Zum nächsten ArtikelZum VorwortFerdinand, Dr. Johann Baptist, Neue Miszellen aus Heimat und Landschaft, Band 2 (1954-1959) 162 S.
1. Artikel: Professor Jäger 80 Jahre alt. S. 3-4

Professor Jäger 80 Jahre alt

(H. B. 2.11.1954)

Ein allseits bekannter und hochgeachteter Bürger der Rohan-Stadt kann am 4. November 1954 auf ein reich erfülltes Leben von acht Jahrzehnten zurückblicken: Professor i. R. Edmund Jäger.

Am 4. November 1874 nachmittags ein halb 12 Uhr erblickte Professor Jäger in Ettenheim das Licht der Welt als Sohn des Geometers Vinzenz Jäger und dessen Ehefrau Magdalena geb. Hog. Schon der Vater des Jubilars war in Ettenheim ein stadtbekannter und angesehener Mann, der nicht nur ein guter Geometer, sondern auch eine künstlerisch veranlagte Persönlichkeit war, von dessen zeichnerischen Fähigkeiten noch heute in. manchen Ettenheimer Bürgerhäusern Darstellungen des Städtchens aus den Siebziger und früheren Jahren zeugen. Aus der Ettenheimer Revolutionsgeschichte ist bekannt, daß der Vater des Jubilars, geboren 1822 und deshalb noch zum II. Aufgebot (18-30 Jahre) zählend, im Frühjahr 1849 mit ausrücken mußte und nach der Niederlage der Revolutionäre im Unterland einen langen Irrweg über das Gebirge machte, um den Preußen nicht in die Hände zu fallen.

Doch zurück zu unserem Jubilar! Nach Absolvierung der näheren Schule widmete er sich dein Stadium der Mathematik und Naturwissenschaften und legte 1902 das Staatsexamen als Lehramtspraktikant ab. Von 1904 ab war er als Lehrer an der Oberrealschule in   P f o r z h e i m   tätig, wo er 1906 zum Professor ernannt wurde" Noch als Lehramtspraktikant, am 4. September 1905" vermählte er sich in Ettenheim mit Maria Theresia   A n d l a u e r ,   der am 12. Mai 1876 in Ettenheim geborenen Tochter des zur Zeit der Hochzeit schon verstorbenen Sonnenwirts Adolf Andlauer und. der Luise geb. Reinbold. Zeugen bei der Trauung waren Sparkassenkontrolleur Carl Andlauer und Fabrikant Carl Hermann Jäger in Leipzig, der hier wohlbekannte, 1860 in Ettenheim geborene, also um 14 Jahre ältere Bruder des Jubilars, der schon 1920 in Ettenheim verstorben ist.

Dem bescheidenen und zurückhaltenen Wesen des Jubilars entspricht es, daß er Zeit seines Lebens bis zur Pensionierung seiner Schule in Herbolzheim die Treue gehalten hat.

Auch ist er von schweren Schicksalsschlägen nicht verschont geblieben: ein verheirateter Sohn ist aus dem letzten Kriege nicht zurückgekehrt, und den schweren Luftangriffen auf Pforzheim in den letzten Phasen des Krieges ist sein dortiges Hab und Gut zum Opfer gefallen. Zwei Kinder leben, noch mit ihm in häuslicher Gemeinschaft, der kriegsverletzte Sohn Otto und die Tochter Maria.

Aus dem ihm zur zweiten Heimat gewordenen Pforzheim durch den. Krieg vertrieben, ließ sich der Jubilar in seiner Heimat Ettenheim nieder, die er schon früher in den Ferien immer wieder besucht hatte, und verbringt, noch rüstigen Geistes und guter Gesundheit, mit seiner treuen Lebensgefährtin seinen Lebensabend in dem von seiner Gattin herrührenden Haus zur Sonne, von dessen, oberem Stockwerk aus er den romantischsten Teil von Alt-Ettenheim - Kirchstraße mit dem Geburtshaus des Oberbürgermeister Dr. Winterer und. der alten Klosterschaffnei (Haus Störk), Rathaus und die hochragende Barockkirche - täglich vor Augen hat. So lebt er inmitten der so reichen Ettenheimer Geschichte. Ist doch auch die "Sonne" ein historisches Gebäude. Noch in den 1920er Jahren ein angesehenes und viel besuchtes Gasthaus, dessen Schildgerechtigkeit aus "unvordenklichen" Zeiten stammt, in dem - so kann man annehmen - Hebel im Jahre 1801, von Ottoschwanden und Broggingen kommend, dem Kardinal einen Schoppen Wein "verumgeldete" (versteuerte ). Im Original hier Ende Seite 3 In der "Sonne" hielt sich am 4. März 1804 ein von Straßburg entsandter Spion, der Gendarmeriemateroffizier Lamothe, auf, um den Prinzen Enghien und seine Umgebung auszukundschaften. - Um die Jahrhundertwende war die "Sonne" beliebte Einkehr aller nach Ettenheim kommenden Beamten. Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch, den ein poetisch veranlagter Amtsanwalt während einer Schöffensgerichtssitzung über Schmieheimer Raufereien in sein Stehpult eingravierte:

"Oed ist's hier und ohne Wohne,
Schmieheims Händel sind kein Spaß,
lieber säß' ich in der "Sonne"
bei einem guten Trunk und Fraß !"

Nach dieser geschichtlichen. Abschweifung wieder zurück zu unserem Geburtstagskind! In ihm verehren wir nicht" nur einen vorzüglichen und hochgeschätzten früheren Lehrer, einen besorgten Gatten und Familienvater und einen treuen Sohn seiner Kirche, sondern auch einen gottbegnadeten Sänger und Musiker. Seit über 60 Jahren ist Professor Jäger Mitglied des Kirchenchors, bei keiner kirchlichen oder sonstigen Veranstaltung fehlt seine Stimme, und in Notfällen ersetzt er auch, den Dirigenten und Organisten. So ist nicht zu verwundern, daß er schon vor längerer Zeit durch einen päpstlichen Orden wohlverdiente Ehrung erfuhr. - 1937 stiftete die Familie Prof. Jäger die Schutzengelglocke (250 kg), die den Krieg überdauert hat. -

So veinigen sich seine Verwandten, Bekannten und Freunde, ja die ganze Stadt Ettenheim in dem Wunsche, unser lieber Herr Professor   J ä g e r   möge noch viele Jahre der Muße in seinem "sonnigen" Heim beim Rathaus verbringen dürfen, und Gott der Herr möge seinen reichen Segen ausgießen über ihn und seine geschätzte Familie für und für!

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