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Eine Möglichkeit der Erklärung ist, dass man im Gottesknecht eine Personifikation Israels sieht. Die Gemeinde Israels würde dementsprechend symbolisch als Gottesknecht angesprochen. Dafür würde sprechen, dass an anderen Stellen im Werk Deutero-Jesajas Israel tatsächlich als Knecht bezeichnet wird.
Aber die individuellen Züge dieses Gottesknechtes sind sehr ausgeprägt. Deshalb sehen andere Exegeten, die gegenwärtig wohl die Mehrheit bilden, im Knecht eine geschichtliche Person, und zwar entweder der Vergangenheit oder der Gegenwart.
So könnte man hinter diesem Gottesknecht tatsächlich den Propheten Deutero-Jesaja selbst sehen. Das hieße, dass Deutero-Jesaja sein eigenes Schicksal in diesen Gottesknecht-Liedern dargestellt hätte. In diesem Falle wäre das vierte Lied, das dann seinen Tod schildert, von seinen Schülern hinzugefügt worden.
Keine der Deutungen löst aber alle Schwierigkeiten, die die Gottesknechtslieder aufgeben. Und auch verknüpfte Lösungsmöglichkeiten, wie etwa die Auffassung, dass der Knecht wohl ein einzelner sei, der aber das Schicksal des ganzen Volkes verkörpert, lassen viele Fragen offen.
Die Schwierigkeiten der autobiographischen Deutung lassen sich in zwei Grundfragen zusammenfassen. Zum einen: Warum ist die Präsentation des Gottesknechtes Jes 42 nicht in den Auditionsbericht Jes 40 integriert? Bedarf es einer gleichsam zweiten Berufung, weil Deutero-Jesajas Auftrag an Israel auf die Völker erweitert wird? Wieweit übernimmt der Prophet diese weltweite Verkündigung aber wirklich (vgl. Jes 42,10; 43,10; 52,10 u. a.)? Zum andern: zielen die ersten drei Lieder nicht von vornherein auf Jes 53, so dass die vier Texte als Einheit zu verstehen sind? Wie kann die Schülerschaft von ihrem Meister im Rückblick bekennen, dass er Leben nach dem Tode empfing und die Schuld der "Vielen" trug?
(Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 267)
Dr. Jörg Sieger - Einführung in die Bibel