Kanongeschichte

Betrachten wir nach diesen dogmatischen Überlegungen den Prozess der Kanonbildung an sich. Wie hat sich nun die Sammlung der Heiligen Schriften des Neuen Testamentes geschichtlich herausgebildet?

1. Altes Testament und Neues Testament

In diesem Zusammenhang ist es ganz wichtig zu realisieren, dass die Urkirche immer schon ihre Heilige Schrift hatte, nämlich das sogenannte Alte Testament. Wenn sie im Laufe der Zeit einen eigenen, zusätzlichen Kanon heiliger Schriften ausgeprägt hat, dann ist dies nichts anderes als eine Analogiebildung zu diesem ersten Kanon heiliger Bücher.

Dass man sich auf diese eigenen Schriften besann, wurde nach dem Tod der ersten Generation der Christen zu einer Notwendigkeit. Die Kirche stand nun verstärkt in der Gefahr, in ihrem normierenden Anspruch angezweifelt zu werden. Die Verkündigung der nachapostolischen Kirche musste jetzt gesichert werden. Wir haben dies, im Blick auf die Schriften des Paulus etwa, ja mehrfach gesehen.

Es kam nun also zum Streit um die Auslegung der apostolischen Verkündigung. Von daher ist es leicht einsichtig, dass es gleichsam geboten schien, eine sichere Bezeugung der Norm anhand schriftlicher Dokumente zu suchen. Schriftliche Tradition bietet schließlich die sicherere Argumentation als mündliche Tradition.

Diese Schriften traten nun natürlich nicht einfach an die Stelle der bisherigen mündlichen Tradition. Sie wurden in dieselbe eingebunden. Sie entstanden in den wichtigsten Kirchenzentren, die sich auf die Autorität der unmittelbaren Succession berufen konnten. So war das Verhältnis von Schrift und Tradition von Anfang an also ein wechselseitiges.

2. Die Kriterien der Kanonisierung

Wie aber konnte man sich für die ein oder andere Schrift entscheiden. Was in der Vielzahl der frühchristlichen Schriften zeichnete heilige Schriften aus? Und was machte eine Schrift zu einem nicht zum Kanon gehörigen Text?

Alle Einzelschriften, die in der apostolischen Zeit entstanden sind, waren ja mehr oder weniger Gelegenheitsschriften. Und keiner der Verfasser wollte schlechthin heilige Schriften verfassen. Wenn nun trotzdem einige dieser Texte in den Rang heiliger Schriften erhoben wurden bzw. dieser Rang ihnen zuerkannt werden konnte, dann musste es dafür ja Gründe geben.

Die Dogmatik nennt als Kriterium die den Schriften innewohnende, immanente Qualität der Inspiration. Für den geschichtlichen Prozess stellte sich dies ganz konkret als Überzeugung dar, dass in genau diesen Schriften Autoren zu Wort kamen, die im Rang der Apostolizität die Tradition Jesu getreu wahrten.

Kriterien für die Unterscheidung der Schriften waren für die frühe Kirche demnach

Das Ergebnis dieses Vorgangs lässt sich - wie bereits gesagt - nicht historisch-kritisch beurteilen. Es gibt keinen ersichtlichen wissenschaftlichen Grund, warum für einen Klemensbrief diese Kriterien etwa nicht zutreffen sollen. Der ganze Vorgang der Kanonisierung ist lediglich im Glauben zu erfassen.

3. Der Schritt über das Alte Testament hinaus

Wichtig ist, dass - wie bereits angedeutet - bis zum Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. einzig und allein das Alte Testament als Heilige Schrift betrachtet wurde.

Da das Urchristentum sich schnell im griechischen Judentum ausbreitete, stützte man sich stark auf die Septuaginta, also die griechische Übersetzung des Alten Testamentes. Der Ausdruck "die Schrift" meint daher in dieser frühen Zeit ganz allgemein die Septuaginta.

Das Alte Testament war aber auch damals nicht die einzige Norm. Die Christusoffenbarung brachte ja erst die Erfüllung und auch erst die rechte Auslegung des Alten Testamentes (2 Kor 3). Von daher bildeten auch damals schon die Jesusworte die oberste Autorität. Sie standen also vor und neben dem Alten Testament.

Allmählich wuchs dann das Bewusstsein, dass die ursprüngliche Norm Jesu in den Evangelien greifbar ist. Und darüber hinaus konnte man die Norm der Apostel in den Briefen fassen. Man stützte sich also fortan auf die bisher schon entstandenen Schriften der urchristlichen Tradition. Es kam demnach zur Ausprägung eines eigenen neutestamentlichen Kanons.

4. Erste Ansätze

Erste Ansätze lassen sich bereits um die Jahrhundertwende festmachen. Die Schriften der älteren apostolischen Väter machen deutlich, dass seit dem Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. die Paulusbriefe bereits in Sammlungen kursiererten. Es lagen demnach bereits Paulusbriefsammlungen vor, denen man auch eine hohe Autorität beimaß.

Der um 155 n. Chr. hingerichtete Polykarp vom Smyrna schreibt etwa nach Philippi und erwähnt dabei eine Reihe von Paulusbriefen. Aus seinen Schriften kann man erschließen, dass er mindestens 10 Paulusbriefe kannte. Dabei werden lediglich der Philemonbrief, der Titusbrief und der 1. Thessalonicherbrief nicht zitiert. Polykarp von Smyrna kannte und benutzte demnach bereits eine Sammlung des Corpus Paulinum.

Aus den Schriften Polykarps von Smyrna erfahren wir auch interessante Einzelheiten, die uns ein wenig erahnen lassen, wie man sich die Redaktion der frühchristlichen und demnach auch der neutestamentlichen Schriften denken kann. Die Gemeinde von Philippi bat den Polykarp nämlich um eine Abschrift der Briefe des Ignatius von Antiochien. Polykarp hingegen wollte von den Philippern weitere Nachrichten über andere Briefe des Ignatius erhalten. Ganz ähnlich können wir uns den Vorgang beim Austausch und bei der Redaktion der Paulusbriefe etwa denken.

Den nächsten Schritt können wir bei Hegesipp am Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. ausmachen. Er nennt als entscheidende Autoritäten des Glaubens das Gesetz, die Propheten und den Herrn. Neben die alttestamentliche Überlieferung trat bei ihm demnach eine zweite Tradition, die er sich offensichtlich schriftlich niedergelegt denkt. Er spricht noch nicht von Altem und Neuem Testament, so dass das Neue Testament noch nicht als Testament neben dem Alten zu sehen ist. Auch spricht er noch nicht von den Evangelien. Die Schriften, die er unter dem Stichwort "Herr" zusammenfasst sind noch fließend.

Um diese Zeit fanden schließlich noch Bemühungen statt, aus den verschiedenen Evangelien ein einziges zu machen. Man strebte eine Evangelienharmonie an. Alles Versuche, die davon Zeugnis geben, dass man es noch nicht mit einer fest geprägten "Heiligen Schrift" im Bewusstsein der Kirche zu tun hat.

Die Evangeliensammlungen entstanden zudem auch erst nach den Paulusbriefsammlungen. Die Vierzahl scheint sich aber sehr schnell durchgesetzt zu haben. So sprach Irenäus von Lyon in diesem Zusammenhang von "dem einen Evangelium in der vierfachen Gestalt", vom ["euangélion tetrámorphon"].

5. Anstöße von außen

Beschleunigt und eigentlich erst richtig in Gang gesetzt wurde der Prozess der Kanonisierung letztlich aber durch Anstöße von außen.

In der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. traf der Theologe Markion nämlich eine Auswahl von Schriften, die er als allein verbindlich betrachtete. Diese Auswahl war letztlich von einer starken Judenfeindlichkeit geprägt. Hinzu kam, dass die Produktion von esoterischen und vorzüglich durch die Gnosis geprägten Schriften zunahm. Dies alles machte die Ausbildung eines verbindlichen Kanons von Seiten der Kirche notwendig. Durch diese Anstöße wurden umfangreiche Überlegungen ausgelöst, die den Prozess der Kanonisierung letztlich zum Abschluss bringen sollten.

Sehen wir uns, um die Notwendigkeit dieses Eingreifens von Seiten kirchlichen Autorität begreifen zu können, eine dieser apokryphen Schriften als Beispiel an. Und führen wir uns daraufhin den wenn auch häretischen, aber dennoch ersten Versuch der Aufstellung eines Kanons der christlichen heiligen Schriften durch Markion vor Augen.

a. Das Petrusevangelium als Beispiel apokrypher Literatur

Als Beispiel für eine apokryphe Schrift soll uns hier das sogenannte Petrusevangelium dienen.

Obschon von diesem Text erst im Jahre 1886 / 1887 Bruchstücke gefunden wurden, ist seine Existenz schon seit jeher bekannt. Durch eine Notiz in der Kirchengeschichte des Eusebius sind wir über das Petrusevangelium unterrichtet.

Und dieser Bericht in der Kirchengeschichte des Eusebius illustriert gleichsam, wie wir uns den Vorgang der Aussonderung von Schriften in der damaligen Zeit vorstellen können. Eusebius überliefert uns nämlich einen Brief des im Jahre 211 n. Chr. gestorbenen Bischofs Serapion.

Serapion wurde demzufolge bei einem Besuch in der Nachbargemeinde Rhossus gebeten, seine Zustimmung für die Verwendung eines Evangelientextes zu geben. Er tat dies auch, erfuhr aber kurz darauf, dass die Inhalte dieses Evangeliums der Häresie verdächtig waren. Daraufhin kündigte er einen zweiten Besuch an, um diesen Evangelientext eigenhändig zu überprüfen. Da sich die Verdachtsmomente offenbar erhärteten, zog er sein Placet zurück und hing an seinen Brief eine Liste der "monita", also der zweifelhaften Stellen an.

Leider überliefert uns Eusebius diese Liste nicht mehr, aber durch die Fragmente, die seit 100 Jahren von diesem Evangelientext vorliegen, kann man nun wieder auf diese "monita" zurückschließen.

Es handelte sich hier nämlich offensichtlich um einen doketistischen Text. Die Häresie des sogenannten Doketismus ging davon aus, dass Jesus nur zum Schein Mensch geworden war, also nicht wahrer Mensch war. Deshalb hat er auch nicht wirklich am Kreuz gelitten, es schien nur so.

In den Fragmenten des Petrus-Evangeliums lassen sich mehrere Stellen in diese Richtung ausmachen. Es heißt beispielsweise:

"... und sie brachten zwei Übeltäter und kreuzigten den Herrn mitten zwischen ihnen. Er aber war still, als hätte er keinen Schmerz ..."

Und weiter heißt es:

"Und der Herr schrie auf und rief: 'Meine Kraft, meine Kraft, du hast mich verlassen.' Und indem er das sagte, wurde er aufgenommen ..."

Beide Stelle ermöglichen dem Leser eine doketische Lesart:

Wenn es nur so schien, als hätte Jesus keinen Schmerz, dann kann das ja durchaus daran liegen, dass er tatsächlich überhaupt nichts empfand. Er tat dann grundsätzlich nur so, als würde er jetzt am Kreuz sterben und dabei nicht einmal Schmerz empfinden.

Die zweite Stelle macht dies sogar noch deutlicher. Sie spricht gleichsam von einer Himmelfahrt direkt vom Kreuz weg. Es starb eigentlich nur die Hülle Jesu, sein Leib. Sein eigentliches Ich, seine Kraft, hatte ihn bereits verlassen.

Über solche Auffälligkeiten hinaus, zeigt das Evangelium auch starke legendäre Wucherungen. Seine Entstehung müssen wir demnach deutlich in der Zeit des 2. Jahrhunderts n. Chr. ansetzen.

Solche Texte wurden von Bischofspersönlichkeiten wie diesem Serapion ausgesondert. Sie wurden ausgesondert, weil ihr Inhalt von der Kirche offenbar nicht zu ihrer ureigenen Überlieferung gezählt werden konnte. Serapion hatte offensichtlich Zweifel an der apostolischen Echtheit und vor allem an der Orthodoxie des Evangeliums. Er schreibt:

"Meine Brüder, wir halten an Petrus und den übrigen Aposteln ebenso fest wie an Christus. Wenn aber Schriften fälschlich unter ihrem Namen gehen, so sind wir erfahren genug, sie zurückzuweisen; denn wir wissen, dass uns solche Schriften nicht überliefert worden sind. ..."

Hier wird der Begriff der Kanonbildung greifbar. Bischof Serapion nimmt das Petrusevangelium von der apostolischen Überlieferung aus. Kriterium dafür ist die Apostolizität und die Orthodoxie. Und die erste Konsequenz dieser Beurteilung jenes Evangeliums ist die, dass es nicht im Gottesdienst verlesen werden darf. Das ist die erste Stoßrichtung der Frage nach der Kanonizität: Darf eine Schrift im Gottesdienst verlesen werden oder nicht?

Angesichts der wachsenden Flut von Apokryphen, ist die Kirche gleichsam gezwungen zu sondieren, was von ihr gemäß der "regula fidei", der Glaubensregel, anerkannt werden kann und was nicht.

b. Markion

Damit komme ich zu dem bereits erwähnten Markion, der einen wesentlichen Beitrag zu Beschleunigung des Prozesses der Kanonbildung geleistet hat. Markion hat nämlich seinen eigenen Kanon geschaffen. Ein Unterfangen, auf das die Kirche letztlich reagieren musste.

Markion war Reeder und Sohn des Bischofs von Pontus. Um 140 n. Chr. kam er nach Rom, wo er sich mit der Gemeinde bald wegen gnostischer Ideen überwarf. Er gründete daraufhin eine eigene Sekte, die der Großkirche von der Organisation her recht ähnlich war. Markion sammelte bald eine große Schar von Anhängern um sich, so dass seine Gruppierung eine recht ansehnliche Kirche bildete. Für die orthodoxen Gemeinden wurde sie ein durchaus gefährlicher Gegner. Von den christlichen Kaisern aber wurde sie unterdrückt, bekämpft und letztlich erdrückt.

Die Theologie des Markion war vor allem vom System des syrischen Gnostikers Kerdo bestimmt. Zentraler Punkt war, dass der Gott des Alten Testamentes, der Schöpfergott, ein sekundärer Demiurg sei. Der Gott des Neuen Testamentes sei hingegen der wahrhafte Erlöser der Welt in seinem Sohn Jesus Christus. Der Demiurg hat lediglich die bloße Materie geschaffen. In sie ist der Mensch als Lichtfunke verbannt.

Von daher verwirft Markion das Alte Testament radikal. Er erkennt lediglich die christlichen Schriften als Heilige Schrift an und aus ihrer Zahl auch nur einige ausgewählte Texte. So sind für ihn lediglich das Lukasevangelium, das er allerdings um einige Stellen kürzt, und die Paulusbriefe maßgebend.

Die Schriften der judenchristlichen Apostel verwirft er, weil sie das Evangelium vom gütigen Vater angeblich durch das Festhalten am Gott des Alten Testamentes verfälscht hätten.

Die ihm jetzt noch vorliegenden Schriften überarbeitet Markion nun zusätzlich auf dem Hintergrund seiner Theologie. Er will dabei angebliche jüdische Zusätze bei Lukas und Paulus ausmerzen.

Markion kastriert und korrigiert dementsprechend den Kanon der Heiligen Schriften. Und er schafft dadurch eine eigene Bibel. Dies ist für ihn notwendig geworden, nachdem er das Alte Testament als Heilige Schrift abgelehnt hat. Das Alte Testament war aber bisher uneingeschränkt die Bibel auch der Christen. Durch seine Ablehnung brauchte Markion gleichsam eine neue Heilige Schrift. Er schafft sie indem er das Lukas-Evangelium und zehn Paulusbriefe - die Pastoralbriefe klammert er aus - als seine Heilige Schrift deklariert.

Durch diese Maßnahme war die Kirche gleichermaßen zur Stellungnahme gezwungen. Wenn Markion sagte, nur diese Schriften sind Heilige Schrift, dann musste die übrige Kirche reagieren. Sie musste nun sagen, was für sie Heilige Schrift war. Die Kanonbildung erhielt durch diese Auseinandersetzung also einen gewaltigen Schub. Die Frage von Ausschluss und Zugehörigkeit bestimmter Schriften wurde nun auf breiter Front verhandelt.

6. Der Canon Muratori

So nimmt es nicht wunder, dass wir aus dem frühen 3. Jahrhundert n. Chr. das erste Kanonverzeichnis der alten christlichen Großkirche haben. Es wurde im 18. Jahrhundert von einem Mailänder Gelehrten mit Namen Muratori in der Ambrosianischen Bibliothek in Mailand gefunden.

Im Jahre 1740 hat er dieses Fragment als erster ediert, so dass es in der Forschung nach ihm benannt wurde und als "Canon Muratori" in die Geschichte eingegangen ist.

Der Canon Muratori dürfte - wie bereits erwähnt - aus dem frühen 3. Jahrhundert n. Chr. stammen und in den Kreisen der römischen Gemeinde verfasst worden sein. Auf jeden Fall stand der Verfasser der römischen Gemeinde sehr nahe. Ich zitiere dieses wichtige Fragment hier im Wortlaut. Es beginnt mit dem Ende eines unvollständigen Satzes, der in die Worte mündet:

"... wobei er doch zugegen war und es so hingestellt hat. Das dritte Evangelienbuch nach Lukas. Dieser Arzt Lukas hat es nach Christi Himmelfahrt (Auferstehung?), da ihn Paulus als des Weges (der Lehre) Kundigen herangezogen hatte, unter seinem Namen nach (dessen) Meinung verfasst. Doch hat auch er den Herrn nicht im Fleische gesehen, und daher beginnt er so, wie es ihm erreichbar war, auch von der Geburt des Johannes an zu erzählen.
Das vierte der Evangelien, des Johannes, (einer) von den Jüngern. Als ihn seine Mitjünger und Bischöfe aufforderten, sagte er: Fastet mit mir von heute ab drei Tage, und was einem jeden offenbart werden wird, wollen wir einander erzählen. In derselben Nacht wurde dem Andreas, einem der Apostel, offenbart, dass Johannes in seinem Namen, indem alle (es) überprüfen sollten, alles niederschreiben sollte. Und deshalb, wenn auch verschiedene Anfänge
(oder: Tendenzen?) in den einzelnen Evangelienbüchern vorgetragen werden, trägt es doch für den Glauben der Gläubigen nichts aus, da durch den einen und führenden (anfänglichen?) Geist in allen alles erklärt ist: über die Geburt, über das Leiden, über die Auferstehung, über den Verkehr mit seinen Jüngern und über seine doppelte Ankunft, erstens verachtet in Niedrigkeit, was geschehen ist, zweitens herrlich durch königliche Macht, was noch geschehen wird. Was Wunder also, wenn Johannes so sich gleichbleibend das Einzelne auch in seinen Briefen vorbringt, wo er von sich selbst sagt: Was wir gesehen haben mit unseren Augen und mit den Ohren gehört haben und unsere Hände betastet haben, das haben wir euch geschrieben. Denn damit bekennt er (sich) nicht nur als Augen- und Ohrenzeuge, sondern auch als Schriftsteller alle Wunder des Herrn der Reihe nach.
Die Taten der Apostel aber sind in einem Buche geschrieben. Lukas faßt für den 'besten Theophilus' zusammen, was in seiner Gegenwart im einzelnen geschehen ist, wie er das auch durch Fortlassen des Leiden des Petrus einsichtig macht, ebenso durch (das Weglassen) der Reise des Paulus, der sich von der Stadt (Rom) nach Spanien begab.
Die Briefe aber des Paulus, welche es
(d. h. von Paulus) sind, von welchem Orte und aus welchem Anlass sie geschrieben sind, erklären das denen, die es wissen wollen, selbst. Zuerst von allen hat er an die Korinther, (denen) er die Häresie der Spaltung, sodann an die Galater, (denen) er die Beschneidung untersagt, sodann an die Römer, (denen) er darlegt, dass Christus die Regel der Schriften und ferner ihr Prinzip sei, ausführlich geschrieben. Über sie müssen wir einzeln handeln, da der selige Apostel Paulus selbst, der Regel seines Vorgängers Johannes folgend, mit Namensnennungen nur an sieben Gemeinden schreibt in folgender Ordnung: an die Korinther der erste (Brief), an die Epheser der zweite, an die Philipper der dritte, an die Kolosser der vierte, an die Galater der fünfte, an die Thessalonicher der sechste, an dir Römer der siebente. Aber wenn auch an die Korinther und an die Thessalonicher zu ihrer Zurechtweisung noch einmal geschrieben wird, so ist doch deutlich erkennbar, dass eine Gemeinde über den ganzen Erdkreis verstreut ist. Denn auch Johannes in der Offenbarung schreibt zwar an sieben Gemeinden, redet jedoch zu allen. Aber an Philemon einer und an Titus einer und an Timotheus zwei, aus Zuneigung und Liebe (geschrieben), sind doch zu Ehren der katholischen Kirche zur Ordnung der kirchlichen Zucht heilig gehalten.
Es läuft auch (ein Brief) an die Laodicener, ein anderer an die Alexandriner um, auf des Paulus Namen gefälscht für die Sekte des Markion und anderes mehr, was nicht in die katholische Kirche aufgenommen werden kann; denn Galle mit Honig zu mischen, geht nicht an.
Ferner werden ein Brief des Judas und zwei mit der Aufschrift
(oder: zwei des oben erwähnten) Johannes in der katholischen Kirche gehalten und die Weisheit, die von Freunden Salomos zu dessen Ehre geschrieben ist.
Auch von Offenbarungen nehmen wir nur die des Johannes und Petrus an, welche (letztere) einige von den Unsrigen nicht in der Kirche verlesen wissen wollen.
Den Hirten aber hat ganz vor kurzem zu unseren Zeiten in der Stadt Rom Hermas verfasst, als auf dem Thron der Kirche der Stadt Rom der Bischof Pius, sein Bruder, saß. Und deshalb soll er zwar gelesen werden, aber öffentlich in der Kirche dem Volk verlesen werden kann er weder unter den Propheten, deren Zahl abgeschlossen ist, noch unter den Aposteln am Ende der Zeiten.
Von Arsinous aber oder Valentin und Miltiades (?) nehmen wir überhaupt nichts an, die auch ein neues Psalmenbuch für Markion verfasst haben zusammen mit dem Kleinasiaten Basilides, dem Stifter der Kataphryger."

Dieser ganze Text zeigt zwei Dinge deutlich: Der Prozess der Kanonisierung ist noch immer in Bewegung. Dafür spricht einerseits die Weisheit, die als Buch des Neuen Testamentes genannt wird, obwohl ihr Platz im Alten Testament ist, andererseits die Petrus-Apokalypse, die hier noch unter den neutestamentlichen Schriften genannt wird, im folgenden aber wohl ausgeschlossen wurde. Einige neutestamentliche Schriften fehlen hingegen noch in diesem Verzeichnis.

Deutlich erkennbar ist darüber hinaus auch, dass der Text eine starke apologetische Dimension hat. Dies wird einerseits an der Legende über die Entstehung des Johannes-Evangeliums deutlich. Andererseits zeigt sich diese Dimension an der klaren Verwerfung des Laodicener- und des Alexandrinerbriefes.

An der Wende vom 2. zum 3. Jahrhundert n. Chr. finden wir demnach einen Kanon vor, der schon eine mehr oder minder klare Urform erreicht hat. Die vier Evangelien stehen bereits fest. Im zweiten Teil des Kanons herrschen jedoch noch einige Unklarheiten. Der Großteil der Paulusbriefe ist zwar schon gesichert, doch finden sich noch nicht alle katholischen Briefe im Briefkorpus.

In den folgenden Jahrzehnten schreitet die Entwicklung des Kanons jedoch langsam weiter. Ausscheidung und Prüfung von einzelnen Schriften - ähnlich wie wir das beim Petrusevangelium gesehen haben - bringen den Kanon der heiligen Schriften des Christentums langsam zur Vollendung.

7. Die Kirchenväter

Gerade im Blick auf die Kirchenväter zeigt sich, wie sich allmählich ein ökumenischer Konsens abzuzeichnen beginnt. Dennoch liegt im 3. Jahrhundert n. Chr. noch keine einheitliche Fassung des Kanons vor.

a. Irenäus von Lyon

Dies zeigt uns etwa der Blick auf das Werk von Irenäus von Lyon. In seiner Schrift "adversus haereses" findet sich nämlich ebenfalls ein Kanonverzeichnis.

Dass die vier Evangelien zu dieser Zeit bereits gesichert sind, wird auch hier deutlich. Irenäus stellt ausdrücklich die Vier-Zahl der Evangelien fest und begründet sie sogar symbolisch:

"Wie es vier Winde gibt und 4 Weltrichtungen, so muss es auch 4 Evangelien geben."

Zwei dieser Evangelien seien von Aposteln verfasst, nämlich das Johannes- und das Matthäus-Evangelium, zwei von Apostelschülern, also der Markus- und der Lukas-Text.

Irenäus kennt darüber hinaus 12 Paulusbriefe, also mehr als der Canon Muratori. Bei ihm fehlen nur noch der Philemonbrief und der Hebräerbrief.

Den 1. Petrusbrief sowie den 1. und 2. Johannesbrief stellt er den Paulusbriefen gleich.

Den Jakobusbrief hingegen nennt er eine umstrittene Epistel, ebenso die Johannesapokalypse.

b. Tertullian

In der Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. nennt Tertullian vier Evangelien als "instrumentum evangelicum". Darüber hinaus kennt er die Apostelgeschichte als heilige Schrift, ferner 13 Paulusbriefen, den 1. Johannesbrief sowie den 1. Petrus- und den Judasbrief. Diese Briefe nennt er die "instrumenta apostolica".

Tertullian erkennt im übrigen auch die Johannesapokalypse an, als deren Verfasser er den Apostel Johannes angibt.

Interessanterweise führt er auch den Hebräerbrief auf, hält ihn jedoch für einen Brief des Barnabas.

c. Klemens von Alexandrien

Klemens von Alexandrien nennt nun die vier Evangelien erstmals Schriften des neuen Bundes. Er kennt darüber hinaus 14 Paulusbriefe, darunter ausdrücklich auch den Hebräerbrief. sowie den 1. Petrus-, den 1. und 2. Johannes- und den Judasbrief. Auch die Offenbarung nennt er ausdrücklich. Ob er auch den 3. Johannesbrief, den 2. Petrusbrief und den Jakobusbrief anerkannt hat, lässt sich aus seinen Schriften nicht entnehmen.

d. Zusammenfassung

Lassen wir es hierbei bewenden. Der kurze Blick auf diese Kirchenväter zeigt, dass im 3. Jahrhundert n. Chr. bereits viele Übereinstimmungen herrschen. Die vier Evangelien sind weithin anerkannt. Auch kennt man gemeinhin 12 Paulusbriefe, sowie den 1. Petrus- und den 1. Johannesbrief. Im Allgemeinen werden auch die Apostelgeschichte und die Offenbarung anerkannt.

Umstritten bleiben vor allem der Hebräerbrief und die übrigen katholischen Briefe. Auch werden in dieser Zeit vereinzelt noch andere Schriften zu den Heiligen Schriften des Neuen Bundes gerechnet. Sie wurden im Laufe der Zeit aber ausgeschieden.

8. Der Abschluss des Kanonisierungsprozesses

Diese Ansätze einer endgültigen Kanonfindung im 3. Jahrhundert n. Chr. finden ihre Fortführung und ihren Abschluss im 4. Jahrhundert. Der Durchbruch zum endgültigen Kanon findet schon bei Origenes im Osten statt.

a. Origenes

Origenes betrachtet dabei das Neue Testament als eine Einheit mit dem Alten. Dies ist sehr wichtig. Beide Schriftsammlungen sind für ihn göttlich inspiriert. Diese Inspirationslehre übernimmt Origenes aus dem jüdischen Bereich.

Origenes unterscheidet drei Gruppen von Schriften.

b. Eusebius von Caesarea und Athanasius von Alexandrien

Auch Eusebius von Caesarea kannte diese Drei-Teilung, die er offensichtlich von Origenes übernommen hatte. Zu seiner Zeit liefen im Osten zwei Versionen des Kanons um: Einmal gab es eine Aufstellung von 26 Büchern bei denen die Offenbarung des Johannes fehlte. Zum anderen fand sich ein Verzeichnis von 21 Büchern, eine Aufstellung ohne die Amphiballomena.

Ende des 4. Jahrhunderts n. Chr. schließlich fand dann der Kanon mit 27 Schriften seine Anerkennung. Er findet sich erstmals vollständig aufgeführt bei Athanasius von Alexandrien in seinem Osterfestbrief von 367 n. Chr.

c. Der Westen und die weitere Entwicklung

Nachdem im Osten der Durchbruch im 4. Jahrhundert erzielt war, wurde auch im Westen Anfang des 5. Jahrhunderts n. Chr. das Neue Testament mit seinen 27 Schriften anerkannt.

Die Offenbarung des Johannes setzte sich dabei im Westen schneller durch als im Osten, während der Hebräerbrief im Osten anscheinend die geringeren Schwierigkeiten hatte in den Kanon aufgenommen zu werden.

Eine römische Synode unter Papst Damasus erkannte 382 n. Chr. siebenundzwanzig Schriften als kanonisch an.

Die Diskussion war mit dieser Synode aber noch nicht abgeschlossen. In Afrika tagten nämlich in den Jahren 393 n. Chr., 397 n. Chr. und 419 n. Chr. mehrere Synoden mit Augustinus als Teilnehmer, die über die Anerkennung des Hebräerbriefes diskutiert haben.

Auf eine Anfrage des Bischofs von Toulouse im Jahr 406 n. Chr. zählte ihm Papst Innozenz I. alle 27 Schriften, die wir auch heute im Kanon finden, auf. Mit dieser Zeit ist der Prozess der Kanonbildung im Grunde weitgehend abgeschlossen. Der Kanon der Heiligen Schriften war in der Folge eigentlich kein Gegenstand der Diskussion mehr.

Erst als in der Reformation vor allem über den Umfang des Alten Testamentes neue Fragen und Zweifel aufgeworfen wurden, sah sich die römisch-katholische Kirche gezwungen, die Frage nach dem Kanon noch einmal aufzugreifen. So wurde er endgültig erst am 8. April 1546 auf dem Konzil von Trient festgelegt.

Insgesamt dürfen wir jedoch sagen, dass die Geschichte des neutestamentlichen Kanons zu Beginn des 5. Jahrhunderts abgeschlossen war. Der Prozess der Aussonderung einzelner Schriften war zu dieser Zeit beendet.

Anmerkungen

1) Wo nicht anders vermerkt folge ich meinem Lehrer Rudolf Pesch, Einführung in das Neue Testament II - nicht autorisierte Vorlesungsmitschrift des WS 1980/81 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.).

2) Zitiert nach: Eusebius von Caesarea, Kirchengeschichte VI, 12, Übersetzung nach: Bibliothek der Kirchenväter - Eusebius (München 1932) II/277.

3) Vgl.: Hennecke-Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen (Tübingen 3. Auflage 1959) I/19-20.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 15. März 2011