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Die Vision vom Jerusalemer Tempel (Ez 8-11) hat zur Frage Anlass gegeben, ob Ezechiel nicht auch in Palästina aufgetreten sei. Gerade die Worte des ersten Teils, die an die Bewohner Jerusalems gerichtet sind, scheinen eine solche Vermutung ja nahezulegen (vor allem Ez 11,13).
So wurde die Hypothese von einem zweifachen Wirken Ezechiels aufgestellt: Bis nach dem Zusammenbruch Jerusalems im Jahre 587 v. Chr. sei er in Palästina geblieben und hätte hier gepredigt. Erst danach sei er zu den Verbannten nach Babylon gekommen. Die Vision von der Buchrolle (Ez 2,1-3,9) bezeichne die Berufung des Propheten in Palästina, die Vision vom Thronwagen Gottes (Ez 1,4-28 und Ez 3,10-15) die Ankunft bei den Verbannten. Durch die Umstellung dieser Vision an den Anfang sei die ganze Perspektive des Buches verändert. worden Diese Hypothese vermag manche Schwierigkeiten zu lösen, aber sie wirft andere neu auf. Sie setzt weitgehende Textveränderung voraus; sie muss annehmen, dass Ezechiel selbst während seines "palästinensischen" Wirkens gewöhnlich außerhalb der Stadt lebte, da er in sie "überführt" wird (Ez 8,3). Und wenn Ezechiel und Jeremia gemeinsam in Jerusalem gepredigt hätten, ist doch auffällig, dass sich bei keinem von beiden eine Anspielung auf das Wirken des anderen findet.
Andererseits sind die Schwierigkeiten der herkömmlichen These nicht unüberwindlich. Die Vorwürfe, die an die Leute von Jerusalem gerichtet werden, dienten als Lehre für die Verbannten. Wenn Ezechiel in der Heiligen Stadt zu sein scheint, so sagt der Text ausdrücklich, dass er "in einer göttlichen Vision" (Ez 8,3) hingebracht und ebenfalls "in dieser göttlichen Vision" wieder zurückgebracht wurde (Ez 11,24). Die Hypothese von einem doppelten Wirken wird darum kaum mehr vertreten.
(Vgl.: Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 1020)
Dr. Jörg Sieger - Einführung in die Bibel