Das letzte Buch, das wir in diesem Abschnitt betrachten, ist wieder ein klassisches Werk der Weisheitsliteratur. Es ist das Buch der Weisheit.
Dieses griechische Buch
gehört, wie bereits die zuvor behandelten Schriften, zu den deuterokanonischen
Büchern.
Seit dem 2. Jahrhundert n. Chr. ist die Verwendung des Weisheitsbuches bei den Kirchenvätern nachweisbar.
Seine Aufnahme in den Kanon der Heiligen Schriften war aber nicht unumstritten. Es gab manche Bedenken und Widerstände, vor allem von Seiten des Kirchenvaters Hieronymus.
Trotzdem wurde es letztendlich im Christentum als gleichberechtigt mit den Büchern des hebräischen Kanons betrachtet und als inspiriert anerkannt.
In der evangelischen Tradition wurde das Buch der Weisheit allerdings - wie auch die übrigen griechisch überlieferten Bücher - dann wieder aus der Reihe der inspirierten Schriften des Alten Testamentes ausgeschieden.
Das Buch zeigt einen recht klaren Aufbau.
In einem ersten Teil wird geschildert, welche Rolle die Weisheit im Leben des einzelnen Menschen spielt. In diesem Zusammenhang wird das Los des Gerechten und das Schicksal der Frevler miteinander verglichen. Es geht erneut um die Frage nach der Vergeltung gemäß der Taten (Weish 1,1-6,21).
Ein zweiter Teil (Weish 6,22-8,18) stellt den Ursprung und das Wesen der Weisheit dar. Er schildert darüber hinaus die Wege, auf denen man diese Weisheit erwerben kann.
Ein letzter Teil (Weis 8,19-19,22) verherrlicht das Wirken der Weisheit und das Wirken Gottes. Das Wirken Gottes wird dabei anhand seines Eingreifens in die Geschichte des auserwählten Volkes expliziert.
Abgesehen von einer kurzen Einleitung, die bis auf die Anfänge der Menschheit zurückgeht, beschränkt sich diese Darstellung dabei auf den entscheidenden Augenblick dieser Geschichte des Gottesvolkes, nämlich die Befreiung aus Ägypten.
Zwei lange Einschaltungen (Weish 11,15-15,19) in diesem dritten Teil schildern Gottes Art zu Strafen und üben scharfe Kritik am Götzendienst.
So können wir das Buch der Weisheit also folgendermaßen gliedern:
| I. | Weish 1,1-6,21 | Aufforderung zu einem Leben nach der Weisheit |
| Weish 1,1-15 | Die Mahnung zu gerechtem Leben | ||
| Weish 1,16-2,24 | Vom Treiben der Frevler | ||
| Weish 3,1-12 | Das jenseitige Los der Guten und der Bösen | ||
| Weish 3,13-4,6 | Kinderlose Gerechte und kinderreiche Frevler | ||
| Weish 4,7-19 | Der frühe Heimgang des Gerechten und das lange Leben der Frevler | ||
| Weis 4,20-5,23 | Die Bösen und die Guten im Endgericht | ||
| Weish 6,1-21 | Die Mahnung, die Weisheit zu suchen |
| II. | Weish 6,22-8,18 | Das Wesen und Wirken der Weisheit |
| Weish 6,22-25 | Einleitung | ||
| Weish 7,1-6 | Der sterbliche Mensch als Empfänger der Weisheit | ||
| Weish 7,7-14 | Die Gottesgabe der Weisheit | ||
| Weish 7,15-21 | Bitte um die Gabe der Lehre | ||
| Weish 7,22-8,1 | Das Wesen der Weisheit | ||
| Weish 8,2-8 | Die Weisheit als Lehrerin der Tugend | ||
| Weish 8,9-18 | Die Weisheit als Lebensgefährtin |
| III. | Weish 8,19-19,22 | Salomos großes Gebet: Das Walten der Weisheit in der Geschichte |
| Weish 8,19-9,19 | Das Gebet um Weisheit |
| Weish 8,19-21 | Einleitung | ||
| Weish 9,1-19 | Die Bitte um Weisheit |
| Weish 10,1-11,4 | Die rettende Macht der Weisheit - sieben Beispiele |
| Weish 10,1-3 | Adam | ||
| Weish 10,4 | Noah | ||
| Weish 10,5 | Abraham | ||
| Weish 10,6-9 | Lot | ||
| Weish 10,10-12 | Jakob | ||
| Weish 10,13-14 | Josef | ||
| Weish 10,15-11,4 | Das Volk Israel |
| Weish 11,5-19,22 | Das Volk Gottes und seine Feinde - sieben Vergleiche |
| Weish 11,5-14 | Das Wasser des Nil - das Wasser aus dem Felsen | ||
| Weish 11,15-12,27 | Erste Einschaltung: Gottes Art zu strafen | ||
| Weish 13,1-15,19 | Zweite Einschaltung: Die Torheit des Götzendienstes | ||
| Weish 16,1-4 | Frösche - Wachteln | ||
| Weish 16,5-14 | Heuschrecken und Stechfliegen - giftige Schlangen | ||
| Weish 16,15-29 | Hagel - Manna | ||
| Weish 17,1-18,4 | Finsternis - Feuersäule | ||
| Weish 18,5-25 | Tod der Erstgeborenen - Tod in der Wüste | ||
| Weish 19,1-17 | Untergang im Meer - Rettung durch das Meer | ||
| Weish 19,18-22 | Schluss |
Wir haben das Buch bisher ganz einfach "Buch der Weisheit" genannt. Damit sind wir der Überschrift gefolgt, die die Vulgata dieser Schrift gegeben hat. Das Buch heißt in der lateinischen Übersetzung ganz einfach "Liber Sapientiae"
Die griechische Ausgabe überschreibt das Buch aber mit den Worten "Weisheit Salomos".
Damit wird schon deutlich, dass Salomo als Verfasser des Buches angesehen wurde.
Auch wenn Salomo im Text des Buches nicht namentlich genannt
wird, so wird er doch in Weish
9,7-8. 12 ganz
deutlich bezeichnet. ![]()
Offensichtlich ist diese Zuschreibung an Salomo allerdings ein literarisches Kunstmittel. Mittels dieser Zueignung wurde diese Weisheitsschrift - ähnlich wie das Buch Kohelet oder das Hohelied - unter den Namen und damit auch unter die Autorität des größten Weisen Israels gestellt.
Dass es sich tatsächlich um eine Zuschreibung handelt, wird durch eine ganze Reihe von Kriterien im Buch gestützt.
Eines davon ist die Tatsache, dass das ganze Werk auf Griechisch geschrieben wurde. Es handelt sich mit großer Wahrscheinlichkeit sogar um ein Buch, das von vorneherein griechisch konzipiert und auch griechisch abgefasst wurde.
Einige Exegeten nehmen zwar, zumindest für den ersten Teil (Weish 1-5), ein verloren gegangenes hebräisches Original an, dies scheint aber nicht zutreffend zu sein.
Das Buch der Weisheit ist demnach ein einheitliches Werk, das sowohl von
ganz auf dem Hintergrund des Hellenismus steht.
Dementsprechend ist auch der Verfasser mit Sicherheit ein griechisch sprechender Mann.
Er ist sicher Jude
aber er ist ein hellenistischer Jude.
kann man weiter folgern, dass er wohl in Alexandria beheimatet gewesen sein dürfte.
Alexandria war ein Zentrum der jüdischen Diaspora. Gleichzeitig war die Stadt unter den Ptolemäern aber auch die Hauptstadt des Hellenismus geworden.
Auch die Entstehungszeit des Werkes kann man in etwa erschließen.
Der Verfasser zitiert biblische Texte nach der Übersetzung der Septuaginta. Er muss dementsprechend nach der Entstehung dieser griechischen Übersetzung (3. Jahrhundert v. Chr.) gelebt und gearbeitet haben.
Das Werk Philos von Alexandrien (20 v. Chr. bis 54 n. Chr.) ist ihm allerdings noch nicht bekannt. Und umgekehrt scheint auch Philo nirgendwo vom Buch der Weisheit beeinflusst zu sein. Er scheint es nicht zu kennen.
Sprachlich und stilistisch bestehen aber viele Berührungen zwischen dem Werk Philos und dem Buch der Weisheit. So dürften beide aus dem gleichen Milieu stammen und zeitlich nicht sehr weit voneinander entfernt sein.
Das Buch kann dementsprechend in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts v. Chr. geschrieben worden sein; es ist wohl das jüngste Buch des Alten Testamentes.
Was will nun der Verfasser mit diesem Buch? Was ist die Intention des Weisheitsbuches?
Der Verfasser wendet sich zuerst an die Juden, seine Landsleute, deren Glaubenstreue durch die Errungenschaften der alexandrinischen Kultur erschüttert zu sein scheint.
geriet das Judentum gerade in der Situation der Diaspora immer mehr ins Hintertreffen.
So sind die Juden die ersten Adressaten der Ausführungen des Weisheits-Buches. Andererseits nimmt der Verfasser durchaus auch Rücksicht auf die Heiden. Es scheint so zu sein, als würde er ganz bewusst keinen allzuharten Ton gegenüber den Heiden anschlagen. Vermutlich suchte er auch bei ihnen Leser.
Auch die Heiden zu dem Gott zu führen, der alle Menschen liebt, ist damit durchaus eine Absicht des Verfassers des Weisheitsbuches. Sie steht aber erst an zweiter Stelle.
Das Buch ist insgesamt viel stärker ein Werk der Apologie als ein Werk der Mission.
Aufgrund seiner Umgebung und der späten Zeit der Abfassung nimmt es im übrigen nicht Wunder, dass der Autor stark vom griechischen Denken beeinflusst ist.
Der Verfasser verdankt seiner hellenistischen Bildung ein Vokabular abstrakter Begriffe und eine Leichtigkeit des schlussfolgernden Denkens, wie sie der Wortbestand und die Syntax des Hebräischen nie zulassen würden.
Er übernimmt aus der griechischen Sprache auch
Aber diese Entlehnungen halten sich immer in Grenzen. Der Verfasser gehört keiner der verschiedenen Richtungen oder Schulen der griechischen Philosophie an. Er verwendet deren Ausdrücke und Begriffe vielmehr, um Gedanken auszudrücken, deren Wurzelboden eindeutig das Alte Testament ist.
Vermutlich wusste er von philosophischen Systemen oder astrologischen Spekulationen nicht mehr und nicht weniger als jeder normale alexandrinische Gebildete seiner Zeit.
Genaugenommen ist der Verfasser also weder Philosoph noch Theologe. Er bleibt ein Weiser Israels, ganz im Sinne der klassischen Weisheitslehren.
Wie seine Vorgänger mahnt er,
Der Horizont des Verfassers des Weisheitsbuches ist aber schon bedeutend weiter als der der früheren Weisheitslehrer (Weish 7,17-21; 8,8).
Das zeigt nicht zuletzt die Behandlung der Fragen um den Tun-Ergehen-Zusammenhang.
Auf die Frage nach der Vergeltung gemäß der Taten des Einzelnen, die die Weisheitslehrer so sehr bewegte, gibt das Buch der Weisheit nun eine Antwort.
Das Buch der Weisheit sagt, dass Gott den Menschen zur Unvergänglichkeit erschaffen hat (Weish 2,23). Diese Unvergänglichkeit ist nun aber kein Automatismus, sie genau ist der Lohn, den der Mensch durch die Weisheit erlangt. Die Weisheit sichert dem Menschen also letztlich einen Platz bei Gott (Weish 6,18-19).
Dementsprechend ist alles, was hier auf Erden vor sich geht, nur eine Vorbereitung auf das andere Leben. In diesem anderen Leben werden die Frevler ihre Bestrafung erhalten, die Gerechten aber werden mit Gott leben (Weish 3,9-10).
Nun also, in der zweiten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrhunderts, ist das Problem der Vergeltung gemäß des Tun-Ergehen-Zusammenhanges gelöst. Die Antwort bietet die Lehre von der Vergeltung im Leben nach dem Tod.
Der Frage nach der Entstehung des Glaubens an die Auferstehung, bzw. der Vorstellung vom Leben nach dem Tod können wir hier nicht in allen Einzelheiten nachgehen.
Natürlich macht sich das Buch der Weisheit in diesem Zusammenhang die Terminologie Platons zunutze. Es ist beeinflusst von Platons Ausführungen über
Aber - auch wenn es im Zusammenhang mit dem Buch der Weisheit so scheinen mag - der Glaube an das Weiterleben nach dem Tod ist dennoch keine einfache Übernahme der griechischen Vorstellungen.
In Israel selbst wuchs die Vorstellung von einer leiblichen Auferstehung. Wir haben im Buch Daniel bereits eine Andeutung gefunden. Ein wichtiges Bindeglied fehlt uns noch. Im Blick auf die beiden Makkabäer-Bücher werde ich es gleich nachreichen.
Diesen Glauben an eine leibliche Auferstehung, der sich zur Zeit der Abfassung des Weisheitsbuches in Israel immer mehr Bahn bricht, verbindet der Verfasser des Buches der Weisheit nun aber mit den griechischen Unsterblichkeitsvorstellungen.
Als wesentlicher Unterschied zwischen der griechischen Philosophie und dem Buch der Weisheit bleibt, dass der Verfasser des Weisheits-Buches nie von einer Unsterblichkeit der Seele spricht. Die Überschreitung der Todesgrenze ist nicht aufgrund einer wesensmäßigen Unsterblichkeit möglich, sondern einzig und allein durch die Tat Gottes, die in seiner Treue zum Gerechten begründet ist. (Weish 3,5-6; 4,10-11).
Dies ist originär hebräische Vorstellung.
Wie im Blick auf die Frage nach der Vergeltung, so geht der Verfasser des Weisheitsbuches auch bei der Schilderung und Beschreibung der Weisheit einen Schritt weiter als seine Vorgänger.
Traditionell war die Weisheit ja eine göttliche Eigenschaft. Sie ist jene Weisheit Gottes, die alles schon bei der Erschaffung geordnet hat und die die Ereignisse der Geschichte lenkt.
Dabei konnte die Weisheit schon im Buch der Sprüche personifiziert werden. Im Buch der Weisheit erscheint sie nun als
Die Weisheit erscheint dadurch mehr und mehr als von Gott unterschieden.
Der Abschnitt über das Wesen der Weisheit in Weish 7,22-8,8 bedeutet damit einen Fortschritt in der Formulierung und eine Vertiefung der älteren Vorstellungen im Blick auf die Weisheit.
Es hat zwar noch nicht den Anschein, als dass der Verfasser wesentlich über das Verständnis der anderen Weisheitsbücher hinausginge und die Weisheit als ein in gewissem Maße eigenständiges Wesen (Hypostase) ansähe. Dennoch haben wir hier eine der wichtigen Stellen, die dann das spätere christliche Sprechen von der Eigenständigkeit, etwa des Logos als göttlicher Person unterstützen, wenn nicht beeinflussen.
Werfen wir abschließend noch einen Blick auf die Geschichtsbetrachtung im Weisheitsbuch.
Auch hier steht der Verfasser nicht allein. Seine Betrachtung
über Israels Vergangenheit (Weish
10-19) hatte ja bereits einen Vorgänger in Ben Sira (Sir
44-50). ![]()
An zwei Punkten aber wird die Eigenständigkeit der Betrachtung des Weisheits-Buches deutlich:
(1) Eine eigene Geschichtsphilosophie
In seinem Versuch den Sinn der Ereignisse zu verstehen, skizziert der Verfasser eine Geschichtsphilosophie, die eine zum Teil ganz neue Deutung der Texte voraussetzt.
Hier ist etwa Weish 11,15-12,27 zu nennen. Der Verfasser des Weisheits-Buches erklärt an dieser Stelle, warum Gott Ägypten und Kanaan geschont und nicht vernichtet habe. Seine Erklärung trägt dabei einen ganz neuen Gedanken in die alten Texte hinein. Das Weisheitsbuch sagt etwa: Gott hat Ägypten geschont, weil er eben mit allen Menschen Erbarmen hat.
So ist das im alten Exodus-Bericht natürlich nicht gesagt. Wir haben es hier mit einer neuen Deutung der Texte durch das Buch der Weisheit zu tun.
(2) Die Art der Schriftauslegung
Etwas Neues begegnet auch, wenn wir die Schriftauslegung des Weisheits-Buches im Allgemeinen betrachten.
Wenn wir beispielsweise anschauen, wie das Weisheitsbuch das Los der Ägypter dem Los der Israeliten gegenüberstellt (Weish 16-19), dann muss auffallen, dass der biblische Bericht, der hier zitiert wird, vom Weisheits-Buch auf den Beweis einer These hin ausgerichtet wird. Mittels des biblischen Berichtes soll zunächst einfach die Richtigkeit einer These bewiesen werden.
Um den Leitgedanken dabei stärker hervortreten zu lassen,
Hier liegt - nach Alfons Deissler - ein ausgezeichnetes
Beispiel der Schriftauslegung in der Form des Midrasch vor, die dann später von
den Rabbinen gepflegt wurde. ![]()
Auf diesem Gebiet steht das Buch also mitten in einer Entwicklung, die das spätere Judentum entscheidend prägen wird.
Darüber hinaus gingen vom Weisheits-Buch eine Reihe weiterer Impulse aus. Es lässt sich zwar nicht mit Sicherheit beweisen, dass das Neue Testament das Buch der Weisheit verwendet hat, aber es bleibt wahrscheinlich, dass Paulus literarisch von ihm beeinflusst ist. Auch im Prolog des Johannesevangeliums, im Logoslied, zum Beispiel könnten Vorstellungen aus dem Weisheitsbuch wirksam geworden sein.
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Letzte Änderung: 2. Februar 2004