Das Ende des Wirkens Jeremias fällt zeitlich zusammen mit den Anfängen Ezechiels. Wir stehen am Beginn des babylonischen Exils. Mit diesem Exils-Propheten wandelt sich jedoch die Atmosphäre:
Dies alles sind Merkmale, die bereits die apokalyptische Literatur ankündigen.
Aber nicht nur apokalyptische Züge zeigen sich in dieser Zeit. Eine von Jesaja ausgehende prophetische Strömung schlägt sich im sogenannten Trostbuch nieder (Jes 40-55) - so benannt nach den ersten Worten "Tröstet, tröstet mein Volk" (Jes 40,1) -, einer neuen, großartigen Form der prophetischen Rede.
Sehen wir uns die Propheten dieser Epoche im einzelnen an. Hier ist allen voran Ezechiel zu nennen.
Im Jahre 597 v. Chr wurde nach der ersten Eroberung Jerusalems König Jojachin und sein Gefolge, sowie Teile der judäischen Oberschicht und mehrere Handwerker von Nebukadnezzar nach Babylon deportiert (2 Kön 24,10ff). Nach den Angaben des Buches Ezechiel gehörte zu diesen Deportierten auch Ezechiel, der Sohn des Busi.
Ezechiel gehörte zu einer Gruppe Israeliten, die in Tell Abib
am Fluss bzw. Kanal Kebar, wohl in der Nähe von Nippur, angesiedelt wurden.
Dort wurde Ezechiel - nach eigenen Angaben - im fünften Jahr nach der Verbannung des Königs Jojachin, also im Jahre 593 v. Chr., von Jahwe zum Propheten berufen (Ez 1,1-3; 3,15).
Aus der Zeit unmittelbar nach seiner Berufung stammen wohl die
meisten seiner Gerichtsworte gegen die Hauptstadt Jerusalem und das Land Israel
(Ez 4-24)
.
Auch die Fremdvölkerworte aus Ez 26-32 dürften in dieser Zeit entstanden sein.
Als im Jahr 587/586 v. Chr. Jerusalem zerstört wird, erfährt Ezechiel in der Ferne davon durch Israeliten, die dieser Katastrophe entrinnen konnten (Ez 33,21-22).
Nun beginnt die Zeit, die verstärkt durch Heilsworte Ezechiels geprägt ist.
Im Jahre 573 v. Chr., also über ein Jahrzehnt nach der
Zerstörung Jerusalems, hat Ezechiel dann - wieder nach eigenen Angaben - die
berühmte Vision von einem neuen Tempel, der in Jerusalem entstehen wird (Ez
40,1; vgl. Ez 29,17). ![]()
Auch bei Ezechiel reichte die Verkündigungstätigkeit bis hinein in die persönliche Lebensgestaltung und den persönlichen Lebensvollzug.
Wir haben ja schon bei Hosea und Jeremia gesehen, wie Ehe bzw.
Ehelosigkeit zur Zeichenhandlung werden konnten. Bei Ezechiel ist es der Tod
seiner Frau (Ez 24,15ff). Er
sagt diesen Tod voraus und erhält den Auftrag, dann, wenn er eintritt, weder zu
klagen noch zu weinen, wie es ja eigentlich üblich wäre. Lediglich leises
Stöhnen ist ihm erlaubt. Dies soll ein Zeichen sein: So wird man nämlich auch
Israel nicht Klagen und nicht Weinen können, wenn der Tempel zerstört wird. Es
wird dann selbst todverfallen sein und in wortloses Stöhnen versinken. ![]()
Auch sonst unterstreicht das Verhalten Ezechiels das, was er
sagt. Das geht dann sogar soweit, dass er ganz körperlich in die Gestaltung und
Intention seiner Verkündigung hineingenommen ist. Es wird dann von Zittern,
Betäubtsein, Verstummen oder Gebundensein gesprochen. Besonders bei den
Gerichtsankündigungen ist das der Fall
.
Verschiedentlich wurden diese Phänomene als Symptome einer Krankheit Ezechiels gedeutet. Das scheint allerdings nicht unbedingt schlüssig zu sein. Hier scheint viel eher ein ins Körperliche gesteigertes Erleben von Visionen dahinterzustehen, ähnlich wie man es etwa bei Trance-Zuständen vorfindet.
Sehen wir uns den Aufbau des Buches nun aber zunächst im einzelnen an.
| I. | Ez 1-24 | Gerichtsworte über Juda und Jerusalem |
| Ez 1-3 | Sogenannte Thronwagenvision (Ez 1) mit Audition und symbolischem Wortempfang: Essen einer Buchrolle (Ez 2-3) |
| Ez 3,16ff | Beauftragung zum Wächter (vgl. Ez 33,1ff; Jer 6,17) |
| Ez 4-5 | Drei Symbolhandlungen (eingeleitet durch Ez 3,22ff) zur Darstellung der Belagerung Jerusalems: |
| Ez 4,1-2. 3 | Belagerung eines Lehmziegels, auf dem das Bild der Stadt eingeritzt ist | ||
| Ez 4,9ff | Rationierung von Mischbrot und Wasser zum Zeichen der Nahrungsknappheit (vgl. Jer 37,21) | ||
| Ez 5,1-2. 3-4 | Abschneiden der Haare: je ein Drittel verbrennen, zerhauen, zerschneiden (vgl. Jes 7,20) | ||
| Ez 4,4-8. 12ff | Einschub: Weitere symbolische Handlunge, Tragen der Schuld und Backen des Brotes, zur Darstellung der Exilssituation | ||
| Ez 5,5ff | Gericht über Jerusalem, Mitte der Völker (Vgl. Ex 38,12) |
| Ez 6 | Gegen die Berge (und Täler)
Israels Zerstörung und Verunreinigung der Altäre (Kulthöhen) |
|
| Ez 7 | Der Tag des Endes (vgl. Am 8,2) | |
| Ez 8-11 | Vision von Jerusalems Sünde und Gericht |
| Ez 8 | Entrückung nach Jerusalem. Vier Greuel: unreine bzw. fremde Kulte, wie Bilderverehrung, Tammuz- und Sonnenkult | ||
| Ez 9-11 | Gericht | ||
| Ez 9 | Sechs Straf-, ein Schreiberengel | ||
| Ez 10 | Einäscherung der Stadt. Der Kerubenwagen (vgl. Ez 1) | ||
| Ez 11 | Tod Pelatjas. Gottes Auszug aus dem Tempel |
| Ez 12 | Zwei Symbolhandlungen vom Exulantengepäck (Deportation der Jerusalemer) und vom Essen und Trinken mit Zittern (Ez 12,17ff) |
| Ez 12,12ff | Ergänzung: Schicksal Zidkijas | ||
| Ez 12,21ff | Gewisses, baldiges Eintreffen des Prophetenwortes |
| Ez 13 | Wehe den Propheten und Prophetinnen (vgl. Mi 3,5ff; Jer 23) | |
| Ez 14 | Kein Befragen Gottes (vgl. Ez 20,1ff) durch Götzendiener |
| Ez 14,12ff | Selbst die drei Gerechten - Noach, Daniel und Ijob - könnten nur sich selbst retten (vgl. Jer 5,1; 15,1) |
| Ez 15 | Jerusalem als Rebholz, nur zum Verbrennen tauglich | |
| Ez 16 | Jerusalem als untreue Frau (vgl. Ez 23; Hos 2) | |
| Ez 17; 19 | Klage über die letzten Könige Judas (vgl. Jer 21-22) |
| Ez 17 | "Rätsel": Allegorische Darstellung des Schicksals Jojachins (vom Adler geraubter Zedernwipfel) und Zidkijas (Weinstock vor zwei Adlern: Ägypten und Babylon) |
| Ez 17,13ff | Vertragsbruch Zidkijas |
| Ez 18 | Sogenannte Lehre von der individuellen Vergeltung (vgl. Ez 33,10ff) | |
| Der Gerechte und der Ungerechte
(vgl. Ps 15; 24,3ff) Freiheit zur Umkehr "Ich richte jedermann nach seinem Wandel" (Ez 18,30) |
||
| Ez 19 | Klagelied. Fabel von der Löwin
und ihren beiden Jungen über das Königtum (Joahas, Jojachin) und - im Nachtrag (Ez 19,10ff) - vom verdorrten Weinstock (Zidkija) |
|
| Ez 20 | Geschichtsrückblick in die
Wüstenzeit Offenbarung des Jahwenamens, Übertretung des ersten Gebotes und Sabbatgebots |
| Ez 20,25ff | Ungute Satzungen, die nicht zum Leben führen (Forderung der Erstgeburt) | ||
| Ez 20,32ff | Zusatz: Gericht in der Wüste "von Angesicht zu Angesicht" und Heil. Zweiter Exodus |
| Ez 21 | Jahwes "Schwert" |
| Ez 21,23ff | Symbolhandlung: Nebukadnezzar vor zwei Wagen Das Los entscheidet für Jerusalem |
| Ez 22 | Die "Blutstadt" (Ez 22,2; 24,6. 9) |
| Ez 22,17ff | Im Schmelzofen (vgl. Jes 1,21ff) | ||
| Ez 22,23ff | Ständepredigt. Alle verdorben |
| Ez 23 | Die untreuen Schwestern Ohola und Oholiba, Samaria und Jerusalem (vgl. Jer 3,6ff) | |
| Ez 24 | Bild vom (verrosteten) Kessel im Feuer |
| Ez 24,15ff | Der Tod von Ezechiels Frau als Symbol für den
Fall Jerusalems: Keine Trauer |
| II. | Ez 25-32 | Worte über (sieben) Fremdvölker (vgl. Am 1-2; Jer 46ff u. a.) |
| Ez 25 | Gegen Ammon, Moab, Edom (vgl. Ez 35), Philister | |
| Ez 26-28 | Gegen Tyrus (von Nebukadnezzar aber nicht erobert; vgl. Ez 29,18) | |
| Wie schon in Ez 19 tritt in Ez 26,15ff; 27; 28,11ff; 32 die Form des Klageliedes hervor. Dabei klingen in Ez 28-32; 47 verstärkt mythische Traditionen an |
| Ez 27 | Klagelied über das Schiff Tyrus | ||
| Ez 28,1ff | Höllensturz des Himmelwesens (vgl. Jes 14; Ez 31,14ff; 32,17ff) | ||
| Ez 28,11ff | Klagelied: Der König als Urmensch verstoßen aus dem Gottesgarten (vgl. Gen 3) | ||
| Ez 28,20ff | Gegen Sidon und Verheißung für Israel |
| Ez 29-32 | Gegen Ägypten (vgl. Ez 17,7ff. 15ff) | |
| Pharao als Krokodil (Ez 29; 32) und Weltenbaum (Ez 31; vgl. Dan 4) |
| III. | Ez 33-39 | Heilsworte |
| Ez 33 mit den Entsprechungen zu Ez 1-24 markiert die Wende von der Unheils- zur Heilsbotschaft | ||
| Ez 33 | Beauftragung zum Wächter (vgl. Ez 3,16ff) |
| Ez 33,10ff | Umkehrpredigt: Der Gerechte und der Ungerechte (vgl. Ez 18) | ||
| Ez 33,21-22 | Kunde vom Fall Jerusalems (vgl. Ez 3,26-27; 24,25ff) | ||
| Ez 33,23ff | Gegen die Sicherheit der im Land Verbliebenen und der Verbannten (Ez 33,30ff) |
| Ez 34 | Die bösen Hirten Israels (Ez 34,1-10) und der wahre Hirte - Gott (Ez 34,11ff) und sein Knecht David (Ez 34,23-24; 37,22ff; vgl. Jer 23) |
| Ez 34,25ff | Friedensbund |
| Ez 35-36,15 | Gericht über Seïr/Edom (wegen
seines Verhaltens bei und nach dem Fall Jerusalems; vgl. Obd;
Jes 34; Jes
63) und Heil über die Berge Israels (vgl. Ez
6). Gegen Anspruch der Feinde auf das Land |
|
| Ez 36,16ff | Reinigung Israels. Neues Herz, neuer Geist (Ez 26-27; 11,16ff) | |
| Ez 37 | Vision von der Wiederbelebung der Gebeine: neues Leben und Heimkehr des Volkes |
| Ez 37,15ff | Symbolhandlung: Zusammenlegung zweier Hölzer mit der Aufschrift "Juda" und "Josef" als Bild für die Vereinigung von Süd- und Nordreich |
| Ez 38-39 | Ansturm von Norden (vgl. Jer
4-6) unter Gog von Magog, dem Fürsten von Meschech und Tubal. Seine
Vernichtung Sicherung des Landes |
| IV. | Ez 40-48 | Vision vom neuen Tempel. Sogenannter Verfassungsentwurf Ezechiels (in verschiedenen Wachstumsstadien) |
| Ez 40 | Führung des Propheten durch einen Engel. Grundmaße des Heiligtums | ||
| Ez 43 | Rückkehr von Jahwes Herrlichkeit in den Tempel | ||
| Ez 44 | Diener am Heiligtum. Leviten und Priester | ||
| Ez 45-46 | Der "Fürst" (vgl. Ez 44,3; auch Esra 1,8) | ||
| Ez 47 | Tempelquelle (Paradiesstrom; vgl. Gen 2,10ff; Sach 14,8) | ||
| Ez 47-48 | Verteilung des Landes |
Das Ezechielbuch ist in mancher Hinsicht anders als die älteren Prophetenbücher. Es besteht weniger aus Sammlungen von knappen, selbständigen Einzelworten als aus größeren Kompositionen. In diesen größeren Einheiten wird jeweils ein Thema breit ausgestaltet.
Dabei sind für Ezechiel folgende "Stilmittel" charakteristisch:
Gegenüber der älteren Prophetie sind die Visionen bei Ezechiel ungeheuer umfangreich (Ez 1-3; 8-11; 37; 40-48). In der Verwendung solch umfangreicher visionärer Berichte ist Ezechiel eine Vorstufe zur späteren Apokalyptik.
Interessant ist, dass Ezechiel nicht nur fürbittend (Ez 9,8; 11,13), sondern auch prophezeiend und handelnd (Ez 11,4; 37,4ff) in das visionäre Geschehen selbst eingreifen kann (vgl. Ez 4,14; 21,5).
Ein wichtiges Element des Ezechielbuches sind auch die ausgedehnten Bildreden. Mittels solcher Allegorien wird derselbe Stoff mit unterschiedlichen Nuancen und Intentionen ausgemalt.
Wichtige Beispiele hierfür sind:
Verschiedene Bilder
oder auch Bild und Deutung können dabei ineinander übergehen.
Ezechiel umfasst auch immer wieder die Gesamtgeschichte mit
ausführlichen Geschichtsrückblicken. Durch diese Rückblicke hält er seinen
Zeitgenossen die Geschichte immer wieder mit ungemein kritischer Schärfe
anklagend und drohend vor Augen. ![]()
Mehr oder weniger typisch sind auch bestimmte Wendungen, wie etwa
Ezechiel schildert Ereignisse gerne so, dass sie an alte prophetische Traditionen erinnern. Dabei bedient er sich dann allerdings meist nur des Rahmens und verleiht den alten Traditionen neue Akzente.
Zu diesen Redeweisen, die zum Teil noch aus der Zeit der alten Propheten stammen, gehört es zum Beispiel, wenn Ezechiel davon spricht:
Aber auch an die Thematik der älteren Schriftpropheten
knüpft Ezechiel an. Insbesondere an Jeremia. ![]()
Auffallend ist ebenfalls, dass Ezechiel ein nicht geringes Interesse am Tempel und seinen Einrichtungen hat (besonders Ez 8; vgl. Ez 40ff). Dies wird möglicherweise dadurch verständlich, dass er selbst Priester, auf jeden Fall aber Priestersohn gewesen ist (Ez 1,3).
Dieser Aspekt könnte auch erklären, dass seine Sprache anders als bei den älteren Schriftpropheten auffällige Berührungen mit priesterlicher Ausdrucksweise aufweist. Insbesondere eine Nähe zum Heiligkeitsgesetz (Lev 17-26) ist in diesem Zusammenhang deutlich festzustellen.
Trotz der ähnlichen Sprache und immer wiederkehrender stilistischer Eigenheiten, gibt es auch eine Reihe von Hinweisen darauf, dass das Ezechielbuch nicht aus einem Guss ist.
deuten darauf hin, dass eine - anonym
bleibende - "Schule" die vorgegebenen Prophetenworte nicht nur
gesammelt und verknüpft hat, sondern auch eigenständig ausgelegt,
weitergeführt, neu gestaltet, ja und wohl auch "fortgeschrieben" hat.
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Durch seinen auffällig einheitlichen Stil macht das Buch die Unterscheidung zwischen ursprünglichem Gut und sekundärer Bearbeitung allerdings sehr schwer.
So lässt sich kaum Genaues sagen. Die Forschung schwankt
zwischen mehr Zutrauen und mehr Skepsis. Neuerdings bricht die Skepsis im
Anschluss an die Kritik G. Hölschers allerdings wieder mehr auf. ![]()
Nach G. Hölscher bilden vor allem die Visionen und Gedichte den Kern des ursprünglichen Ezechiel-Buches.
Zur Theologie Ezechiels kann man in aller gebotenen Kürze folgendes sagen:
In den letzten Jahren vor der Katastrophe hat auch Ezechiel - wie die älteren Schriftpropheten - eine harte Gerichtsbotschaft zu bringen. Ezechiel greift hier die Unheilsbotschaft seiner Vorgänger auf und spitzt sie noch einmal zu.
In immer neuen Variationen,
kündet Ezechiel dem Land und der Stadt Jerusalem das
"Ende" (Ez 7) an. ![]()
Die Nachricht vom Fall Jerusalems (Ez 33,21-22; vgl. Ez 3,25ff; 24,25ff) bedeutet nach der durch die Redaktion bewusst betonten Darstellung des Buches einen Umschwung in der Verkündigung Ezechiels.
Nun beginnt die Heilsbotschaft des Propheten.
Im Aufbau des Buches korrespondieren so Unheils- und Heilsansage.
Das heißt aber, dass Gott nicht einfach das Alte wiederherstellen wird. Er wird etwas Neues schaffen. An die Stelle des alten Bundes wird ein ewiger Bund treten (Ez 16,60; 37,26-27).
Dies wird nicht als Belohnung geschehen, weil das Volk etwa zu Jahwe zurückgekehrt wäre. Das Ganze geschieht rein aufgrund der Huld Jahwes - heute würden wir sagen: geschenkweise, aufgrund der Gnade. Die Reue der Menschen wird erst anschließend folgen (vgl.: Ez 16,62-63).
In dieser neuen Zeit erwartet auch Ezechiel einen neuen David,
aber viel verhaltener, als das andere Propheten tun. ![]()
Ezechiel erwartet hier nicht einen Messiaskönig voll Herrlichkeit. Der künftige Herrscher ist nicht einmal ein König, er ist nur noch "Fürst" und übernimmt Gottes eigene Aufgabe (Ez 34,10ff). Er wird der wahre Hirt seines Volkes sein.
Ein wichtiges Ergebnis der Theologie Ezechiels ist auch der
Bruch mit der Vorstellung von der Gemeinschaftlichkeit in der Strafe. Ezechiel
spricht von der individuellen Vergeltung (Ez
18; vgl. Ez 33). ![]()
Ezechiel ist zwar ein mit dem Tempel innig verwachsener Priester, aber er bricht dennoch, wie das auch schon Jeremia getan hatte, mit der Vorstellung, dass Gott an sein Heiligtum gebunden sei.
Der Altar in seiner Berufungsvision hat Räder bekommen. Er ist nicht mehr an Jerusalem gebunden. Außerdem begegnet Gott dem Ezechiel in dieser Vision im Exil, in einem fernen, unreinen Land.
So vermählen sich in Ezechiel priesterlicher und prophetischer Geist; eine Spannung, die in seiner ganzen Botschaft bestehen bleibt und nicht restlos harmonisiert wird.
Die Riten, die bestehen bleiben, erhalten ihren Wert nun erst durch die Gesinnung, den Geist, der sie beseelt. Die ganze Lehre Ezechiels kreist um diese innere Erneuerung. Man muss sich ein neues Herz und einen neuen Geist schaffen (Ez 18,31).
Einer der Kernpunkte seiner Verheißung ist in diesem Zusammenhang Ez 36,26, jene Stelle, in der Gott selbst verspricht, dies im Menschen zu bewerkstelligen:
"... ich werde euch ein neues Herz geben und einen neuen
Geist in euer Inneres geben, euer steinernes Herz wegnehmen und euch ein Herz
von Fleisch geben." (Ez
36,26) ![]()
Mit Ezechiels Verkündigung von der göttlichen Huld, die die Reue voraussieht, steht man hier an der Schwelle einer Theologie der Gnade, die dann Johannes und Paulus im Christentum entfalten werden.
Die Vergeistigung aller religiösen Gegebenheiten ist der große Beitrag des Ezechiel. Er steht wie Jeremia - nur auf eine andere Weise - am Ursprung einer überaus bedeutenden Geistesströmung, die das ganze nachfolgende Judentum durchzogen hat.
Darüber hinaus steht er am Anfang der apokalyptischen Strömung. Seine großartigen Visionen sind ein Vorspiel zu den Gesichtern Daniels. Von daher ist es alles andere als überraschend, dass man in der Apokalypse des Johannes so oft seinen Einfluss wiederfindet.
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
Tel.: +49 (07251) 9761-0, Fax: +49 (07251) 9761-12, e-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.
Letzte Änderung: 25. Dezember 2001