Der Bericht über Nehemia

Wir haben ja bereits gesehen, dass das Buch Nehemia mit einem Bericht über die Person des Nehemia in "Ich"-Form (Neh 1-7) beginnt. Hat hier also etwa dieser Nehemia, von dem diese Kapitel berichten, eine Schrift über seine eigene Person verfasst? Liegt hier tatsächlich so etwas wie eine Autobiographie des Nehemia vor?

Schauen wir uns dazu den Bericht über Nehemia ein wenig genauer an. Und schauen wir zunächst einmal darauf, was hier eigentlich berichtet wird.

1. Die Person Nehemias

Das Persische Reich in seiner größten Ausdehnung. (Reproduced by permission of Westminster John Knox Press).

Es wird dort geschildert, dass Nehemia Mundschenk am persischen Hof in Susa ist. Auf seine Bitte hin erhält er im Jahr 445 v. Chr. (Neh 1,1; Neh 2,1) die Vollmacht, die Mauer Jerusalems wieder aufzubauen. Nehemia hat dabei eine Fülle von Widerständen zu überwinden, nicht zuletzt von Seiten der Samaritaner. Diese werden denn auch vom Werk des Mauerbaus ausgeschlossen. Die Trennung zwischen Israel und den Samaritanern wird nun eine endgültige.

Der Mauerbau gelingt letztlich und Jerusalem kann nun wieder neu besiedelt werden.

Nehemia wird nun "Statthalter" (Neh 5,14; vgl. Neh 8,9; Neh 10,2) der Provinz Juda. Diese Provinz wird von Samaria abgetrennt und endgültig selbständig.

Dabei wird in Neh 6,6-7 dem Statthalter der Vorwurf gemacht, er hätte selbst politische Ambitionen und würde nach der Königsmacht greifen. Ob dieser Vorwurf einen realen historischen Hintergrund hat bleibt allerdings unklar.

2. Die Nehemia-Denkschrift bzw. Nehemia-Quelle als ursprünglich selbständiger Bericht

Die Provinz Juda in Nehemias Zeit (Reproduced by permission of Westminster John Knox Press).

Man nennt diesen Nehemia Bericht mit den Worten von Neh 1,1 die "Geschichte Nehemias" (Neh 1,1). Es begegnen auch die Bezeichnungen Nehemia-Quelle. oder Nehemia-Denkschrift.

Dieser unter jenen Bezeichnungen zusammengefasste Erzählfaden scheint tatsächlich einmal selbständig gewesen zu sein. Dafür sprechen eine Reihe von stilistischen Merkmalen.

a. Die Ich-Form des Berichtes

Zum einen ist hier natürlich schon einmal die "Ich"-Form zu nennen. Dadurch sticht die Nehemia-Quelle von der in "Er"-Form gehaltenen Darstellung des Chronisten ab.

b. Die andere Art der Monatsangaben

Auffallend ist darüber hinaus die Art der Monatsangaben. Der Chronist gibt Monate in der Regel mit Zahlen an. So heißt es in Neh 8,2, einem chronistischen Text:

"Da brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung der Männer, Frauen und aller, die fähig waren, es zu verstehen, am Ersten des siebten Monats." (Neh 8,2)

In der Nehemia-Quelle werden die Monate durchweg mit ihrem Namen bezeichnet, so zum Beispiel in Neh 1,1:

"Es geschah im Monat Kislev des zwanzigsten Jahres, als ich mich in der Burg zu Susa aufhielt,..." (Neh 1,1)

Oder in Neh 2,1:

"Es geschah im Monat Nisan des zwanzigsten Jahres des Königs Artaxerxes..." (Neh 2,1)

c. Die abschließende Gebets- oder Stifterformel

Eine weitere stilitstische Eigenart der Nehemia-Quelle ist die Formel

"Gedenke doch mein Gott, zu meinem Besten all dessen, was ich für dieses Volk getan habe!" (Neh 5,19)

Mit dieser Gebets- oder Stifterformel werden in der Nehemia-Quelle größere Abschnitte abgeschlossen . Diese Formel findet sich in dieser oder ähnlicher Form in

3. Die Authentizität der Nehemia-Denkschrift

Diese stilistischen Merkmale weisen die Nehemia-Denkschrift als eigenständige Quelle aus. Das heißt allerdings noch nicht, dass sie tatsächlich auf einen historischen Nehemia zurückgehen muss.

a. Zur Diskussion über die Authentizität der Nehemia-Denkschrift

Joachim Becker zum Beispiel hält es für weit wahrscheinlicher, dass diese sogenannte Nehemia-Denkschrift ein fiktiver Bericht sei. Die Nehemia-Quelle wäre dementsprechend eine fiktive Darstellung über die Wiederbesiedlung Jerusalems, die viel später eben im Stil dieses Berichts in der ersten Person geschaffen worden sei. Dieser damit vorliegende fiktive Bericht sei dann vom Chronisten übernommen und in sein Werk eingefügt worden.

Die Mehrzahl der Forscher scheint den "Ich"-Bericht der Nehemia-Denkschrift allerdings, als tatsächlich authentisch zu betrachten. Ihnen gilt die Nehemia-Quelle als Geschichtswerk von hohem Rang .

b. Ein möglicher ursprünglicher Zweck der Nehemia-Denkschrift

Wenn aber in der Nehemia-Quelle tatsächlich ein auf diesen Nehemia zurückgehender gleichsam autobiographischer Bericht vorliegt, dann ist zu fragen, was diese Schrift ursprünglich für einen Zweck erfüllte.

Man hat gefragt, ob

als Vorbild dienen könnten.

Hier ist dann vielleicht eine andere Formel, die in der Nehemia-Quelle Verwendung findet, hilfreich. Sie liest sich wie eine Abwandlung der Gebets- bzw. Stifterformel und findet sich zum Beispiel in Neh 6,14:

"Denk, o mein Gott, an Tobija nach diesen ihren Taten und auch an die Prophetin Noadja und die übrigen Propheten, die mich erschrecken wollten!" (Neh 6,14)

Der Verfasser bittet hier also darum, dass Gott an seinen Gegnern gemäß deren Taten Vergeltung üben solle. Ähnliche Formeln finden sich in Neh 13,29 und Neh 3,36-37.

Diese Vergeltungsformeln lassen erkennen, in welch harten Auseinandersetzungen sowohl mit Israels Nachbarn (Neh 2,10. 19 u. a.) als auch mit den eigenen Landsleuten (Neh 6,10ff) Nehemia den Mauerbau durchsetzen musste.

Die Nehemia-Denkschrift könnte also durchaus ursprünglich so etwas wie eine Art Rechenschaftsbericht aus persönlichem Blickwinkel gewesen sein. In ihr wäre zum Ausdruck gebracht worden,

"... wie Nehemia sein Werk versteht und in der Öffentlichkeit und vor Gott verstanden wissen will."

Wenn dieses Urteil stimmt und die Nehemia-Denkschrift authentisch ist, dann wäre das natürlich schon eine kleine Sensation. Schon in seiner Ausführlichkeit wäre dieser gleichsam autobiographische Bericht in der Bibel dann einzigartig.

Anmerkungen

1) Vgl.: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 161-171.

2) Vgl. Joachim Becker, Esra/Nehemia (= Die neue Echter Bibel) (Würzburg 1990) 8-9.

3) Vgl.: Kellermann.

4) Kellermann, 88, zitiert nach: Werner H. Schmidt, Einführung in das Alte Testament (Berlin / New York 4. Auflage 1989) 164.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.

Letzte Änderung: 15. März 2011