Judit

Während im Buch Ester lediglich Teile in griechischer Sprache hinzugefügt wurden, das Buch selbst aber auf Hebräisch vorliegt, haben wir das Buch Judit lediglich in einer griechischen Übersetzung erhalten. Das hebräische Original des Buches ist verlorengegangen.

1. Zur Textkritik

Die griechischen Texte, die uns erhalten sind, treten dabei in drei verschiedenen Fassungen auf. Diese unterscheiden sich nicht unerheblich voneinander.

Dazu kommt, dass die lateinische Übersetzung des Hieronymus, die Vulgata, noch einmal einen stark abweichenden Text bietet.

Hieronymus gibt zwar an, dass er das Buch aus einer aramäischen Version übersetzt habe, vermutlich hat er allerdings lediglich eine ältere lateinische Übersetzung unter Zuhilfenahme einer aramäischen Paraphrase noch einmal überarbeitet.

2. Das Thema des Buches

Es geht auch im Buch Judit um die Errettung des auserwählten Volkes durch die mutige Tat einer Frau.

Der Hintergrund der Erzählung ist die Bedrohung durch die Assyrer. Das kleine jüdische Volk sieht sich der gewaltigen Streitmacht Nebukadnezzars gegenüber, die durch den Feldherrn Holofernes angeführt wird.

Holofernes hat den Auftrag, dem König der Assyrer die ganze Welt zu unterwerfen und alle auszurotten, die einen anderen als den vergöttlichten Nebukadnezzar verehren.

Das Büchlein schildert nun, wie die Juden in Betulia belagert werden. Weil das Wasser ausgeht, steht die Stadt kurz davor, sich ergeben zu müssen.

Da erscheint Judit, eine junge Witwe, schön, klug, gottesfürchtig und tatkräftig, und rüttelt das Volk auf. Sie wirft den Führern der Stadt Mangel an Gottvertrauen vor.

Danach betet sie, schmückt sich, verlässt Betulia und lässt sich vor Holofernes führen.

Mit allerlei Verführung und List schafft sie es letztendlich, mit dem betrunkenen Holofernes allein gelassen zu werden. Diesen Augenblick nutzt sie aus und schlägt dem assyrischen Feldherrn den Kopf ab.

Als die Assyrer dies am anderen Morgen entdecken, fliehen sie in panischem Schrecken und die Juden können das assyrische Lager plündern.

Das Volk rühmt daraufhin die Tapferkeit und den Mut Judits und begibt sich zur feierlicher Danksagung nach Jerusalem.

3. Übersicht

Im einzelnen gliedert sich das Buch Judit folgendermaßen:

 

I. Jdt 1,1-3,10 Die Bedrohung
Jdt 1,1-6 Der Krieg zwischen Nebukadnezzar und Arphaxad
Jdt 1,7-12 Der vergebliche Hilferuf an die Nachbarvölker
Jdt 1,13-16 Der Sieg über Arphaxad
Jdt 2,1-3 Der Plan Nebukadnezzars
Jdt 2,4-13 Der Auftrag des Holofernes
Jdt 2,14-20 Die Aufstellung des Heeres
Jdt 2,21-27 Der Kriegszug des Holofernes
Jdt 2,28-3,8 Die Besetzung der Reiche an der Meeresküste
Jdt 3,9-10 Die Bedrohung des Gottesvolkes
II. Jdt 4,1-7,32 Das Gottesvolk in großer Bedrängnis
Jdt 4,1-3 Die Gefahr
Jdt 4,4-8 Die Vorbereitung des Widerstandes
Jdt 4,9-15 Das Flehen zu Gott um Rettung
Jdt 5,1-4 Der Kriegsrat des Holofernes
Jdt 5,5-21 Die Rede des Ammoniters Achior
Jdt 5,22-24 Die feindliche Reaktion des Heeres
Jdt 6,1-9 Die Rede des Holofernes an Achior
Jdt 6,10-13 Die Auslieferung Achiors
Jdt 6,14-21 Achior in Betulia
Jdt 7,1-7 Der Anfang der Belagerung von Betulia
Jdt 7,8-15 Die Rede der Heerführer an Holofernes
Jdt 7,16-18 Die Verzögerungstaktik des Holofernes
Jdt 7,19-22 Der Wassermangel in Betulia
Jdt 7,23-29 Die Verzweiflung der Bewohner von Betulia
Jdt 7,30-32 Usijas ermutigende Antwort
III. Jdt 8,1-16,25 Die Rettung des Gottesvolkes
Jdt 8,1-8 Herkunft und Leben der Judit
Jdt 8,9-10 Judits Stellung zur Verzweiflung der Bewohner
Jdt 8,11-36 Judits Gespräch mit den Ältesten der Stadt
Jdt 9,1-14 Judits Gebet
Jdt 10,1-19 Judits Gang ins feindliche Lager
Jdt 10,20-23 Die Begegnung mit Holofernes
Jdt 11,1-23 Das Gespräch des Holofernes mit Judit
Jdt 12,1-9 Judits Sorge um die rituelle Reinheit
Jdt 12,10-20 Judit beim Mahl des Holofernes
Jdt 13,1-10 Judits Rettungstat
Jdt 13,11-17 Judits Rückkehr nach Betulia und der Jubel des Volkes
Jdt 13,18-20 Usijas Lob für Judit
Jdt 14,1-5 Judits Anweisungen
Jdt 14,6-10 Achiors Lob für Judit und seine Bekehrung
Jdt 14,11-19 Die Verwirrung der Assyrer
Jdt 15,1-7 Die Flucht der Assyrer
Jdt 15,8-14 Der Jubel über Judit
Jdt 16,1-17 Judits Lobgesang
Jdt 16,18-20 Das Siegesfest in Jerusalem
Jdt 16,21-25 Die letzten Jahre Judits

4. Die Zeit der Abfassung

Mit großer Wahrscheinlichkeit wurde das Buch um die Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr. geschrieben. Es entstand vermutlich in Palästina und zwar in einer Zeit nationaler und religiöser Begeisterung, so wie sie auch schon beim Aufstand der Makkabäer herrschte.

5. Die literarische Eigenart des Buches Judit und seine Aussageabsicht

Auf eine solch späte Abfassungszeit weist vor allem die literarische Eigenart des Buches hin. Das Buch Judit will schließlich alles andere als ein Bericht über ein tatsächliches, historisches Ereignis sein.

a. Geschichtliche und geographische Widersprüche

Wenn man das Buch aufmerksam durchgeht, dann fallen schon eine ganze Reihe von sicherlich bewussten Geschichtsverdrehungen auf.

Es scheint, dass der Verfasser absichtlich solche Orts- und Geschichtsverdrehungen gehäuft hat. Er möchte die Aufmerksamkeit aus einem bestimmten historischen Zusammenhang herauslösen. Der Leser soll sich voll und ganz auf den religiösen Konflikt und seine Lösung konzentrieren.

Das Buch Judit ist dementsprechend eine geschickt verfasste Lehr-Erzählung.

b. Apokalyptische Züge

Dabei fällt auf, dass eine ganze Reihe der Elemente, die dieses Buch verwendet, eng mit den Apokalypsen verwandt sind:

Dieses Volk - und damit die Partei Gottes - scheint der Ausrottung geweiht zu sein. Aber Gott erringt durch die schwachen Hände einer Frau einen Triumph. Daraufhin zieht das heilige Volk hinauf nach Jerusalem.

Hier klingen Motive an, die auch in den Büchern Daniel, Ezechiel und Joël begegnen.

Hinzu kommt, dass das Geschehen sich - nach den Angaben des Buches - in der Jesreel-Ebene abspielt. Wir befinden uns also in ummittelbarer Nähe zur Ebene von Harmagedon. Dorthin verlegt die neutestamentliche Apokalypse des Johannes ja die eschatologische Schlacht (Offb 16,16). Das Buch Judit ist eine Parallele zu dieser Schilderung.

Dabei ist wichtig, dass der Sieg Judits - in der Schilderung dieses Buches - eine Belohnung darstellt, und zwar Belohnung

c. Der Universalismus des Buches Judit

Und dennoch ist die Perspektive des Buches nicht einfach auf Israel beschränkt. Das Buch hat universalistische Züge:

Anmerkungen

1) Vgl.: Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 593; 595.

2) Die Einteilung folgt: Heinrich Gros, Tobit. Judit (= Die Neue Echter Bibel) (Würzburg 1987).

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.

Letzte Änderung: 15. März 2011