Das Zeugnis der Namensoffenbarung

Die Botschaft von dieser entschiedenen Zuwendung Gottes zu Welt und Mensch, kommt nun am allerdichtesten und zugleich am eindrucksvollsten im Namen "Jahwe" zum Ausdruck. Dieser Name ist gleichsam das "Evangelium" des Alten Testamentes.

1. Jahwe als Wort im Alten Testament

In allen Traditionsschichten der Bibel Israels begegnet der Gottesname, wenn wir einmal von den ganz späten Schriften absehen. Zur Zeit der Entstehung der Spätschriften war die Verwendung des Namens "Jahwe" ja bereits verboten.

Bekanntlich wurde seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. der Gottesname aus Scheu vor einer möglichen Verletzung des 2. Gebotes nur noch vom Hohenpriester einmal im Jahr, am Versöhnungstag, im Allerheiligsten ausgesprochen.

Die Bücher Kohelet und Ester etwa verwenden ihn daher nicht mehr und im 2. Psalmenbuch (Pss 42-83) hat man ihn offensichtlich durch [">ælohim"] (= Gott) ersetzt. Wir haben dies bereits im Zusammenhang mit der Einführung in die entsprechenden Bücher gesehen.

Ansonsten aber begegnet der Gottesname in der Bibel überall.

2. Die Aussprache des Namens

Wie bereits erwähnt wurde der Gottes-Name seit dem 3. Jahrhundert v. Chr. nicht mehr ausgesprochen. Beim Lesen des biblischen Textes wurde er in aller Regel durch das Wort [">adonaj"] ersetzt, was soviel bedeutet wie "mein Herr". Um diese veränderte Lesart anzuzeigen haben die Masoreten bei der Punktierung des hebräischen Konsonantentextes die Vokale von [">adonaj"] unter das Tetragramm ["jhwh"] geschrieben. Von den Christen wurde dies ab etwa dem 12. Jahrhundert n. Chr. dann missverstanden. Sie lasen das Tetragramm dann tatsächlich mit den Vokalen von [ ">adonaj"]. So entstand die falsche Lesart "Jehowah", die heute immer noch durch die Literatur geistert und bei der Namensgebung der "Zeugen Jehovas" Pate gestanden hat.

Die ursprüngliche Lesart "Jahwe" lässt sich aus dem alten hebräischen Verb ]"hajah"] bzw. ["hawah"] aber zweifelsfrei erschließen. Sie wird zudem beispielsweise durch die Samaritaner, bei denen die Aussprache des Gottesnamens entgegen dem üblichen Brauch weiterhin üblich blieb, bestätigt.

3. Woher kommt der Name in der Tradition Israels?

Woher kommt nun dieser Name?

Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man zunächst sagen, dass die Kurzform ["jah"] sekundär sein dürfte. Sie scheint eine spätere Ableitung aus der Langform ["jhwh"] (= Jahwe) zu sein.

Ansonsten wirft der Name selbst eine Fülle von Problemen auf. Dennoch lässt sich über einige wesentliche Punkte durchaus Klarheit gewinnen.

Die Überlieferungsschichten des Elohisten [E] (Ex 3,13-17) und der Priesterschrift [P] (Ex 6,3) führen den Jahwe-Namen ausdrücklich auf Mose zurück. Und auch bei Hosea scheint der Jahwe-Name mit der Sinaitradition verknüpft zu sein. So begegnet uns in Hos 12,10 die Wendung:

"Ich, Jahwe, dein Gott von Ägypten her..." (Hos 12,10)

Nur die jahwistische Tradition trägt den Gottesnamen bereits in die "Biblische Urgeschichte" ein. Wir haben ja im Zusammenhang mit der Einführung gesehen, dass in der ältesten Überlieferungsschicht des Pentateuch bereits die Menschen der Urgeschichte - ganz anachronistisch - den Gottesnamen verwenden.

Dies will aber ganz sicher keine historische Erinnerung sein. Hier ist ganz deutlich die Intention des Verfassers zu greifen, der eben herausstreichen wollte, dass Jahwe schon von Anfang an die Menschheit geführt hat.

Historisch glaubwürdig dürfte sein,

"daß für Israel der Name Jahwe erst seit Mose geoffenbart wurde."

Auch wenn man nicht ganz ausschließen kann, dass Israel hier letztlich an religionsgeschichtliche Vorgegebenheiten anknüpfen konnte - wir haben einzelne Theorien hierzu bei der Einführung ja erörtert -, so bleibt die Namensoffenbarung und die damit gegebene Namensdeutung im Zusammenhang mit Moses dennoch etwas Neues und zugleich Fundamentales für das Gottesvolk.

4. Welche Bedeutung hat der Gottesname für Israel

Überliefert ist uns diese Namensoffenbarung in der elohistischen Stelle Ex 3,13-17. Sie beginnt mit der Frage des Mose:

"Wenn ich zu den Söhnen Israels komme mit dem Wort: 'Der Gott unserer Väter hat mich zu euch gesandt', und sie mich dann fragen: 'Welches ist sein Name? - was soll ich ihnen dann antworten?'" (Ex 3,13)

Diese Frage bekommt ein ganz eigenes Gewicht, wenn man sich mit folgenden Tatbeständen vertraut macht:

  1. Der Name hat für den Orientalen ja nicht nur eine Unterscheidungsfunktion, sondern bedeutet zuerst - idealerweise - eine Wesenserschließung oder einen Wesenshinweis.
  2. Beim Herrenvolk der Ägypter galt der oberste Gott Ammon-Re als "der Gott mit dem verborgenen Namen", der also seinen wirklichen Namen hinter seinen vielen Verehrungsnamen versteckt hielt. Dadurch wollte er dem magischen Zugriff durch die Menschen entzogen bleiben.

Wenn nun der Gott des Sklavenvolkes diesem Volk seinen Namen kundtut und anvertraut, dann ist schon allein das ein eindrucksvolles Zeugnis seiner Zuwendung zu Israel. Und dieses Zeugnis wird noch einmal verdoppelt und zugleich überboten durch das, was dieser Namen dann über das Wesen dieses Gottes zum Ausdruck bringt.

5. Inhaltliche Bedeutung des Wortes "Jahwe"

a. Die Übertragung des Wortes ["hajah"]

Die Erklärung des Namens liefert nun Ex 3,14. Dort wird der Name Jahwe mit den Worten [">æhjæh >aschær >æhjæh"] (Ex 3,14) erklärt. Die Übersetzung dieses Ausdrucks ist dabei äußerst schwierig. Bekannt ist die Übertragung:

"Ich bin, der ich bin".

Sie ist aber aus zweifachem Grund unzureichend:

  1. Das Wort ["hajah"] bedeutet - wie wir bereits wissen - im Hebräischen nicht einfach "sein". Es heißt darüber hinaus auch: "werden", "geschehen", "sich ereignen", "da-sein". Im seltensten Fall bedeutet dieses Wort einfach "sein" in unserem Sinne. Es ist dementsprechend auch hier am ehesten "dynamisch" aufzufassen.
  2. Die Übersetzung mit "Ich bin, der ich bin", verleitet darüber hinaus - wie bereits in der Septuaginta festzustellen ist - zu einer philosophischen Deutung im Sinne des "Seins selbst", also des "ipsum esse". Diese Vorstellung liegt dem hebräischen Denken aber äußerst fern. An dieser Stelle führt sie sogar ganz und gar in die falsche Richtung.

Sachgerecht dürfte daher in der Tat nur die Übersetzung sein:

"Ich werde da-sein, der ich da-sein werde."

oder auch:

"Ich bin da, der ich da bin."

oder vielleicht:

"Ich bin der, der dasein wird."

b. Die These von der Verweigerung einer Antwort

Es stimmt also nicht, wenn manche behaupten, dass Gott dem Mose die Namens-Offenbarung eigentlich verweigert habe.

Einige verstehen den Satz in Ex 3,14 nämlich im Sinne einer Abweisung, also etwa im Sinne von "ich heiße eben so, wie ich heiße". Gott hätte dem Mose dann also eigentlich gar keine Antwort gegeben.

Der Kontext schließt solch eine Deutung aber völlig aus. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass Gott die Namens-Nennung verweigern oder verschleiern wollte. Mose zeigt sich ja auch zufrieden und erweckt nicht den Eindruck, als dass er gar keine Antwort erhalten hätte.

Alfons Deissler deutet Ex 3,14 deshalb im Sinne von:

"Ich bin da und werde dasein als dein helfender und heilvoller Gott, was auch geschehe!"

c. Bestätigung unserer Deutung durch andere Stellen der Bibel

In dieser Form wird der Inhalt des Jahwe-Namens an anderen Stellen der Bibel durchaus bestätigt. Wichtig ist hier etwa Hos 1,9. Hosea droht hier die Aufkündigung des Bundes durch Jahwe an. Und die Formel, die er dafür liefert, lautet:

"Denn ihr seid <Nicht-mein-Volk>, und ich bin der <Ich-bin-nicht-da-für-euch>." (Hos 1,9)

Das "Da-sein" Gottes in Ex 3,14 deutet also auch Hosea als ein "Dasein für".

d. Fazit

In der Namensoffenbarung wird also nicht über Gottes "metaphysisches Wesen" gehandelt. Inhalt ist vielmehr jene Selbstverfassung Gottes, die er als absolut freie Person sich selbst gegeben hat.

In ihr hat er sich entschlossen, den Menschen - und hier zuerst Israel - sein Angesicht zuzuwenden. Gott verbindet sich also mit Israel in einem besonderen, jeden menschlichen Anspruch weit übersteigenden, personalen Verhältnis.

6. Jahwe und Israel im Kontext des Gottesnamens

Im Namen ["jahweh"] war demnach für Israel folgende Botschaft gebündelt: Gott will die heilvolle Gegenwart des Volkes für alle Zeiten, und er selbst will die Zukunft seines Volkes sein.

Diese Botschaft prägte in der Folge das israelitische Weltverständnis auf ganz eigene Weise.

Bei den alten Völkern stellen wir ganz allgemein ein kosmisch und damit zyklisch geprägtes Welt- und Existenzverständnis fest. Es geht um die "ewige Wiederkehr des Gleichen". Die göttliche Zusage, so wie sie im Jahwe-Namen ausgedrückt ist, machte aus Israel nun ein Volk, das in einzigartiger Weise aus diesem Verständnis ausbrach. Israel verstand sich fortan als das auf einer Geschichtslinie nach vorn und nach oben wandernde Volk Jahwes. Seine Erfüllung liegt im "kommenden Gott" der Zukunft, dessen Zuwendungen in Vergangenheit und Gegenwart nur "Voraustaten", nur "Vorgaben" dieser Zukunft sind.

7. Das Christentum und der Jahwename

Im Namen Jahwe wird auf diese Art und Weise Israel bereits eröffnet, was Paulus viel später ausformuliert. Paulus sagt nämlich im ersten Korintherbrief, dass Gott am Ende "alles in allem" (1 Kor 15,28) sein wird. Gott selbst ist die Zukunft seines Volkes, die Zukunft der Menschen.

Dem Christentum ist der Jahwe-Name ansonsten fremd geworden. Lediglich im Philipper-Hymnus haben wir noch einen kleinen Nachhall davon. Dort wird davon gesprochen, dass Jesus der "Name über allen Namen" (Phil 2,9) gegeben werden wird. Hinter dieser seltsamen Formulierung verbirgt sich natürlich der - zu dieser Zeit eben nicht mehr ausgesprochene - Jahwe-Name.

Und auch im Namen Jesus selbst ist der Gottes-Name noch gegenwärtig, auch wenn das kaum einmal christlicherseits reflektiert wird. Dieser im Judentum durchaus gebräuchliche Name, ist nach Mt 1,21 und Lk 1,31 ja der gottbestimmte Name für den endgültigen Heilbringer. In seiner hebräischen Form heißt er aber ["jeschua<"], und das bedeutet nichts anderes als "Jahwe ist Heil". In Mt 1,21 wird der Name dementsprechend so erläutert:

"Denn er wird sein Volk erlösen von seinen Sünden." (Mt 1,21)

Das heißt aber nichts anderes, als dass der zukünftige Äon, auf welchen der Jahwe-Name verweist, in Jesus dem Christus letztlich bereits angebrochen ist.

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Die Grundbotschaft des Alten Testaments (Freiburg 1972) 48-52; Alfons Deissler, Einleitung in das Alte Testament - Zusammenschrift entsprechend einer autorisierten Vorlesungsmitschrift des WS 1969/70 bzw. einer nicht autorisierten Mitschrift anhand von Bandaufnahmen des WS 1976/77 mit teilweisen Ergänzungen für das WS 1979/80 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.) 173-175.

2) Vgl. Art.: "Jehova", Brockhaus Enzyklopädie (Mannheim 1990) XI/147.

3) Gerhard von Rad, Das erste Buch Mose (= Das Alte Testament Deutsch, 2-4) (Göttingen 9. Auflage 1972) 83.

4) Alfons Deissler, Die Grundbotschaft des Alten Testaments (Freiburg 1972) 50.

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Letzte Änderung: 15. März 2011