Die Situation Abrahams

Gottes Wort...

"Fürchte dich nicht, Abram! Ich bin dein Schild; dein Lohn soll sehr groß sein." (Gen 15,1)

... dieses Wort ist demnach der "fundamentale", weil alles weitere fundamentierende Zuspruch Jahwes an den Menschen Abraham. Aber dieser Zuspruch trifft einen Abraham, der in schwere Zweifel verstrickt ist.

1. Verheißung der Nachkommenschaft und reale Kinderlosigkeit

Abraham ist kinderlos. Und Kinderlosigkeit wurde im Alten Testament schon beinahe als Fluch gewertet. Für Abraham spricht diese Kinderlosigkeit demnach gegen jegliche Zukunft.

Von daher ist es nicht schwer zu begreifen, dass die Verheißung einer großen Nachkommenschaft, die Abraham ja bereits schon vorher (vgl. Gen 12,2) gemacht worden war, als einen quälenden Gegensatz zu seiner konkreten Wirklichkeit empfunden haben muss. Abraham fasste sich daher ein Herz und stellte seine innere und äußere Lage im frei gewagten Wort vor seinen Gott hin:

"Mein Herr Jahwe, was kannst du mir geben, da ich kinderlos dahingehe..." (Gen 15,2)

2. Klagen und Anklagen Gottes

Das ist ein mutiges Wort: "Was kannst du mir schon geben!?" Aber solch ein mutiges Klagen, das sich an anderen Stellen im Alten Testament ja sogar bis zur Anklage Gottes steigern kann , finden wir in der Religion Israels immer wieder.

Für Israel ist es keine Sünde, zeitweilige Glaubenszweifel zu haben. Glaubenszweifel sind vielmehr von Gott tolerierte Zeugnisse menschlicher Befindlichkeit.

Wichtig für Israel ist aber, dass man diese Glaubenszweifel in erster Linie dem göttlichen Bundespartner vorträgt. Man nimmt hier also nicht den Umweg über den Mitmenschen, mit dem man sich dann etwa intellektuell über die Glaubensschwierigkeiten auseinandersetzt. Man ringt unmittelbar mit seinem Gott. Und genau dadurch geschieht ja bereits ein erster Schritt zur Überwindung des Zweifels.

Dieses unmittelbare Ringen mit seinem Gott im Gebet ist nicht zuletzt auch von Jesus bezeugt. Ich erinnere nur an sein Gebet am Kreuz. Mit einer klagenden Frage wendet er sich unmittelbar an Gott, indem er Ps 22 zu beten beginnt.

"Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?" (Ps 22,2; vgl.: Mk 15,34; Mt 27,46)

3. Jahwes Reaktion

Solch ein Ringen mit Gott, wird von Jahwe nicht getadelt; ganz im Gegenteil. Und so tadelt Jahwe auch Abraham nicht.

Allerdings zerstreut er die Zweifel Abrahams auch nicht sofort. Er setzt nicht etwa ein Wunderzeichen, um dadurch dem Glauben Abrahams gleichsam eine handgreifliche Stütze zu geben. Gott tut nichts anderes, als seine Verheißung, die er dem Abraham ja bereits schon einmal gegeben hatte, noch einmal zu wiederholen. Er erneuert ganz einfach seine Verheißung. Er tut dies an dieser Stelle allerdings in einer ganz besonders eindrucksvollen Art und Weise.

Abraham wird von ihm veranlasst aus seinem Zelt herauszutreten. Und der Elohist schildert das ganz großartig. Gott führt Abraham gleichsam im wörtlichen Sinne aus seinem "umnachtenden" Zelt heraus und stellt ihn unter die Pracht des südlichen Sternenhimmels. Hier verdeutlicht Gott dem Abraham an den unzähligen Lichtpunkten die Größe seiner Verheißung. So zahlreich werde auch seine Nachkommenschaft sein.

Genau dadurch, genau durch dieses Erlebnis, besinnt sich Abraham nun neu. Oder, wie Alfons Deissler sagt:

"Durch diese sinnenhafte Wahrnehmung einer vom göttlichen Wort zum Bild und Gleichnis erhobenen irdischen Wirklichkeit wird Abraham ein sich neu Besinnender."

Seine Zweifel lichten sich gleichsam unter dem Licht der Gestirne, die der Schöpfergott ins Dasein gerufen hat (vgl. Jes 40,26; Ps 8,2. 4; 147,4). Dadurch aber wird der ins Gleichnis Schauende zu einem dem Gleichnislehrer Glaubenden.

"Er glaubte Jahwe, und der rechnete es ihm zur Gerechtigkeit an" (Gen 15,6)

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Biblisch glauben! (Freiburg i. Br. 1982) 22-24.

2) Alfons Deissler, Biblisch glauben! (Freiburg i. Br. 1982) 23.

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Letzte Änderung: 15. März 2011