzipierten Juden" das Dorf verlassen würden, und daß ihre armen
Glaubensgenossen, die sie bisher unterstützt hatten, "was man ihnen zum
Lobe bekennen muß", den Christen zur Last fallen würden. An dieser Stelle
öffnet sich ihre Argumentation. Auf drei Seiten beleuchten sie in
einseitig-negativer Auslegung den christlich-jüdischen Alltag. So sei es
besonders schwer, arme Juden zu unterstützen, da "deren Satzungen viele
und kostspielige Bedürfnisse erheischen". Fast als Vorwurf erwähnen sie,
daß die oft wochenlangen israelitischen Feierzeiten, an welchen "arm wie
reich feierlich und in Freuden leben" wollen, die Kräfte der christlichen
Armenunterstützung "bis zum letzten Heller" aufbrauchen würden.
Aber es bangt ihnen nicht nur vor der neuen Verantwortung, die sie aufgrund der realen Entwicklung nach 1862 reibungslos, übrigens mit großer Unterstützung der Israeliten, übernehmen konnten. Sie befürchteten auch einen Machtverlust. "...denn wir hören bereits jetzt schon Juden öffentlich aussprechen, daß sie, wenn sie Gemeindeämter bekleiden, uns sagen werden, was wir zu tun haben, so wie jetzt dürfe es in keinem Fall mehr zugehen in der Gemeinde." Dieser Behauptung folgen die ungehaltensten und dumpfesten Vorwürfe der Petition: "Unter solchen Drohungen dürfte es uns, die wir die Gewalttätigkeit und List der Juden kennen, bange werden. Unter solchen Mißverhältnissen würde mancher Ortsbürger, wenn er sich von seinem wenigen Grundeigentum zu trennen vermag, lieber sich aus seiner Heimat entfernen, als unter dem Druck und der Gewalt der Juden zu leben." Nach diesen Pauschalbeschuldigungen werden die Verfasser subtiler. Sie rücken nun den Ruf der Juden von ihrer wirtschaftlichen Betätigung her ins schlechte Licht.
Das Gewerbe des Handelns war den Juden seit dem Mittelalter als Zufluchtsstätte vor diversen Berufsverboten geblieben. Aus der Not machten sie eine Tugend, und dem Antisemitismus und seinem Erfindungsreichtum ist es zu verdanken, daß die Opfer neue Berufszweige entwickelten. Da der Produktionssektor Landwirtschaft und Handwerk verschlossen blieb, konnten die Israeliten nur als Verwerter und Zuführer der fertigproduzierten Güter aktiv werden oder als Verleiher der Verrechnungseinheit - Geld - in Erscheinung treten. Diese Arbeit krönte zwar die Mühen des Rohproduzenten. Aus der Perspektive des Bauern jedoch war sie keine anerkannte Arbeit. "Und dafür (für den Handel) läßt sich dieser für viele oder wenige Worte oft mit großen Summen bezahlen." Der Bauer sah den Händler nur beim Geschäftsbesuch; das Erleben des Handelns war für ihn etwas Besonderes, im Grunde genommen Unterbrechung der "eigentlichen" Arbeit; "viele oder wenige Worte", d. h. Vermittlung und geistige Leistung, Wissen über billige Angebote in anderen Dörfern stellten für ihn keine wirtschaftlich meßbaren Werte dar.
Radikaler und gegensätzlicher konnten sich zwei
Wirtschaftszeige damals nicht begegnen: Im Bauern, der sein Feld beackerte, und
im Viehhändler, der umherreiste, begegneten sich Statik und Bewegung; die
Bewegung drückte sich in Raum und Zeit aus. Der Viehhändler reiste, sah viele
Orte; die Zeit des Geschäfts war mäßig kurz, stand natürlich in keinem
Vergleich zur Wachstumszeit des Produktes. So kamen die Bauern von Schmieheim
zum Schluß: Der Jude, welcher sich "vor dem Verkauf für jedes verkaufte
Quantum Wein eine Summe ausbedingt, verdient oft in einem Handelsgeschäft so
viel als der Produzent durch Mühe und Arbeit innerhalb Jahresfrist". ![]()
Diese subtilen, völlig übertriebenen Darstellungen sollten in Karlsruhe das Bild des armen, anständigen und fleißigen Bauern erwecken, den man nicht mit dem Israeliten in ein Boot setzen soll. Dem eigenen Fleiß setzten sie den (vermeintlichen) Unwillen der Israeliten entgegen, den "Noth- und Schacherhandel" gegen ein Handwerk oder die Landwirtschaft einzutauschen.
Gab es Alternativen? Waren die Bauern an ihnen überhaupt interessiert? Wohl kaum, denn sogleich brachten sie die mißliche Lage ihres Dorfes wieder ins Spiel, wenn sie darauf hinwiesen, es gebe ohnehin keine freien Felder mehr. Auf fünf Seiten hatte man den Juden die Ausübung ihrer Gewerbe vorgeworfen, um jetzt zu dem Ergebnis zu kommen, daß Veränderungen zum Scheitern verurteilt wären. Das läßt den Verzicht auf jeglichen Kompromiß erahnen, der jetzt geäußert wird: "Sie können friedlich bei uns und wir bei ihnen wohnen, wenn sie keine Handelsgemeinschaft mit uns haben; wenn sie für sich fortan eine Judengemeinde und wir für uns eine Christengemeinde bei abgesondertem Gemeindevermögen bilden."
Das bedeutet: völlige Trennung statt Integration. Was hätten sich die Christen wohl erlaubt, wenn das Verhältnis nicht paritätisch gewesen wäre? So schützte die Israeliten ihre große Zahl vor Schlimmerem. Die eigentliche Petition forderte im Anschluß daran die Aufrechterhaltung des Status quo; es sollte jederzeit vom Ermessen der Gemeinde abhängen, ob ein Israeli! Vollbürger werden könne. Die Petition ist so allgemein gehalten, daß sie sicherlich nicht in Schmieheim formuliert wurde, sondern zum Text der Lithographie gehörte, die landesweit verteilt worden war. Sicherlich darf man die Stellungnahme zur Petition nicht überbewerten. Die eindeutig negative Sicht des Händlerberufes vergißt, daß den Bauern durch den funktionalisierten Handel viel Aufwand und große Verluste erspart blieben.

In den nun verbleibenden Jahren zwischen 1862 und 1933 schlossen sich viele Gräben, manches Vorurteil jedoch blieb unverarbeitet und harrte der polemischen Agitation.
Die Petitionen vermochten das Gesetzeswerk nicht mehr zu
verhindern. Die Städte und Gemeinden verliehen nun an alle Israeliten das
Ortsbürgerrecht. Man könnte sagen: Schmieheimer mosaischen Glaubens und
Christen protestantischer oder katholischer Konfession übten nun das
Zusammenleben ein. Der Argwohn der Petenten war ins Leere gelaufen.
Gegenseitiges Kennen und Respektieren hängt von den Sichtweisen, Erlebnissen
und Bildern ab, die sich bei diesen unterschiedlichen Gruppen einprägten. ![]()
Die Christen erlebten die Israeliten als Nachbarn (im Dorf),
als Händler (von auswärts oder aus dem Dorf) und als Andersgläubige. Diese
Andersgläubigkeit manifestierte sich offen im Dorfleben. Die religiösen
Bräuche der Juden erweckten bei den Christen nur so lange Mißtrauen, bis
Einblicke Aufklärung schufen. Noch lange kursierten im Volksmund Legenden über
den "Ewigen Juden"
oder Sprüche, die den Gottesglauben der Israeliten verhöhnten oder ihre
Gesetzestreue ironisierten. ![]()
"Der Itzig kam geritte
uff einem Ziegenbock,
da meinten alle Jüdde
er war der liebe Gott."
"Heile, heile, hep, hep, hep,
un der Jude ißt kei Speck!"
Das typische Vorurteil, gewonnen aus der Beobachtung einer religiösen und historischen Gemeinsamkeit verschiedener Menschen ("der Jude ißt. ..." / "...da meinten alle Jüdde..."), brach erst im persönlichen Kontakt auf. Ganz verschwunden ist es nie.
Am Schabbat waren die einzelnen Israeliten einer Veränderung unterworfen, die äußerlich sichtbar war und die sein Bild bei den Christen differenzierter erscheinen ließen. Unser jüdischer Zeitzeuge Siegfried Schnurmann berichtet von einem Aufenthalt in Schmieheim während seiner Kindheit (1916/17):
"Ich bin da gestanden am Löwen, da kamen die
Postkutschen .. .mit enem Pferdegespann, un da sind dann die Juden ausgestiegen,
die jüdischen Männer, verschmutzt und abgehärmt, und alle kamen vom
Randgebiet. Und manche sind zu Fuß gegangen. Und wie's dann zwei Stunden
später war, bin ich zur Synagoge gegangen, die Synagoge war hell erleuchtet,
und aus allen Häusern kamen die Juden, und alle im schwarzen Anzug mit
Zylinder: Sie sind andere Menschen geworden. Man hat ihnen angemerkt: Jetzt sind
sie frei. Auch frei von sozialer Notlage, frei von Unterdrückung, sie fühlten:
"Des isch ihr Schabbat." Da hat man ihr "ich" gefühlt. Dann
kann man auch ermessen (so heißt es ja in dem Segensspruch): "Du sollst
nicht vergessen, daß Du Sklave in Ägypten warst, aber heute bist Du
frei."" ![]()
Die Eindrücke, die Siegfried Schnurmann während seiner kurzen Aufenthalte in Schmieheim aufnahm, prägten sein ganzes religiöses Bild vom Judentum. Wie sah die Außenwelt die Feier des Schabbat? Siegfried Schnurmann:
"Und dann hab ich gemerkt: Wie reagiert die Umwelt? Auch für die Umwelt hatte der Schabbat Bedeutung. Es herrschte also zwischen Juden und Christen eine derartige Symbiose, die war unvorstellbar, "daß auch Nichtjuden vom Schabbat so fasziniert waren ... es hat sich keiner getraut, am Schabbat mit seinem Mistwagen durchs Dorf zu fahren".
Der Schabbat war im Dorf unübersehbar. Die den Christen nicht (mehr) bekannte Kultur des Feierns und Ruhens verteilte sich nach dem Ende des Gottesdienstes auf das Dorf.
"Da war ... die jüdische Wirtschaft, außen vor den Tischen alles ein Leben, ein Gedränge, und dann vornedran haben die ... Pferdehändler gewohnt, da waren auch zwanzig Leute rumgesessen. Und die Leute waren damit wirklich zum ersten Mal daheim gewesen."
Prägend war der Schabbat für Siegfried Schnurmann, ein
Offenburger Stadtkind, deshalb, weil in der Stadt die Gemeinsamkeit der
Israeliten nicht mit jener Totalität zu fassen war, wie in einer Landgemeinde. ![]()
"Und wenn ich zurückgekommen bin nach Offenburg und hab das verglichen mit unserem Schabbat: Ganz, ganz, ganz anders. Es war nicht diese Würde und diese Feierlichkeit, und auch (nicht) diese kontrastische Umstellung. So wie in Offenburg, in der Stadt, der Jude in die Synagoge (ging), so war er auch am Werktag."
Der besondere Charakter einer Landgemeinde setzte sich vom Leben in der Stadt in vielerlei Hinsicht ab. Am Schabbat blieben in der Stadt die jüdischen Geschäfte geöffnet; da sie meist größer waren als auf dem Lande, arbeiteten die Besitzer mit christlichen Angestellten zusammen, die an den Feiertagen den Betrieb aufrechterhielten. Die Möglichkeit zur Assimilation war stärker gegeben, der Anteil der christlichen Bevölkerung dominierte.
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Die Familie des Synagogendieners Sandel Schnurmann. Alle Kinder sind von Schmieheim weggegangen oder ausgewandert.
Freiburg, Offenburg und Lahr hatten vor dem Gesetz zur
Gleichstellung keinen oder keinen nennenswerten Anteil jüdischer Bevölkerung.
Seit 1862 änderte sich das rasch; die Städte wirkten wie ein Magnet. Im Dorf
war für die oft vielköpfige Kinderschar einer Familie kein Auskommen mehr zu
finden. 1864 hatte die Israelitische Gemeinde Schmieheim ihre größte
Mitgliederzahl, doch die Abwanderung hatte schon
begonnen. Bis zum Jahre 1900 halbierte sich ihre Zahl.
Die Landgemeinden waren in ihrer Existenz bedroht. Es war nur eine Frage der
Zeit, bis das Bezirksrabbinat Schmieheim verlassen würde. Im Jahre 1893 vollzog
schließlich der damalige Rabbiner Rawicz die Übersiedelung nach Offenburg. Die
Abwanderung in die größeren Orte blieb jedoch nicht das einzigste Ziel der
Fortstrebenden. Schon mit Beginn der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts setzte eine
Abwanderungswelle nach Übersee ein, als die Gemeinde Schmieheim 70 arme
Einwohner (wohl Christen) unter großen Kosten nach Amerika schickte. ![]()
In den folgenden Jahren verabschiedeten sich viele weitere, Israeliten oder Christen, heimlich über Nacht oder mit amtlicher Erlaubnis von ihrer Heimat. Darunter fanden sich ein Ratschreiber, ein Gemeinderat, auch die Söhne des israelitischen Kantors und des Hauptlehrers.
In der Regel gab es zwei unterschiedliche Gruppen von Auswanderungswilligen. Die Einzelreisenden waren meist sehr jung (oft nicht älter als 15 Jahre). Unter ihnen befanden sich viele Israeliten. Bei der Statistik fallen vor allem die Familien ins Gewicht. Hier dominieren die Protestanten. Beide Gruppen, nicht nur die Juden, verfügten in der Regel über Kontakte nach Übersee.
Die Daheimgebliebenen versuchten ihre Lage zu konsolidieren.
Über die Eröffnung der Israelitischen Schule wurde bereits berichtet. Ein
jüdischer Gesangsverein
konstituierte sich im Jahre 1863. Der Verein, der I. L. Kassewitz zum
Vorsitzenden wählte, sollte der "Einübung des Chorais" und der
"Ausbildung der Stimme" dienen. Fehlte eines der 26 (männlichen)
Mitglieder, so war von ihm eine Strafe von acht Kreuzern zu bezahlen. Der
Synagogenrat hatte dem Verein einen Übungsraum über der jüdischen Wirtschaft
(Krone) eingeräumt.
Das jüdische Gasthaus gehörte zu jeder größeren
Landgemeinde. Hier konnten die reisenden Handelsleute ein koscheres Essen
einnehmen. Wann in Schmieheim erstmals eine Gastwirtschaft bestand, ist nicht
mehr festzustellen. Als erster Wirt fand sich der 1798 geborene Sandel Kassewitz
,
dessen Sohn Isaak das Gasthaus später fortführte. Letzter Wirt bis in die
Dreißiger Jahre war David Schwab, der 1942 in Auschwitz ermordert wurde.
Neben der "Krone" existierte noch die private Schenke des David
Hofmann
,
Händler von Beruf, der ab 1874 sein Haus für Gäste öffnete. Ab 1907
übernahm sein Sohn Leopold den Ausschank. Leopold Hofmann betrieb auch eine
Matzenbäckerei (Matzedeie). Er ging 1940 mit 62 Jahren nach Mannheim. Danach
verlöschen die Zeugnisse über sein weiteres Leben.
Ein jüdischer Gewährsmann, heute Paris, schrieb uns:...in
jedem Dorf gab es einen jüdischen Bäcker- Metzger- (eine) Wirtschaft, wo Juden
und Christen ihr Vierteli tranken und Karten spielten." Die hier erwähnten
jüdischen Metzger und Bäcker gab es auch in Schmieheim. Im 19. Jahrhundert
werden die Metzger Jakob Baumann und Israel Günzburger aktenkundig. Das
Bezirksamt war damals sehr unzufrieden mit den hygienischen Verhältnissen der
Schmieheimer Schlachtstätten und forderte Jakob Baumann und einen christlichen
Kollegen zum Neubau einer Schlachtstätte auf. Handelsmann Günzburger erwarb
einige Jahre später eine private Schlachtstätte.
Später hatte Leopold Wachenheimer seine Metzgerei gegenüber dem
Bernheimbrunnen. Außer Leopold Hofmann arbeiteten Wilhelm und Isidor Bloch in
der Kirchstraße als Bäcker. Isidor ging mit seiner Frau und Sohn Siegbert 1939
in die USA, nachdem er im November 1938 mit Siegbert nach Dachau verschleppt
worden war. Wilhelm ging mit seiner Frau Meta im Sommer 1938 nach Kolumbien.
Zwischen den christlichen und jüdischen Familien entwickelte
sich aufgrund der engen Wohnverhältnisse ein intensives
Nachbarschaftsverhältnis. Persönliche Freundschaften waren an der
Tagesordnung. Siegfried Schnurmann über die Begrüßung seines Vater Elias beim
Besuch im Dorf: ![]()
"Wenn ich mit meinem Vater von der Post gekommen bin ...
und wir mußten ganz reinlaufen ins Dorf: Mein Vater kam nicht von einem Haus
zum anderen. 'Du Elias. Du Elias, wie gehts Dir, komm doch rei e bissl!' Es war
so eine persönliche Kontaktnahme, es war unvorstellbar." ![]()
Sicherlich kannten viele Dorfbürger die Synagoge nicht von innen. "Neugierige Weibsleut" seien schon einmal hereingegangen, um eine jüdische Hochzeit zu erleben, erklärte ein christlicher Gewährsmann; ein jüdischer Zeitzeuge stellt fest:
"Der Großteil der christlichen Bevölkerung war auf dem Laufenden der Sitten und Gebräuche, genau wie die jüdische Bevölkerung die Riten der anderen kannte. An Weihnachten bekamen die jüdischen Kinder einen Teller Gebäck geschenkt. An Pessach bekamen die christlichen Freunde Mazzes. Sie müssen sich in die Zeit ab 1900 versetzen. In allen Gemeinden auf dem Lande herrschte ein einträchtiges Zusammenleben. Es wurde nur selten ... von auswärts ... gestört."
Mit der Zeit setzte die konsolidierte Lage der Israeliten
diesen Störungen eine feste Grenze; so 1893 als der junge Pfarrer Hagemeyer aus
Schmieheim eine konservative Wahlkampfveranstaltung in Kippenheim organisiert
hatte. Die vom Redner dieser Versammlung geäußerten Phrasen waren offen
antisemitisch. Die Israeliten Kippenheims störten deshalb so massiv, daß die
Versammelten in ein anderes Wirtshaus umzogen. Die Ettenheimer Zeitung sparte
nicht mit Hohn für den Redner und den Pfarrer, auch lobte sie das wache
Verhalten der Störer. Hagemeyer verlies Schmieheim schon im Jahre 1900 wieder.
Sein Nachfolger Heinrich Neu wirkte segensreich. Er verfaßte die
"Geschichte des Dorfes Schmieheim", in der er den Israeliten einen
gebührenden Platz einräumte. Pfarrer Neu gründete auch den Schmieheimer
Frauenverein, dessen Vorstand zeitweise zwei Israelitinnen angehörten. ![]()
Das kooperative Verhalten der Gruppen im Dorf kam auch in
politischer Hinsicht zur Geltung. Im Schmieheimer Gemeinderat saßen unter sechs
Mitgliedern zwei Israeliten, so bis 1873 Vorsteher David Dreyfuss, dem man auch
das Amt eines Bezirksrates anvertraut hatte. ![]()
Nach dem Rückgang des jüdischen Bevölkerungsanteils um 1900
arbeitete S. Bloch als einzigster Israelit in diesem Gremium. Die Israeliten
unterschieden sich zu dieser Zeit kaum von der politischen Grundstimmung in
Deutschland. In Schmieheim waren sie bei den diversen nationalen oder
dynastischen Gedenktagen überaus engagiert. 1870/71 zogen vier ihrer
Glaubensbrüder in den Krieg. Am 80. Geburtstag des Großherzogs fand in der
Synagoge ein Festgottesdienst statt, das Gotteshaus war mit dem Bild des
Herrschers geschmückt, Lehrer Hanauer hielt die Festpredigt. Nach Eintritt der
Dunkelheit wurde ein Lampionzug durchgeführt, an dem sich der Militärverein,
der christliche und der jüdische Gesangsverein beteiligten. Fabrikant Viktor
Dreyfuß verlas dabei nahe der Linde einen Prolog. Am Abend sprach Lehrer
Hanauer einen Toast auf das greise Herrscherpaar aus. ![]()
In den Jahren 1914-1918 starben auch vier israelitische
Soldaten aus Schmieheim, Nathan Grumbacher, Karl Schnurmann, Sigmund Schnurmann
und Jakob Wachenheimer, Opfer eines wahnwitzigen Krieges. ![]()
Die Jahre 1919 bis 1933 waren in Deutschland von zunehmenden
antisemitischen Agitationen durchzogen. Auch in Baden wiederholten sich
"judenfeindliche Ausschreitungen".
In Schmieheim blieb es ruhig. Die verschiedenen Gruppen lebten weiter problemlos
miteinander; 1924 gründeten sie einen gemeinsamen Musikverein, in dessen
Vorstand sich auch zwei Israeliten befanden. Er sollte die Ausgestaltung
geistlicher und weltlicher Feiertage verschönern und jungen Menschen den Zugang
zur Musik ermöglichen.
Noch 1931 wurden Sigmund Bloch und Isidor Bloch wieder in den Vorstand gewählt.
![]()
Langsam veränderte sich das Dorf; die geistigen
Veränderungen der Zeit erfaßten vornehmlich die Jugend. Ein christlicher
Gewährsmann berichtet, daß die jungen Juden seltener zur Synagoge gingen. Auch
die christliche Jugend veränderte sich. Äußerlich verbesserte sich endlich
die Infrastruktur in Schmieheim. Ende der 20er Jahre machte es die Spende eines
reichen Israeliten von New York möglich,
eine Wasserleitung zu errichten. Isaak Wolf Bernheim, 1848 in Schmieheim
geboren, ließ aus Amerika wusen daß er es als Gnade betrachte, "dem Ort,
wo seine Wiege stand, zu einer Wasserleitung verhelfen zu dürfen und dadurch
der Gemeinde eine Wohltat zu erweisen. Mit der Ehrenbürgerschaft Wolf Bernheims
endete die sjebzigjährige Epoche friedlichen Zusammenlebens zwischen Juden und
Christen. ![]()

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Zu den nebenstehenden [hier obenstehenden] Bildern
Links oben [hier ganz oben] eine Postkarte aus dem Jahre 1906 mit der jüdischen Wirtschaft zur Krone im Besitz von Frau J. L. Kassewitz und der Villa Weyl.
Links unten [hier oben]: Heutige Ansicht der ehemaligen Villa Weyl, die jetzt unter Denkmalschutz steht.


Danksagung und Todesanzeige aus der Ettenheimer Zeitung
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Grabstein des Schofarbläsers Samuel M. Weil und die Tafel der im Ersten Weltkrieg gefallenen Schmieheimer und Lahrer Juden am Denkmal auf dem jüdischen Friedhof.
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"Wenn schließlich meine Arbeit - auf nicht jüdischer Seite - mithelfen würde zur Erzeugung des guten Willens, der eine vorurteilslose Betrachtung andersartiger Denkungsweise und Weltanschauung ermöglicht, dann wäre meine Mühe keine vergebliche gewesen."
So schrieb der badische Geschichtsschreiber Berthold Rosenthal 1927 im Vorwort seines Buches "Heimatgeschichte der badischen Juden". Es wird klar, daß das Verhältnis zwischen Juden und Christen keinen Anlaß zu Optimismus geben konnte. Offensichtlich hatten die alten Mythen vom "Juden" die zwischenzeitliche Blütezeit überstanden und drohten nun wieder das Verhältnis zwischen den beiden Konfessionen nachhaltig zu stören. Die immer stärker aufkommenden antisemitischen Strömungen verstanden es, die Rudimente aus vergangener Zeit zu aktivieren und sie mit neuer Kraft gegen die Minderheit der Juden zu werfen. Da war es auf einmal wieder da, das Bild vom Betrüger, Geschäftemacher, ja sogar vom Weltrevolutionär. Die Faschisten nutzten die wirtschaftliche Not und die relative Unkenntnis der Denk- und Handlungsweise von Juden geschickt aus, um ein Feindbild aufzubauen, mit dessen Hilfe die eigenen Frustrationen auf eine Minderheit projiziert werden konnte.
Die heranwachsende Jugend wurde in diesem Sinne durch den Nationalsozialismus erzogen. Ein jüdischer Zeitzeuge weiß davon zu berichten. Er sieht in den 16- bis 17jährigen die Vorreiter des Nationalsozialismus. Seinen Schilderungen konnten wir entnehmen, wie die Eltern oft Angst haben mußten, wegen ihrer Kontakte zu jüdischen Familien von den eigenen Kindern denunziert zu werden. Ein besonders krasses Beispiel für den plötzlichen Wandel war das Verhalten der ehemaligen Freundin der Frau unseres jüdischen Gewährsmannes, die nun als BDM-Mitglied ihr ins Gesicht spuckte, weil sie Jüdin war.
Für uns erstaunlich war die Bereitschaft des jüdischen
Zeitzeugen, den Reaktionen und dem Handeln der damaligen Jugend Verständnis
entgegenzubringen. "Vielleicht hätte ich es auch gemacht..."; die
Aufmerksamkeit, die der Jugend von den Nationalsozialisten entgegengebracht
wurde und die sich im Tragen von Uniformen sowie gemeinsamen Ferienfahrten
manifestierte, beeindruckten auch ihn. Vielleicht war es der kindliche Wunsch
nach gemeinsamen Abenteuern, der eine solche Haltung möglich machte. ![]()
Der Nationalsozialismus in Deutschland zerstörte aber nicht
nur die Beziehungen zwischen Juden und Christen, er stürzte auch das
Verhältnis der Generationen zueinander in eine tiefe Krise! In einem Interview,
welches wir mit einem Schmieheimer Christen geführt hatten, kam immer wieder
das Mißverhältnis zwischen den Älteren, die noch mit den Juden zusammen
aufgewachsen und gelebt hatten und den Jüngeren, die keinerlei Beziehung mehr
zum Judentum hatten, zum Ausdruck. Die Alten verstanden die Jungen mit ihrem
Haß gegen die Juden nicht. Der Nationalsozialismus war bis tief in das
Familienleben eingedrungen und zerstörte dort die Harmonie. ![]()
Schmieheim stellte, sicherlich auch auf Grund des relativ
hohen Anteils von Israeliten an der Bevölkerung, keine besondere Hochburg
nationalsozialistischer Agitation dar. Es gab aber dennoch Vorkommnisse, die
klar machten, daß die Juden nicht länger willkommen sein würden. Der am 6.
Juli 1924 gegründete Musikverein Schmieheim, in dessen Verwaltungsrat auch
Juden vertreten waren und in den noch am 11.1.1931 die beiden Israeliten Isidor
und Sigmund Bloch gewählt wurden, faßte auf seiner Jahreshauptversammlung vom
19.3.1933, nach Wahl eines völlig neuen Verwaltungsrates, den Beschluß: "Die
Israeliten werden aus dem Verein ausgeschlossen!" [Anmerkungszeichen
fehlt, Position unsicher
]
Ansonsten schienen die Schmieheimer zu Beginn der
nationalsozialistischen Ära mit öffentlichen Aktionen eher zurückhaltender zu
sein. Lag es an den langjährigen Kontakten zur israelitischen Gemeinde, war es
Desinteresse oder traute man sich erst nicht? Laut einer jüdischen Zeitzeugin,
die heute in Kanada
lebt, gab es zu Beginn eher verdeckten, anonymen Terror. Sie berichtete von
nächtlichen Steinwürfen gegen ihre Haustüre, die eine furchterregende
Atmosphäre erzeugten und das tägliche Leben zur Ungewißheit werden ließ. ![]()
Dagegen verliefen öffentliche Aktionen in Schmieheim wie der
Boykottag, zu dem in allen Zeitungen aufgerufen worden war, recht ruhig.
Siegbert Bloch, Sohn des ortsbekannten Bäckers Isidor Bloch, teilte uns mit,
daß ihre Bäckerei nicht boykottiert wurde. "Die Bauern konnten ja nirgend
woanders einkaufen." ![]()

Auch das Gesetz zur "Wiederherstellung des
Berufbeamtentums", welches Oppositionelle, aber vor allem Juden aus dem
Staatsdienst verdrängen sollte, war wohl in Schmieheim auf Grund der dortigen
Berufsstruktur
nicht von Bedeutung. Erst mit der Nürnberger Rassengesetzgebung von 1935 und
den nachfolgenden, darauf aufbauenden Verordnungen und Gesetzen, die u. a. auch
zum Ziel hatten, die Juden aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen, begann sich
die Lage auch der Schmieheimer Juden drastisch zu verschlechtern. Als
Reichsbürger galten nur noch Arier, die Israeliten verloren das Bürgerrecht.
Mit der Aberkennung dieses Rechts ging natürlich auch ein Verlust der
politischen Rechte einher. Die Nürnberger Gesetzgebung bedeutete für die
Israeliten einen Rückfall in die Verhältnisse des 17. Jahrhunderts. Darüber
hinaus brachte dieses Gesetz auch massive Einschränkungen, das private
Zusammenleben betreffend, mit sich. Unter dem furchtbaren Begriff der
"Rassenschande" wurden Ehen sowie außereheliche Beziehungen zwischen
Juden und Christen verboten. In Schmieheim gab es allerdings keine Ehen zwischen
Juden und Christen.
![]()
Dem Juden, als erklärten und zum heimlichen "Weltherrscher" hochstilisierten Feind, sollte die "Grundlage seines Wirkens" entzogen werden. Daher war die Verdrängung aus dem Wirtschaftsleben für die Nationalsozialisten ein wichtiger Schritt. Lediglich über den Zeitpunkt herrschte Uneinigkeit. Offensichtlich ging man auf dem Land etwas forscher zur Sache, als das vom Reich erwünscht wurde. In einem Runderlaß vom 21.4.1936 des Reichs und Preussischen Ministers des Inneren heißt es, daß die Nürnberger Gesetzgebung die Judenfrage "nur in Staats- und eherechtlicher Hinsicht" geordnet habe, das Wirtschaftsrecht der Juden bleibe davon unberührt. Weiter heißt es: "...es kann nicht Aufgabe einzelner Stellen im Lande sein, der obersten Staatsführung die Lösung dieses Teils der Judenfrage vorweg zu nehmen."
Wenige Monate später jedoch, am 18. Oktober 1936, wird auf Grund der Verordnung zur Durchführung des Vierjahresplanes die endgültige Ausgrenzung der Israeliten aus der deutschen Wirtschaft eingeleitet. Nach Paragraph l ist den Juden vom 1. Januar 1939 an der Betrieb von Einzelhandelsverkaufsstellen, Versandgeschäften oder Bestellkontoren sowie der selbständige Betrieb eines Handwerks untersagt.
Weiter wird den Juden verboten auf Märkten, Messen oder
Ausstellungen Waren oder gewerbliche Leistungen anzubieten. Mit polizeilicher
Schließung wird den jüdischen Betrieben gedroht, die dieser Verordnung
zuwiderhandeln. Die jüdischen Gewerbebetriebe sollen in einer
Arisierungsmaßnahme in nichtjüdischen Besitz übergehen. ![]()
Für die Situation der Juden zu dieser Zeit steht die Aussage
einer ehemaligen Schmieheimerin: "Es wurde immer schwieriger, eine Arbeit
zu finden. Das Kaufhaus Hauser in Lahr, in dem ich arbeitete, mußte schließen,
es war jüdisch. Ich erhielt Arbeit bei jüdischen Familien als Kinderfräulein,
Verkäuferin oder Haushälterin. Sie alle mußten aufgeben, und schließlich
ging ich zu meiner Mutter." ![]()
Man hatte also ernst gemacht und begann nun mit der Zerstörung der jüdischen Gewerbebetriebe. In Schmieheim gab es laut einer Statistik, die zur Erfassung jüdischer Gewerbebetriebe am 16. Juni 1938 erstellt wurde, folgende Geschäfte und Fabriken:
1. Bloch, Isidor - Bäckerei
2. Baumann, Karl - Manufakturwarenhandlung
3. Dreyfuß, Jakob - Zigarrenhandlung
4. Hofmann, Leopold - Drahtgeflecht- und Siebfabrik
5. Hofmann, Leopold - Bäckerei
6. Offenheimer, Gustav - Manufakturwarenhandlung
7. Schnurmann, Adolf - Colonialwarenhandlung
8. Schnurmann, Elias - Manufakturwarenhandlung
9. Schwab, David - Wirtschaft zur Krone

Die Juden wehrten sich zum Teil gegen die Eintragung in
derartige Verzeichnisse durch Antrag beim Amt auf Wiederherausnahme aus diesen
Listen. Sie befürchteten zu Recht, daß durch die Registrierung ihres Betriebes
ein baldiger Zwangsverkauf (Arisierung) drohen würde. In solchen Anträgen
wurde oftmals die eigene Bedeutung im Betrieb als gering ausgegeben und die
mehrheitliche Beteiligung, sofern vorhanden, von Staatsbürgern im Sinne des
Reichsbürgergesetzes von 1935 in den Vordergrund gestellt. Doch hatten die
Israeliten damit keinen Erfolg; so auch Oskar Weil, Besitzer eines großen
Metallwerks in Lahr. Seine Ausführungen wurden mit dem Vermerk "...dieses
Gesuch enthält nach echt jüdischer Art Angaben, die im Vergleich mit den
Feststellungen der Kriminalpolizei nicht stimmen", zurückgewiesen.
![]()
Wenig später wird in einem zweiten Verzeichnis vom 18./19.
November 1938, also zehn Tage nach der sogenannten
"Reichskristallnacht", die Bäckerei von Isidor Bloch nicht mehr
aufgeführt. Er wanderte am 1. März 1939 nach New York aus. Alle anderen
Betriebe sind zu diesem Zeitpunkt auch schon aufgegeben oder wie die
Manufakturwarenhandlung von Elias Schnurmann, im sogenannten Arisierungsprozeß
der deutschen Wirtschaft, an einen "Arier" verkauft. ![]()
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In der obersten Reihe von links drittes Kind, Namen unbekannt;
von rechts ein Sohn der Familie Levy.
Zweitoberste Reihe Vierter von rechts ebenfalls ein Kind von Familie Levy,
Vierter von links ist Manfred Hofmann.
In Schmieheim gab es bis Anfang 1938 einen durch die
evangelische Kirchengemeinde getragenen Kindergarten. Auch jüdische Kinder
waren dort untergebracht. Zuletzt Helmut und Lothar Levy sowie Manfred Hofmann
im Jahre 1937. Bei einem weiteren Kind aus jüdischem Elternhaus fehlt der Name.
Eine christliche Zeitzeugin erinnert sich noch, daß sie im Alter von vier
Jahren mit "de Judekinder" gespielt habe. ![]()
Aber auch dieser kindlich-friedliche Bereich des Alltagslebens sollte nicht unberührt bleiben. Am 11. Dezember 1937 erhielt der Kindergarten einen Parteibesuch von Damen der damaligen NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt), die die Räumlichkeiten besichtigten. Man suchte und fand einen Grund, den evangelischen Kindergarten in die Obhut der NSV überzuführen. Man verteufelte die gesamte Einrichtung und bemängelte das Fehlen von Waschanlagen und Toiletten.
Die Parteimitglieder schlugen vor, das ganze Erdgeschoß
wieder der Verwendung als Kindergarten zuzusprechen. Die fehlenden Waschanlagen
und Toiletten sollten eingerichtet werden.
Mit solchen "Sanitärdiskussionen" wurde also dieses Projekt aus den
Händen der Kirche in die der nationalsozialistischen Obhut gebracht. Die
Gleichschaltung funktionierte in allen Bereichen!
"Den Levi hat ma a mol g'holt, des weiß ich noch, des
hab ich selber g'sehe, den hat ma glaub ich im Rathaus verhört." So die
Erzählung eines alten Christen aus Schmieheim. Der christliche Gewährsmann
wurde auch Zeuge einer Verhaftung eines Juden. "Des hab ich einmal
miterlebt und zwar beim Jude-bäck,...die ham ihm eine an die Backe g'haue, ich
bin danebe g'stande, se sind halt grob mit ihm umgegangen, so geht man mit 'nem
Mensche nit um!"
Die Atmosphäre im Dorf war seit 1933 schon sehr gespannt gewesen. Die
Bevölkerung hatte Angst, keiner konnte mehr dem anderen trauen. Der
nationalsozialistische Machtapparat hatte seine Fühler bis in die entlegensten
Stellen, so auch in das kleine Dorf Schmieheim, ausgestreckt. Nach dem
Ausscheiden des Bürgermeisters Häberle im Jahre 1935 wurde Hug Nachfolger.
Unser Zeitzeuge konnte einmal am eigenem Leib die Machenschaften von
Parteimitgliedern erfahren. Sie waren zusammen im Staatswald gewesen und hatten
dort gearbeitet. Als er am Abend bei der Auszahlung des Lohns übervorteilt
wurde, beschwerte er sich mit den Worten "Ihr seid ja schlimmer als die
Juden, wenn ma schon z'samme schafft, dann teilt ma auch mitänander. Wäre die
alte Frau Stöckle nit g'si, hätte se mich wohl g'holt." ![]()
Mit der Zerstörung der Synagogen, der Demolierung jüdischer
Einrichtungen und der Mißhandlung von Juden in der sogenannten
"Reichskristallnacht", erreichte der Naziterror einen vorläufigen
Höhepunkt! In dieser Nacht wurden die jüdischen Männer, junge wie alte,
verhaftet und nach Dachau deportiert. "Das war für jeden schlimm",
weiß Siegbert Bloch zu berichten.
Er selbst war mehrere Wochen in Dachau gewesen. Das Erlebte schildert er so: Bei
ihrer Ankunft mußten sich die Häftlinge ihre Nummern selbst annähen. Für
Siegbert Bloch war das kein Problem, war er doch gelernter Schneider. Er half
auch den anderen Gefangenen beim Annähen ihrer Nummern. Folgender Dialog
zwischen ihm und einem SS-Aufseher zeigt die durch Vorurteile belastete
Sichtweise der Nazis.
SS-Aufseher: Wie kannst Du so gut nähen?
Siegbert Bloch: Ich bin ein Schneider.
SS-Aufseher: Das ist eine Lüge! Alle Juden sind Doktoren, Bankiers...
Siegbert Bloch: Ich hab Schneider gelernt.
Diese aufrechte und beherrschte Antwort war für den SS-Mann der gesuchte Vorwand, um den Gefangenen weiter zu belästigen. SS-Aufseher: "Du nennst mich einen Lügner?!" Daraufhin schlug der SS-Mann dem wehrlosen Siegbert Bloch mitten ins Gesicht.
Beim morgendlichen Appell, bei dem alle Gefangenen im Freien
antreten mußten, hatte absolute Stille zu herrschen, sonst kam der Kommandant
nicht aus seiner Baracke, um den Appell abzunehmen. Da aber auch viele alte und
kranke Männer unter den Gefangenen waren, die oft Erkältungen hatten und
deshalb husten und niesen mußten, konnte es sehr lange dauern, bis Stille
eintrat. Solange mußten sie in der Kälte stehen bleiben. Und so wie eben
geschildert, kam es immer wieder zu Schikanierungen und Mißhandlungen. Siegbert
Bloch wurde geschlagen, wenn er beim Tragen der Suppe von der Küche zur Baracke
etwas verschüttete. ![]()
Und während die Männer in Dachau litten, spielten die Kinder
in Schmieheim mit den "Glaslüstern" der Kristallnacht, die als Reste
der Zerstörung der Synagoge im Hof lagen. ![]()
Nach siebenwöchiger Internierung wird Siegbert Bloch aus Dachau entlassen. Wie tief der Schrecken und die Furcht über das Erlebte in den Gefangenen gesessen haben muß, läßt sich ersehen, wenn man seinen Entlassungsbericht erzählt bekommt: "Zur Entlassung erhielt ich eine Kappe vom Kommandanten mit dem Befehl, sie nicht vom Kopf zu nehmen. (Siegbert Bloch sollte nicht als KZ-Häftling erkannt werden!) Das kann man sich gar nicht vorstellen, wie verängstlicht man war." Er nahm die Kappe erst wieder in Holland vom Kopf, einer Zwischenstation seiner Emigration in die Vereinigten Staaten.
Viele der Inhaftierten kamen nicht mehr so weit. Sie wurden
während ihrer Internierung in Dachau derart mißhandelt und schlecht versorgt,
daß sie entweder schon dort, auf der Heimreise oder etwas später zu Hause an
den Folgen starben. So auch Siegfried Schnurmann. Er wurde ebenfalls in
Schmieheim verhaftet und "halb tot nach Hause gebracht", wo er wenige
Zeit später starb. ![]()
Die Ereignisse des Jahres 1938 führten zu einer verstärkten
Abwanderung der Juden. Bis zu diesem Zeitpunkt waren in Schmieheim erst relativ
wenige Israeliten emigriert. Für viele hatte immer noch die Hoffnung bestanden,
es handle sich nur um eine kurzfristige Erscheinung. Doch mit den Ereignissen
der sogenannten "Reichskristallnacht" und den düsteren Aussichten
für das Jahr 1939, jüdischer Gewerbehandel sollte dann verboten sein, gab es
dazu keinen Anlaß mehr. Im Jahre 1938 und 1939 verließen 52 Israeliten
Schmieheim.
Ihr Hauptziel waren die Vereinigten Staaten, doch war auch die amerikanische
Aufnahmebereitschaft begrenzt. "Wer wollte uns?" ![]()
Das Emigrationsschicksal der Schmieheimerin Meta Bloch bringt auf eine eindrucksvolle Art und Weise zum Ausdruck, mit welchen Problemen und Nöten so manche Auswanderung verbunden war:
"Es wurde immer schlimmer. Nachdem ich ausgetreten bin von der Schule, war alles schwer, vor allem Arbeit zu finden. Zuerst war ich in Mannheim, dort hat es mir nicht gefallen, ich ging dann nach Neustadt (Weinstraße). Dort arbeitete ich in einem Handarbeitsgeschäft. Das war von 1933 bis 1937. Diese Zeit war sehr schlimm, es wurde verboten bei jüdischen Geschäften zu kaufen; jeder hatte Angst vor SS. So ging ich zurück nach Schmieheim. Die meisten Leute waren ausgewandert. Mein Mann und sein Bruder hatten eine Bäckerei, es wurde immer weniger. So sind viele ausgewandert, was übrig war, waren alte Leute.
Es gab jüdische Organisationen, die alle möglichen Wege suchten zur Emigration. Die meisten Leute konnten nichts verdienen, es war verboten, bei Juden zu kaufen und Geschäfte zu machen, so mußte man leben zum Teil von Unterstützungen (natürlich jüdische) und von Ersparnissen. Ich wohnte bei den Eltern.
Der President Columbiens "Eduarde Santos" gab Permissio, um eine bestimmte Zahl Juden aufzunehmen. Durch jüdische Organisationen erfuhren wir davon, und so rollte die Kugel. Wir haben uns gemeldet mit einer Familie Hoffmann-Levy, die hatten drei Kinder. Wir heirateten, fuhren alle zusammen nach Frankfurt auf das Konsulat, man gab uns Permissio zur Ausreise. Wir hatten Gelegenheit uns in Le Havre (Frankreich) einzuschiffen. Es war der 25.8.1938 il Vapore Ho. "Cuba", es war ein Frachtschiff. Mitten im September kamen wir an. Es waren Emigranten hier schon früher ausgewandert, die haben viel geholfen (auch wieder jüdische Organisation). Die Leute, die mit uns kamen, waren Norddeutsche und Österreicher, aber alles von einer Familia, zuerst wohnten wir in einem Hotel, das war nur einige Tage. Unsere Freunde Hoffmann-Levy blieben nicht hier, es war sehr heiß, sie gingen nach Cali und dort sind sie gestorben. Sie hatten vier Kinder, es soll ihnen gut gehen.
Wir mieteten ein Zimmer, mein verstorbener Mann fing an zu
backen, Pfannkuchen und Kleingebäck. Die Leute waren sehr bereitwillig,
natürlich hatten wir Ersparnisse, was wir verdienten war wenig. Die
Hauptsache war, die Leute kennenzulernen und auch die Sprache. Hier ist ein
Tropenleben und alles war ganz anders. Wir haben unsere Freunde getroffen und
eine kleine Gemeinde gebildet. Aus Kleingebäck haben wir Brot gebacken, eine
kleine Bäckerei gemietet und schwer gearbeitet und viel geschwitzt.
Meine Schwester kam nach Schmieheim, lebte noch einige Zeit
mit den Eltern zusammen, sie ging dann nach England. Die Eltern blieben alleine
und mußten viel Leiden. Mein Vater starb und meine Mutter ging nach Nürnberg.
Dort wurde sie festgenommen. Nachdem hatten wir nichts mehr gehört. Nach des
Krieges habe ich Nachforschungen gemacht. Nachdem ich ungefähr 10 Jahre nichts
von meiner Schwester wußte, erfuhr ich durch die Nachforschungsstelle die
Adresse meiner Schwester."
- Meta Bloch lebt heute in Barranquilla / Columbien.
Welche Emotionen und Gefühle die vertriebenen Israeliten in
bezug zu ihrer alten Heimat auch viele Jahre später hatten, beschreibt eine
christliche Zeitzeugin. Sie berichtet davon, was ihre nach Columbien
ausgewanderten Spielkameraden Jahre später äußerten: "Die Bube, die
hätte in Columbie immer gesagt sie möchte nochmal de Orschwier' Wald sehen. Da
sind se als Kind immer gsi." ![]()
Drei Schmieheimer Gefangene haben die Folgen der Dachauer Haft nicht überlebt. Leopold Schnurmann starb schon im November 1938, kurz nach der Rückkehr, Emanuel Dreyfuss verschied auf dem Rückweg in München im Dezember, und Leopold Hofmann erlag den Folgen der ihm zugefügten Verletzungen im Juni 1939. Viele der noch im Ort weilenden gingen jetzt fort. Wer noch auswandern konnte, schätzte sich glücklich. Ende Februar 1939 gelang Isidor Bloch, seiner Frau Jenny und dem Sohn Siegbert die Flucht nach USA. Bis zum Oktober 1940 verließen schätzungsweise 34 Menschen den Ort. Was für eine grauenvolle Stille war eingekehrt. Die Synagoge war demoliert, das jüdische Gasthaus längst geschlossen. In dieser Situation erreichte die Israeliten die Anordnung, sich für den Abtransport fertigzumachen.
Am 20. Oktober 1940 begann die Deportation nach Gurs. Dort sollten alle badischen und saarpfälzischen Juden versammelt werden. An diesem Tag verließen der ehemalige Kronenwirt und Kantor David Schwab, seine Frau Sofie und sein Sohn Heinz Joseph für immer den Ort. Mit ihnen gingen das Ehepaar Karger (deren Sohn sich im Jahr zuvor im Alter von sechs Jahren nach Schweden retten konnte), Gustav und Sarah Offenheimer und Siegfried Maier. Auch Emilie Kassewitz und Ida Wachenheimer konnten dem Transport nicht mehr entgehen. Der jüngste der Deportierten war Paul Bloch, 33 Jahre alt. In Gurs begann in diesen Wochen der pyrenäische Winter, und das Lager verwandelte sich in ein Schlammloch. Viele der meist älteren Gefangenen erkrankten, bald waren die ersten Toten zu beklagen. Es starben in Gurs 1940 und 1941:
Moritz Bloch, zuletzt Freiburg, 61 Jahre alt,
Sigmund Bloch, 60 Jahre, zuletzt Freiburg, Vorsteher in Schmieheim,
Joseph Bloch, 70 Jahre alt (Haslach),
Samuel Emanuel Dreifuß, 75 Jahre alt,
Meier Günzburger, zuletzt Freiburg, 86 Jahre alt,
Bertha Guttmann, 64 Jahre (Philippsburg),
Jeanette Kaufmann, 77 Jahre alt (Mannheim),
Gustav Offenheimer, 83 Jahre,
Johanna Schnurmann, 81 Jahre, zuletzt Lahr, und
Bertha Weil, 68 Jahre alt, zuletzt Konstanz
.
In Noé (ebenfalls Südfrankreich) starben: Karoline
Offenheimer, 82 Jahre und Max Dreyfuss (Altdorf / Schmieheim) im Alter von 84
Jahren; in Rivesaltes: Jakob Dreyfuss (59 Jahre), Alice Dreyfuß im Alter
von 57 Jahren, Hermann Maas (Mannheim, Ehemann von Hedwig Maas, geb. Weil) mit
67 Jahren, Philipp Offenheimer starb am 20. November 1940 im Psychiatr.
Krankenhaus von Lannemezan im Alter von 87 Jahren. Ihm zu Ehren hatte noch 1937
ein Fest anläßlich des 85. Geburtstages in der Synagoge stattgefunden.
[Anmerkungszeichen fehlt, Position unsicher
]
Im Frühjahr 1942 mußten die ersten Gefangenen Gurs verlassen. Sie wurden Opfer der letzten und grausamsten Maßnahme des Nationalsozialismus: Man transportierte sie nach Auschwitz. Dort sind alle Spuren von ihnen verloschen: Sie wurden ermordet. In Auschwitz starben die Schmieheimer:
Betty Bloch geborene Baumann mit ihrem Mann Isidor; Nobert Bloch mit seiner Frau Sofie geb. Wa-chenheimer; die in Gurs zur Witwe gewordene Lina Bloch; Karl Bloch (verschollen); Lydia Bloch; Paul Bloch; Flora Dreyfuss und Sigmund Dreyfuss; Ida Fleischhacker geb. Weil; Karoline Gudenberg geb. Bloch; Paula Israel geb. Weil; das Ehepaar Alfred Herbert und Ida Karger; Emilie Kassewitz; Clara Levy; Erna Levy geb. Dreyfuss; Rosa Levy geb. Dreifuss; Hedwig Maas geb. Weil; die Brüder Jakob und Siegfried Maier; Sara Oberländer geb. Schnurmann mit ihrem Ehemann Paul; Sarah Offenheimer geb. Dreyfuß; David Schwab, Kantor und Kronenwirt, mit Ehefrau Sofie und Sohn Heinz Joseph; Thekla Schwab; Betty Strauss; Rebekka Wachenheimer mit Tochter Ida; Alfred Weil; Bertha Weil geb. Schnurmann; Frieda Weil und Sophie Weil geb. Bloch; Lydia Zimmern.
Viele andere sind hier noch nicht genannt. Es sind jene, die 1940 nicht nach Gurs gebracht worden waren. Wer nach Westdeutschland (Frankfurt), Württemberg (Stuttgart) oder Bayern (Nürnberg, Fürth, Regensburg) gegangen war, wurde zwar erst zu einem späteren Termin verschleppt, doch am Ende dieser Deportation stand meist der sofortige Tod. Rosa Grumbacher, Jakob Kassewitz und Sofie Schnurmann, die Gattin des 1938 an den Folgen der Dachauer Haft verstorbenen Leopold Schnurmann, wurden nach Riga gebracht, wo ihre Spuren verloschen. Abraham Baumann starb in Theresienstadt noch am Ankunftstag (19.10.42), Abraham Bloch wurde von Theresienstadt noch nach Maly Trostinec gebracht. Auch von ihm fehlt seitdem ein Lebenszeichen. Der Mazzenbäcker Leopold Hofmann wurde von Mannheim am 26.4.1942 nach Izbica deportiert, seitdem ist er verschollen, ebenso Betty Hofmann.]
Zu dieser Zeit lebten noch immer Israeliten in Schmieheim.
Fünf Menschen waren der Deportation nach Gurs entgangen. Vier von ihnen waren
krank oder gebrechlich; sie wurden von einer Verwandten gepflegt, die man
deshalb von der Deportation ausgenommen hatte. Die Schwestern Babette Grumbacher
und Henriette Maier, beide über 80 Jahre, und Henriettes erwachsene Kinder
Bella und Jakob (beide gebrechlich) konnten durch die Pflege ihrer Verwandten
Thekla Maier in ihrer gewohnten Umgebung verbleiben. Am 19. März 1941 verstarb
Henriette Maier und wurde als letzte Schmieheimerin auf dem Friedhof beerdigt.
Die anderen verharrten im Dorf. Nach zwölf Monaten änderte sich ihre Situation
drastisch. Alle pflegenden Familienangehörigen sollten deportiert, die
Gebrechlichen in Heimen untergebracht werden. In Berlin hatte man die brutale,
planmäßige Auslöschung jüdischen Lebens beschlossen.
Die Unterbringung der pflegebedürftigen jüdischen Menschen in Heime
überließen die Nazis den Israeliten Badens. Damals fungierte Dr. Karl Eisemann
als Liquidator der israelitischen Gemeinden. Seine Eingaben an die Gestapo sind
Spiegelbild jener sprachlichen Demütigungen, die die vom Rassenwahn Befallenen
ihren Opfern zufügten; die Unterschrift Eisemanns: verfremdet, ohne Doktortitel
(wann hatte man ihm den aberkannt?), der Vorname verlängert durch ein
"Israel", das alle männlichen Juden annehmen mußten (Frauen ein
"Sarah"); "Karl Israel Eisemann, Jude, Kennkarte A 00707
Karlsruhe". In einer solchermaßen signierten Eingabe wies Eisemann am 30.
März 1942 auf die vier Schmieheimer hin;
Babette Grumbacher hatte er bereits für einen Heimplatz vorgesehen; Bella und
Jakob Maiers weitere Pflege war noch nicht organisiert. Durch die drohende
Deportation der Pflegekräfte (Eisemann muß
sich der verlogenen Bezeichnung "Abwanderung" bedienen) drohte vielen
Gebrechlichen totale Isolation. So versucht Eisemann die Deportation mancher
Hilfskräfte zu verhindern, indem er auf den eintretenden Notstand hinwies. Das
Schicksal der Pflegekräfte selbst spielte in diesem Kampf mit der Gestapo keine
Rolle mehr. Kurz nach der Eingabe Eisemanns reiste Frau Henny Wertheimer in die
Ortenau, um den dort verbliebenen Israeliten beim Umzug ins Heim behilflich zu
sein. Inzwischen war auch für Bella und Jakob Maier ein Heimplatz sicher. Am 9.
April 1942 erreichte Eisemann folgender bestürzender Brief von Frau Wertheimer:
![]()
|
Sehr geehrter Herr Dr. Eisemann; |
Offenburg, 9.4.1942 |
Heute komme ich spät vom Außendienst heim und will trotzdem noch diese Zeilen zur Post bringen. Leider muß ich Ihnen eine Hiobspost melden. Herr Jos. Greilsheimer von Friesenheim hat sich heute vormittag erhängt. Gestern nachmittag war ich dorten und packte den Leuten noch die Koffer, aber von Selbstmordabsichten merkte ich nichts bei ihm, er war stark herzleidend...
Heute arbeitete ich von früh ab in Schmieheim, dort liegt der Fall besonders kompliziert, die alte Frau Grumbacher liegt an einer Art Grippe zu Bett, und nun mußte ich ihren ganzen Haushalt aufnehmen, der hier bei Spediteur Wussler untergestellt werden soll; wenn ich nur wüßte, wohin mit der alten Frau, ebenso mit der gelähmten Bella, und wie und auf welchem Weg ich die Kranken von Schmieheim fortbringen kann. Auf eine persönliche Anfrage dieserhalb bei Herrn Schrey bei der Gestapo bedeutete er mir, ich könnte sie doch evtl. mit dem Krankenwagen bis Kippenheim in den Zug bringen nach Mannheim, die Evakuierten werden mit Auto abgeholt, für die anderen müßten wir selber sorgen. Lieber Herr Doktor, ich habe noch schwere Aufgaben zu bewältigen. Nachdem mir heute das Telegramm vom Tod des Herrn Jos. Greilsheimer nach Schmieheim nachgeschickt wurde, fuhr ich noch abends von Kippenheim nach Friesenheim, mein Mann war schon dort, eine Kommission hatte schon alles aufgenommen, morgen kommt der Bezirksarzt, es ist alles so schrecklich traurig! Ich bin heute über 20 Kilometer zu Fuß gelaufen und bin todmüde.
Hoffentlich bekomme ich bald Bescheid von Ihnen wegen der Aufnahme meiner Kranken nach Mannheim. Ich weiß, Herr Doktor, auch Sie haben schwere Sorgen und müssen Ihren Kopf beisammen halten. Schließlich geht auch dies vorüber, wie alles im Leben. Kosmisches Gesetz!
Mit freundlichen Grüßen
Frau Henny Wertheimer
Ich bitte noch um ein paar Sterne zum Aufnähen an die Kleider.
Nach 10 Tagen meldete sich Frau Wertheimer noch einmal:
|
Sehr geehrter Herr Dr. Eisemann! |
Offenburg, 19.4.1942 |
Am kommenden Mittwoch früh kann ich mir bei der hiesigen Gestapo den Fahrerlaubnisschein holen für den Chauffeur, der mit mir nach Schmieheim fährt, um die 3 Kranken dort abzuholen und hierher auf den Zug 12.58 Uhr zu bringen. Zwei Sanitäter helfen mir beim Transport der Leute ins Abteil.
Ich hoffe doch, daß mir die Bahnverwaltung gestattet, den Schnellzug zu benützen, denn umsteigen kann ich mit den drei Kranken nicht. Zur Zeit bin ich dieserhalb noch in Verhandlung. Die Bahnverwaltung will erst die Genehmigung einer höheren Stelle oder der Gestapo einholen.
An Herrn Hauser habe ich ebenfalls schon geschrieben, daß er
mir zum Zug 15.22 Uhr in Mannheim einen Krankenwagen schickt, oder ein Auto mit
2 Sanitätern, letztere natürlich mit einer Tragbahre auf den Perron. Ebenfalls
an diesem Mittwoch holt mein Mann gegen abend Frau Barth in Friesenheim ab und
bringt sie ins Kahnhaus, woselbst sie mit Genehmigung der Gestapo sich ein paar
Tage aufhalten darf, bis Sie verfügt haben, wohin sie kommt... ![]()
Lieber Herr Doktor, bitte erinnern Sie in Mannheim daran, daß man mich dort nicht im Stich läßt und mich ja nicht mit meinen drei Kranken auf dem Perron sitzen läßt. Es ist, weiß Gott, keine Kleinigkeit, solche Leute aus ihrem Heim und ihre gewohnten häuslichen Pflege herauszureißen, inmitten einer feindlichen Umwelt, die der alten Frau vorgestern Nacht mit einem Prügel die Läden aufbrach und die Fenster einschlug.
Ich glaube, wir werden alle froh sein, wenn diese Heimsuchung hinter uns liegt. Bitte benachrichtigen Sie mich, wenn etwas Besonderes kommt.
Mit freundlichen Grüßen
Frau Henny Wertheimer
Am 22. April 1942 verließen Babette Grumbacher, Bella und Jakob Maier Schmieheim. Sie wurden in das Mannheimer Pflegeheim gebracht, das die Israeliten dort noch unterhielten. Am 22. August 1942 wurden die beiden Frauen nach Theresienstadt deportiert. Babette Grumbacher, die ihren Sohn Nathan im Ersten Weltkrieg verloren hatte, starb dreißig Tage nach ihrer Ankunft. Bella Maiers Todestag war der 5. September 1942. Ihr Bruder Jakob wurde am 29.9. nach Auschwitz deportiert, sein Todesdatum ist nicht mehr festzustellen. Die Pflegerin Thekla Maier wurde direkt von Schmieheim deportiert, und zwar schon am 26. April. Eine christliche Zeitzeugin berichtete uns, daß eine der Frauen, wahrscheinlich Thekla Maier, am Tag vor dem Abtransport zur Großmutter (der Gewährsfrau) kam, um sich von ihrer Freundin zu verabschieden: Ein letztes Mal trafen sie sich und weinten über den Abschied.
Es gibt darüberhinaus noch eine ganze Reihe weiterer
Menschen, die in Schmieheim gelebt haben und in den Jahren 1942 bis 45 durch die
Nationalsozialisten oder ihre Handlanger ihr Leben verloren. Sie wurden nach
1945 für tot erklärt. Zeitpunkt und Orte ihres Leidenswegs liegen im Dunkeln.
Auch ihrer möchten wir hier gedenken: ![]()
Hannchen Schreiber, Hanna Baumann, Irma Baumann, Karl Baumann, Emma Bloch, Jakob Bloch, Isaak Sohn, Pauline Bloch, Sigmund Bloch, Götsch Sohn, Deo Hofmann, aus Regensburg 1942 nach dem Osten, Sara Hofmann, die Frau des Mazzenbäckers, Hannchen Schwab geb. Dreyfuss, Lina Schwab geb. Dreyfuss, Rebekka Wachenheimer und Dina Weil geb. Bloch. Wie können wir den Opfern gerecht werden?
Heute leben keine Juden mehr in Schmieheim. Nach 1945 kehrte
David Bloch
für kurze Zeit ins Dorf zurück und bekleidete das Amt des Bürgermeisters. In
der Synagoge ist heute ein Fabrik eingerichtet. Die israelitische Schule und das
Gebäude des rituellen Bades sind erhalten. Auf dem Friedhof werden die Gräber
der Toten instandgehalten und von Verwandten besucht.