Jahwe ist der bundeswillige Gott

Bereits im Namen Jahwe ist also schon das enthalten, was für Israel dann im Gottesbund Jahwe-Israel ausdrücklich entfaltet wird.

Und damit kommen wir zum zweiten Aspekt der Botschaft von Jahwe als Gott für Welt und Mensch. Wir kommen zur Botschaft von Jahwe als dem bundeswilligen Gott.

1.  Der Begriff ["berit"]

Das Wort, das diesen Gottesbund in der hebräischen Sprache bezeichnet, heißt ["berit"] (= "Bund").

a. Die Verwendung des Begriffs

["berit"] kommt im hebräischen Alten Testament etwa 290mal vor. Es fehlt jedoch in einzelnen Büchern völlig, zum Beispiel in den Büchern Joël, Jona oder auch Micha.

Das will noch nicht allzuviel heißen, denn es gibt auch eine Reihe von Begriffen, die das, was das Wort ["berit"] sagen möchte, ebenfalls umschreiben. Einer dieser Ersatzbegriffe wäre etwa das Wort "Erwählung".

Die Septuaginta übersetzt ["berit"] mit dem Ausdruck ["diathækæ"], was soviel bedeutet wie "Vermächtnis" oder "Testament". Damit tritt natürlich eine gewisse Akzentverschiebung ein. Von dort her kommen übrigens die Bezeichnungen Altes und Neues Testament.

b. Die Bedeutung des Wortes ["berit"]

Die Etymologie des Wortes ["berit"] ist bis heute umstritten.

(1) Vertragsabschluss und Mahl

Für die Volksetymologie ist dieses Wort mit dem Begriff ["barah"] verwandt. ["barah"] bedeutet soviel wie "gemeinschaftlich essen".

Das hat einiges für sich. Der Abschluss einer ["berit"] war wohl meist mit einem feierlichen Mahl verbunden. So entspräche es zumindest der Gepflogenheit im Orient voll und ganz. Das Mahl war dort so etwas wie ein fester Bestandteil eines jeden Vertragsabschlusses.

Darauf deutet auch die häufige Wendung ["karat berit"] hin, die man genaugenommen mit "einen Bund schneiden" übersetzen muss.

(2) Vertrag und Selbstverfluchung

Die Wendung "einen Bund schneiden" könnte aber auch auf eine andere alte Form des Vertragsabschlusses hinweisen: nämlich auf den Bundesschluss mittels einer Selbstverfluchung. Auf diese - auch in der Bibel - wichtige Form werden wir unten noch genauer eingehen.

(3) Weitere Wendungen im Zusammenhang mit dem Vertragsabschluss

Außer ["karat berit"] sind noch weitere Ausdrücke gebräuchlich:

(4) Die Verwendung des Begriffs in der Schrift

Wenn auch die Etymologie des Wortes ["berit"] nicht ganz zu klären ist, wie das Wort im Alten Testament verstanden wurde, ist ganz klar. Die Bedeutung, die der Hebräer diesem Wort in der damals aktuellen Verwendung beigemessen hat, geht aus der Schrift eindeutig hervor.

Inhaltlich beschreibt ["berit"] immer ein Gemeinschaftsverhältnis, das auf der persönlichen Entscheidung der beiden Vertragspartner beruht.

Der Schwerpunkt der Bedeutung des Ausdrucks liegt dabei in der Regel auf dem Akt selbst. ["berit"] meint also in erster Linie den "Bundesschluss".

2. ["berit"] im gesellschaftlichen Erleben Israels

a. Beispiele für eine ["berit"

Geschlossen wird eine solche ["berit"] zunächst einmal üblicherweise zwischen zwei Privatpersonen oder zwei Sippenverbänden.

Als Beispiel für eine ["berit"] zwischen zwei Sippen kennen wir den Bund zwischen Jakob und Laban (Gen 31,44ff).

Ein Beispiel für eine ["berit"] zwischen Privatpersonen ist der Bund zwischen David und Jonatan (1 Sam 18,3; 20,8; 23,18).

b. Tiefe und Dauerhaftigkeit einer ["berit"]

Aus dem Bund zwischen David und Jonathan ist im übrigen auch zu erkennen, dass eine formell geschlossene ["berit"] sogar stärker bindet, als selbst die Familienbande. Jonatan entscheidet sich im Konfliktfall aufgrund seiner ["berit"] für David und gegen seinen Vater Saul.

Die Tiefe und Dauerhaftigkeit der ["berit"] wird auch an folgendem Beispiel deutlich: Wenn Maleachi beispielsweise sagt, dass eine Ehe nicht einfach aufgelöst werden kann, dann führt er als Begründung unter anderem an, dass es sich bei der Ehefrau um die "Frau deiner ["berit"]" handelt (Mal 2,14ff).

c. Die Bundesschluss-Zeremonie und ihre Wurzeln

Wie wird nun eine ["berit"] formell geschlossen?

(1) Eine Formelle Bundesschluss-Zeremonie

Ein Sippenbund wird immer durch die Häupter der beiden Sippen geschlossen. Dabei ist dieser Vertragsabschluss immer mit einer formellen Bundessschluss-Zeremonie verbunden.

(2) Die Selbstverfluchung als Wurzel des Vertragsabschlusses

Eine der Wurzeln des Vertragsabschlusses und seiner zeremoniellen Ausgestaltung liegt vermutlich in der Praxis des Schwörens.

Dabei ist es wichtig, sich vor Augen zu halten, dass man im Alten Testament in der Regel in der Form der Selbstverfluchtung schwört. So beginnt ein Schwur meist mit den Worten:

"Wenn ich das und das (nicht) tue..."

... und darauf wird dann genannt, was bei Nichteinhaltung des Versprechens alles eintreten soll.

Dieser Teil, also die eigentliche Selbstverfluchung, wurde später meist nicht mehr ausgesprochen. Man hatte hier magische Bedenken. Aufgrund der Wirkmächtigkeit eines ausgesprochenes Wortes, hätte solch ein Fluch ja auch unabhängig von seiner Bedingung seine Wirkung entfalten können.

Deshalb hat man diese bedingte Selbstverfluchung nicht mehr ausdrücklich gesprochen, sondern ganz einfach formelhaft umschrieben. Man sagte dann:

"Wenn ich das (nicht) tue, dann soll es mir so und so ergehen."

Solche Schwüre selbst sind recht häufig erwähnt und begegnen in der Bibel immer wieder (Gen 21,23ff; 26,28ff; 2 Sam 21,7).

Die Selbstverfluchung wurde darüber hinaus öfter auch bildhaft in Szene gesetzt. Opfertiere wurden geteilt und die Vertragspartner schritten zwischen den beiden Hälften hindurch und sprachen dabei den Schwur. Die Bedeutung dieser Zeremonie ist, dass es dem, der diesen Vertrag bricht, so ergehen soll, wie diesen Tieren. Er soll genauso auseinandergehauen werden. Möglicherweise hängt der Ausdruck ["karat berit"], also "einen Bund schneiden", mit dieser Praxis zusammen (Gen 15; Jer 34).

(3) Weitere Zeremonien

Neben dieser alten Form des Bundesschlusses wird in der Bibel auch von anderen Zeremonien berichtet, die beim Vertragsabschluß anscheinend gebräuchlich waren.

Festzuhalten bleibt auf jeden Fall, dass mit dem Begriff ["berit"] ein Phänomen beschrieben wird, das zunächst ganz einfach der üblichen gesellschaftlichen Praxis Israels entstammt.

3. Die Gottes-"berit"

Mit diesem Begriff ["berit"] wird nun aber in der Folge in Israel auch das Verhältnis zwischen Israel und Jahwe, also zwischen Mensch und Gott, beschrieben.

a. Der Gottesbund mit Abraham

Dies geschieht erstmals in Gen 15. Diese Stelle ist das bedeutsamste Zeugnis der Abrahamserzählung für das bundeswillige Engagement Jahwes überhaupt.

Gewiss geht es dabei zunächst um die Landverheißung an Abraham, aber die Schilderung der Zuwendung Jahwes hat zugleich exemplarische und damit allgemeine Bedeutung.

Der 1. Teil des Kapitels (Verse 1-6) erneuert die Zusage Gottes, dass Abraham eine große Nachkommenschaft zuteil würde. Seine Nachkommen würden "zahlreich wie die Sterne am Himmel" sein. Auf diese Zusage antwortet Abraham mit dem Glauben, wobei Glaube hier, wie wir später noch sehen werden, im Sinne von "Jahwe seinen Heilswillen glauben" verstanden wird.

Durch Abrahams Glauben, mit dem er auf Gottes Zusage antwortet, wird Abraham zum "gerechten" im Sinne von "rechten" "Partner Gottes" gemacht.

Nach diesem gleichsam eröffnenden "Prolog" folgt der gewichtigere Hauptteil, der die Landverheißungs-Erzählung enthält. Sie beruht auf einer wohl sehr alten Tradition über einen Visionsschlaf Abrahams.

Gen 15 berichtet wie Abraham an einem kanaanäischen Heiligtum Tiere tötete und in der Mitte teilte. Er legte die Hälften der Tiere so aus, dass zwischen den Tierhälften eine Gasse frei blieb. Dann schlief er und hatte dabei eine Traum-Vision: Er sah, wie "ein rauchender Backofen und eine lodernde Flamme" - Sinnbilder für die Gegenwart Jahwes - zwischen den vorher geteilten Tierhälften hindurchging.

Der Sinn dieser für Abraham unerhört eindrucksvollen Vision wird in Gen 15,18 gedeutet:

"An jenem Tag hat Jahwe Abram einen Fluchsetzungseid geleistet bezüglich folgender Zusage: Deinem Samen gebe ich dieses Land vom Strom Ägyptens bis zum großen Strom." (Gen 15,18)

Im Sinne der alten Praxis der Selbstverfluchung schließt Gott also einen formellen Bund mit Abraham. Und wichtig ist in diesem Zusammenhang obendrein, dass er es alleine tut.

Während normalerweise beide Vertragspartner durch die Gasse zwischen den Tierhälften hindurchgehen und sich damit wechselseitig verpflichten, ist hier Jahwe der einzige, der sich in diesem Bund bindet. Abraham tut absolut nichts.

Es gibt im ganzen Alten Testament kein wuchtigeres Zeugnis für die radikale Entschiedenheit und das totale Engagement Gottes für das Gottesvolk und damit zugleich für den Menschen überhaupt als Gen 15,7-21.

b. Der Auszug und die Rettung am Schilfmeer

Nach diesem Bund mit Abraham war die nächste wichtige Station auf dem Weg des Volkes Israel mit seinem Gott die Exoduserfahrung am Schilfmeer.

(1) Israel in Ägypten

Wir haben im Zusammenhang mit der Einführung und der Betrachtung der Geschichte Israels bereits gesehen, dass die israelitische Mosegruppe wohl zu den Arbeitssklaven gehörte, die unter Ramses II. (etwa 1290-1230 v. Chr.) für dessen Residenzbauten und Grenzbefestigungen eingesetzt wurden.

Darauf zielt wohl auch das Jahwe-Wort an Mose:

"Ich habe die Unterdrückung meines Volkes, das in Ägypten ist, gesehen. Ihr Wehegeschrei angesichts der Antreiber habe ich gehört. Ja, ich kenne seine Schmerzen. Ich bin herabgekommen, um es aus der Gewalt Ägyptens zu erretten..." (Ex 3,7-8)

Hier verdichtet sich das durchgehende biblische Thema von Jahwe als dem Anwalt der Schwachen und Gebeugten zu einem eindrucksvollen Zeugnis. Es bleibt nicht nur eine vage Zusage, es wird nun von Taten unterstrichen.

(2) Die ägyptischen Plagen

Diese Taten ruft sich Israel in Erinnerung. Zunächst in den Erzählungen und liturgischen Lesungen über die bekannten "ägyptischen Plagen". Diese nicht einheitlichen Erzählungen verraten ein langes und ausgestaltendes Wachstum (vgl. auch Ps 78,43-51; 105,26-36).

Das verweist uns schon darauf, dass sie nicht als historische Berichte über damals geplant gestartete Aktionen Gottes zu verstehen sind. Die Erzählungen von den Plagen nehmen vielmehr Katastrophen, die im Grunde immer wieder in Ägypten auftraten als Hintergrund, um dadurch Jahwes Beistand für Israel zu illustrieren.

Dass Jahwe den Armen und Unterdrückten beisteht, ist die eigentliche Aussageabsicht, dieser Erzählungen. Und ohne diesen Beistand Jahwes wäre eine kleine Volksgruppe wie Israel beim Loslösungsversuch aus den Fangarmen jener imperialen Macht von vorneherein verloren gewesen.

Als letzte und entscheidende Plage erscheint der Tod aller menschlichen und tierischen Erstgeburt Ägyptens (Ex 11,4ff [J]; 12,12ff [P]). Damit ist die Plattform erreicht, auf der der Bericht über das Pascha-Mahl der Israeliten seinen Platz findet (Ex 12,1-14 [P]; 12,21-27 [J]).

(3) Der Pascha-Ritus

Der Pascha-Ritus weist dabei bereits in vormosaische Zeit zurück. In der Nacht vor dem Aufbruch von den Winterweiden zu den Sommerweiden versammelten sich die Nomaden zu einem Erstlingsopfer ihrer Herden, wobei das Blut an die Zeltstangen gestrichen wurde. Dies geschah zur Abwehr dämonischer Einflüsse. Das Fleisch wurde von den Hirten gleichsam als Rüstmahlzeit gegessen.

Ein solches Opfermahl diente als Zeichen der Gemeinschaft und Verbundenheit mit der Schutzgottheit.

Dieser alte Brauch war nun bestens geeignet, die Israeliten in der Situation des Aufbruchs aus Ägypten des besonderen Schutzes Jahwes zu versichern.

(4) Der Aufbruch aus Ägypten

Möglicherweise wurde der Aufbruch der Hebräer dabei tatsächlich durch ein Zusammentreffen fataler Naturkatastrophen vom Herrenvolk der Ägypter widerwillig geduldet. Es kann ja durchaus sein, dass die Ägypter in der damaligen Situation aufgrund einer Reihe von Katastrophen alle Hände voll zu tun hatten - gleichsam alles andere im Sinn hatten, als sich jetzt um ein paar entfliehende Sklaven zu kümmern.

Da schon früh die Erinnerung an die Herausführung des Volkes "aus dem Sklavenhaus" mit dem alten nomadischen Pascha-Ritus verknüpft wurde, wurde er auch nach der Landnahme und Sesshaftwerdung beibehalten. Schon die älteste Traditionsschicht, die jahwistische Darstellung [J], bezeugt, dass dieser Ritus zum Erinnerungsritus an den Auszug aus Ägypten geworden ist (Ex 12,21ff).

(5) Die Rettung am Schilfmeer

Die endgültige Befreiung der Moseschar aus dem Machtbereich Ägyptens brachte aber erst die "Großtat" Jahwes am Schilfmeer. Sie steht immer im Zentrum, wenn Israel an die "Herausführung" aus Ägypten denkt (vgl. u. a. Ps 114,1ff).

Das wohl älteste Zeugnis davon ist die Kurzform des "Meerliedes", die sich in Ex 15,21 erhalten hat:

"Singet Jahwe! Denn hoch erhaben ist er. Ross und Wagenkämpfer warf er ins Meer." (Ex 15,21).

Die Bedeutung dieses Ereignisses wird schon dadurch deutlich, dass alle für diesen Fall relevanten Traditionsstränge des Pentateuch einen Bericht über das Schilfmeerwunder beisteuern. Sowohl im jahwistischen, im elohistischen, als auch im priesterschriftlichen Material wird es geschildert.

Der heutige Textbestand ist eine redaktionelle Verknüpfung all dieser Traditionsstränge (Ex 13,17-14,31).

Dabei lässt die früheste Überlieferung, also der jahwistische Bericht, noch deutlich erkennen, dass es sich ursprünglich wahrscheinlich um den Bericht über ein "Konstellationswunder" handelt: vielleicht legte ein starker Oststurm, ein heißer Wind aus der Wüste, eine Furt (Ex 14,21), indem er einen Wasserlauf austrocknete, so dass den Israeliten das Entkommen vor der ägyptischen Verfolgungstruppe ermöglicht wurde. Das Zurückfluten des Wassers war für die Verfolger verhängnisvoll und rettete die Flüchtlinge.

Ein so seltenes Naturereignis gerade zur "Stunde des Schicksals", in der es um Sein oder Nichtsein ging, konnte von den Betroffenen gar nicht anders denn als Eingreifen Jahwes gedeutet werden.

Dieses Eingreifen war dabei um so bedeutsamer, als die Errettung durch Jahwe der Überlieferung nach ja von Mose im Namen Jahwes vorherverkündet worden war (factum = praedictum).

(6) Die Bedeutung des Exodusgeschehens in der späteren Tradition

Die Moseschar und das von ihrer Glaubenserfahrung geprägte Israel sah in diesem Befreiungswalten Jahwes denn auch das fundamentale Ereignis der Heilsgeschichte. Man sah hierin nämlich nicht nur eine einmalige Tat des Gottes, den man verehrte, man betrachtete dieses Befreiungswalten nun gleichsam als eine Fundamentierung der Zukunft, als eine typische "Vorraustat" Jahwes, mit der er deutlich machen wollte, dass er auch weiterhin an der Seite seines Volkes stehe.

So erinnerte Israel in den Psalmen und Gebeten immer wieder an das "Meerwunder" (Ps 78,13; 114,3. 5; 106,9. 22; 136,13ff; Neh 9,9 u. a.). Die "Herausführung aus dem Sklavenhaus" wurde zum Hauptthema der Verkündigung und des Glaubensbekenntnisses (Dtn 6,21ff; 26,7ff).

Auch die Propheten greifen immer wieder darauf zurück.

So versteht man das Exodus-Geschehen daher letztlich auch als "Voraustat" für das endzeitliche Heilsschaffen Gottes: So wie Gott am Anfang das Volk aus Ägypten heraufgeführt hat, so wird er auch am Ende einen neuen Auszug ermöglichen. Gerade in der Situation der völligen Ohnmacht Israels wird diese Vorstellung wichtig. Vorab Deutero-Jesaja in der Zeit des babylonischen Exils greift dieses Bild auf. Er kündigt dem Volk einen neuen Exodus an (vgl. Jes 43,16-21; 51,9-42,3; 52,11-12 u. a.).

Solch ein umfassendes und durchhaltendes Zeugnis deutet schon darauf hin, dass das Exodusgeschehen mit Sicherheit wie auch immer geartete historische Wurzeln hat. Als Glaubenszeugnis dafür, dass Jahwe ein Gott der Hilfe und des Heils ist, ist es unabhängig davon von höchstem Rang.

Es verweist aus sich heraus bereits auf die endgültige Ausdrücklichmachung dieses Verhältnisses zu Gott im Bund zwischen Jahwe und Israel.

c. Der Bund Jahwe-Israel

Dieser förmliche Bundesschluss zwischen Jahwe und Israel erfolgte dann in der Tradition des Volkes am Sinai. Darüber gibt Ex 19-34 Aufschluss.

(1) Vergleichspunkte mit antiken Vertragsabschüssen

Auf das Schema dieses Bundesschlusses, das mit den Verträgen der hethitischen und später der assyrischen Großkönige verglichen wurde, habe ich ja im Zusammenhang mit der Einführung bereits hingewiesen.

Ich möchte hier nur eine Besonderheit noch einmal herausstellen: Beim Sinai-Bund handelt es sich, wie das bei antiken Verträgen zwischen Königen und ihren Untergebenen üblich war, auch um ein schriftlich fixiertes Abkommen.

In solchen schriftlich fixierten Abkommen banden sich beide Vertragspartner eidlich, gegenüber dem anderen Partner gewisse Verpflichtungen einzugehen. Die Schriftlichkeit des Vertrages war dabei ein konstitutives Element. Der Vertrag wurde doppelt ausgefertigt - für jeden Partner ein Original.

Dies erinnert recht stark an die Zweizahl der Gesetzestafeln und unterstreicht nur noch einmal Parallelen zwischen dem Sinai-Bund und damals üblichen Vertragswerken. Damit wird die Stellung des Sinai-Bundes von vorneherein deutlich. Er steht auf der gleichen Ebene, wie die bekannten Vertragswerke zwischen einem Herrscher und seinen Untergebenen.

(2) Der Bundesschluss-Bericht

Die eigentliche Bundesschluss-Perikope innerhalb der großen Sinai-Perikope ist Ex 24. Hier wird uns von einem ganz feierlichen, liturgischen Bundesschluss berichtet.

Im Mittelpunkt der priesterschriftlichen Überlieferung steht ein Gemeinschafts-Schlachtopfer. Dieses Opfer ist in einen ganz streng geformten Festgottesdienst eingebettet, ein Gottesdienst, der nun folgendermaßen aufgebaut ist:

In diesem Bericht fehlt eigentlich nur noch das gemeinsame Mahl, das zu solch einem Gottesdienst eigentlich dazugehört. Im heutigen Textzusammenhang ist dieses Mahl nun auch zu finden. Der Endredaktor des heutigen Textes konnte es aus der elohistischen Überlieferung vom Mahl der Ältesten auf dem Berg (Ex 24,1-2. 9-11) übernehmen. Auch dadurch wird deutlich, wie sehr die Endredaktion darum bemüht war, dem ganzen Bericht den Charakter eines formellen Bundesschlusses zu geben.

Dabei wird die Bedeutung des Mahles noch dadurch unterstrichen, dass den Ältesten während des Mahles auch noch eine Gottesbegegnung zuteil wird. Als ob der Autor auch ganz deutlich machen wollte, dass es sich wirklich um ein gemeinsames Mahl der Bundespartner und damit demnach um das konstitutive Bundesmahl handelt.

"Sie schauten den Gott Israels... Er streckte aber seine Hand nicht aus gegen die Edlen Israels, und sie schauten Gott und aßen und tanken." (Ex 24,10-11)

Durch die Endredaktion entsteht so also eine großartige Darstellung eines feierlichen und grundlegenden Bundes zwischen Jahwe und Israel, der in Form eines großen Gottesdienstes geschlossenen wurde.

(3) Der Blutritus

Das Zugehörigkeitsverhältnis, das auf diese Weise zwischen Jahwe und Israel gestiftet wurde, entsteht dabei durch Gottes Initiative. Gott ergreift das Wort und geht auf den Menschen zu. Der Mensch antwortet lediglich auf diesen Anruf Gottes, und zwar in Gebet und Handeln.

Die personale Beziehung zwischen Jahwe und Mensch wird dabei durch die Besprengung mit dem Blut noch einmal vertieft.

In der Vorstellung der damaligen Zeit, gehörte dem Gott, dem das Opfer dargebracht wurde, alles Blut der Opfertiere. Das Blut gilt ja als Sitz des Lebens und steht deshalb nur der Gottheit zu.

Wenn das Blut nun aber über das Volk ausgesprengt wird, dann ist das eine Ersatzzeremonie für das Trinken des Blutes. Und das heißt im Letzten, dass dem Volk hier die Hälfte des Blutes zum Trank gereicht wird. Gott und das Volk trinken also gemeinsam. Dies ist eine völlig neue und unerhörte Aussage über das Verhältnis von Gott und Mensch. Das Volk erhält Anteil am ureigensten Eigentum Jahwes.

Der Bund zwischen Gott und Mensch ist demnach ein Blutsbund geworden, also ein Bund auf Leben und Tod. So wird Israel zum Sondereigentum Jahwes (Ex 19,6), ein Königtum von Priestern und ein heiliges Volk (Ex 19,6). Die Geschichte Israels ist damit fortan Bundesgeschichte.

(4) Bund und Gesetz

Die Weisung Jahwes wird von Israel daher immer im Horizont des Bundes verstanden. Sie ist Wegweisung - ["torah"]. Sie zeigt, wie sich der Mensch als dieses Bundes würdig erweisen kann. Und das heißt: Sie ist Weisung, wie der Mensch im Sinne dieses Bundes wandeln kann.

Wichtig ist dabei, dass Gott den Menschen zuerst in die Heilssphäre stellt, und dann erst die Weisung gibt, wie sich der Mensch in dieser Heilssphäre zu verhalten hat. In diesem Zusammenhang gewinnt die Präambel des Dekaloges eminente Bedeutung. Die Rettung geht der Weisung voraus.

Die zehn Gebote selbst sind dann zwar im formalen Sinn negativ abgefasst. Sie verbieten etwas zu tun. Sie stellen dem Inhalt nach aber lediglich die Grenzmarkierung einer positiven Forderung dar: sie wollen ein Ja zu Gott und ein Ja zum Menschen.

(5) Die Beschneidung als Unterscheidungszeichen

Die Bundescharta wird in der Folge nicht nur zum Mittelpunkt des israelitischen Gottesdienstes, sie wird auch zum Prägestock des Gottesvolkes.

Daher ist im klassischen Judentum das eigentliche Spezifikum eines Angehörigen des Volkes Israel auch die Beachtung der Tora. Wer die Tora beachtet, der erweist sich als wahrer Israelit.

Die Beschneidung, die heute als Spezifikum des Volkes Israel gilt, ist erst in zweiter Linie Bundeszeichen geworden. In ihrer endgültigen Ausprägung ist sie eine Entwicklung des Spätjudentums.

Ursprünglich war die Beschneidung ja nicht etwas, was allein Israel kannte. Sie war bei vielen Völkern der Umgebung Israels, z. B. auch in Ägypten, üblich. Vermutlich handelt es sich hierbei ursprünglich um eine Weihe der Geschlechtskraft an die Lebensgottheit. Diese Weihe war wohl am Anfang ein Hochzeitsritus, der dann in Israel eine Umdeutung erfuhr. Man interpretierte diesen alten Ritus neu und verstand ihn dann immer mehr als ein Zeichen für den Bund Jahwe-Israel (Ex 30,6).

Erst im Laufe der Zeit wurde die Beschneidung dann zum entscheidenden Zeichen und letztlich gar zum entscheidenden Unterscheidungsmerkmal. Vor allem in der Zeit des Exils wurde das Festhalten an diesem alten Zeichen zu einer Möglichkeit, die Eigenart des Volkes ganz deutlich zu demonstrieren. Sie wurde zu einer Möglichkeit als Volk zu überleben. Dadurch erhielt sie erst ihre überragende Bedeutung.

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Einleitung in das Alte Testament - Zusammenschrift entsprechend einer autorisierten Vorlesungsmitschrift des WS 1969/70 bzw. einer nicht autorisierten Mitschrift anhand von Bandaufnahmen des WS 1976/77 mit teilweisen Ergänzungen für das WS 1979/80 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.) 175-179.

2) Übersetzung von Norbert Lohfink.

3) Vgl.: Alfons Deissler, Die Grundbotschaft des Alten Testaments (Freiburg 1972) 64.

4) Vgl.: Herbert Haag, Vom alten zum neuen Pascha (SBS 49) (Stuttgart 1971).

5) Vgl. den Vorspruch des Dakalogs in Ex 20,2; Dtn 5,6; ferner Dtn 6,12; 8,14; 11,4; 13,6. 11 u. a.

6) Vgl.: Jes 10,26; 11,15-16; 43,16-17 u. a.; Jer 2,6; 7,22. 25; 11,4. 7; 16,14; 23,7; Ez 20,5-6. 9-10; Hos 11,1; 12,14; Am 3,1; 9,7 u. a.

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Letzte Änderung: 15. März 2011