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Ferdinand,
Dr. Johann Baptist, Neue Miszellen aus Heimat und Landschaft, Band 2
(1954-1959)
162 S.
17. Artikel: Ein Ettenheimer als Exponent der hohen Politik. S. 48-53
Das sog. Fricktal, benannt nach dem Dorfe Frick am Sisselnbach, der nordwestlichste Teil des heutigen Kantons Aargau, zwischen Basel und Zurzach, gehörte seit dem 14. Jahrhundert den Habsburgern, die es von den Herren von Laufenburg, Rheinfelden usw. erworben hatten. Es bildete einen Teil Vorder-Österreichs und war eine Art linksrheinischen südlichen Anhängsels des Breisgaues. Die Hauptorte waren Rheinfelden und Laufenburg. Dieses bildete mit dem rechtsrheinischen Kleinlaufenburg eine einheitliche Gemeinde. Im 15. Jahrhundert wurde der österreichische Breisgau - im weitesten Sinne genommen - in 8 "Landfahnen" eingeteilt: Freiburg, Villingen, Neuenburg, Burkheim, Staufen, Waldkirch, Hauenstein und Fricktal. In der Landschaft des Fricktals findet man noch heutigentags den österreichischen Doppeladler.
Als sich Kaiser Franz in den Friedensschlüssen von Campo Formio (1797) und Lunéville (1801) verpflichten mußte, den linksrheinischen Breisgau an Frankreich abzutreten, gab es in der Bevölkerung der Landschaft Fricktal große Aufregung und Bestürzung. Der Rat der Stadt Laufenburg richtete alsbald ein Gesuch an die österreichische Regierung in Freiburg, daß die linksrheinische Altstadt zur rechtsrheinischen Kleinstadt hinübergezogen und so die ganze Stadt Laufenburg mit dem Breisgau vereinigt bleiben möchte.
Alle diese Dinge und die weitere Entwicklung der Angelegenheit könnten Ettenheim und die Ettenheimer weniger interessieren, wenn es nicht gerade ein Ettenheimer gewesen wäre, der sich den angedeuteten Bestrebungen entgegenstellte und aus dem Fricktal einen eigenen schweizerischen "Kanton Fricktal" mit Laufenburg als Hauptort unter Einschluß des rechtsrheinischen Kleinlaufenburg machen wollte.
Sein Gegenspieler war der aus Siegelau bei Waldkirch i. Br. stammende Mathias Föhrenbach (1766-1841), der als Syndikus beim Waldvogteiamt Waldshut die Interessen von Kleinlaufenburg in wirksamer und warmherziger Weise vertrat und es dahin brachte, daß Kleinlaufenburg ein eigenes Gemeinwesen wurde. Föhrenbach war später Oberhofgerichtsrat in Mannheim und Präsident der II. badischen Kammer. Es ist nicht ohne Interesse, daß der aus dem Breisgau hervorgegangene Föhrenbach und der aus der Ortenau stammende Fahrländer sich um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert am Oberrhein als erbitterte politische Gegner gegenüberstanden und entgegengesetzte politische Ziele verfoIgten. Landsleute waren sie zwar stammesmäßig, nicht aber territorial-staatlich, da Fahrländer als fürstbischöflich-straßburgischer, Föhrenbach dagegen als vorderösterreischicher Untertan geboren war. Die damalige Kleinstaaterei schied nicht nur etwa Franken und Alemannen, sondern auch Alemannen unter sich.
Professor i. R. Adolf Döbele in Laufenburg hat
einmal im Jahre 1943 die geschichtliche Rolle Fahrländers und dessen
Lebensschicksale in einem aufschlußreichen Aufsatz eingehend dargestellt, den
er mir freundlicher Weise zugänglich gemacht; hat. (Der Aufsatz ist in einem
nicht mehr greifbaren Heimatbrief für die Soldaten der Stadt Laufenburg
enthalten). Da es sich bei Fahrländer um einen Sohn der Stadt Ettenheim
handelt, der Aufsatz also für die Ettenheimer von Interesse sein dürfte, lasse
ich ihn hier wörtlich folgen, wobei noch bemerkt sein möge, daß es
Fahrländer heutigentags in Ettenheim nicht mehr gibt. Ob etwa die Ringsheimer
Fahrländer von Ettenheim stammen und Verwandte unseres Fahrländer sind, kann
ich im Augenblick nicht feststellen, komme darauf aber eventuell noch zurück. -
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"Die Schilderung der Vorgänge, die sich bei der Trennung der beiden Laufenstädte in den kritischen Monaten der Jahre 1802/03 abspielten, wäre einseitig und unvollständig, wenn wir nicht auch des Mannes gedächten, der auf der anderen Rheinseite durch sein eigenwilliges und ungestümes Auftreten die Lage verschärfte und die Stimmung in der Bürgerschaft zeitweise bis zur Siedehitze steigerte. Wir nannten seinen Namen schon früher, weil das Schicksal es fügte, daß das Jahr 1841, wie für Fährenbach, Burstert und den Bürgermeister Haas, auch, sein Todesjahr wurde. Dr. Sebastian Fahrländer ging allen dreien im Tode voran; er starb am 19. Februar 1841 in Aarau und ist dort begraben. Noch heute ist jedem Großlaufenburger sein Name wohlbekannt; das schweizerische Schrifttum hat den Mann und sein Werk wiederholt behandelt, und erst jüngst wurde in der "Aargauer Jahresmappe 1942", die unsere nachbarliche Altstadt sowohl nach ihrer landschaftlichen Schönheit, wie in ihrer historischen Bedeutung beleuchtet, das "Fahrländische Unternehmen" beleuchtet, In den Tagen der Gärung und der politischen Neuordnung hat man ihn auch drüben vielfach verkannt und bekämpft; doch hat sich dann bald eine andere Auffassung durchgesetzt, und seitdem steht der urteilsfähige Schweizer auch dem Politiker Fahrländer wohlwollend gegenüber. Der Standpunkt des reichsdeutschen Betrachters mag vielleicht da und dort einige Vorbehalte machen; vielleicht? Eine Darstelllang und ein abschließendes Urteil liegt bei uns noch nicht vor; es besteht hier eine Lücke! Drum sei der Versuch gemacht, auch von der rechten Rheinseite her einmal das "Fahrländische Unternehmen" mit wenigen Strichen zu beleuchten. Wir kennen Fahrländer aus einem früheren Aufsatz als politischen Gegenspieler des Mathias Föhrenbach. Zur Zeit jener politischen Krise war der Name Fahrländer auch diesseits des Stromes in aller Munde; freilich mehr abgelehnt als beliebt.
Dr. Sebastian Fahrländer war der engere Landsmann von Föhrenbach und von Amtmann Burstret, er war jedoch kein Breisgauer, wie diese, und wie schweizerische Autoren fälschlicherweise immer wieder schreiben. Seine Heimat war das alte Kultur- und Amtsstädtchen Ettenheim am Südrande der Ortenau, ein Landstrich, der vom hohen Mittelalter bis 1803 zum Bistum Straßburg gehörte und daher von französischem Denken und Fühlen, überhaupt von westlicher Kultur mehr beeinflußt war als der angrenzende Breisgau, der österreichhörig war und kirchlich Konstanz unterstellt war. Dort wurde er am 14. Januar 1768 als Sohn des Bäckers Michael Fahrländer geboren. Von seinem Elternhaus ererbte der Knabe hervorragende Gaben des Geistes und Charakters, die es ihm ermöglichten, die niederen und höheren Schulen seiner Heimat erfolgreich zu besuchen. Die Hochschulstudien vollendete er 1791 in Wien mit der Erwerbung des Doktorgrades der Philosophie und Medizin. Die Wiener medizinische Schule hatte unter dem aufgeklärten und auf allen Gebieten vorwärtsstürmenden Kaiser Joseph II. (1780-1790) einen neuen Aufschwung genommen und verfügte über bedeutende Köpfe und moderne Einrichtungen.
So trat der junge Arzt Dr. Fahrländer 1792
wohlausgerüstet, erst 24 Jahre alt, seine erste Stelle als Stadtphysikus
(Medizinalrat) in Waldshut an. Gleichzeitig war er aber auch Arzt für den
Landbezirk und die Waldvogtei Hauenstein. Waldshut war als "Hut des
Waldes" eine wichtige vorderösterreichische Beamtenstadt. Hier wirkte seit
1794 auch der junge Syndikus Föhrenbach, und beide Jungbeamte dürften wohl
amtlich wie gesellschaftlich in enger Fühlung gestanden haben. Waldshut wurde
für Fahrländers weiteren Lebensweg in zweifacher Weise bedeutungsvoll. Hier
gründete er am 4. Januar 1797 durch Heirat mit Maria Anna Hölzlin von Breisach
die Familie,
die in ihren Kindern und weiteren Nachkommen den Namen und das Ansehen des
Stammvaters bis heute unverwelkt weiterträgt.
Dann aber fiel 1797 durch den Sieg Napoleons über die Österreicher in Oberitalien und den nachfolgenden Firedensschluß von Campo Formio eine wichtige Entscheidung. Kaiser Franz mußte, obwohl sich heftig sträubend, darin eine vorläufige, geheime Verzichtleistung Österreichs auf die linksrheinisch gelegene Südspitze des Breisgaues, genannt "Das Fricktal", zugunsten Frankreichs aussprechen. Die Kunde von diesem Akte verursachte in den Vorlanden allenthalben Bestürzung und Ablehnung. Der junge Fahrländer aber ahnte in diesem Ereignis den sicheren Zerfall des alten Deutschen Reiches unter Führung der Habsburger mit feinem politischen Instinkt voraus. Als Ortenauer fühlte er sich dem kaiserlichen "Erzhaus" weniger zur Treue verpflichtet als andere breisgauische Beamte; mit diesen war sein Verhältnis offenbar getrübt.
So faßte er, unzufrieden mit den herrschenden Zuständen und mit der Umwelt, den Entschluß, seine bisherige Stellung aufzugeben und ins Fricktal hinüberzuwechseln. Dort waren die Verhältnisse seit der Abmachung des Kaisers Franz mit Napoleon unsicher geworden; die Lockerung der öffentlichen Ordnung griff immer mehr um sich, da ja Frankreich von dem Ländchen noch nicht Besitz ergreifen durfte. Noch war das Schicksal in der Schwebe, aber soviel wußte man mit Sicherheit, daß eine Neuordnung sich anbahnte, die das Band der Zugehörigkeit zum alten Breisgau zerschnitt. Frankreich dachte natürlich nicht daran, den von seinen Landesgrenzen so weit abgelegenen Flecken Erde zwischen Basel und Zurzach zu behalten. Es wollte sich damit lediglich ein Faustpfand schaffen, um das viel größere und wertvollere Wallis von der Schweiz auszuhandeln. Diese lehnte einen so schlechten Handel natürlich ab. Das Fricktal konnte ihr nicht mehr verloren gehen; eine Rückgliederung an den alten Breisgau war undenkbar. Es war nur eine Frage der Zeit, bis die Eidgenossenschaft die Gelegenheit erhielt, ihre Nordgrenze endgültig an den Rhein hinaufzurücken. Der Ablauf dieser Dinge war schicksalhaft und zwangsläufig; im Brennpunkt von ihnen allen aber stand auch das Schicksal der beiden Laufenstädte.
Der führende Kopf im Spiel der Kräfte bei der Neugestaltung des Fricktals wurde zunächst Dr. Fahrländer. Tatendurstig, geladen mit Energie und Tatkraft, wohl schon von Wien her den josefinischen Ideen verhaftet, die den Bruch mit den alten, verzopften Einrichtungen im Habsburgerreich forderten und den Aufbau einer neuen zeitgemäßen Volkskultur zum Ziele hatten, kurz, ein Mensch ganz nach Prägung des 1790 verstorbenen Kaisers Joseph II., dem man nachsagte, daß er sein Neuerungswerk zu stürmisch vorangetrieben habe, ja daß er ein Jahrhundert zu früh den Thron bestiegen habe, und deshalb - verkannt und bekämpft - gescheitert sei, ein Mann solchen Wesens und Charakters, duldete es ihn nicht mehr länger in Waldshut. Er hoffte, über dem Rhein mehr Aufgeschlossenheit, mehr Sinn für freies Schaffen und ein fruchtbares Arbeitsfeld zu finden. Er war entschlossen, Schweizer zu werden. Unbekümmert um die üblichen Vorschriften erwarb er sich 1798 das Bürgerrecht in dem fricktalischen Dörfchen Münchwilen und leistete mit seinen Kenntnissen dem führerlosen Ländchen gute Dienste. Da aber vorerst ein Ende des Zwitterzustandes der fraglichen Landeszugehörigkeit nicht abzusehen war, siedelte Fahrländer 1801 nach Bern über und begann dort die ärztliche Praxis auszuüben.
Doch bald brachte die militär-politische Lage eine neue
Wendung. Der unglückliche Waffengang in Hohenlinden (in Bayern) Ende 1800 zwang
die Österreicher im Frieden von Lunéville am 9. Februar 1801, das Fricktal
endgültig und für immer an Frankreich abzutreten. In Paris starrte man nach
wie vor nach dem herrlichen Wallis und erhoffte einen günstigen Tausch.
Die Franzosen machten also keine Miene, das Land in Verwaltung zu nehmen. Und da
aber auch das biedere Fricktalvolk keine Lust zeigte, sich einem nahen
helvetischen Kanton - etwa Aargau oder Basel - anzuschließen, so führten die
bisherigen österreichischen Beamten unbehelligt ihre Ämter weiter und blieben
mit ihrer alten Behörde in Freiburg i. Br. in Verbindung und
lieferten an sie die Abgaben ab.
Dieser Zustand war in den Augen Fahrländers unerhört, und nun hielt er seine Stunde für gekommen. Er nahm in Bern Fühlung mit dem helvetischen Minister Dolder und trat gleichzeitig mit dem dortigen französischen Gesandten Verninac in Meinungsaustausch. Seine Ideen fanden bei beiden Stellen günstige Aufnahme, zumal Fahrländer auf Grund langjähriger Praxis und scharfer Beobachtung als vorzüglicher Kenner der fraglichen Landstriche galt. Der Grundgedanke seines Planes zielte dahin, das Fricktal zu einem selbständigen Kanton mit fortschrittlichen Neuerungen, also wohl einer Art Musterkanton, zu erheben Und ihn der "Helvetischen Republik", wie die Schweiz damals amtlich hieß, anzuschließen, sobald diese den politischen Wirrwarr in den Kantonen beseitigt und eine feste Ordnung und eine Zentralregierung bekommen habe. Auf Grund der Besprechung mit der Berner Stelle und, wie es scheint, auf einen Wink des französischen Gesandten hielt sich Fahrländer für berechtigt oder gar beauftragt, sein Projekt in die Tat umzusetzen.
Er berief auf den 6. Januar 1802 Abgeordnete der fricktalischen Gemeinden nach Laufenburg und eröffnete ihnen, daß er von Bern ermächtigt sei, vom Fricktal Besitz zu ergreifen und daraus einen selbständigen Kanton zu machen; Laufenburg sei als dessen Hauptstadt vorgesehen. Denn erklärte er das Gebiet als frei und unabhängig; er selbst war jetzt der einzige Gebieter. Die österreichischen Beamten in Laufenburg und Rheinfelden wurden angewiesen, ihre Stellen binnen Monatsfrist aufzugeben. Protestierend fügten sie sich diesem Machtanspruch und begaben sich zürn Teil auf das rechte Rheinufer. Die weitere Entrichtung von Steuern und Gefallen nach Freiburg i. Br. wurde sofort eingestellt.
Der Entwurf über die künftige Kantonsverfassung wurde von
dem Bruder Fahrländers, einem Ex-Benediktiner mit Namen Karl, nach den
Weisungen Sebastians ausgearbeitet und am 20. Februar 1802 dem versammelten
Fricktalischen Landtag zur Genehmigung vorgelegt. Bei dieser Sitzung war ein
französischer Kommissar persönlich anwesend, wodurch ihre Bedeutung
unterstrichen wurde. Was uns badische Laufenburger heute noch interessiert, das
ist die Rolle, die im Rahmen dieser Verfassung der linksrheinischen Altstadt
zugedacht war. Sie kam recht gut weg. Als Kantonshauptstadt sollte sie den Sitz
der kantonalen Regierung beherbergen, die als dreigliedrige Verwaltungskammer
gedacht war. Dr. Sebastian Fahrländer sollte als Kantonstatthalter an
ihrer Spitze stehen. Ferner sollte Laufenburg ein Distriktsgericht und eine
Kantonschule, d. h. eine höhere Schule mit Universitätsreife, bekommen,
Dieser sollte eine Forstschule angeschlossen werden; eine solche wurde damals
auch wirklich gegründet. Des weiteren wurde geplagt das Straßennetz auszubauen
und zu verbessern und das Postwesen neuzeitlich zu gestalten. Bettelei und
Forstfrevel, die infolge der Kriegswirrnisse der letzten Jahre und der Verarmung
der Bevölkerung zu einer wahren Landplage ausgeartet waren, sollten strenge
bestraft werden. Schließlich sollte der ungemein schädliche Weidegang in den.
Wäldern eingeschränkt bzw. abgeschafft Werden. Für solche Forderungen
Fahrländers haben wir volles Verständnis, weil auch auf der rechten Rheinseite
die Allmende und das Schulerholz von derselben Plage heimgesucht wurden und die
Klagen der Kleinlaufenburger nicht verstummen wollten. Mit der materiellen Wohl
fahrt sollte eine bessere allgemeine Schulung der breiten. Volksmassen Hand in
Hand gehen. Dieses Ziel sollte durch Einführung der epochemachenden Lehrweise
Pestalozzis erreicht werden. ![]()
Das sind nur wenige Griffe aus dem großzügigen Programm, das den Weitblick des Politikers auf den ersten Blick verrät. Er schuf sich damit auch einen größeren Anhang, und die Namen einiger Unterschriften wie Tröndlin, Herzog, Dinkel, Waldmeier sind uns auch heute noch wohl vertraut.
Einen groben, geradezu staatspolitischen Fehler beging Fahrländer aber gleich zu Beginn seiner Tätigkeit dadurch, daß er Kleinlaufenburg nicht beim Breisgau belassen wollte. Er dachte an das schweizerische Vorbild von Kleinbasel undhoffte, durch Einbeziehung des rechtsrheinischen Brückenkopfes der künftigen Residenz mehr Raum und größere Bedeutung zu sichern. Der Gedanke war ohne Zweifel ausgezeichnet und vermutlich sowohl von materiellen wie von schöngeistigen und städtebaulichen Gesichtspunkten eingegeben. Er setzte sich aber mit der Durchführung dieses Vorhabens über die Bestimmungen der Friedensverträge von 1797 und 1801, wonach der Rhein die künftige Grenze zwischen dem alten Breisgau und dem neuen Staatsgebilde werden sollte, kühn hinweg. Syndikus Föhrenbach beantwortete das diktatorische Vorgehen. Fahrländers bekanntlich damit, daß er die Befehle und Verordnungen aus der Altstadt zurückwies.
Auch bei den französischen Amtsstellen hat er durch die Eigenwilligkeit ohne Zweifel lebhaften Unwillen wachgerufen. Ein weiterer Mißgriff folgte im April 1802, als er von Laufenburg aus durch den französischen Gesandten Verninac eine beschwörende Bittschrift, die den förmlichen Charakter eines Protestes hatte, an Napoleon richtete, er möge die Einverleibung des Fricktales in die Schweiz noch zurückstellen, "bis Bern eine kraftvolle Zentralregierung besitze. Das klang wie Bevormundung und verstimmte den französischen Gesandten so sehr, daß das Schreiben Fahrländers das Gegenteil erreichte.
Jetzt witterten die Gegner des Diktators Morgenluft. Sie erhoben bei Verninac Klage wegen des selbstherrlichen Vorgehens, bei dem der Gemeinnutz dem Eigennutz hintenanstelle, und forderten seinen Rücktritt. Dieser Versuch zu Fahrländers Sturz mißlang zunächst. In den nächsten Wochen führten die Verhandlungen zwischen der helvetischen Regierung und Verninac dahin, daß Frankreich die Besitzergreifung des Fricktales durch die Schweiz gestattete. Damit konnte der Plan Fahrländers als geglückt angesehen werden. Seine alten Feinde aber lagen immer noch auf der Lauer, und als es ruchbar wurde, daß Fahrläiider, vermutlich aus Freude und Genugtuung über des gelungene Werk, den fricktalischen Landtag veranlaßt habe, aus dem Kantonsgut sog. Gratifikationen zu verteilen, ging der Sturm aufs neue Los. Solche Begabungen waren an sich nichts Tadelnswertes und auch, damals üblich. Daß aber der "Regierungsstatthalter" für seine Verdienste sich die Mühlen von Etagen und Kaisten und den Meierhof daselbst scherten ließ, fand man unverzeihlich. Fahrländer mußte fallen.
Zunächst versuchte man durch Beschwerden und Vorstellungen in
Bern zum Erfolg zu kommen. Als dies nichts fruchtete, entschloß man. sich zu
einem Staatsstreich. Der Anwalt Fetzer von Rheinfelden und der Verwalter Jehle
von Olaberg, ein gebürtiger Hotzenwälder, dessen Vater auf dem Vorwald
"Redmann" gewesen war, beriefen auf eigene Faust einen fricktalischen
Landtag. Dieser setzte die bisherigen Behörden ab, erklärte die Geschenke
Fahrländers für null und nichtig und bestellte eine neue Regierung. Von
Laufenburg gehörte ihr der Regierungsrat Friedrich an, dessen Name in beiden
Laufenstädten auch heute noch lebendig ist. Fahrländer setzte sich zur Wehr
und beabsichtigte, sich mit französischer Hilfe wieder in den Sattel zu setzen.
Da griffen seine Gegner zur Selbsthilfe, überfielen ihn am 4. Oktober 1802 in
Laufenburg und setzten ihn in Rheinfelden gefangen.
Die Franzosen traten auch wirklich nochmals für ihn ein, und das Fricktal sah
ihn zum zweitenmal für kürzte Zeit an der Spitze. Als aber die Anfeindungen
erneut mit aller Schärfe einsetzten und auch die Franzosen den Statthalter
nicht mehr zu halten vermochten, weil sein Ansehen im öffentlichen Urteil,
vorab durch die Gratifikationen, geschwunden war, setzte General Ney den
Dr. Sebastian Fahrländer ab und verwies ihn des Landes. Das gleiche Los
ereilte auch seinen Bruder Karl, der ihn auf allen Wegen ein treuer Gefolgsmann
gewesen war.
Am 19. Februar 1803 sah der "Kanton Fricktal" sein Ende mit der Angliederung an den Aargau. Er hatte 1 Jahr und 10 Tage gedauert. Als die politischen Leidenschaften verraucht waren und nüchterne Überlegungen ein sachliches Urteil gestatteten, wurde Fahrländer amnestiert; ein Beweis, daß man in seinem früheren politischen Wirken nichts Ehrenrühriges oder gar Verbrecherisches sah. Statt in Laufenburg, das ihm einst so sehr am Herzen lag, das aber unmöglich je Kantonshauptstadt werden konnte, ließ er sich in Aargau nieder, das für diese Rolle vermöge seiner zentralen Lage wie geschaffen ist. Seine allgemein menschlichen Eigenschaften, seine politischen Fähigkeiten und seine Rednergabe ebneten ihm bald den Weg in den Großen Rat, dem er lange Zeit angehörte. Er war auch als Arzt geschätzt und besaß eine umfangreiche Praxis. Sein Kämpfen und Mühen aber, für das er in der Blüte seiner Jahre nur Spott und Undank erntete, wurde später durch Anerkennung belohnt. Der Mann, dem man um die Jahrhunderwende als "fremdem Eindringling" mit Mißtrauen begegnete, wurde ein hochangesehener Schweizer. Der Aargau aber, dem Fahrländer mehrere Jahrzehnte seine Kraft opferte, spielte auch, nach seinem Tode (1841) innerhalb der Eidgenossenschaft die Rolle, wie sie dem angrenzenden Großherzogtum Baden beschieden war. Er wurde wegen seiner fortschrittlichen Einrichtung der "Kulturkanton" genannt, ein Ehrentitel, wie er im bunten Reigen der reichsdeutschen Staaten dem "Musterländle" Baden zuteil wurde.
Zu diesem Ruhmestitel sein Teil beigetragen zu haben, wird das bleibende Verdienst des Dr. Sebastian Fahrländer aus Ettenheim sein. Ein Mann von solchen Qualitäten würde aber auch beim Aufbau des jungen badischen Staates wertvolle Bausteine eingefügt haben und bis heute in Baden in Ehren stehen - gleich einem Oberhofgerichtsrat und Kammerpräsidenten Mathias Föhrenbach - wenn ihn der Stern seines Schicksal nicht über den Rhein geführt hätte."