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Die
Priesterschrift bzw. der Priesterkodex (P) ![]()
Kommen wir abschließend zur letzten großen Quellenschrift, zum sogenannten Priesterkodex bzw. zur Priesterschrift (P).
Zieht man vom Penta- bzw. Hexateuch die auf J, E und Je zurückgehenden Teile sowie das Ur-Deuteronomium mit seinen späteren deuteronomistischen Zusätzen ab, dann verbleibt im Wesentlichen die Priesterschrift.
Wie man bereits vermuten kann, ist dieser Text allerdings auch wieder nicht einheitlich. Er lässt sich literarkritisch weiter aufteilen.
Man muss davon ausgehen, dass P zunächst einmal eine
Geschichtsdarstellung von der Erschaffung der Welt (Gen
1,1) vermutlich bis zur Landnahme (Jos
22,9-34) zumindest aber bis zum Tod des Mose (Dtn
34,9) enthalten hat. ![]()
Diesen erzählenden Rahmen nennt man die eigentliche Priesterschrift "P" oder auch "PG" (für "Priesterschrift/Grundschrift").
Daneben fallen umfangreiche Gesetzessammlungen auf.
Sicher hat bereits der erzählende Rahmen Gesetze enthalten. Dies war aber vermutlich nicht in dem Umfang der Fall, in dem heute Gesetzestexte in der Priesterschrift auftauchen.
Man nimmt daher an, dass PG eine spätere Erweiterung erfuhr. Diese späteren Ergänzungen, "Supplementa" ("PS"), enthielten dann vor allem die großen gesetzlichen Erweiterungen, also die priesterschriftliche Kultgesetzgebung vom Sinai.
Einen ganz eigenen Ursprung dürfte das sogenannte Heiligkeitsgesetz (PH) in Lev 17-26 haben. Es scheint als eigenständiger Bestandteil zur Priesterschrift hinzugestoßen zu sein.
So kann man zusammenfassend sagen:
PG umfasste mit großer Wahrscheinlichkeit
und aus der Sinaierzählung:
Neben dem Heiligkeitsgesetz in Lev 17-26 finden sich in der Priesterschrift folgende größere Gesetzesteile:
Wie schon beim Jahwisten und Elohisten soll auch hier Inhalt des Priesterkodex in einem Überblick dargestellt werden. Diese Übersicht beruht wiederum auf einer Zusammenstellung von Georg Fohrer.
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Die in Klammer gesetzten Buchstaben hinter den
Stellenangaben weisen wieder darauf hin, dass in die genannten Perikopen
noch andere Quellenstränge hineinverwoben sind. |
vermutete priesterschriftliche Anteile am Buch Genesis
| Gen 1,1-24a | Schöpfung |
| Gen 5 | Urväter (Stammbaum Sets) |
| Gen 6,9-8,22 (J) | Sintflut |
| Gen 9,1-17 | Zusage an Noah und Verpflichtung Noahs |
| Gen 10,1-7. 20. 22-23. 31-32 | Völkertafel |
| Gen 11,10-27. 31-32 | Stammbäume Sems, Terachs und Abrahams |
| Gen 12,4b-5 | Auszug Abrahams und Lots |
| Gen 13,6. 11b-12a | Trennung Abrahams und Lots |
| Gen 16,1a. 3. 15-16 | Ismaels Geburt |
| Gen 17 | Zusage an Abraham und Verpflichtung Abrahams, Ankündigung der Geburt Isaaks |
| Gen 19,29 | Vernichtung der Städte |
| Gen 21,2b-5 | Geburt und Beschneidung Isaaks |
| Gen 23 | Tod und Begräbnis der Sara |
| Gen 25,7-10 | Tod und Begräbnis Abrahams |
| Gen 25,12-17 | Stammbaum Ismaels |
| Gen 25,19-20 | Stammbaum Isaaks |
| Gen 26,34-35; Gen 27,46-28,9 | Entsendung Jakobs nach Paddan Aram |
| Gen 29,28b-29 | Jakobs Heirat mit Rahel |
| Gen 30,4a. 9b | Bilha und Silpa |
| Gen 31,18b; Gen 33,18ab | Jakobs Rückkehr und Ankunft in Sichem |
| Gen 35,6a. 9-13. 15 | Segnung und Umbenennung Jakobs |
| Gen 35,22b-26 | Jakobs Söhne |
| Gen 35,27-29 | Jakobs Ankunft in Hebron, Tod und Begräbnis Isaaks |
| Gen 36,1-2a. 4-8 | Esaus Auswanderung nach Seïr |
| Gen 36,40-43 | Häuptlinge Esaus |
| Gen 37,1-2 | Jakob und Josef |
| Gen 46,6-7. (8-27) | Jakobs Aufbruch nach Ägypten |
| Gen 47,5b-6a. 7-11; Gen 48,3-7 | Jakob und seine Söhne in Ägypten |
| Gen 49,1a. 28bb-33; Gen 50,12-13 | Jakob und seine Söhne in Ägypten |
vermutete priesterschriftliche Anteile am Buch Exodus
| Ex 1,7. 13-14 (N) (Zusatz: Ex 1,1-5) | Bedrückung in Ägypten |
| Ex 2,23ab-25; Ex 6,2-7,7 | Moses Berufung |
| Ex 7,8-13 | Verhandlung mit dem Pharao |
| Ex 7,14-9,12 (J E); Ex 11,9-10 | Plagen über Ägypten |
| Ex 12,1-20. 28. 40-51; Ex 13,1-2 | Feier und Auszug der Israeliten |
| Ex 16 (JN) | Wachteln und Manna |
| Ex 19,1 | Ankunft am Sinai |
| Ex 24,15b-18a; 31,18a | Niederlassen Jahwes und Aufstieg Moses |
| Ex 25,1-31,17 | Anordnungen zur Einrichtung des Kultus ("Stiftshütte") |
| Ex 34,29-35 | Herabstieg Moses vom Sinai |
| Ex 35-40 | Ausführung der Anordnungen von Ex 25-31 |
vermutete priesterschriftliche Anteile am Buch Levitikus
| Lev 1-7 | Opferanweisungen |
| Lev 8-10 | die ersten Priester und Opfer |
| Lev 11-15 | Reinheitsvorschriften |
| Lev 16 | Ritual des großen Versöhnungstages |
| Lev 17-26 | Heiligkeitsgesetz |
| Lev 27 | Bestimmungen über Weihegaben |
vermutete priesterschriftliche Anteile am Buch Numeri
| Num 1,1-10,10 | Bestimmungen über Leviten und Lagerordnung |
| Num 10,11-28 | Aufbruch vom Sinai und Zugordnung |
| Num 13,1-14,45 (JNE) | Erkundung des Landes (Kaleb) |
| Num 15 | Verschiedene Vorschriften |
| Num 16 (J); Num 17 | Auflehnung Korachs und seiner Anhänger |
| Num 18 | Pflichten und Rechte der Priester und Leviten |
| Num 19 | Reinigungsvorschriften |
| Num 20,1a. 2-13 (N) | Quellwunder, Bestrafung Moses und Aarons |
| Num 20,22-29 | Tod Aarons, Einsetzung eines Nachfolgers |
| Num 22,1 | Weitermarsch bis zum Jordantal |
| Num 25,19; Num 26 | Gliederung und Zählung des Volkes |
| Num 27 | Erbbestimmungen, Einsetzung Josuas |
| Num 28-30 | Bestimmungen über Opfer und Gelübde |
| Num 31 | Zug gegen die Midianiter |
| Num 33,1-49 | Liste der Lagerstätten |
| Num 33,50-34,29 | Anweisungen für die Besetzung Kanaans |
| Num 35 | Leviten- und Asylstädte |
| Num 36 | Nachtrag zu den Erbbestimmungen |
vermutete priesterschriftliche Anteile am Buch Deuteronomium
| Dtn 34,1 (J E). 7-9 (10-12) | Moses Tod (außerdem P-Sätze: Dtn 1,3; Dtn 4,41-43) |
Die priesterschriftliche Grundschrift ist nun natürlich auch nicht im luftleeren Raum entstanden. Allgemein anerkannt ist, dass PG alte Traditionen verwendet.
Ob die Grundschrift bereits auf literarische Vorlagen zurückgreift, ist allerdings umstritten. Eine solche Vorlage vermutet man in einem sogenannten "Toledot"-Buch.
Es gibt eine Reihe von Forschern, die ein Toledot-Buch annehmen, auf das die Priesterschriftliche Grundschrift bereits hätte zurückgreifen können.
(1) Der Name und der Anfang des Buches
Der Name
["toledot"] bedeutet soviel wie "Geschlechtsgeschichte" oder
"Geschlechterfolge".
Dieses Toledot-Buch wäre dementsprechend als Geschlechtsregister zu denken. In ihm wären dann die Stammbäume gesammelt gewesen, die die Priesterschrift anführt.
Einen Anfang dieses Buches vermutet man in Gen 5,1. Dort steht der eigenartige Vers:
"Das ist das Buch der Stammbäume (des Adam)" (Gen 5,1)
Dieser Ausdruck "Buch der Stammbäume",
["sephær toledot"], scheint ja
auf ein eigenes Buch hinzudeuten, das hier begonnen hätte.
(2) Stammbäume im Priesterkodex
Neben dem genannten Stammbaum des Adam in Gen 5,1ff finden wir weitere Stammbäume, nämlich von
und schließlich die Stammbäume von
die aber wohl wohl eher sekundär sein dürften.
Alle anderen genannten Stammbäume könnten aber einem solchen Toledot-Buch entnommen sein. Und dies ganz besonders, weil sie auch alle mit der stereotypen Wendung
"Das sind die Zeugungen von..."
eingeführt werden.
(3) Der Stammbaum des Himmels und der Erde
Zu diesen genannten Stammbäumen kommt im übrigen noch der
"Stammbaum" des Himmels und der Erde (Gen
2,4a). Interessanterweise umschreibt Gen
2,4a die Entstehung der Erde nämlich mit dem gleichen Begriff. Die
["toledot"] der Erde wird beschrieben.
Insgesamt liegen also 10 bzw. 11 Stammbäume vor. Wenn man mit dem Stammbaum der Erde beginnt, dann spiegeln diese Stammbäume eine Entwicklung der Welt vom Allgemeinen zum Besonderen wider.
Es beginnt mit der ganzen Welt, geht weiter über die Menschheit und das Volk Israel und - sofern man den Numeri-Stammbaum noch hinzunimmt - bis zum Priestergeschlecht Aarons.
Diese durchgehende Linie durch die verschiedenen Stammbäume könnte dementsprechend eine Konzeption andeuten, wie sie einem eigenständigen "Toledot"-Buch eigen gewesen sein könnte.
Auf ältere Tradition greift der Priesterkodex sicher auch zurück, wenn er - wie kaum eine andere Quellenschrift - die Zahlensymbolik bemüht.
Wir haben diesen Komplex im Zusammenhang mit der allgemeinen Einleitung bereits ausführlicher behandelt. Ich möchte daher nur noch einmal auf die gegenseitige Zuordnung der Lebensalter der Urväter und Patriarchen hinweisen:
Auffällig ist weiterhin, dass die Summe der Faktoren bei den Altersangaben der Patriarchen Abraham, Isaak und Jakob, immer 17 ergibt.
Jakob, der dabei am "jüngsten" stirbt, errechnet
sein Alter aus den vollkommensten Faktoren, der 7 als Zahl der Fülle und der 3
als Zahl der Gottheit. Hiermit wird also ausgedrückt, dass die Fülle
göttlichen Heilshandelns ganz auf das Haus Jakob und damit auf das Volk Israel
zielt. ![]()
Deutlich wird auf jeden Fall, dass die exakten Zahlenangaben eine theologische Aussage sind und keine historischen Zeitangaben beinhalten.
Soviel also zur Aufnahme von älteren Traditionen im Priesterkodex. Wo haben wir aber jetzt den Verfasser dieser Quellenschrift zu suchen und vor allem, wann arbeitet er?
Solange man den detaillierten Zahlen, wie etwa den Altersangaben der Patriarchen, vollen Glauben schenkte, musste man der Überzeugung sein, dass der Priesterkodex die älteste Schicht des Pentateuchs ist. Sie liefert schließlich die exaktesten Angaben und scheint daher die genaueste der Pentateuchquellen zu sein.
Mittlerweile wurde dieser Fehler selbstredend korrigiert.
Man geht heute davon aus, dass PG noch im babylonischen Exil,
auf alle Fälle noch vor dem großen Rückstrom entstanden ist. ![]()
Damit ist der Priesterkodex, so wie er heute vorliegt, allerdings noch lange nicht vollendet. Wir haben ja bereits gesehen, dass eine Fülle von Ergänzungen vorgenommen wurden. Diese Ergänzungen dürften vor allem die gesetzlichen Elemente umfasst haben.
So rechnet man heute mit einer Fertigstellung des ganzen Priesterkodex erst um das Jahr 450 v. Chr.
Der älteste gesetzliche Bestandteil von P ist wohl im Heiligkeitsgesetz zu suchen. Diese Gesetzessammlung dürfte wohl sogar älter als PG sein. Sie scheint als eigener Block in den bis dato vorliegenden Priesterkodex eingefügt worden zu sein.
Wichtig für eine Datierung der Priesterschrift ist auch der Blick in die anderen Bücher der Bibel. Wenn man untersucht, in welchen Büchern Stellen aus dem Priesterkodex nachwirken, dann hat man ja weitere Hinweise auf die Zeit, in der das Werk vorgelegen haben muss.
So fällt in diesem Zusammenhang beispielsweise auf, dass Ezechiel die Grundschrift PG noch nicht zu kennen scheint. Sie muss daher wohl als jünger denn Ezechiel angesehen werden. Wichtigster Beleg dafür ist, dass Ezechiel noch nichts von einem Hohenpriester weiß. Hätte er die Grundschrift bereits gekannt, müsste er von diesem Amt wissen.
Erst die nach 300 v. Chr. verfassten Chronikbücher sind nachweislich vom Priesterkodex beeinflusst.
Das steckt in etwa den Rahmen der Abfassung des Priesterkodex ab. Wir gehen daher sicher nicht fehl in der Annahme, wenn wir die endgültige Fertigstellung nicht vor 450 v. Chr. ansetzen.
Die Verfasser, genauso wie die späteren Bearbeiter dieses Werkes, sind in Priesterkreisen zu suchen.
Ihre Absicht war anscheinend, eine Kult- und Lebensordnung für die Zeit nach der erwarteten Rückkehr ins verheißene Land zu entwerfen.
Im Gegensatz zum zeitgenössischen Propheten Ezechiel, der in Ez 40-44 prospektiv vorging, der dem Volk also eine Zukunftsvision vor Augen stellte, verwandten die Verfasser des Priesterkodex die Retrospektive.
Das Volk sollte sich an seinen geschichtlichen Wurzeln orientieren und sich nach dem Vorbild der Kult- und Lebensordnung Israels in der Wüstenzeit erneuern. Diese Wüstenzeit wurde in der Schilderung des Priesterkodex natürlich idealisiert.
Diesem Anliegen, einer idealisierten Schilderung der Vergangenheit als Orientierungsmöglichkeit für die Zukunft, dient auch die Aufnahme älterer Tradition, die die Verfasser natürlich entsprechend ihrer Intention weiterverarbeiten.
(1) Esra als Verfasser der Grundschrift
Verschiedentlich wurde der Priester Esra, der um 445 v. Chr. nach Jerusalem kam, mit dem Verfasser des Priesterkodex bzw. der priesterschriftlichen Grundschrift identifiziert.
Dies scheint aufgrund der späten zeitlichen Ansetzung von Esra eher unwahrscheinlich zu sein.
(2) Esra verpflichtet das Volk auf den Priesterkodex
Immerhin ist es durchaus möglich, dass Esra bei der Durchführung seiner Reformen, die sich im Buch Nehemia bzw. Esra niedergeschlagen haben, auf Teile der Grundschrift PG, vielleicht sogar schon auf den ganzen Priesterkodex zurückgreifen konnte.
Wenn in Neh 8 berichtet wird, wie Esra das Gesetz verliest und das Volk darauf verpflichtet, dann könnte mit diesem Gesetz durchaus ein Teil der Grundschrift PG bzw. des Priesterkodex gemeint sein.
Möglicherweise war es Esra, der der Priesterschrift zur allgemeinen Anerkennung verhalf.
(3) Esra und die Endredaktion des Pentateuch
Er könnte aber auch der gewesen sein, der die Redaktion des Pentateuchs anregte. Die Einarbeitung des jahwistisch/elohistischen Geschichtswerkes in den Rahmen des Priesterkodex ist zu seiner Zeit auf jeden Fall sehr wahrscheinlich.
Damit wäre der Blick auf die Entstehung des Pentateuchs - zumindest vorläufig - abgeschlossen.
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
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Letzte Änderung: 29. November 2003