Das Prophetentum

Nach der Gruppe der sogenannten "frühen Prophten", den ["nebi>im rischonim"], also den Schriften des Deuteronomistischen Geschichtswerkes, folgen in der hebräischen Bibel die Schriften der " ["nebi>im >acharonim"], der "späteren" oder "hinteren Propheten".

Unter dieser Gruppe fasst man die Bücher der sogenannten Schrift-Propheten, also der Propheten, unter deren Namen jeweils ein eigenes Buch überliefert ist, zusammen:

Bevor wir uns mit diesen Büchern jedoch eingehender beschäftigen, müssen wir uns die Frage stellen, was das denn eigentlich sind, Propheten.

1. Das Prophetentum als religionsgeschichtliches Phänomen

In verschieden starkem Maße und unter wechselnden Formen kannten alle großen Religionen des Altertums Menschen, die von einer Gottheit ergriffen waren und mit dem Anspruch auftraten, im Namen ihres Gottes zu sprechen.  Dabei scheinen schon in frühester Zeit auch Frauen unter ihnen gewesen zu sein, auch wenn wir in der Mehrzahl von Männern auszugehen haben.

Texte aus dem 2. Jahrtausend v. Chr. bestätigen das Vorkommen von solchen Propheten, besonders bei den Nachbarvölkern Israels, in Mari am Euphrat und in Byblos in Phönizien.

Ausführlicher ist sogar das Zeugnis der Bibel selbst. Dort wird über die vierhundertfünfzig Baalspropheten berichtet, die Isebel aus ihrer Heimat Tyrus mitgebracht hatte und die von Elija auf dem Karmel vernichtet wurden (1 Kön 18,19-40).

Auch wenn diese Zahl nicht unbedingt wortwörtlich genommen werden muss, so ist hier doch eine Gruppe von Propheten, also eine Prophetenschar des Gottes Baal bezeugt.

2. Frühe Jahwe-Propheten

Wenig später ist von vierhundert Propheten die Rede, die König Ahab befragt haben soll (1 Kön 22,5-12). Genauso wie die Propheten, die Isebel mitgebracht hatte, stellen diese Propheten eine Schar von wilden Ekstatikern dar. Im Unterschied zu den Propheten der Isebel aber behaupten sie, im Namen Jahwes zu reden.

a. Ekstatiker im Umfeld des Jahweglaubens

Die Königsbücher berichten zwar, dass dieser Anspruch falsch gewesen sei und dass es sich um Lügenpropheten handelte. Aus dieser Erzählung kann man allerdings trotzdem entnehmen, dass es grundsätzlich diese Art von Propheten, also solche wilden Ekstatiker, auch im Umfeld des Jahweglaubens gegeben haben muss.

Man scheint sich schließlich nicht darüber zu wundern, dass diese Propheten behaupten im Namen Jahwes zu sprechen. Gerügt wird vom ersten Königsbuch lediglich die Tatsache, dass diese Behauptung nicht stimmt.

So begegnen uns Ekstatikerschwärme auch an anderer Stelle im Umfeld des Jahweglaubens, zum Beispiel

Nach dieser Zeit treten sie allerdings nicht mehr in Erscheinung. Eine Ausnahme stellt lediglich die Anspielung in Am 7,14 dar. Hier wird dieses Phänomen noch einmal erwähnt.

b. Wodurch zeichnen sich diese frühen Propheten aus?

Charakteristisch für diese Frühform des Prophetentums war es, dass diese Gruppen meist unter erregender Musik (1 Sam 10,5) in Zustände kollektiver Verzückung und Raserei gerieten. So haben sie dann anscheinend ansteckend auf die umstehenden Menschen gewirkt (1 Sam 10,10; 19,20-24).

Auch von sinnbildlichen Handlungen solcher Propheten ist die Rede (1 Kön 22,11).

Einmal wird berichtet, wie selbst Elischa Musik zu Hilfe nimmt, bevor er prophetisch weissagt (2 Kön 3,15). Dies scheint aber bei den biblischen Propheten eher die Ausnahme zu sein.

c. Zeichenhandlungen und Verzückung bei den biblischen Propheten

Für die Propheten, von denen die Bibel ausführlicher berichtet, scheinen vor allem Zeichenhandlungen charakteristisch zu sein,

Natürlich wird auch bei ihnen im Zusammenhang mit solchen Zeichenhandlungen - manchmal auch unabhängig davon - von seltsamen Formen des Verhaltens berichtet. Sie können sogar anormale psychische Zustände, Trance-Zustände, durchlaufen, ganz ähnlich, wie das von den Ekstatikerschwärmen der Frühzeit berichtet wird.

Aber diese außergewöhnlichen Erscheinungsformen sind niemals das Wesentliche bei den Propheten, deren Taten und Worte die Bibel überliefert. Sie unterscheiden sich darin deutlich von den Ekstatikern der alten Prophetengemeinschaften.

3. Was ist ein Prophet

Ganz gleich in welchen Erscheinungsformen diese Menschen jedoch auftreten, eines ist ihnen allen gemeinsam. Alle tragen nämlich die gleiche Berufsbezeichnung, nämlich ["nabi>"].

a. Das hebräische Wort ["nabi>"]

Das Verbum, das von diesem Wort abgeleitet ist bedeutet zwar durchaus so etwas wie "in Verzückung geraten", "außer sich sein" und "rasen" (1 Sam 18,10 und an anderen Stellen) doch ist dies wahrscheinlich nicht die ursprüngliche Bedeutung des Substantivs.

Die Bedeutung des Verbums ist nämlich sekundär. Weil bei den alten Propheten das "in Verzückung geraten" offenbar häufiger zu beobachten war, wurde das von ["nabi>"] abgeleitete Verbum ["nb>"] eben in dieser Form gebraucht. Dieser abgeleite Gebrauch ist für den ursprünglichen Sinn des Substantives ["nabi>"] natürlich nicht maßgeblich.

Das Wort ["nabi>"] gehört aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer Wurzel, die "rufen" und "künden" bedeutet. Sie ist in anderen arabischen und vorderorientalischen Sprachen noch sichtbar. So bedeutet das Wort "nabû" im Assyrischen soviel wie "rufen", "verkünden" und "nennen".

Der ["nabi>"] wäre dann einer, der ruft, der verkündet. Er ist dann aber gleichzeitig auch jemand, der berufen ist, dies zu tun. Er ist ein "zum Rufen berufener Rufer". Dies scheint die trefflichste Umschreibung des hebräischen Wortes ["nabi>"] zu sein.

Mit dieser Deutung als "berufener Rufer" ist aber auch gleichzeitig das Wesentliche des israelitischen Prophetentums bereits umschrieben.

b. Das Wesen des Propheten als beauftragter Sprecher

Der Prophet ist nach der Schilderung der biblischen Schriften ein Bote und Sprecher Gottes. Das wird an zwei Parallelstellen klar ausgesprochen:

Aaron soll der Sprecher des Mose sein, als ob er Moses "Mund" und Mose "der Gott" wäre, der ihn zu sprechen beauftragt. So heißt es Ex 4,15-16. Hier wird Aaron also als beauftragter Sprecher des Mose bezeichnet. In Ex 7,1 wird das dann in die Formulierung gekleidet, dass Mose "ein Gott sein soll für den Pharao" und Aaron sein ["nabi>"], sein "Prophet" (Ex 7,1). Aaron als beauftragter Sprecher ist dementsprechend das, was man im hebräischen ["nabi>"] nennt.

An diese Stellen erinnert auch das Wort Jahwes an Jeremia:

"Ich habe meine Worte in deinen Mund gelegt" (Jer 1,9)

c. Das Bewusstsein um den göttlichen Ursprung des Wortes

Die Propheten wissen sehr wohl um den göttlichen Ursprung ihrer Botschaft. Das Bewusstsein, nicht ihr eigenes Wort zu verkünden, sondern ein von Jahwe empfangenes Wort, macht ihren Anspruch aus.

So beginnen sie in aller Regel ihre Botschaft mit den Worten "So spricht Jahwe" oder "Wort Jahwes" oder auch "Spruch Jahwes".

Das Wort, das über sie gekommen ist, zwingt sie anscheinend zu sprechen. Immer wieder deuten die Propheten an, dass sie dieses Wort nicht verschweigen können, auch wenn sie es wollten:

"Spricht Jahwe, der Herr, wer sollte da nicht weissagen?" (Am 3,8)

ruft Amos beispielsweise aus, und Jeremia wehrt sich vergeblich gegen Gottes Zugriff, der ihn gleichsam packt und überwältigt (Jer 20,7-9).

4. Die Berufung zum Propheten und das Leben als Prophet

Die Beauftragung mit der Verkündigung des Wortes wird meist als ausdrückliches Berufungserlebnis geschildert.

a. Eine unwiderstehliche Berufung

Sowohl Amos, Jesaia, als auch Jeremia erlebten ihre Beauftragung zum Propheten anscheinend als einen Eingriff Gottes in ihr Leben. Er kommt gleichsam über sie und beruft sie eines Tages unwiderstehlich (Am 7,15; Jes 6; besonders Jer 1,4-10).

Insbesondere Jeremia versucht sich gegen die Beauftragung zu wehren. Doch kann man sich der Sendung Gottes anscheinend nicht entziehen. Was es kostet, allein diesen Versuch zu unternehmen, zeigt der Anfang der Jona-Erzählung. Egal wohin er vor Gott flieht, er kommt nicht von ihm los.

b. Die Berufung betrifft das ganze Leben

Bei ihrer Berufung werden die Propheten als Boten Jahwes erwählt (Jes 6,8) und gesandt, den Willen Gottes zu künden.

Das mündet aber nicht nur in eine Prediger- oder Rednertätigkeit. Die so Berufenen sollen mit ihrer ganzen Person "Zeichen" für dieses Gotteswort sein. Nicht nur ihre Worte, auch ihr Tun, auch ihr Leben, alles ist Prophetie.

Beispiele dafür finden sich in den Prophetenbüchern allüberall:

5. Der Empfang der Gottesbotschaft

Auch nach dem eigentlichen Berufungserlebnis ergeht das Wort immer wieder an den berufenen Propheten. Die Botschaft, die Gott für den Propheten hat, wird nach dem biblischen Bericht auf ganz unterschiedliche Art und Weise übermittelt. Die Bibel spricht von:

Diese Formulierung weist eigentlich schon darauf hin, dass wir diese Wortübertragungen in der Regel als "innere Eingebung" bezeichnen können, was immer das dann auch bedeuten mag.

Auch Formulierungen wie:

"Wort Jahwes an ..."

dürften in diesem Sinne zu verstehen sein.

Mandelbaum.

Solche inneren Eingebungen erfolgen zum Teil ganz plötzlich. Zum Teil werden sie durch eine alltägliche Begebenheit ausgelöst, wie z. B. bei Jeremia durch den Anblick eines Mandelbaums (Jer 1,11):

"Und das Wort Jahwes erging an mich, wie folgt: "Was siehst du, Jeremia?" Ich antwortete: "Einen Mandelbaumzweig sehe ich." Da sagte Jahwe zu mir: "Du hast richtig gesehen. Ja, ich wache über mein Wort, um es auszuführen." Und das Wort Jahwes erging zum zweiten Mal an mich: "Was siehst du?" Ich antwortete: "Einen übersiedenden Topf sehe ich und sein Inhalt (drohend) von Norden her." Da sprach Jahwe zu mir: Von Norden her siedet das Unheil über alle Bewohner des Landes..." (Jer 1,11-14)

Eine ähnliche Szene wird beim Anblick zweier Feigenkörbe in Jer 24 geschildert oder etwa anlässlich eines Besuch bei einem Töpfer in Jer 18,1-4.

6. Die Übermittlung der Gottesbotschaft

Die dadurch empfangene Botschaft wird vom Propheten dann auch auf verschiedenartige Weise übermittelt:

Wir werden unten darauf noch ausführlicher eingehen.

7. Das Selbstverständnis des Propheten

Die unterschiedlichen Arten wie der Empfang einer Gottesbotschaft erlebt wird oder wie das Wort Jahwes dann verkündet wird, hängen zum größten Teil anscheinend von der Persönlichkeit des jeweiligen Propheten ab. Seine Veranlagung und seine natürliche Begabung spielen hier augenscheinlich eine große Rolle.

Aber neben allen Eigenarten gibt es auch Verbindendes unter den einzelnen Propheten. Dem Empfang und der Verkündigung der jeweiligen Botschaft liegt etwas wesentlich Gleiches zugrunde:

So ist jeder Prophet zutiefst davon überzeugt, dass er nur Werkzeug ist. Die Worte, die er im Namen Jahwes hervorbringt, sind zwar irgendwie schon seine Worte, aber gleichzeitig sind sie auch nicht seine Worte. Ein Prophet besitzt die unerschütterliche Überzeugung, dass er ein Wort von Gott empfangen hat und dass er dieses Wort mitteilen muss.

Diese Überzeugung beruht auf der geheimnisvollen - man könnte sagen fast mystischen - Erfahrung einer unmittelbaren Verbindung mit Gott. Dabei kommt es - wie gesagt - vor, dass dieses von Gott Ergriffenwerden äußerlich "anormale" trance-artige Erscheinungen hervorruft. Diese sind aber, wie bei den großen Mystikern, nie das Wesentliche.

8. Der Adressat der prophetischen Botschaft

Zu den Adressaten der prophetischen Botschaft ist zu sagen, dass ein Prophet sich ganz selten an eine Einzelperson wendet - eine Ausnahme von dieser Regel stellt beispielsweise Jes 22,15-16 dar. Und selbst wenn der Adressat eines Propheten einmal eine Einzelperson ist, dann steht sie meist in einem größeren Zusammenhang wie etwa in Jer 20,6 oder Am 7,17.

So ist der König natürlich als der Führer des Volkes immer wieder auch Adressat von prophetischer Botschaft:

Genauso kann in nachexilischer Zeit dann der Hohepriester Adressat des Prophetenwortes sein. Er ist schließlich das Oberhaupt der nachexilischen Gemeinde (Sach 3).

Grundsätzlich heißt es aber in allen Berufungsberichten, dass der Prophet zum Volk gesandt wird (Am 7,15; Jes 6,9; Ez 2,3). Eigentlicher Adressat der Propheten ist also das Volk Israel; und bei Jeremia sind es sogar alle Völker der Erde. Er wird als einziger ausdrücklich

"... über die Völker und über die Königreiche gesetzt, auszurotten und niederzureißen und zu verderben und zu zerstören, aufzubauen und zu pflanzen." (Jer 1,10).

9. Der Inhalt der prophetischen Botschaft

In unserem Verständnis ist der Prophet meist jemand, der etwas Zukünftiges vorhersagt, ein Ereignis der Zukunft voraussagt. In diesem Sinne hat sich dementsprechend auch unser Wort "prophezeien" entwickelt. Doch ist der Inhalt der prophetischen Botschaft weit vielschichtiger.

Die Botschaft des Propheten betrifft zwar auch die Zukunft. Sie geht aber immer zuerst von der Gegenwart aus. Der Prophet fühlt sich nämlich zuallererst immer zu seinen Zeitgenossen gesandt. Ihnen überbringt er den Gotteswillen, der für den jetzigen Augenblick Bedeutung hat. Er will beispielsweise eine Veränderung im Heute bewirken.

a. Die Voraussagen der Propheten

Das was der Prophet "voraussagt", soll eigentlich nur der Bestätigung und dann natürlich auch der Weiterführung dessen dienen, was er "aussagt". Es geht also nicht in erster Linie um das, was er "voraussagt", sondern um das, was er "aussagt".

(1) Vorhersage als Bekräftigung der Botschaft bei den älteren Propheten

In diesem Sinne sind Propheten natürlich auch Menschen, die etwas Zukünftiges vorhersagen, die prophezeien. Dass sie das tun, dient aber zunächst vor allem der Bekräftigung ihrer Botschaft.

So kündigen Propheten etwa Ereignisse für die nahe Zukunft an. Sie verstehen das als Zeichen, das in dem Augenblick, in dem es eintritt, die Worte und die Sendung des Propheten rechtfertigen und bestätigen soll (1 Sam 10,1-2; Jes 7,14; Jer 28,15-16; 44,29-30). Auf diese Weise künden Propheten beispielsweise Unheil an. Dieses Unheil dient der Bestrafung für die Vergehen, die der Prophet anklagt. Oder sie sehen Heil voraus. Wobei dieses Heil dann als Belohnung gesehen wird und zwar als Belohnung für die Umkehr, die sie fordern.

(2) Die endzeitlichen Prophezeiungen bei den jüngeren Propheten

Natürlich entwickelt sich die Art und Weise der Vorhersagungen und Prophezeiungen dann auch weiter und zwar im Sinne des Selbstverständnisses der Propheten.

In dem Maß, in dem ein Prophet sich schließlich als Sprecher Gottes versteht, übersteigt sein Sprechen ja auch die Begrenzungen der Zeit. Er versteht sein Wort ja nicht als sein eigenes Wort, sondern als das Wort jenes Gottes, der schließlich auch über der Zeit steht.

In diesem Sinne nimmt die Vorhersage von Zukünftigem bei den jüngeren Propheten dann auch andere Dimensionen an. Ihre Prophetenbotschaft tritt nun mit dem Anspruch auf, den Schleier, der über der Zukunft liegt, sogar bis zur Endzeit zu enthüllen, nämlich bis zum endgültigen Sieg Gottes (Daniel).

Aber - und das gilt für alle Propheten - dieser Blick in das Künftige bleibt immer zugleich eine Weisung für das Gegenwärtige.

(3) Das Unverständnis der eigenen Botschaft gegenüber

Dabei geben die Propheten interessanterweise nicht vor, selbst alles zu verstehen, was sie voraussagen. Auch das entspricht ihrem Selbstverständnis.

Der Prophet selbst ist schließlich nur ein Werkzeug. Und als solches erhebt er nicht den Anspruch, den Sinn seiner eigenen Botschaft bis ins Letzte zu begreifen. Sie kann ganz einfach sein eigenes Bewusstsein übersteigen.

Es kann sogar sein, dass die Botschaft, die der Prophet mitteilt, zu der Zeit, in der er sie verkündet, gar nicht ganz zu verstehen ist; dass also überhaupt erst die Ereignisse einer späteren Zeit sie verständlich werden lassen.

Es bleibt dann so etwas wie ein Geheimnis, das die Botschaft umhüllt, und das erst dann schwindet, wenn die Zukunft diese Botschaft dadurch offenbar macht, dass sie erfüllt wird. Bei den messianischen Verheißungen schwingen beispielsweise solche geheimnisvollen Züge mit.

b. Die Dimensionen der prophetischen Verkündigung

Wenn die zukünftigen Aspekte aber nicht der eigentliche Inhalt der prophetischen Verkündigung sind, was sind dann die wirklichen Dimensionen ihrer Botschaft?

(1) Bestrafung und Erbarmen

Die prophetische Botschaft zeigt ein doppeltes Gesicht.

So heißt es etwa bei der Berufung des Jeremia, dass er gesandt wird, "um auszurotten und niederzureißen" gleichzeitig aber "um aufzubauen und zu pflanzen" (Jer 1,10). Dies ist etwas Typisches für die Propheten überhaupt. Die Botschaft der Propheten ist einerseits Unheil androhend, auf der anderen Seite aber Heil verheißend.

a) Unheilsandrohungen:

So finden wir häufig sehr harte Prophetensprüche, voller Drohungen und Vorwürfe. Angesichts all dessen, was dem Heilsplan Gottes im Wege zu stehen scheint, packt den wahren Propheten das Grauen.

Manchmal kann daher solche Härte geradezu als Kennzeichen echter Prophetie erscheinen. Jeremia weist vor dem König beispielsweise darauf hin, dass alle Propheten vor ihm Hunger und Pest prophezeit haben. Er soll sich daher vor den Propheten hüten, die jetzt Frieden vorhersagen (Jer 28,8-9, vgl. Jer 26,16-19; 1 Kön 22,8).

b) Heilsverheißungen:

Dennoch fehlen bei den Propheten niemals Ausblicke auf das Heil. Das sogenannte Trostbuch Israels in Jes 40-55, das die Rückkehr aus dem Babylonischen Exil verheißt, ist geradezu einer der Höhepunkte der Prophetie.

Selbst den ältesten Propheten kann man nicht absprechen, dass auch sie eine Freudenbotschaft verkündet haben.

Bestrafung und Begnadigung gehören demnach im Gottesbild der Propheten im Blick auf Gottes Handeln an seinem Volk immer zusammen.

(2) Gesandt zum Volk aber im Blick auf die Völker

Diese Botschaft - sowohl die Drohung als auch die Heilsverheißung - ergeht bei den biblischen Propheten - wie wir bereits gesehen haben - zuallererst an die Adresse Israels. Der Prophet fühlt sich zum Volk Israel gesandt.

Wie aber auch die Macht Gottes letztlich den Horizont Israels übersteigt, so ist auch die Botschaft des Propheten, der ja genau diese Macht Gottes und dessen Taten ankündigt, umgreifender. Gottes Handeln hat Bedeutung auch für die anderen Völker. Und daher betreffen die Prophetensprüche auch diese Israel umgebenden Völker.

Auch das macht dementsprechend eine Dimension der prophetischen Botschaft aus: Die Propheten sind gesandt zum Volk, aber im Blick auf die Völker.

(3) Auseinandersetzung mit falschen Propheten

Eine wesentliche, weitere Dimension des prophetischen Wirkens ist die Auseinandersetzung mit falschen Propheten.

Falsche Propheten gibt es nämlich in der Bibel eine ganze Reihe. Sie werden nicht selten erwähnt.

Solche falschen Propheten können ehrlich überzeugte Menschen sein, die Einbildungen unterliegen, aber auch Schwindler, die sich bewusst verstellen. Ihr äußeres Verhalten unterscheidet sie dann von den wahren Propheten in keinster Weise. Sie täuschen das Volk.

Häufig setzen sich die Propheten der Bibel mit solchen falschen Propheten auseinander,

(4) Der Erweis der wahren Propheten

Was macht aber den wahren Propheten im Unterschied zum falschen dann aus? Wie kann man wissen, dass die Botschaft eines Propheten wirklich von Gott kommt? Wodurch lässt sich die wahre Prophetie von der falschen unterscheiden?

Die Bibel selbst nennt hier zwei Kriterien:

(5) Propheten als offizielle "Institution" des Jahweglaubens

Interessant und aufschlussreich ist dabei, dass beide Kriterien im Buch Deuteronomium genannt werden. Im offiziellen Gesetzbuch des Tempels wird also über die Frage nach den wahren Propheten gehandelt.

Das lässt erkennen, dass das Prophetentum tatsächlich eine anerkannte Einrichtung war. Die Kriterien zum Erkennen eines wahren oder falschen Propheten wurden im offiziellen Gesetzbuch geregelt, wurden vom Tempel aus überwacht. Das Prophetentum war also gleichsam eine Institution des israelitischen Glaubens.

So werden die Propheten manchmal auch ausdrücklich neben den Priestern genannt (Jer 8,1; 23,11; 26,7-8 usw.; Sach 7,3 usw.).

Und von Jeremia wissen wir beispielsweise, dass es im Tempel von Jerusalem eine "Zelle des Ben-Jochanan, des Gottesmannes" (Jer 35,4) gab. Dies war wahrscheinlich die Behausung eines Propheten, der im Tempelbereich seine Niederlassung hatte.

(6) Kultpropheten?

Aus solchen Angaben und aus der Ähnlichkeit mancher Weissagungen von Propheten mit liturgischen Texten, hat man neuerdings den Schluss ziehen wollen, dass die Propheten direkt zum Personal des Heiligtums gehörten. Sie hätten als sogenannte Kultpropheten dann bei den gottesdienstlichen Verrichtungen am Tempel eine direkte Rolle gespielt.

Auch die uns bekanntesten Propheten werden von einigen Exegeten mit dieser Art der Kultprophetie in Verbindung gebracht.

Diese Hypothese scheint aber weit über die Texte, mit denen sie begründet wird, hinauszugehen. Vor allem Alfons Deissler hält den Bogen hier für überspannt. Es gibt keinen direkten Beleg für das Vorhandensein von solchen Kultpropheten.

Was man aber auf jeden Fall festhalten muss, das ist, dass es eine gewisse Verbindung zwischen den Propheten und den Zentren des religiösen Lebens gegeben hat. Ein Einfluss der Liturgie auf die Abfassung mancher prophetischer Texte und Sprüche ist deutlich auszumachen. Besonders bei

begegnen wir diesem Phänomen.

(7) Das Spezifikum des israelitischen Prophetentums

Zusammenfassend könnte man also sagen: Aus der Vielfalt der Fakten und Texte über das Prophetentum in Israel ergibt sich offenbar folgende Grundvorstellung:

Dieses Bild des Propheten unterscheidet sich von der Gesamterscheinung des Prophetentums in der Umwelt Israels. So verstanden, ist das Prophetentum etwas, was Israel eigen ist. Eine der Formen, durch die Gottes Vorsehung das erwählte Volk leitet und begleitet.

Anmerkung

1) Vgl.: Alfons Deissler, Anton Vögtle (Hrsg.), Neue Jerusalemer Bibel (Freiburg / Basel / Wien 1985) 1004-1033.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.

Letzte Änderung: 15. März 2011