Zum nächsten ArtikelZum vorigen ArtikelFerdinand, Dr. Johann Baptist, Neue Miszellen aus Heimat und Landschaft, Band 2 (1954-1959) 162 S.
2. Artikel: Die Gemeinde Freiamt. S. 4-12

Die Gemeinde Freiamt

Ein interessantes Gemeinwesen - Neues Dorfsippenbuch von Albert Köbele

(H. B. 3./4.11.1954)

I. Für den bekannten Heimat- und Sippenforscher Albert   K ö b e l e   in Grafenhausen (Bezirk Ettenheim) mag es kein kleines Unterfangen gewesen sein, als er sich entschloß, ein Dorfsippenbuch der Gemeinde   F r e i a m t   zu schaffen, einer weit ausgedehnten, z. T. schwer zugänglichen, in vielen Ortsteilen, Zinken und Einzelhöfe aufgespaltenen Gemeinde, die im Norden bis zum Hünersedel, im Süden bis an das Gebiet von Tennebach reicht.

Nachdem das große Werk mit 790 Seiten im Format Din A 4 vorliegt, kann man sowohl dem Verfasser als auch der Gemeinde zu diesem hervorragenden Werk nur gratulieren.

II. Den Kern des Werkes bildet der familiengeschichtliche Teil. In 6006 Nummern sind sämtliche einheimischen Familien und in den weiteren. Nummern 6007-6040 auch die zugezogenen Familien der Heimatvertriebenen erfaßt. Welche Arbeit hinter diesen 6040 Nummern steckt, kann nur der ermessen, der sich einmal bemüht hat, die verwandtschaftlichen Beziehungen einer einzigen Familie einige Jahrhunderte zurück zu verfolgen. Dem Verfasser gebührt deshalb für diese ungeheure Kleinarbeit höchstes Lob. Im Original hier Ende Seite 4

Unterlagen für diesen Teil des Werkes waren zunächst gegeben, in den Kirchenbüchern der beiden Pfarreien Ottoschwanden und Keppenbach, jene umfassend die Ortsteile Mussbach und Brettental, diese die Ortsteile Keppenbach und Reichenbach. Die Kirchenbücher der Pfarrei Ottoschwanden sind erst seit 1705 regelmäßig geführt, die von Keppenbach schon seit 1640. Für die Zeit nach 1870 wurden ferner die Standesamtsregister beigezogen, für die älteste Zeit, vor Beginn der Kirchenbücher, Zins- und Lagerbücher der Hochberger Herrschaft und des Klosters Tennenbach.

III. Nach einem Geleitwort des Bürgermeisters Gottlieb   R e i n b o l d   und einem Vorwort des Verfassers A.   K ö b e l e   folgen auf 8 Seiten die Namen der Gefallenen seit den Napoleonischen Kriegen bis zum letzten Krieg, geschmackvoll ausgestaltet von Ingenieur Karl Friedrich Kirner in Herbolzheim, von dessen Künstlerhand auch die sonstige bildnerische Ausschmückung des Werkes stammt. (Brettental, Reichenbach, Rathaus von Freiamt, Kapelle in Tennenbach, Grabstätte des Klosters, Tennenbacher Tal mit Hochburg, Bauernhof in Mussbach, Mussbach, Schweizerloch, Bauernhof im Niedertal, Keppenbach und ein Gemarkungsplan).

IV. Während der familiengesehichtliche Teil des Werkes in erster Linie die Einwohner der Gemeinde selbst angeht, aber auch für Familien- und Sippenforscher von höchstem Wert ist, interessiert die auf 90 Seiten (S. 25 bis 114) niedergelegte Geschichte der Gemeinde Freiamt alle Heimatgeschichtsforscher, die sich mit der Geschichte des Breisgaues, hier wieder der ebenfalls zum Breisgau zählende ehemaligen Herrschaft Hochberg, und der   O r t e n a u   befassen. Stößt doch die Nordgrenze der Gemarkung Freiamt an die Gemarkung Schweighausen (ehemals Klostergebiet von Ettenheimmünster, Ortenau) und an die Gemarkung Biederbach (ehemals vorderösterreichisches Gebiet, Breisgau). Wenn man vom Streitberg her die Straße gegen Ottoschwanden wandert und beim heutigen Hotel "Pflingsteck" links in den Wald abbiegt, gelangt man zunächst auf den dem Hünersedel westlich vorgelagerten Heuberg. Dort steht ein alter, sehr gut erhaltener Grenzstein von 1593, der auf der einen Seite Wagen mit Abtsstab, auf der anderen Seite die Buchstaben F. A. aufweist und heute noch die Grenze zwischen der Gemarkung Schweighausen und dem Freiamt bezeichnet. Wenn man dann den Hünersedel überschreitet, findet man unmittelbar östlich des Gipfels an dem den Wald entlang führenden Weg einen gleichen (weniger gut erhaltenen) Stein von 1593. Diese Grenzen sind also uralt!

Den nördlichen Zipfel der Gemarkung Freiamt bildet der 746 m hohe schon erwähnte Hünersedel, der "Stoufinberc" der Urkunde von 926, der "Feldberg" aller Natur- und Wanderfreunde der Linie von Emmendingen über Kenzingen, Herbolzheim und Ettenheim bis nach Lahr.

Um es vorweg zu sagen: auch, dieser heimatgeschichtliche Teil des Werkes verdient höchstes Lob. Er beruht auf gründlichen Studien der einschlägigen Quellen und Literatur. Hervorzuheben ist vor allem auch die (sonst nicht immer anzutreffende) klare und. übersichtliche Einteilung. In 10 Kapiteln ist alles aus der Vergangenheit und Gegenwart Wichtige zusammengetragen.

V. Das 1. Kapitel, "Lage und Grenzen", bietet geradezu eine Heimatgeographie für die Gesamtgemeinde, von Keppenbach. im Süden über Reichenbach nach Mussbach im Nordwesten und Brettental im Nordosten bis zum Hünersedel. Die Höhenunterschiede bewegen sich zwischen 275 m (Keppenbach-Dorf) und 746 m (Hünersedel). Zu Reichenbach gehören die beidan   " V o r h ö f e " ,   Im Original hier Ende Seite 5 die zu den frühesten Ansiedlungen des Tales zu rechnen sind und ehemals den Kern des Besitzes der Ritter von Keppenbach bildeten. (Hier darf der Berichterstatter eine persönliche Bemerkung einschalten: sein Zweitältester, im Juli 1943 vor Moskau gefallener Sohn Erich war im Juni 1937 vom Arbeitsdienst in Ettenheim her auf dem oberen Vorhof zur Erntehilfe eingesetzt. Aus jener Zeit stammten noch vorhandene photographische Aufnahmen des Hofes und seiner Bewohner). Der Verfasser des Werkes versäumt es auch nicht, auf die landschaftlichen Schönheiten und Reize der Gegend hinzuweisen.

VI. Das 2. Kapitel, "Das Land und seine ersten Ansiedler", geht auf die geologische Beschaffenheit des Gebiets ein und auf vorgeschichtliche Funde im Zinken Allmendsberg, beim Eck, auf dem Langacker und im Bus. (jüngere Steinzeit, ca. 5000-2000 v.Chr.). Die eigentliche Besiedlung des Gebiets begann aber wahrscheindlich erst nach dem 9. Jahrhundert unter der Herrschaft der Abtei Andlau nach der Zeit des Kaisers Karl des Dicken, einer Abtei, die auch in. der Geschichte der Kenzinger Gegend eine große Rolle spielt. (Die Herren von Uesenberg als Vögte der Abtei Andlau). Im 11. Jahrhundert aber sitzen im Tal schon vielfach Dienstleute des Breisgauer Adels , der die Besiedelung fördert, so auch die Herren von Keppenbach auf ihrer Burg etwa in der Mitte des Gesamtgebietes. Dem Breisgauer kleinen Adel und den Klöstern Andlau und Tennenbach gebührt das Verdienst die Besiedelung des Tales voran getrieben zu haben.

VII. Das 3., 4. und 5. Kapitel ist den politischen Faktoren gewidmet, "die den Fortgang der politischen Entwicklung und die Bildung des Gemeinwesens im Brettental beeinflußten."

Hier kommen zunächst die Ritter von Keppenbach auf ihrer schon genannten, vom Verfasser näher beschriebenen Burg in Betracht, dessen Erbauung wohl in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts fällt. Der erste urkundlich erwähnte Ritter von Keppenbach war Hartmut, der 1160 bei Gründung des Klosters Tennenbach als Zeuge auftritt. Erbauer der Burg ist wahrscheinlich Dietrich Wilhelm von Keppenbach, nach dem Aussterben der Zähringer 1218 wohl Dienstmann der Grafen von Freiburg, ihrer Nachfolger. Schon im 14. Jahrhundert begann der Niedergang des Geschlechts und setzten zahlreiche Verkäufe an Liegschaften ein. Streitigkeiten mit dem Kloster Tennenbach und den Markgrafen von Hachberg (ca. 1200-1418) schwächten die Finanzkraft des Geschlechts, und in der zweiten Hafte des 14. Jahrhunderts wurde die Burg zu einem Raubritternest, das den seit 1368 unter dem Schutz der Habsburger Herzöge stehenden Freiburgern im Wege war. 1396 eroberten sie die Burg. Da auf der Burg selbst nicht mehr alle Nachkommen Platz hatten, gab es auch auswärts Keppenbacher, so im 14. Jahrhundert in Ettenheim Walther und Dietrich von Keppenbach, Die Güter der Keppenbacher waren allmählich im Wege der Veräußerung größten Teils in den Besitz des Klosters Tennenbach gekommen, Lehensherrn der Burg waren die Herzöge von Habsburg 1525 wurde sie von den Bauern erobert und völlig zerstört, Das Lehen kam nach Aussterben der Keppenbacher an andere Geschlechter, zunächst an die Herren von Landeck, 1529 an Probst Balthasar Merklin in Waldkirch usw. So endete dieses einst stolze und wohlhabende Geschlecht.

VIII. Das zweite für die Geschichte von Freiamt bedeutsame Kraft-Zentrum war das Zisterzienserkloster Tennenbach. Es wurde 1160 von Herzog Berthold IV. von Zähringen (1152-1186) gegründet. Durch Schenkungen von Seiten, seines Gründers, ferner der Grafen von Freiburg, der Markgrafen von Hachberg und der Ritter von Keppenbach, ferner durch zahlreiche Käufe und Pfandschaften vermehrte das Im Original hier Ende Seite 6 Kloster seinen Besitz immer weiter, so daß es 1341 auf der Höhe seiner wirtschaftlichen Macht stand. Es hatte damals in rund 200 Dörfern und Städten in der Rheinebene und im Schwarzwald Besitzungen. Aber die Kriegsereignisse vom 15. bis ins 18. Jahrhundert, umfangreiche Plünderungen und Brandschatzungen schwächten seine Macht immer mehr, so daß es schließlich sogar Schulden machen mußte. Das Jahr 1806 brachte nach einem Bestand von etwa 640 Jahren das Ende.

Die Gebäulichkeiten dienten 1813/15 als Lazarett für Truppen, die an den Befreiungskriegen teilgenommen hatten. 1500 Soldaten erlagen Wunden und Krankheiten und wurden in der Nähe bestattet. Mehrere Gedenksteine erinnern an diese Opfer. Die Klosterkirche wurde 1829 abgebrochen und als Ludwigskirche in Freiburg wieder aufgebaut, zerstört am 27. November 1944. Die Gebäulichkeiten zerfielen und wurden abgerissen. 1836 die letzten Reste. Die Kirche war mit dem Freiburger Münster noch das einzige Baudenkmal aus der Zeit der Zähringer. Das Schicksal des Klosters erinnert lebhaft an dasjenige des Klosters Ettenheimmünster, das ebenfalls dem Ungeist des 19. Jahrhunderts zum Opfer fiel.

Die große Bedeutung des Klosters für die Besiedelung des Brettentales bis zum Hünersedel steht außer Zweifel.

Der Zinken Tennenbach gehörte früher ebenfalls zu Freiamt und wurde erst in neuester Zeit der Gemarkung Emmendingen zugeteilt.

IX. Als dritte einflußreiche Macht in der Geschichte von Freiamt erscheinen die Markgrafen von Hachberg und Baden. Die Markgrafen von Baden waren eine Nebenlinie der Zähringer. Ihr erster Vertreter war Hermann I., Sohn des Zähringerherzogs Bertolds I., 1060. Einer seiner Nachkommen, Heinrich erbte die Güter im Breisgau, nahm Wohnsitz auf der Hochburg und nannte sich Markgraf von Hachberg. Diese Seitenlinie der badischen Markgrafen starb mit Otto II. 1418 aus (nach rund 200 Jahren, jener Heinrich war 1231 verstorben), und ihre Herrschaft fiel an die Hauptlinie der badischen Markgrafen zurück.

Die Grundlagen allen Einflusses der Markgrafen war die vom König abgeleitete hohe Gerichtsbarkeit über die freien Leute und die Vogtei über die Klosterleute. Der Grundbesitz der Markgrafen im Brettental war ursprünglich gering. Markgraf Heinrich hatte 1231 dem Kloster Mußbach Ort und Kirche vermacht. Nach dem Untergang der Ritter von Keppenbach hatten die Markgrafen freiere Hand, sie vermehrten, ihren Grundbesitz. 1588 erwarben sie sich den Dürerhof, den Vorhof und den Bildstein. Schon seit dem 15. Jahrhundert konnten die Markgrafen das Brettental als in ihre Markgrafschaft einbezogen ansehen. Sie waren die Landesherren im Brettental.

X. Das 6. Kapitel: "Die freien Leute und das freie Amt" bringt eine eingehende Darstellung der rechtlichen Verhältnisse, die zum Begriff der freien Bauern und des freien Amts geführt haben. Die Vorzugsstellung der Bauern des Brettentals hat ihre Wurzel in ihrer Siedlungs- und Rodungstätigkeit, einer außergewöhnlich schweren Arbeit. Dafür sollten, sie auch Vorteile genießen. Die Siedler der Markgrafen hatten ihm jährlich lediglich einen Scheffel Hafer, zwei Hühner und zwei Tagesfronen zu leistein. Sie wären im übrigen frei von allen Steuern, frei vom Ehekonsens, frei von jeglicher Verpfändung (die sonst oft vorkam) und frei vom sog. Abzugsgeld (Freizügigkeit). Die freien Leute des Klosters waren etwas stärker belastet (Drittel, Fall und Ehrschatz), aber auch sie unterstanden der hohen Gerichtsbarkeit des Markgrafen und genossen seinen Schutz. Im Original hier Ende Seite 7 Seit dem 15. Jahrhundert besteht das Amt des Freivogts als des Vertreters des Markgrafen, und seit dem Anfang des 16. Jahrhunderts kommt der Name Freiamt auf. Die Landesverwaltung hatte ihren Sitz auf der Hochburg, später in Emmendingen. Auch Goethes Schwager, der Amtmann Schlosser, hatte öfter seine liebe Not mit den Freiämtlern, so z. B. 1784.

XI. "Kriegsnöte und unruhige Zeiten" ist das 7. Kapitel überschrieben.

Die Belagerung der Burg Keppenbach durch die Freiburger 1396 ist schon oben erwähnt. 1444 drangen die Armagnaken an das stille Tal und plünderten das Kloster aus. Gleiches geschah im Bauernkrieg, auch die Burg Keppenbach sank in Trümmer, das Kloster ging in Flammen auf.

Im Dreißigjährigen Krieg hatte die Markgrafschaft, da protestantisch zunächst unter den konfessionellen. Gegensätzen zu leiden. Nach des Markgrafen Georg Friedrich Niederlage bei Wimpfen 1622 rückten die Kaiserlichen ins Land und sogen es aus. Als 1632 die Schweden als Glaubensgenossen kamen, war es nicht besser. Nach der Schlacht bei Nördlingen 1634 tauchten erneut die Kaiserlichen auf. Die Hochburg fiel am 11. März 1636. Als dann Bernhard von Weimar als Verbündeter der Franzosen ins Land eindrang, begannen neue Leiden, 1637 und 1638. (1637 Zerstörung von Ettenheim, 1638 Einnahme und Zerstörung von Kenzingen). Überall Not und Elend, die Bewohner auf der Flucht, die Häuser niedergebrannt, kein Unterschied mehr ob Freund oder Feind.

In Freiamt lagen schließlich 124 Häuser in Trümmern, in Keppenbach waren alle 17 Höfe niedergebrannt. In Freiamt gab es zu Anfang des Krieges 160 Bürger, bei Kriegsende waren es hoch 76 Kriegskontributionen, insgesamt 33 140 Gulden.

Kaum 30 Friedensjahre waren dem armen Volk am Oberrhein geschenkt, die Wunden aus dem Dreißigjährigen Krieg noch nicht vernarbt, als die Kriegsfurie wieder über das Land fegte. Der Gegensatz zwischen Habsburg und Frankreich führte zu den Eroberungskriegen Ludwigs XIV. im sog. Holländischen Krieg (1672-1678) waren auch Ortenau und Breisgau Kriegsschauplatz. Im November 1676 fiel den Franzosen (Créqui) Freiburg in die Hand. Von dort aus unternahmen sie Beutezüge. Bei einem dieser Züge ging das Pfarrhaus in Keppenbach in Flammen auf. Auch die kaiserlichen Truppen hausten übel. Der Friede von Nymwegen 1678 brachte Freiburg unter die Herrschaft der Franzosen, die es stark befestigten (Vauban). Damit war eine Bedrohung der ganzen Nachbarschaft von selbst gegeben, wie sich schon im nächsten Eroberungskriege der Franzosen, im sog. Pfälzischen Erbschaftkrieg (1688-1697), zeigte, der der ganzen Gegend neue Leiden brachte, wenn auch die Hauptverwüstungen auf der Linie von der Pfalz bis nach Gengenbach lagen. (Mélac, Duras; Baden-Baden, Steinbach, Bühl, Stollhofen, Schwarzach, Lichtenau, Oberkirch, Offenburg, Gengenbach gingen in Flammen auf; Schreckensjahr 1689!). Die Bevölkerung hatte wieder unsäglich zu leiden, die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges schienen wieder gekommen. Obgleich Markgraf Friedrich Magnus (1677-1709) schon 1681 die Hochburg mit Rücksicht auf die in Freiburg in bedrohlicher Nähe sitzenden Franzosen kampfunfähig gemacht hatte, gaben sich jene damit nicht zufrieden, besetzten 12. Oktober 1688 die Burg und sprengten sie radikal. 1690 wurde Emmendingen geplündert.

Der Friede zu Ryskwijk 1697 brachte Freiburg wieder in deutsche Hand, aber nur für kurze Zeit Ruhe. Denn auch der spanische Erbfolgekrieg 1701-1714 ging nicht spurlos an unserer Gegend vorüber, an dessen Anfang das Gefecht bei Friedlingen-Tüllingen zur Verhinderung einer Vereinigung von Franzosen und Bayern (1702, Türkenlouis) Im Original hier Ende Seite 8 und an dessen Ende die Einnahme von Freiburg durch die Franzosen 1713 (Villars) stand. Ein Eintrag im Kirchenbuch Keppenbach von 1706 führt bewegliche Klage über den Einfall der Franzosen von 1705. Noch im Oktober 1713 mußten die Bewohner flüchten, sie hielten sich mit; ihrer Habe in abgelegenen Wäldern in den Bergen auf und konnten erst im November wieder zurückkehren.

Auf die Koalitionskriege der Jahre 1792flg., denen eine Friedenspause von 1735 ab vorausging (Ende des Polnischen Thronfolgekriegs), soll hier nicht näher eingegangen, lediglich erwähnt werden, daß es 1795 in Mußbach bei Plünderungen durch die Franzosen zu Schreckensszenen kam. Einquartierungen - das Kloster Tennenbach hatte beinahe dauernd solche -, Requisitionen, Kriegssteuern, Schanzarbeiten und sonstige Frondienste nahmen kein Ende und brachten das Volk an den Bettelstab.

Nach Beitritt Badens zum Rheinbund 1806 kämpften auch Söhne von Freiamt auf französischer Seite in den Kriegen 1806/07 gegen Preußen und Rußland, 1808/13 in Spanien, 1809 gegen Österreich; 12 Freiämter ließen ihr junges Leben. 1813/14 während der Freiheitskriege hatte Freiamt russische Einquartierung. Über das Lazarett im Kloster Tennenbach ist oben schon das Nötige erwähnt.

Die Volkserhebung! 1848/49 fanden auch in Freiamt manche Anhänger, auch unter der Geistlichkeit und Lehrerschaft.

Auf die allgemein bekannten Ereignisse der letzten Jahrzehnte soll hier nicht eingegangen werden.

XII. Das 8. Kapitel befaßt sich mit dem Bergbau im Brettental. Unter den ganz anders gearteten wirtschaftlichen Verhältnissen spielte der Bergbau des Schwarzwaldes im Mittelalter eine gegen jetzt viel größere Rolle. Man braucht nur an den Bergbau in Todtnau, Sulzburg, Kinzigtal usw. zu denken. Sogar der umfangreiche, mit allen technischen Errungenschaften ausgestattete Bergbau auf Blei, Zink und Silber am Schauinsland und im Kappeler Tal konnte sich nach über 65jährigem Bestehen nicht mehr halten und mußte seinen Betrieb einstellen,

Die Herzöge von Zähringen, an die das Bergregal im Breisgau von den Bischöfen von Basel als Lehen kam letztere hatten die Bergwerke von König Konrad II. geschenkt erhalten -, standen auch hinter dm Bergbau im Brettental, und das Seßhaftwerden der Herrn von Keppenbach im Brettental hängt wohl damit zusammen. Freilich waren diese Gruben nie von der Ergiebigkeit, wie etwa die Todtnauer und Sulzburger, und sie kamen bald wieder zum Erliegen. Der Niedergang des Geschlechts der Keppenbacher mag damit zusammenhängen.

Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden wieder mehrere Versuche zur Aufschließung der alten und zur Anlegung neuer Gruben gemacht, bei denen der Lehrer   G i e h n e   von Broggingen eine maßgebende Rolle spielte, aber ohne nennenswerten und dauerhaften Erfolg. Auch die Grube mit dem verheißungsvollen Namen "Silberloch" im Niedertal nördlich des Brettenbaches, brachte nur Enttäuschungen. Das Ende war, daß das Oberamt 1806 die Grube zumauern ließ. Auch ein weiterer Versuch im "Silberlich" im Jahre 1886 brachte keinen Erfolg. Über die Gruben im Brettental siehe auch J. B. Trenkle, Geschichte der Schwarzwälder Industrie, Braun, Karlsruhe, 1874, Seite 61. -

XIII. Das religiöse und kirchliche Leben bildet das Thema des 9. Kapitels.

Urkirche für die ganze Ungebung - Mundingen, Teningen, Niederemmendingen, Tennenbach und Keppenbach - war die Kirche Im Original hier Ende Seite 9 in Wöplinsger bei Mundingen, die das ganze Mittelalter hindurch auch Wallfahrtskirche war (St. Barbara) - und jetzt verschwunden ist. Als erster Pfarrer wird 1208 Burchardus genannt. Der letzte katholische Geistliche war Thomas Schmidlin (1557). Den Pfarrsatz (Kollatur) hat das Kloster Schuttern, Nach Teilung in die ernestinische und bernhardinische Linie (1535) führte der ernestinische Markgraf Karl II. 1556 in seinen Landen, darunter auch die Herrschaft Hachberg, die Reformation ein, nachdem schon sein Vorgänger Ernst dazu geneigt hatte. Als 1584 Karls II. drei Söhne sich in die Markgrafschaft teilten - Jakob einhielt die Herrschaft Hachberg - und dieser in Tennenbach 1590 zur Katholischen Kirche übertrat, setzte vorübergehend eine Gegenreformation ein, bis Jakob im gleich Jahr plötzlich starb. Die Teilung war nur vorübergehend, unter Markgraf Friedrich V. (regiert; 1622-1659) vereinigte sich die evangelische Markgrafschaft wieder.

Das Freiamt war noch im 16. Jahrhundert ohne eigene Pfarrei. Der untere Teil des Tales (Tennenbach und Keppenbach) wurde von Wölpingsberg aus, der obere Teil (Mußbach, Brettental, Reichenbach) von Ottoschwanden aus versehen. Erst seit 1660 hatte Keppenbach einen eigenen Pfarrer, wie es der Markgraf 1588 schon gewünscht hatte. Während des 30jährigen Krieges war zudem überhaupt alles in Unordnung geraten und die seelsorgerliche Betreuung sehr unzureichend gewesen. Den Pfarrsatz für Keppenbach hatte nach wie vor das Kloster Schuttern, in Mußbach seit 1231 das Kloster Tennenbach, in Reichenbach und Brettental der Markgraf. Die Verhältnisse waren also nicht gerade einfach. Ein Visitationsbericht vom 20. Juli 1669 gibt ein Bild des damaligen Zustandes.

Heute noch gehören die Ortsteile Keppenbach und Reichenbach zur Pfarrei Keppenbach, Brettental und Mußbach zur Pfarrei Ottoschwanden. Seit 1909 besteht aber ein Vikariat für Mußbach und Brettental, das 1928 in ein Pfarrvikariat Freiamt - Brettental umgewandelt wurde. In absehbarer Zeit soll eine Pfarrei Mußbach errichtet worden, nachdem die Bevölkerung durch Flüchtlinge noch Zuwachs erhalten hat.

Die wenigen Katholiken der Gemeinde Freiamt gehören zum Teil zu Schweighausen (Ortsteil Brettental), zum Teil zu Emmendingen (Ortsteile Mußbach, Reichenbach und Keppenbach), die Katholiken von Gscheid, Pechofen usw. zur benachbarten Pfarrei Siegelau.

Jeder der 4 Ortsteile hat seine Kirche. Von allen 4 Kirchen gibt der Verfasser eine Beschreibung. Ein Verzeichnis der Pfarrer von Keppenbach, der Vikare und Pfarrvikare von Freiamt-Brettental (Seit 1909) und der Pfarrer von Ottoschwanden schließt dieses Kapitel ab.

XIV. Das 10. und letzte Kapitel befaßt sich mit den Bewohnern von Freiamt.

Das System der großen geschlossenen Einzelhöfe im Schwarzwald, bedingt durch die natürlichen Verhältnisse, steht in schroffem Gegensatz zu den geschlossenen Dorfschaften in der Rheinebene und der Vorbergzone. Im Schwarzwald entstanden nur schwache und unbedeutende Ortskerne, in frühester Zeit meist in Verbindung mit Kirchen.

Der Verfasser vermutet, daß die ersten Ansiedler ins Brettental vom Elztal her oder über die Höhe von Ottoschwanden kamen, die großen Höfe von Keppenbach und Mußbach müßten daher die ältesten sein. Von hier begann die weitere Siedlungs- und Rodungstätigkeit. Die Namen der 4 Ortsteile auf -bach und -tal kennzeichnen die spätere Besiedlung, im Gegensatz zu den Ortschaften in der Ebene auf -ingen, -heim, -hausen. Die auf die älteste Zeit zurückgehenden Flurnamen sind auch in Freiamt aufschlußreich. Im Original hier Ende Seite 10

Das Hauptgewicht der Landwirtschaft im Brettental lag immer auf dem Weidebetrieb und der Viehzucht, während der Getreidebau etwas zurücktrat und sich im wesentlichen auf Roggen und Hafer beschränkte. Im übrigen strebte die Wirtschaft jedes Hofes nach Autarkie und erzeugte nach Möglichkeit alles für den Lehensbedarf Erforderliche. Die in früheren Zeiten üblichen Beutefelder sind in Abgang gekommen, z. T. infolge der neuen intensiven Bewirtschaftung mit Kunstdünger, wie Thomasmehl, Düngekalk, Kali- und Stickstoffdüngemitteln, die höhere Erträge und Vergrößerung des Viehbestandes ermöglichten.

Von großer Bedeutung für die wirtschaftliche und soziale Entwicklung auch im Brettental war das Recht der geschissenen Hofgüter mit Anerbenrecht: der jüngste Sohn erbt den ganzen Hof, evtl. die älteste Tochter, und zwar zu einem vorteilhaften Anschlag, dem sogenannten kindlichen Anschlag. Der übergebende Bauer geht ins Leibding. Das Schicksal der weichenden Erben war oft hart, früher ein ländliches Proletariat zur Folge habend, in der neueren Zeit der industriellen Entwicklung stark gemildert durch die Möglichkeit der Arbeitsaufnahme in der Industrie. Handwerker aller Art hat es auch in Freiamt immer gegeben, z. T. hervorgehend aus den weichenden Erben.

1669 hatte Freiamt etwa 409 Einwohner, 1790 127 Haushaltungen, dazu 13 Witwer und 30 Witwen. 1813 waren es 750 Seelen, und 1885 zählte man schon 1997 Einwohner (338 Haushaltungen), 1946 waren es 2037 Einwohner, evangelisch 1947 - 95, 6% katholisch 86 - 4,2%.

1939 hatten die einzelnen Ortsteile folgende Einwohnerzahlen: Keppenbach 340 davon K.-Dorf 61, die übrigen in den Zinken Am Felsen, Am Rain, Gescheid, Glasig, Kammerhöfe, Pechofen; Reichenbach 585, davon R.-Dorf 361, die restlichen in den Zinken Busengraben, Dörner, Felsenloch, Kölblinsberg, Rain, Schillingerberg, Schloßberg, Schweizerloch, Vorhof; Mußbach 755, davon in M.-Dorf 143, die übrigen in den Zinken Allmendsberg, Bus, Eckacker, Graben, Helgenreuthe, Mutterstegenhof, Niedertal, Sägplatz, Saisen; Brettental 367, in Br.-Dorf 138, die übrigen in den Zinken Bildstein, Dürrhöfe, Graben, Herrenhof, Hocken, Scheerberg, Waldshut. Diese Aufzählung ist deshalb von großem Interesse, weil sie ergibt, aus wie zahlreichen einzelnen Zinken sich die Gemeinde zusammensetzt.

Die Gemarkung Freiamt umfaßt insgesamt 3799 ha, sie ist nach Preschtal die größte Gemarkung im Kreis Emmendingen, 1390, 22 ha sind Wald, wovon die Gemeinde selbst nur 82 ha besitzt. Das Übrige entfällt auf die großen Bauernhöfe.

Der das Brettental durchwandernde Heimatfreund trifft noch manch schönes Schwarzwaldhaus. Auch die Tracht hat sich, wenigstens bei den Frauen, noch erhalten.

Jeder der 4 Ortsteile besitzt eine Schule, also   e i n e   Landgemeinde mit   v i e r   Schulen, auch eine Besonderheit.

Auch freundliche Einkehrmöglichkeiten bieten sich dem wandernden Heimatfreund: In Brettental steht das Gasthaus zur Sonne, unter dem Namen "Ludinsmühle" weit bekannt, in Reichenau das Gasthaus zum Lamm, Waldlust und"Freiamter Hof, in Keppenbach das Gasthaus zum grünen Baum. In Nußbach "Krone" und "Eckacker".

Zwei Gesangvereine bestreiten das kulturelle Leben: einer in Keppenbach-Reichenbach, ein anderer in Mußbach-Brettental, ferner zwei Musikkapellen. Die Freiamter "Singmädel" sind gelegentlich sogar im Rundfunk zu Chören. Richard   S c h n e i d e r ,   der Im Original hier Ende Seite 11 Dichter und Komponist des Freiamter Heimatliedes, verdient besondere Erwähnung, zumal er sich auch sonst um das Musikleben annimmt. (Das Heimatlied ist Seite 9 des Werkes abgedruckt).

Bürgermeister Christian   S c h n e i d e r   d.  J.   war seit 1919 Abgeordneter der demokratischen Partei im Landtag. Unter ihm entstand das neue Rathaus am Sägplatz. Der jetzige Bürgermeister Gottlieb Reinhold vertrat als CDU- Abgeordnet er seine Wähler 1947 bis 1952 im Freiburger Parlament - woraus sich ergibt, daß Freiamt auch Männer hervorbringt, die über den Kreis ihrer Heimat hinauswachsen.

Den Beschluß des 10. Kapitels bildet ein Verzeichnis der Freivögte, Bürgermeister, Ratschreiber und Gemeinderechner von Freiamt.

Seite 115/18 ist auch der Sagenschatz von Freiamt berücksichtigt.

Ein eingehendes Verzeichnis des benützten Schrifttums zur Heimatgeschichte von Freiamt ist beigefügt (Seite 119/20).

+ + +

Dieser Bericht geht über den sonst üblichen Rahmen einer "Besprechung" etwas hinaus. Er wollte und sollte aber auch nicht nur eine Besprechung sein, sondern allen Interessierten, denen das Dorfsippenbuch nicht ohne weiteres zugänglich ist, an Hand desselben in zusammengedrängter Form einen kurzen Überblick über die interessante Geschichte der Gemeinde   F r e i a m t   darbieten, wobei gelegentlich auch aus Eigenem geschöpft wurde. Andererseits kann dieser Bericht aber nicht etwa ein Ersatz für das Original sein, vielmehr allen Heimatforschern unserer engeren Heimat nur dringend empfohlen werden, die ausgezeichnete Ortsgeschichte von Albert   K ö b e l e   im Original zur Kenntnis zu nehmen.

Ettenheim, den 14. Oktober 1954.

Zurück zum Seitenbeginn