Die "Gottesknechtlieder"

Dies soll als kurzer Blick auf die messianischen Texte in den Psalmen genügen. Wenden wir uns nun dem zweiten Gipfelpunkt der Messias-Botschaft zu.

Wir haben als einen zentralen Gedanken ja bereits das Sprechen vom Friedenskönig, der den Menschen zugeneigt ist und dem Kriegspferd entsagt, erhoben. Nun kommen wir zum zweiten zentralen Gesichtspunkt, zum Sprechen vom Gottesknecht nämlich.

1. Die Gottesknechtslieder - messianische Texte?

Falls man die Vokabel "messianisch" nur ganz eng im Sinne von "königlich" versteht, gehören die "Lieder vom Knecht Jahwes" natürlich nicht mehr zu den messianischen Texten. In ihnen begegnet zwar auch noch der ein oder andere königliche Zug, die Rolle der Heilsfigur, die der "Knecht Jahwes" darstellt, ist aber aufs große und ganze gesehen keine königliche Rolle mehr. Der "Knecht Jahwes" ist vorab Prophet und Weisheitslehrer.

Wenn man "messianisch" nun aber im erweiterten und üblich gewordenen Sinn versteht, wenn "messianisch" also im Sinne von "heilsmittlerisch" verstanden wird, dann fallen die Lieder vom Gottesknecht ganz selbstverständlich unter die Kategorie der messianischen Texte. Sie stellen dann sogar einen Brennpunkt der messianischen Botschaft dar.

2. Der exegetische Befund

Nach dem gegenwärtigen Stand der Exegese scheinen diese Lieder vom Gottesknecht ursprünglich einmal selbständig gewesen zu sein. Die vier Lieder stellten wohl eine eigene kleine Sammlung dar. Wahrscheinlich wurden sie dann von der deutero-jesajanischen Schule in das Prophetenbuch eingearbeitet.

Umstritten in der wissenschaftlichen Diskussion ist nun vor allem die Deutung des "Jahwe-Knechtes". Wer verbirgt sich hinter dem ["<æbæd jahwe"]? Vor allem die Frage, ob diese Gestalt als Individuum zu deuten ist, oder ob sie kollektiv für ganz Israel steht, wird unterschiedlich diskutiert.

Vermutlich ist beides richtig. In altestamentlicher Sicht ist eine Führungsfigur auch immer Haupt und Repräsentant ihrer zugehörigen Gemeinschaft. So kann der Gottesknecht ohne weiteres eine Einzelgestalt sein, die dann auch als Repräsentant des ganzen Volkes verstanden wird.

Auf jeden Fall hat schon Trito-Jesaja, also bereits das Alte Testament, den "Gottesknecht" als Einzelgestalt verstanden (Jes 61,1-3). In ihrer Wirkungsgeschichte wurde diese Figur also individuell gedeutet.

So ist es nicht verwunderlich, dass das Neue Testament den Gottesknecht dann mit Jesus und seiner Funktion als Heilsmittler identifiziert.

3. Das erste Lied vom Gottesknecht (Jes 42,1-4)

Im ersten Lied vom Gottesknecht (Jes 42,1-4) wird nun die Einsetzung dieses Knechtes durch Gott geschildert:

"Seht, mein Knecht, den ich stützte, mein Erwählter, an dem ich mein Wohlgefallen habe! Ich lege meinen Geist auf ihn, dass er den Völkern die Wahrheit verkünde. Er wird nicht schreien und nicht lärmen, noch lässt er auf den Straßen seine Stimme hören. Ein geknicktes Rohr zerbricht er nicht, und einen glimmenden Docht löscht er nicht aus. In Treue trägt er das Recht hinaus. Er wird nicht ermatten und nicht zusammenbrechen, bis er das Recht auf Erden begründet; denn die Inseln harren auf seine Weisung." (Jes 42,1-4)

Die Designation des Gottesknechtes erinnert dabei an die Einsetzung der Könige, wie etwa die Einsetzung König Sauls in 1 Sam 9,15-17. Während aber die Könige vorab für das Recht ( ["mischpath"]) zu sorgen hatten, fällt hier auf, dass die Aufgabe dieses Knechtes eher eine prophetische ist. Er bringt den Völkern die Wahrheit (Jes 42,1b) und auf seine Weisung harren die Inseln, was gleichbedeutend ist mit den Kontinenten, also dem Wohngebiet aller Völker (Jes 42,4b).

Wenn er das "geknickte Rohr" nicht zerbricht und den "glimmenden Docht" nicht auslöscht (Jes 42,3) dann ist das ein Verweis auf Gottes Erbarmen. Auch der Knecht, den Jahwe senden wird, auch er erweist seine Größe vor allem im Erbarmen und Verschonen.

Die Verheißungen von Jes 42,1-4 sehen Mk 1,11; Mt 3,13-17 und Lk 3,22 in Jesus, dem Christus, erfüllt. Hier wird das Wort Jahwes an seinen Knecht wörtlich zitiert. Einzige Änderung ist, dass das Wort "Knecht" im Neuen Testament durch das Wort "Sohn" ersetzt wird.

4. Das zweite Lied vom Gottesknecht (Jes 49,1-6)

Das zweite Lied vom Gottesknecht in Jes 49,1-6 unterscheidet sich nun vom ersten entscheidend. Im ersten Gottesknechtslied haben wir ja formal einen Gottesspruch vorliegen. Es ist der Form nach ein göttlicher Designationsspruch. Im zweiten "Lied" hingegen spricht der Knecht selbst. Es ist demnach ein Selbstbericht des berufenen Knechtes.

"Hört mich, ihr Inseln, und merkt auf, ihr fernen Völker! Jahwe berief mich vom Mutterleib, vom Mutterschoße an nannte er meinen Namen. Er machte meinen Mund zu einem scharfen Schwert und hielt mich fest im Schatten seiner Hand; er machte mich zu einem glatten Pfeil, in seinem Köcher barg er mich. Und er sprach zu mir: "Mein Knecht bist du, [Israel,] durch den ich mich verherrlichen will." Ich aber sagte: "Ich habe mich umsonst gemüht, vergebens und nutzlos meine Kraft verzehrt." Doch fürwahr, mein Recht steht bei Jahwe, der Lohn bei meinem Gott. Ich wurde geehrt in den Augen Jahwes, mein Gott war meine Stärke. Nun aber spricht Jahwe, der Herr, der mich vom Mutterleib zu seinem Knecht gebildet hat, um Jakob zu ihm zurückzuführen, und dass ihm Israel gesammelt werde: "Zu wenig ist, dass du mein Knecht nur seist, um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und zurückzuführen, was aus Israel noch übrigbleibt. Ich mache dich zum Licht der Heiden, dass mein Heil bis an die Grenzen der Erde reiche."" (Jes 49,1-6)

Wie auch Jeremia nach Jer 1,5 schon vom Mutterschoß an berufen war, so sagt auch der Gottesknecht, dass Jahwe ihn bereits im Mutterleib berief.

Den Auftrag, den er dabei erhalten hat, umschreibt der Gottesknecht mit dem Wort "Sendung". Er ist gesandt um Jakob zu Gott zurückzuführen, um Israel bei ihm zu versammeln (Jes 49,5).

Der Knecht schildert aber auch, wie es ihm in dieser Sendung bisher ergangen ist. Er bezeichnet sich selbst als Gescheiterten (Jes 49,4). Es erging ihm wie Mose, Elija und Jeremia. Man hat ihn nicht wirklich angenommen.

Genau in dieser Situation wird der göttliche Auftrag an ihn nun erneuert:

"Zu wenig ist, dass du mein Knecht nur seist, um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und zurückzuführen, was aus Israel noch übrigbleibt. Ich mache dich zum Licht der Heiden, dass mein Heil bis an die Grenzen der Erde reiche." (Jes 49,6)

Seine Sendung wird nun also geweitet auf alle Menschen, bis an die Grenzen der Erde. Der Knecht soll zum Licht der Heiden werden.

Das ist ein bislang unvergleichlicher Auftrag im Rahmen des Alten Testamentes und es ist gleichzeitig eine Zusage Gottes, die das Neue Testament dann in Jesus dem Christus erfüllt sieht.

5. Das dritte Lied vom Gottesknecht (Jes 50,4-9)

Das Scheitern des Gottesknechtes im Blick auf seine Sendung, steht auch im Mittelpunkt des dritten Liedes vom Gottesknecht (Jes 50,4-9). Wieder in der Form eines Selbstberichtes schildert der Knecht eine Situation, die der des Propheten Jeremia gleicht: Er wird nicht nur nicht angenommen, er erfährt sogar Verfolgung, Schmähung und Misshandlung.

Aber all diese Verfolgungen schaffen es nicht, dass sein Vertrauen auf Jahwe erschüttert würde. Der Knecht hält fest an der Überzeugung, dass Jahwe ihm Rechtshelfer und Retter sein wird. Die Gegenmächte zerfallen wie ein Gewand, das die Motten zerfressen (Jes 50,9)

"Der Herr Jahwe gab mir eine Jüngerzunge. Damit ich verstünde, dem Müden zu antworten, bewirkt er ein Wort. Er weckt an jedem Morgen mir das Ohr, damit ich wie ein Jünger höre. Der Herr Jahwe hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber widerstrebte nicht, wich nicht zurück. Meinen Rücken bot ich den Schlagenden dar und meine Wangen den Raufenden. Ich verbarg mich nicht vor Schmähung und Bespeien. Der Herr Jahwe war mein Helfer; ich wurde deshalb nicht zuschanden. Darum machte ich mein Angesicht zu einem harten Kiesel; ich wusste ja, dass ich nicht beschämt werde. Nahe ist, der mir zum Recht verhilft. Wer will mit mir streiten? Lasset uns zusammentreten! Wer ist mein Gegner? Er trete zu mir heran! Seht, der Herr Jahwe ist mein Helfer. Wer will mich verdammen? Seht, sie alle zerfallen wie ein Kleid; die Motte wird sie fressen." (Jes 50,4-9)

Der Knecht versinkt also nicht im Klagen. Er steht vielmehr diese schlimme Situation tapfer durch, ja nimmt sie in einem Akt unbedingten Vertrauens an. Er kann sein Leiden annehmen, weil er darauf vertrauen darf, dass Jahwe sein Retter sein wird.

6. Das vierte Lied vom Gottesknecht (Jes 52,13-53,12)

Das vierte Lied vom Gottesknecht (Jes 52,13-53,12) nimmt die Thematik des dritten nun auf und entfaltet sie weiter.

a. Zum Inhalt des vierten Gottesknechtliedes

In einem Bericht in der dritten Person, also nicht mehr aus der Sicht des Knechtes selbst, wird nun über das Schicksal dieses Propheten und Weisheitslehrers gehandelt. Er selbst kommt nicht mehr direkt zu Wort.

Dabei wird das qualvolle Erleiden des Gottesknechtes interpretiert als Leiden in Stellvertretung für die Vielen und zu ihren Gunsten.

Der Haupttext dieses vierten Gottesknechtliedes wird dabei von einem Gottesspruch gerahmt:

"Seht, mein Knecht wird erfolgreich sein, erhöht werden, hoch emporsteigen und sehr erhaben sein." (Jes 52,13)

So beginnt das vierte Gottesknechtslied.

Und es endet auch wieder mit einer Gottesrede:

"Nach der Mühsal seiner Seele wird er Licht sehen und sich sättigen. Durch sein Leiden wird mein Knecht viele rechtfertigen, indem er ihr Verschulden auf sich nimmt. Darum will ich ihm die Vielen als Anteil geben, und die Mächtigen fallen ihm als Beute zu, dafür, dass er sein Leben in den Tod dahingegeben hat und unter die Übeltäter gezählt ward, während er doch die Schuld der vielen trug und für die Sünder eintrat." (Jes 53,11-12)

Der Hauptteil wird nun aus der Sicht derer geschildert, die dieses "Ereignis der Ereignisse" (Jes 52,15) miterlebt haben und hier bezeugen

Dabei schildern sie zunächst, wie der Knecht, der "Unschöne", von allen verachtet wird. Und die Schicksalsschläge, die den Gottesknechten treffen scheinen seinen Zeitgenossen ja auch noch recht zu geben. Er scheint ja auch ein von Gott "Ungesegneter" zu sein.

Letztlich wird ihm sogar ein öffentlicher Prozess gemacht, der mit einem Todesurteil endet. Und dies, obwohl er kein Unrecht getan hat und "kein trügerisches Wort in seinem Mund war" (Jes 53,9).

Wichtig ist, dass der Gottesknecht dieses Geschick auf sich nimmt und zwar im Bewusstsein, dass "Jahwe auf ihn lud die Schuld von uns allen" (Jes 53,6b). So hielt er still wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt. Und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer tat auch er seinen Mund nicht auf (Jes 53,7b).

Wehrlos wurde er durchbohrt "wegen unserer Verbrechen, und wegen unserer Sünden zermalmt" wie Jes 53,5 sagt.

Doch nun kommt die "unerhörte" (vgl. Jes 52,15) Wende: Gott, der Lebendige und Lebensspender, greift gleichsam hinab in die Tiefe des Todes und stellt den, "der sein Leben als Sühnopfer hingab" (Jes 53,10), auf die höchste Höhe des Lebens: "Nachdem er so vieles ertrug, erblickt er das Licht. Er sättigt sich an (Gottes-) Erkenntnis", d. h. "er wird Gottes zutiefst inne" (Jes 53,11).

Im Finale erklärt Gott selbst - diesmal in einer Übersetzung von Alfons Deissler:

"Mein Knecht, der gerechte, macht die Vielen gerecht; er lädt ihre Schuld auf sich. Deshalb gebe ich ihm seinen Anteil unter den Großen, und mit den Mächtigen teilt er die Beute, weil er sein Leben dem Tod preisgab und sich unter die Verbrecher rechnen ließ. Denn er trug die Sünden der Vielen und trat für die Schuldigen ein." (Jes 53,11b-12)

b. Würdigung des vierten Liedes vom Gottesknecht

Das vierte Lied vom Gottesknecht ist nun ganz klar der Gipfeltext der Reihe der Gottesknechtlieder. Ja, es bedeutet zugleich die höchste Höhe der altbundlichen Offenbarung. Hier sagt nun Jahwe selbst, dass durch diesen Knecht sein Plan endlich zum Ziel kommt. Der Plan Jahwes wird durch diesen Knecht gelingen (Jes 53,10b).

Alfons Deissler sagt hier:

"Der "Bogen des Bundes" findet in diesem "Stellvertreter" Israels endlich den Felsengrund, auf dem er für immer und ewig aufsetzen kann."

Im Gottesknecht kommt das biblische Ideal vom Menschen in seine letztmögliche Erfüllung. Dieses Ideal der menschlichen Bundespartnerschaft mit Gott hatte Mi 6,8 ja folgendermaßen umschrieben:

"Gerechtigkeit üben, den Brudersinn lieben, in Dienmut wandern mit Gott" (Mi 6,8)

Diesen "Brudersinn" treibt der Gottesknecht in seiner Verbundenheit mit Jahwe und mit seinen menschlichen Brüdern und Schwestern nun soweit, dass er als Unschuldiger in die Bresche des Bundesbruches tritt, um als Stellvertreter der Vielen und zu ihren Gunsten den "Ring des Bundes" für immer zu schließen. Das Entscheidende ist also sein Eintreten für die Menschen. Dieses Eintreten für die anderen wird daher auch insgesamt fünfmal in diesem kurzen Abschnitt erwähnt. Dafür wird ihm die Erhöhung und Erhebung zum "Haupt der Vielen" zuteil.

Wen der ursprüngliche Verfasser der Gottesknechtlieder mit diesem Knecht letztlich im Blick hatte, wird wohl kaum noch zu erheben sein.

Das Neue Testament sieht in diesem Sprechen vom Gottesknecht ganz klar eine Vorausverkündigung dessen, was sich im Christusereignis erfüllt hat. Jesus Christus, der gelitten hat, gestorben ist, begraben und auferweckt wurde, erfüllt, was Jes 53 verheißen wurde.

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 93-98; Alfons Deissler, Die Grundbotschaft des Alten Testaments (Freiburg 1972) 149-150.

2) Vgl.: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 94-95.

3) Vgl.: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 95-96.

4) Vgl.: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 96.

5) Vgl.: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 96-98.

6) Übersetzung nach: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 97.

7) Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 98.

8) Übersetzung nach: Alfons Deissler, Was wird am Ende der Tage geschehen? - Biblische Visionen der Zukunft (Freiburg 1991) 98.

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Letzte Änderung: 15. März 2011