Nach Deutero- und Trito-Jesaja beginnt nun mit Haggai endgültig die nachexilische Zeit des alttestamentlichen Prophetentums. Der Wandel springt in die Augen. Vor dem Exil war das Hauptwort der Propheten die Strafe. Während des Exils lautete es Trost. Jetzt heißt es Wiederherstellung.
Die Propheten der Rückkehr aus dem Exil, Haggai und Sacharja, haben folglich einen begrenzteren Horizont als die Propheten vor und während des Exils. Ihr Interesse konzentriert sich auf den Wiederaufbau des Tempels.
Nach ihnen stellt Maleachi dann bereits wieder die Mängel der neuen Gemeinde heraus.
Wohl wenige Jahre nach Trito-Jesaja trat der Prophet Haggai auf.
Den geschichtlichen Hintergrund seines Auftretens stellt die
Zeit des Tempelbaus dar.
Entsprechend dem Kyrusedikt (Esra
6,3ff) wurde der persische Statthalter Scheschbazzar schon bald nach 539
v. Chr. nach Palästina geschickt. Er brachte die nach der Eroberung
Jerusalems nach Babylon verschleppten Tempelgeräte zurück. Möglicherweise
hat er auch den Grundstein für den Tempel gelegt (Esra
5,14ff; vgl. aber Hag 2,1;
Sach 4,9).
Bei der armseligen Wirtschaftslage des Landes
blieben die Arbeiten aber bald stecken.
Genau dies ist der Zeitpunkt des Auftretens des Propheten Haggai. Im zweiten Regierungsjahr des Perserkönigs Darius' I., also im Jahre 520 v. Chr., wurde er für nur wenige Monate aktiv.
In seinem Buch finden sich genaue Datierungen. Seine Wirkungszeit wird exakt auf die Zeit zwischen August und Dezember 520 v. Chr. angegeben. Doch stellt sich auch hier wieder die Frage, in wieweit man diesen Angaben als historische Daten nehmen darf.
Haggai predigt in Jerusalem und spricht dabei die im Lande gebliebenen "Alt-Judäer" aber auch die aus dem Exil Zurückgekehrten (Esra 2) an.
Grob gesprochen sind es vier Themen, die seine Verkündigung ausmachen:
| I. | Aufforderung zum Wiederaufbau des Tempels |
| Hag 1-2,5 | Disputationsworte (Hag 1,2. 4ff. 9.ff) und Mahnworte mit bedingter Verheißung (Hag 1,7 2,3ff; vgl. 2,15-19) |
| II. | Erschütterung der Welt |
| Hag 2,6-9 | Unbedingte Verheißung: Völkerwallfahrt zum Zion (vgl. Jes 2; 60; 66,20) |
| III. | Unreines Volk |
| Hag 2,10-14 | Priesterliche Thora über rein und unrein (vgl. Lev 10,10-11), vom Propheten aktualisiert |
| IV. | Messiaserwartung |
| Hag 2,20-23 | Unbedingte Verheißung:
Erschütterung und Befriedung der Welt Serubbabel Jahwes Siegelring |
Die wichtigste Aussage ist: nicht weil es euch schlecht geht, weil eure wirtschaftliche Lage so miserabel ist, wird der Tempel nicht weitergebaut; sondern eure wirtschaftliche Lage ist so schlecht, weil der Tempel nicht fertiggebaut wird.
Ein Schlüsselsatz ist hier Hag 1,7-9:
"Steigt hinauf auf das Gebirge, und schafft Holz herbei, und bauet den Tempel wieder auf, dass ich Wohlgefallen daran habe und verherrlicht werde, spricht Jahwe. So spricht Jahwe Zebaot: Achtet doch darauf, wie es euch ergeht! Ihr rechnetet auf vieles, und es gab nur wenig, ihr brachtet es heim, und ich blies es fort. Warum wohl?, spricht Jahwe Zebaot. Wegen meines Hauses, das wüst daliegt, während ein jeder von euch für sein Haus sich müht." (Hag 1,8. 7. 9)
Erst der Wiederaufbau des Tempels wird also eine neue Zeit des Wohlstandes herbeiführen. Trotz seines bescheidenen Aussehens wird dieser neue Tempel die Herrlichkeit des alten in den Schatten stellen.
Tatsächlich hat Haggais Aufruf Erfolg. Die Arbeiten beginnen sofort wieder (Hag 1,12ff) und werden weitergeführt (Hag 2,1ff; Esra 5,1-2; Esra 6,14).
Anscheinend macht Haggai die Teilnahme am Werk einem Volksteil allerdings streitig. Die Unterscheidung in rein und unrein lässt dies zumindest vermuten. Wenn Haggai davon spricht, dass "dieses Volk" mit allem Werk seiner Hände und seinen Opfern unrein ist (Hag 2,10-14) dann meint er vermutlich die ehemaligen Bewohner des Nordreiches, also die späteren Samaritaner (Esra 4).
Schon Haggai könnte also die Gemeinde der Israeliten von
den Samaritanern abgegrenzt haben. ![]()
Haggai spornt zwei Personen im Zusammenhang mit dem Tempelaufbau ganz besonders an.
Hier wird bereits deutlich, dass politisches und priesterliches Amt - ganz anders als zur Zeit der Könige - jetzt nach dem Exil nebeneinander stehen.
Serubbabel scheint dabei eine ganz besonders wichtige Rolle beim Wiederaufbau des Tempels gespielt zu haben. Er selbst war Judäer und Enkel des 598 v. Chr. nach Babylon deportierten Königs Jojachin.
Deshalb kann Haggai ihm als Davididen im letzten Wort seines Buches auch die messianische Würde zusagen. Im Rahmen der Welterschütterung (Hag 2,6. 21) wird Gott selbst die Kriegswerkzeuge der Völker zerschlagen und seinen Repräsentanten in sein Friedensreich einsetzen (Hag 2,22-23).
So kristallisiert sich die messianische Hoffnung nach der Botschaft des Haggai um das Heiligtum und zum anderen um den Nachkommen Davids.
Sacharja wird diese Hoffnung dann aufgreifen und deutlicher aussprechen. Sehen wir sein Buch daraufhin genauer an.
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Letzte Änderung: 15. März 2011