Der Mensch als "Fleisch"

Einer der drei Begriffe, mit dem der Hebräer und damit das Alte Testament das Phänomen Mensch näher auszuloten versucht, ist das Wort ["basar"], "Fleisch". Der Mensch ist Fleisch.

1. ["basar"] umgreift den ganzen Menschen

Natürlich bezeichnet dieser Terminus vorab die "Materialität" bzw. die Körperhaftigkeit des Menschen. Aber dennoch wäre es falsch das Wort ["basar"] etwa mit "Leib" zu übersetzen. Das wäre in nur ganz wenigen Ausnahmefällen eine treffende Übertragung.

Obschon beim Begriff ["basar"] der Aspekt der Leiblichkeit vorwaltet, meint dieses Wort in aller Regel immer den ganzen Menschen.

a. "Und das Wort ist Fleisch geworden" (Joh 1,14)

So wäre es beispielsweise völlig falsch, den neutestamentlichen Satz aus Joh 1,14:

"Und das Wort ist Fleisch geworden..." (Joh 1,14)

etwa mit "das Wort ist Leib" geworden zu übersetzen. Der bei Johannes verwendete griechische Begriff ["sarx"] steht hier ganz auf dem Hintergrund des altestamentlichen Worts ["basar"].

b. "Und sie werden zu einem Fleisch" (Gen 2,24)

Und auch Gen 2,24 muss man unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Wenn es dort heißt:

"Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und bindet sich an seine Frau und sie werden ein Fleisch." (Gen 2,24)

dann darf man diese Ein-Fleisch-Werdung nicht allein auf die leibliche Ebene, also die sexuelle Vereinigung etwa, beziehen.

Die Ein-Fleisch-Werdung von Mann und Frau meint vielmehr eine leib-seelische Ganzheit der Bindung von Mann und Frau. Beide werden in der Ehe gewissermaßen zu einem einzigen "Menschenwesen", sie werden ein Fleisch.

c. Leiblichkeit ist konstitutiv für Menschsein

Im Wort ["basar"] wird also der ganze Mensch mit umgriffen, wiewohl er an seiner Leiblichkeit "gegriffen" wird.

Diese Verwendung des Wortes hat durchaus eine große Bedeutung für das Bild des Hebräers vom Menschen. Da der Begriff "Fleisch" von der Leiblichkeit her ja auf den ganzen Menschen hin ausgreift, kann sich der Hebräer den Menschen umgekehrt ohne dieses Fleisch, also ohne seine Leiblichkeit, auch gar nicht recht vorstellen.

Leiblichkeit und damit auch Materialität oder besser gesagt eine kosmische Einwurzelung des Menschen ist daher für den Hebräer auch konstitutiv für das Wesen des Menschen. Leiblichkeit gehört zum Menschsein dazu.

2. Der Mensch ist Leibwesen auf Ewigkeit hin

Und als man nun im späteren Alten Testament immer mehr zur Glaubensüberzeugung kam, dass Gott dem Menschen im Tode keine absolut unüberschreitbare Grenze gesetzt habe, dass also ein irgendwie geartetes Leben jenseits des Todes möglich ist, da war es keine Frage, dass man dieses Leben jenseits des Todes auch leibhaftig gedacht hat.

Die Bibel geht also so weit, dass der Mensch auch auf Ewigkeit hin als Leibwesen gedacht und verstanden wird.

Während man im griechischen Bereich nun von einer "Unsterblichkeit der Seele" spricht, redet die Bibel von der "Auferstehung der Toten", und damit ist - wie man es auch früher im Glaubensbekenntnis gebetet hat - die "Auferstehung des Fleisches", also des Menschen als leib-seelische Einheit, gemeint.

So heißt es beispielsweise in der Jesaja-Apokalypse (Jes 26,19) vom endzeitlichen Israel:

"Deine Toten werden leben, die Leichen stehen wieder auf; wer in der Erde liegt, wird erwachen und jubeln. Denn der Tau, den du sendest, ist ein Tau des Lichts; die Erde gibt die Toten heraus." (Jes 26,19)

Diese Auferstehung der Toten, die hier Israel prophezeit wird, bleibt aber nicht auf Israel beschränkt. Bei Daniel (Dan 12,2) wird dieses Ereignis bereits in einem universalen Horizont gesehen:

"Viele von denen, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zu ewigem Leben, die andern zur Schmach, zu ewiger Schande." (Dan 12,2)

Die Leiblichkeit gehört zum Menschen also so wesensmäßig dazu, dass man aus der Sicht der Bibel vom Menschen als einem Leibwesen auf Ewigkeit hin sprechen kann.

Aus dem hier Gesagten wird - denke ich - bereits deutlich, dass man biblisch betrachtet den Leib nie als einen "Kerker der Seele" bezeichnen darf. Nichts ist bibelferner, als die Erlösung in Form einer Befreiung vom Leib zu erhoffen. Auf dem Boden der Bibel kann man von einer Erlösung des Menschen in einem "Reich des Geistes und der reinen Geister" nicht sprechen.

3. Das Sprechen vom Tod

Aus diesem Grunde ist der Tod für den Menschen des Alten Testamentes auch so ein radikaler Schnitt. Der Jude kann in der Spätzeit zwar auf eine Auferstehung der Toten hoffen. Aber diese ereignet sich eben erst in der Zukunft. In der Jetztzeit sind die Toten eben tot. Sie ruhen im Staub. Die Vorstellung, dass ihre Seele, also ein reines Geistwesen ohne Leiblichkeit, nun irgendwo gleichsam herumschwebt, ist für den Hebräer undenkbar.

a. Das Sterben des Menschen

Rollsteingrab.

Von daher erhält der Tod auch seinen bedrohlichen Charakter. Er ist etwas, was den Menschen radikal in seinem Wesen trifft, eine Bedrohung. Und das besonders dann, wenn er zur Unzeit eintritt. Das Sterben zur Unzeit ist mit das Schrecklichste, was dem Menschen widerfahren kann.

Wenn der Tod allerdings zu seiner Zeit eintritt, dann kann sich der Mensch des Alten Testamentes paradoxerweise mit ihm abfinden.

Nach einem ausgeschöpften Leben "im Land der Lebendigen" - wie die Erde auch heißt (Jer 11,19; Ez 26,20 u. ö.) - kann man sich lebenssatt hinsetzen und sterben.

Von Abraham wird beispielsweise ausdrücklich gesagt:

"Abraham starb in gesegnetem Alter, betagt und lebenssatt und ward zu seinem Geschlecht versammelt." (Gen 25,8)

In Gen 35,29 wird dies ganz ähnlich über Isaak gesagt:

"Isaak verschied und wurde alt und lebenssatt, zu seinen Vätern versammelt." (Gen 35,29)

Am eindrücklichsten ist hier wohl die Stelle in 2 Sam 19,32-38, das Gespräch Davids mit dem alten Barsillai, den der König aus Dankbarkeit an den Königshof mitnehmen will. Die Antwort des Barsillai liest sich wie ein Kommentar zu den eben genannten Stellen:

"Wieviel Lebensjahre habe ich noch, dass ich mit dem König nach Jerusalem ziehen soll? Ich bin jetzt achtzig Jahre alt. Kann ich da noch Gutes und Schlechtes unterscheiden? Schmeckt da noch deinem Knecht, was ich esse und trinke? Kann ich noch der Stimme der Sänger und Sängerinnen lauschen? Wozu soll dein Knecht noch meinem Herrn, dem König, zur Last fallen? Dein Knecht wird gerade noch mit dem König über den Jordan ziehen, aber warum will der König mir eine solche Vergeltung anbieten? Lass deinen Knecht umkehren, damit ich in meiner Stadt beim Grabe meines Vaters und meiner Mutter sterben kann!" (2 Sam 19,35-38)

Besser kann man - denke ich - gar nicht ausdrücken, was "lebenssatt sein" heißen mag.

b. Die Vorstellung von einem Totenreich

Was aber geschieht nun mit dem Menschen im Tod. Wie stellt man sich das nach der allgemeinen Überzeugung Israels vor?

(1) Leben ist blühendes Leben

Das Leben des Menschen, sofern er Mensch ist, findet im Sterben sein Ende. Denn Leben wird für den Hebräer immer als "blühendes und glückendes Leben" verstanden. Das Alte Testament hat hier nie einen biologistischen Ansatz. Bloßes Dahinvegetieren etwa, würde im Hebräischen nie mit dem Wort Leben bezeichnet.

Dieses blühende und glückende, dieses dynamische Leben kommt im Tod natürlich zum Ende.

Daher kann man häufig lesen, dass Israel noch kein individuelles Fortleben kenne, das den Tod überdauert. Das stimmt in diesem eingeschränkten Sinn durchaus. Das Leben im eigentlichen Sinn des hebräischen Wortes endet mit dem Tod.

(2) Keine totale Vernichtung

Der Tod ist damit völliger Verlust der Vitalität. Aber er ist nicht eine totale Vernichtung. An einen absoluten Vorhandenheits-Verlust denkt Israel nämlich nicht.

Wir haben oben bereits gesehen, dass der Verstorbene zu seinen Vätern versammelt wird. Deren Vitalität ist zwar dahin. Sie sind aber dennoch vorhanden. Der Hebräer rechnet hier mit einem Schattendasein der Verstorbenen in der ["sche>ol"], gleichsam einem unterweltlichen Totenreich.

In diesem Totenreich lebt man aber nicht. Dort gibt es keine Beziehungen untereinander und keine Regungen. Die Toten in der ["sche>ol"] bezeichnet man deshalb auch gerne als ["repha>im"], als Schwache, als Kraftlose.

(3) Ein Totenreich ohne reales Lebensverhältnis zu Jahwe

In diesem Totenreich gibt es demnach auch kein reales Lebensverhältnis zu Jahwe mehr: man ist so abgeschnitten von ihm und in einer solchen Ferne von ihm, dass es nicht einmal mehr einen Lobpreis zu ihm hin gibt.

So heißt es in Psalm 6:

"Denn wer kann deiner bei den Toten gedenken! Wer in der Unterwelt vermag dich zu preisen!" (Ps 6,6)

(4) Jahwes Macht übergreift auch das Totenreich

Von daher nimmt das Sprechen von der ["sche>ol"] oftmals recht bedrohliche Züge an. Sie wird manchmal sogar hypostasiert, also gleichsam personifiziert. So heißt es bei Jesaja:

"Schon öffnet die Scheol ihren Schlund; sie sperrt ihren Rachen maßlos auf, und hinunter fährt seine glänzende Menge, die jetzt so fröhlich lärmt." (Jes 5,14)

Wichtig ist jedoch, dass die ["sche>ol"] Jahwe gegenüber nie eine eigene Mächtigkeit hat. Sie bleibt eine untergeordnete Größe. Jahwes Macht übergreift auch das Totenreich. So heißt es im Psalm 139:

"Stiege ich zum Himmel empor, so bist zu zugegen; wollte ich mich in der Unterwelt lagern, so bist du auch dort." (Ps 139,8) .

(5) Der Tod ist absolute Trennung von Jahwe

Von daher kommen einige Psalmisten dann auch zur Überzeugung, dass Jahwes Allmacht und Bundestreue auch den Tod überwinden wird. Der von Jahwe verhängte Tod des Menschen setzt ihrer Überzeugung nach keine letzte und absolute Trennungslinie.

Sie hoffen darauf, dass Jahwe sie aus dem Tod herausreißt, wie etwa bei einer Entrückung; also etwa nach Art der Entrückung des Henoch (vgl. Gen 5,24) oder des Elija (2 Kön 2,3. 5). Sie würden dann aus der Macht der ["sche>ol"] entrückt, hinein in die Herrlichkeit Gottes. So spricht der Psalmist von Ps 49,16 voller Zuversicht:

"Gott wird mich loskaufen aus der Gewalt der Scheol, ja, er wird mich entrücken." (Ps 49,16)

Und in Psalm 73 heißt es sogar:

"Ich bleibe immer bei dir, du hältst mich in deiner Rechten. Du leitest mich nach deinem Ratschluss und entrückst mich am Ende in Herrlichkeit." (Ps 73,22-23)

In dieser Perspektive zerschneidet also sogar der "Tod des Fleisches" das Band der Lebensverbindung mit Jahwe nicht.

c. Keine Jenseits-Lehre

All diese Andeutungen bleiben im Alten Testament aber sehr vage. Sie werden nirgendwo systematisiert oder gar in einer regelrechten Jenseits-Lehre zusammengefasst. Im Gegensatz zu den Ägyptern oder Griechen hat das Alte Testament nie eine systematische Lehre vom Leben nach dem Tod entfaltet.

(1) Das Kollektivbewusstsein Israels

Das mag damit zusammenhängen, dass wie bei allen Völkern auch beim jungen Israel lange Zeit das Kollektivbewusstsein im Vordergrund stand. Das Sprechen vom Volk hat das Individualbewusstsein lange in den Hintergrund gedrängt. Daher erschien die Heilszukunft des Volkes auch bedeutend wichtiger zu sein als ein endgültiges Individualheil. Darüber wurde lange ganz einfach nicht reflektiert.

(2) Langsame Entfaltung des Glaubens an ein Leben nach dem Tod

Erst in nachexilischer Zeit wurde langsam die Frage akut, ob der Gottesbund nicht auch dem einzelnen für immer und ewig gelte. Die Antwort wurde erst ganz allmählich und dann in Stufen entfaltet.

Zunächst entstand das Sprechen von der "Auferweckung des Fleisches". Wir haben die Stelle aus Jes 26 oben angeführt.

Dann erst erwuchs die Zuversicht, dass ich schon gleich nach dem Tode bei dem mich bergenden Gott sein werde. Psalm 73, den wir oben zitierten, ist hier eine wichtige Belegstelle.

Und das Judentum spricht dann später davon, dass die Gerechten im "Schoße Abrahams" ruhen werden. Lk 16,22ff nimmt dieses Bild dann auf.

Wie dies alles aber genau zu denken wäre, das versucht das Alte Testament an keiner Stelle zu beschreiben. Alfons Deissler meint hierzu:

"Vom Alten Testament könnten wir lernen, Zurückhaltung zu üben gegenüber allen Versuchen, das "Jenseits" uns auszumalen. Dass Gott selbst unsere absolute Zukunft ist, genügt als letzte Auskunft, um die Kraft der Erahnung zu entfalten, die viel gewichtiger ist als jede Vorstellung."

4. Der Mensch ist Leiblichkeit

Auf den Tod und das Sterben sind wir durch das Sprechen vom "Fleisch" verwiesen worden. Das liegt durchaus ganz auf der Linie dieses Begriffs. Alle Verwendung des Wortes "Fleisch" für den Menschen enthält im Alten Testament diesen Verweis auf die Hinfälligkeit und auf das "Sein zum Tode".

Gleichzeitig drückt sich in diesem Begriff aber auch die Überzeugung aus, dass der Mensch nicht nur einen Leib hat, sondern "Leiblichkeit" ist.

Von daher erscheint es nur konsequent, dass die irdischen, die "leibhaftigen" Güter und Freuden im Alten Testament eine ungeheuer positive Würdigung erfahren. Man denke hier nur an das "Hohelied".

Sofern der Mensch sie nicht zu seinem Gott macht, sofern er sie als Gaben des Schöpfer- und Bundesgottes gläubig und froh entgegennimmt, sind die irdischen Güter als Gottes gute Gaben dazu gemacht, dass die Mensch sich daran erfreuen.

Eine Ablehnung der Materie als schlecht, eine Ausrichtung des Menschen auf reine Geistigkeit, ist dem Alten Testament völlig fremd. Der Mensch hat nicht nur einen Leib, er ist "Leiblichkeit", er ist ["basar"], Fleisch.

Das ist die erste Konstituente der Natur des Menschen in der Sicht des Alten Testamentes.

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Wer bist Du Mensch? (Freiburg 1985) 17-21.

2) Übersetzung nach: Alfons Deissler, Wer bist Du Mensch? (Freiburg 1985) 18.

3) Vgl. auch: Ps 88,11ff; Ps 115,17; Jes 38,18-19.

4) Vgl. auch: Hab 2,5; Ps 141,7 u. ö.

5) Vgl. auch: Ijob 26,6; Am 9,2 u. ö.

6) Übersetzung nach: Alfons Deissler, Wer bist Du Mensch? (Freiburg 1985) 19.

7) Übersetzung nach: Alfons Deissler, Wer bist Du Mensch? (Freiburg 1985) 19.

8) Alfons Deissler, Wer bist Du Mensch? (Freiburg 1985) 20.

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Letzte Änderung: 15. März 2011