Zum nächsten ArtikelZum vorigen ArtikelFerdinand, Dr. Johann Baptist, Neue Miszellen aus Heimat und Landschaft, Band 2 (1954-1959) 162 S.
55. Artikel: Ettenheim in der Weltgeschichte. S. 137-141

Ettenheim in der Weltgeschichte

Des jungen Herzogs von Enghien Glück und Ende

("Gestern und Heute", Beilage zur Bad. Zeitung 11. Januar 1959)

Durch die mit Fachwerk geschmückten alten Gassen von Ettenheim geistert heute noch die Historie, jene Geschichte von dem unglücklichen Herzog von Enghien, dem Prinzen Louis Antoine Henri de Bourbon, der im März 1804, erst 31 Jahre alt, im Festungsgraben von Vincennes unter den Kugeln eines Erschießungspelotons sein Ende fand. Diese Geschichte, die damals ganz Europa aufhorchen und das wenig bekannte Ettenheim am Rande des Weltgeschehens auftauchen ließ, zieht heute noch manche in- und ausländische Besucher in das stille Städtchen zur Besichtigung der mit dem Drama zusammenhängenden Erinnerungsstätten. Im Original hier Ende Seite 137

Wanderer zwischen zwei Welten

In den letzten Jahren aber hat sich mehrfach ein Besucher eingestellt, der sich mit jener Historie in besonderer Weise verbunden fühlt und der heute noch in den Augen, der Ettenheimer als der bescheiden, treue und letzte Diener des Herzogs gelten will: Kavallerie-General a. D. Paul Lavigne-Delville, geboren am 13. Mai 1866 zu Paris, aber körperlich und geistig noch sehr rüstig. Seine genealogischen Zusammenhänge gehen auf einen Kammerdiener des Herzogs, Simon Féron, genauer auf dessen Ehefrau zurück. Dieser Simon Féron wurde bei der Verhaftung des Herzogs mit diesem nach Straßburg verbracht, später aber wieder freigelassen . Er war 1798 nach Piemont geflüchtet, um dort andere Emigranten zu treffen. Dann begab er sich nach Savoyen, wo er ein Fräulein Chabord heiratete. Der Urgroßvater des Generals ehelichte eine Schwester dieses Fräuleins Chabord. Der Vater des Generals lebte von 1830 bis 1906, die Großmutter Lavigne-Delville von 1804 bis 1889. Simon Féron hatte zwei Söhne, Nikolaus Anton, verstorben 1869 als

Direktor der Eaux de Passy, und Alois Pirmin, 1801 bis 1876, der Gesichtsmaler war und zuletzt in Conflans, Ste. Honrine, hoch über der Seine, wohnte. Von diesem erzählt der General:

"Bis zu seinem Tode kam er mit seinem Vagen oft auf Besuch zu uns nach Neuilly gefahren, wo wir damals wohnten. Es gab dann mit meinem Vater und meiner Großmutter Lavigne-Delville, die in ihrem langen Leben viel gesehen, gelernt und nichts vergessen hatte, lange Unterhaltungen, denen ich mit leidenschaftlichem Interesse beiwohnte, Unterhaltungen, bei denen alle diese Erzählungen über das Konsulat, das Kaiserreich und die Restauration in meinem jungen Kopfe etwas wirr durcheinander gingen."

So führt bei den Vorfahren des Generals eine direkte Linie zu einem der Gefährten des Herzogs, daher auch sein besonderes Interesse an dessen Schicksal. 1957 hat er in einer französischen Zeitschrift teils auf Grund persönlicher Erinnerungen, teils an Hand archivalischer Studien einen Beitrag veröffentlicht, der manches Neue über die Hintergründe und Begleitumstände des Dramas, insbesondere über die beteiligten Persönlichkeiten, enthält. Darauf fußt auch das oben Erzählte.

In den Koalitionskriegen des 18. Jahrhunderts

Der Großvater des Herzogs, Ludwig Joseph Prinz von Condé (1736 bis 1818), sammelte am Rhein ein Emigrantenkorps, in dem auch des Herzogs Vater, Ludwig Heinrich Joseph von Bourbon (1756 bis 1830), anfänglich mitkämpfte. Diesem Heere schloß sich der Herzog, geboren am 2. August 1772 in Chantilly, in jugendlicher Begeisterung zum Schütze des Königtums und zur Bekämpfung der Revolutionsregierung ans Von Turin war er über Stuttgart und Karlsruhe Anfang des Jahres 1792 erstmals nach Ettenheim gekommen. In dessen Umgebung hausten Teile des Emigrantenkorps, gefördert von dem Landesherrn, Kardinal L. R. E. von Rohan-Guémenée ('Halsbandkardinal"), der 1790 aus Frankreich geflüchtet war und in Ettenheim residierte, Bei diesem fand der Herzog freundliche Aufnahme. Noch im gleichen Jahr war er an den Kämpfen im Elsaß beteiligt. 1794 war er in Lahr erkrankt und zur Genesung nach Ettenheim verbracht worden. An allen Kämpfen der I. Koalition nahm er unter österreichischem Fahnen ruhmreichen Anteil, so auch 1796 bei Altenheim und Kehl. Der Friede von Campo Formio (Oktober 1797) machte seiner militärischen Tätigkeit zunächst ein Ende. Zur gleichen Zeit aber finden wir den Herzog mit dem Emigrantenkorps in Ulm auf dem Wege nach Rußland, einer Einladung des Zaren Pauls I. folgend. Im Kriege der II. Koalition (1797/1801) kämpfte der Herzog unter russischen Fahnen in der Schweiz und bei Konstanz. Nach, dem Frieden von Lunéville (Februar 1801) Im Original hier Ende Seite 138 löste sich das Emigrantenkorps auf, und der Herzog ließ sich in Maria Trost bei Graz nieder. Im Herbst 1801 kam er nach dem ihm von früher her vertrauten Ettenheim.

Ein Liebesidyll im Markgräflerland

Der Herzog ist mit dem Stabe des Emigrantenkorps im heutigen Baden vielfach herumgekommen. So führte ihn sein Weg im Sommer 1797 auch nach Müllheim. Dort im Hause des Küfermeister Johann Jakob Löffler fand er nicht nur erwünschte Geselligkeit, sondern auch drei hübsche Töchter. Die mittlere, Judith, hatte es ihm angetan. Zu dieser entbrannte er in leidenschaftlicher Liebe. Die noch vorhandenen Briefe (im Besitz eines Nachkommen von Löffler, des Oberst a. D. Erich Blankenhorn, Badenweiler) berichten davon. Aber die stolze und sittenstrenge Markgräflerin zeigte ihm, trotz starker innerer Zuneigung äußerlich die kalte Schulter. Judith starb 1835 unvermählt. Die Tragik des Erlebnisses hatte ihr offenbar zeitlebens zu schaffen gemacht .

Friedensstandquartier in Ettenheim

Als der Herzog im Herbst 1801 nach Ettenheim kam, winkten ihm vertraute Verhältnisse im Kreise von gleichgesinnten Landsleuten. Der Kardinal war ihm von früher her wohlgewogen, und in dessen Nichte Charlotte von Rohan-Rochefort, wenn schon einige Jahre älter, aber hübsch, geistreich und von früher her ihm wohlbekannt, erwuchs ihm eine Partnerin, der er sich für das Leben zu verbinden gedachte. Trotz der vom Hause Condé ausgehenden Widerstände kam es 1802, wie man als erwiesen ansehen kann, zur heimlichen Trauung durch den Abbé Weinborn., den Coadjutor des Kardinals, in des letzteren Gegenwart. Über angebliche Nachkommen hat sich nichts genaues ermitteln lassen.

In Ettenheim umgab sich der Herzog mit einigen vertrauten Freunden, ehemaligen Mitkämpfern, so dem General Marquis de Thumery, dem Major Baron von Grünstein und dem Leutnant Schmidt aus Worms, seinem ehemaligen Ordonanzoffizier, Wohnung nahm er im Hause des Barons von Ichtratzheim, der aus dem Elsaß stammte. Seine Interessen galten der schönen Charlotte, der Pflege eines kleinen Gärtchens und der Jagd. Die Jagd betrieb er, meist in Begleitung von Thumery, derart intensiv, daß es schließlich zu Beschwerden der örtlichen Forstbeamten kam. Diese Beschwerden erledigten sich durch die Verhaftung des Herzogs von selbst. Mir irgendwelchen Umtrieben gegen Napoleon befaßte er sich nicht. Trotzdem kam er bei diesem in Verdacht.

Eins verhängnisvolle Verwechslung

Es war die Zeit der Verschwörung des Cadoudal, und mit dieser Angelegenheit wurde der Herzog in Verbindung gebracht. Talleyrand und Fouché waren die Triebfedern bei Napoleon. Schon am 4. März 1804, dann wiederum am 12. März., hatte der Straßburger Präfekt im Auftrag von Paris Spione nach Ettenheim entsandt, die die Lebensverhältnisse des Herzogs auskundschaften sollten. Schon am 4. März, bei den Nachforschungen über die Gefährten des Herzogs wurde statt Thumery Dumouriez verstanden, und dieser General Dumouriez war schon 1739 zu den Österreichern übergegangen, auf seinen Kopf war eine hohe Belohnung ausgesetzt. Diese fälschliche Meldung gab dem Verdacht gegen den Herzog in Paris neuen Auftrieb So kam es zum Befehl Napoleons, den Herzog zu verhaften, wenn, auch unter Bruch des Völkerrechts.

Tragische Verspätung um Stunden

Die Vorbereitungen zur Ausführung dieses Befehls waren an den benachbarten Ufern des Rheins nicht verborgen geblieben. Mehrfach war der Herzog von Freunden gewarnt worden, Im Original hier Ende Seite 139 aber er schlug zunächst alle Warnungen in den Wind. Endlich, am 14. März abends, entschließt er sich, am nächsten Morgen mit einem Wagen des Barons von Ichtratzheim sich nach dem vorderösterreichischen Freiburg abzusetzen. Einige seiner Freunde hatte er für die Nacht um sich versammelt. Zu spät!

In eben dieser Nacht - 14./15. März 1804 - setzt eine Streitmacht von 300 Dragonern aus Schlettstadt nebst einem ansehnlichen Aufgebot vor Gendarmerie unter dem Befehl des Generals Ordener bei Rheinau - Kappel über den Rhein und marschiert heimlich gegen Ettenheim. (Die Pferdehufe waren mit Stoff umwickelt!) Die Stadt war umzingelt, alle Ausgänge werden gesperrt, auch Geschütze stehen in Bereitschaft. Gendarmerie unter dem örtlichen Befehl des Obersten Charlot dringt in die Wohnung des Herzogs ein und nimmt ihn gefangen. Mit ihm rafft Charlot alles zusammen, was er an vermeintlicher Prominenz vorfindet, auch die beiden Geistlichen aus des verstorbenen Kardinals Gefolge, Weinborn und Michel, ferner die Diener des Herzogs, im ganzen an die zwölf Personen. Sie werden zur Belzmühle gebracht, dort auf Bauernwagen verladen und bei Kappel über den Rhein geschafft. Bis zum nahen Boofzheim muß der Herzog zu Fuß gehen. Dort wird er in einer Wirtschaft verköstigt und in einem Postwagen nach Straßburg in die Zitadelle transportiert. In den Räumen des Kommandanten Machim finden er und seine Freunde Unterkunft.

Reise in den Tod

Für den Herzog dauert der Aufenthalt in Straßburg nur bis zum 18. März. Nach traurigem Abschied von seinen Gefährten und einer Gewaltfahrt im Sechsspänner - der Gefangene wurde unter dem Pseudonym eines "Grafen Plessis" transportiert - trifft der Herzog am Nachmittag des 20. März in Vincennes ein, wo ihn der Festungskommandant Harrel schon erwartet. Ein kärgliches Mahl wird ihm in Harrels Stube gereicht. Die Frau Harrels liegt krank in einem Alkoven der Stube und hört mit Erschütterung die Unterhaltung der beiden mit an; sie kennt den Herzog, sie war seine Milchschwester gewesen. Ein Zimmer wird für ihn. hergerichtet, wo er sich von der langen Fahrt ermüdet und erschöpft zur Ruhe legt. Mitten in der Nacht aus tiefstem Schlaf herausgerissen, wird er vor ein schnell zusammengerufenes, aus Offizieren der Pariser Garnison bestehendes Gericht geschleppt, dessen Vorsitzender der ehemalige Bastillestürmer Hulin ist. Wie Napoleon es von seinen Kreaturen erwartet, wird er, ohne den Beistand eines Verteidigers, zum Tode verurteilt, noch in der Nacht zum 21. März morgens gegen 3 Uhr in einem Graben der Festung erschossen und in einem schon vor seiner Verurteilung geschaufelten Grab in unwürdiger Weise verscharrt. Geistlicher Beistand war ihm verweigert worden.

Die Prinzessin Charlotte war über die Verhaftung und Entführung ihres insgeheim angetrauten Gatten aufs tiefste erschüttert. Sie reiste nach Straßburg, ohne aber den Herzog sprechen zu können, und begab sich nach Karlsruhe, wo gerade der schwedische König walte. Sie setzte alles in Bewegung, um den geliebten Mann zu retten, aber vergeblich. Gegen Napoleons Macht kam niemand auf. Prinzessin Charlotte lebte noch bis 1840. Ein Brief des Herzogs, noch in der Nacht der Aburteilung geschrieben, und eine Haarlocke, die er sich am Richtplatz abschnitt, beides an einen der anwesenden Offiziere zur Übermittelung an sie übergeben, sind nie in ihre Hände gelangt.

Eine treue Hundeseele

Es war ein einsames Sterben für den Herzog. Keiner seiner Freude durfte bei ihm bleiben und ihm beistehen. Und doch begleitete ihn ein Lebewesen bis in den Tod, sein treuer Hund Mohiloff, eine russische Dogge, die er wohl von Rußland mitgebracht hatte. Kein schönes, aber ein treues Tier.

Der Hund hatte den Herzog zur Belzmühle begleitet und sprang ihm Im Original hier Ende Seite 140 in den Bauernwagen nach, sich ihm zu Füßen kuschelnd. Am Rhein bei Kappel verjagten, ihn die französischen Gendarmen. Mohiloff aber stürzte sich in den Strom und schwamm dem Boot nach, in das sein Herr verladen worden war. Vom Rhein aus folgte er seinem Herrn nach Boofzheim, und von da lief er hinter dem Postwagen her, der seinen Heim beförderte, bis in die Zitadelle von Straßburg, wo er bei ihm bleiben durfte. Als der Herzog am 18. März in einen Eilpostwagen verladen wurde, um weiterberfördert zu wenden, sprang Mohiloff wie selbstverständlich in den Wagen und fuhr mit. In Vincennes teilte der Herzog sein kärgliches Abendessen mit dem ebenfalls hungrigen Hund. Als der Herzog zur Execution geführt wurde, mußte er zurückbleiben. Als aber nach der Erschießung zwei Schildwachen am Grabe zurückgelassen wurden, hörten diese plötzlich ein starkes und jämmerliches Hundegeheul. Es war Mohiloff, dem es gelungen war, aus der Behausung des Kommandanten hinauszukommen. Mohiloff stürzte sich auf das Grab seines Herrn und fing an zu scharren. Die Schildwachen verjagten ihn, aber er kehrte noch öfter an das Grab seines Herrn zurück, bis eine freundliche Hand sich seiner annahm und ihm das verdiente Asyl gewährte (Marquise de Béthisy).

So war die zunächst einzige Stimme, die sich sozusagen zum Protest über diesem kaum geschlossenen Grab erhob, die eines treuen Hundes.

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