Gottes Zuspruch an Abraham

Um dieses spezifische Glaubensverständnis Israels besser verstehen zu können, möchte ich ein paar in diesem Zusammenhang wichtige Texte ein wenig genauer untersuchen.

Betrachten wir zunächst Gen 15,1-6, den Schlüsseltext für das Verständnis von Glauben im Alten Testament überhaupt. Diese Stelle lautet bekanntermaßen:

"Nach diesen Ereignissen erging das Wort des Herrn in einer Vision an Abram: Fürchte dich nicht, Abram, ich bin dein Schild; dein Lohn wird sehr groß sein. Abram antwortete: Herr, mein Herr, was willst du mir schon geben? Ich gehe doch kinderlos dahin und Erbe meines Hauses ist Eliëser aus Damaskus. Und Abram sagte: Du hast mir ja keine Nachkommen gegeben; also wird mich mein Haussklave beerben. Da erging das Wort des Herrn an ihn: Nicht er wird dich beerben, sondern dein leiblicher Sohn wird dein Erbe sein. Er führte ihn hinaus und sprach: Sieh doch zum Himmel hinauf und zähl die Sterne, wenn du sie zählen kannst. Und er sprach zu ihm: So zahlreich werden deine Nachkommen sein. Abram glaubte dem Herrn und der Herr rechnete es ihm als Gerechtigkeit an." (Gen 15,1-6)

Wir haben es hier zunächst einmal mit einer Gottesoffenbarung an Abraham zu tun.

Abraham empfängt eine Offenbarung. Und dies wird in Gen 15 auf ganz ähnliche Weise geschildert, wie wir das vom Offenbarungsempfang bei den Propheten - etwa Jes 6 oder Jer 1 - her kennen.

Zu all diesen Gottesoffenbarungen gehört im alten Orient anscheinend, dass derjenige, der sie empfängt, zunächst erschrickt. Ein solches Gotteswiderfahrnis ist für die alten Orientalen an sich anscheinend etwas furchterregendes. Der Mensch des Orients hat hier eine besondere Sensibilität für das Erschreckende der göttlichen Übermächtigkeit (vgl. Ex 3,5).

Darum ist das Allererste, was Gott zu Abraham sagt, die mutmachende Aufforderung, Furcht und Zittern abzulegen. So beginnen Gottesoffenbarungen in der Schrift ja recht häufig (vgl. Gen 26,24; 46,3 u. a.). Das erste, was Gott sagt, ist:

"Fürchte dich nicht!" (Gen 15,1)

Das heißt aber bereits, dass Gott schon ganz am Anfang seine gütige Zukehr bezeugt. Er beginnt damit, dem Angesprochenen deutlich zu machen, dass er sich diesem in Güte zuwenden möchte.

1. Gott als "Schild"

Und diese Güte Gottes wird erst recht deutlich, wenn sich Gott als "Schild" vorstellt. Er ist Abrahams "Schild". Ein Motiv, das auch in den Psalmen häufig begegnet (vgl. Ps 3,4; 5,13; 28,7; 33,20 u. a.).

Gott umgibt also den vielbefochtenen Nomaden und seine Sippe nicht nur mit seiner Hilfe. Er selbst macht sich zu Abrahams Hilfe. Er ist Abrahams Schild. Diese unerhört verdichtete Zusage Gottes hat das Bewusstsein Israels stark geprägt.

2. Das Sprechen vom "Lohn"

Über dieses Sprechen vom "Schild" hinaus, verheißt Gott dem Abraham zusätzlich einen "Lohn".

Auch im Hebräischen wird das Wort "Lohn" zwar oft im Sinne von "Entlohnung", Entlohnung einer Leistung etwa, gebraucht. Dieses Wort gewinnt aber im religiösen Sprachgebrauch manchmal eine erweiterte Bedeutung. Es gewinnt dann den Bedeutungsgehalt von "Anerkennungsgeschenk". So wie jemand einem anderen etwas zukommen lässt, wenn er von ihm etwa beeindruckt ist.

In diesem Sinne verheißt Gott auch dem Abraham einen Lohn. Dementsprechend aber nicht als Entlohnung für eine Leistung, sondern im Sinne eines "Anerkennungsgeschenkes". Gottes Gnade wird also nicht "erleistet". Auch Abraham empfängt sie als Gottes freies Geschenk und soll sie nun durch gottgetreues Tun bewahren.

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Biblisch glauben! (Freiburg i. Br. 1982) 21-26.

2) Vgl.: Alfons Deissler, Biblisch glauben! (Freiburg i. Br. 1982) 22.

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Letzte Änderung: 15. März 2011