Das Buch Baruch

In die Reihe der Weisheitsbücher, die wir hier betrachten, gehört das Buch Baruch, wenn überhaupt dann nur sehr bedingt. Normalerweise wird es unter die Prophetenbücher eingereiht.

1. Zur Stellung im Kanon

So steht es in der Septuaginta zwischen dem Buch Jeremia und den Klageliedern. Die Vulgata zieht die Klagelieder vor und ordnet das Baruch-Buch danach ein.

Dies hängt damit zusammen, dass die Einleitung des Buches diese Schrift als Werk des Baruch ausgibt. Baruch aber war der treue Begleiter des großen Propheten Jeremia und jener Schüler, der wohl einen Teil des Jeremia-Buches aufgeschrieben hat.

Das Baruch-Buch gibt in seiner heutigen Form denn auch vor, als wäre es nach der Wegführung ins babylonische Exil von Baruch geschrieben worden. Von dort wäre es dann nach Jerusalem gesandt worden, um bei den liturgischen Versammlungen vorgelesen zu werden.

Von daher versteht es sich, dass man diese Schrift in unmittelbarer Nähe des Jeremia-Buches in die Reihe der alttestamentlichen Bücher eingeordnet hat.

Dies gilt allerdings nur für die griechische und die lateinische Bibel-Übersetzung. In der hebräischen Bibel fehlt das Buch Baruch ganz. Es ist nur auf griechisch überliefert und gehört daher zu den deuterokanonischen Büchern, die in der hebräischen Bibel fehlen.
Schon diese Tatsache weist darauf hin, dass das Buch recht spät und keineswegs während des Exils verfasst wurde.

Diese späte Abfassung und der Anteil weisheitlicher Dichtung im Buch Baruch mögen rechtfertigen, dass wir uns das Buch an dieser Stelle genauer ansehen.

2. Struktur und Entstehungszeit

a. Drei selbständige Schriften

Vermutlich bestand das Buch ursprünglich aus drei bzw. vier völlig selbständigen kleinen Schriften.

Diese ursprünglich wahrscheinlich selbständigen Texte wurden im Nachhinein mit einer Einleitung versehen und durch überleitende Passagen zu einer einzigen Schrift verbunden.

Die Einleitung ist dabei sicher unmittelbar auf griechisch geschrieben worden. Das Gebet von Bar 1,15-3,8 geht allerdings sicherlich auf ein hebräisches Original zurück. Das gleiche gilt wahrscheinlich auch für die beiden anderen Texte.

In der heutigen Form lag diese Zusammenstellung dann wohl um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. vor.

Die einzelnen Teile entstanden dementsprechend wohl etwas früher.

b. Der sogenannte "Brief Jeremias"

Hinzu kam dann abschließend noch ein weiterer Text, der ursprünglich gar nichts mit diesem Buch zu tun hatte. Es handelt sich hierbei um den sogenannten "Brief des Jeremia", eine Verteidungsschrift, die sich gegen die Verehrung von Götterbildern wendet.

Dieser Brief entwickelt in einem einfachen Stil Themen, die bereits von Jer 10,1-16 und Jes 44,9-20 behandelt wurden.

Hier geht es aber kaum um Gefahren, die den Israeliten zur Zeit Jeremias im Exil drohten. Offenbar sind babylonische Kultverhältnisse einer späteren Zeit gemeint.

Auch handelt es sich bei diesem Text nicht um einen Brief im strengen Sinne. Es ist vielmehr eine lehrhafte theologische Abhandlung.

Diese Schrift wurde wohl ursprünglich auf Hebräisch abgefasst. Eine Reihe gelegentlicher Übertragungsschwierigkeiten zeigen deutlich, dass der sogenannte Brief kaum ursprünglich auf Griechisch geschrieben sein kann.

Er stammt allerdings dennoch aus der griechischen Periode, ohne dass man jedoch eine nähere Zeitangabe machen könnte.

2 Makk 2,1-3 scheint auf ihn anzuspielen.

Ein kleines Fragment des griechischen Textes wurde in einer Qumran-Höhle entdeckt. Die Paläographie datiert dieses Fragment ungefähr auf die Zeit um 100 v. Chr.

In seiner griechischen Übersetzung wurde der sogenannte "Brief Jeremias" in den griechischen Bibelausgaben - wie schon das Buch Baruch - einfach nach dem Jeremia-Buch eingeordnet. Er wurde dabei hinter das Buch Baruch platziert.

Die lateinische Übersetzung hat den "Brief Jeremias" dann einfach als 6. Kapitel an das Baruch-Buch angefügt.

c. Übersicht

So entsteht der heutige Aufbau des Buches:

 

Bar 1,1-14 Einleitung
Bar 1,15-3,8 Das Gebet der Verbannten
Bar 1,15-2,10 Das Bekenntnis der Schuld
Bar 2,11-26 Die Bitte um Vergebung
Bar 2,27-3,8 Das Vertrauen auf die Verheißung
Bar 3,9-4,4 Die göttliche Weisheit, Israels Vorrecht
Bar 3,9-14 Die Empfehlung der Weisheit
Bar 3,15-38 Der Hymnus auf die Weisheit
Bar 4,1-4 Das Glück der Weisheit
Bar 4,5-5,9 Jerusalems Klage und Hoffnung
Bar 4,5-20 Jerusalems Klage
Bar 4,21-5,9 Jerusalems Hoffnung
Bar 6,1-72 Der Brief des Jeremia
Bar 6,1-6 Einleitung
Bar 6,7-72 Die Nichtigkeit der Götzenbilder

3. Zur Bedeutung des Baruch-Buches

Die Sammlung, die unter dem Namen Baruchs zusammengestellt wurde, ist für uns dadurch bedeutsam, dass sie uns einen Einblick in die Gemeinden der Diaspora gewährt. Sie zeigt, wie in ihnen das religiöse Leben

aufrechterhalten wurde.

Zusammen mit den Klageliedern ist das Buch Baruch auch ein Zeugnis dafür, welch großes Andenken Jeremia hinterließ. Beide Schriften hat man ja mit seinem Namen bzw. dem seines Schülers verknüpft.

Im übrigen war auch die Erinnerung an Baruch literarisch höchst fruchtbar. Bereits im 2. Jahrhundert v. Chr. hatte man unter seinen Namen zwei Apokalypsen herausgeben. Beide sind uns erhalten; eine ist auf griechisch abgefasst, die andere auf Syrisch. Sie enthält darüber hinaus einige griechische Fragmente. Diese beiden Apokalypsen haben für die theologische Entwicklung eine große Bedeutung gehabt.

Neben ihnen ist das Buch Baruch das dritte Werk, das dem Schüler des Jeremia zugeschrieben wurde.

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 1018-1019; Heinrich Groß, Klagelieder - Josef Schreiner, Baruch (= Die Neue Echter Bibel) (Würzburg 1986) 45-50.

2) Die Einteilung folgt: Heinrich Groß, Klagelieder - Josef Schreiner, Baruch (= Die Neue Echter Bibel) (Würzburg 1986).

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Letzte Änderung: 15. März 2011