Beispiele für Apokalypsen

1. Beispiele aus dem jüdischen Raum

Beispiele für solche Apokalypsen sind nun

Diese kleine Auswahl zeigt schon, wie verbreitet diese Literaturart war.

2. Beispiele aus dem christlichen Raum

Und es gab solche Schriften natürlich auch im christlichen Bereich. Neben der neutestamentlichen Offenbarung finden wir

3. Die syrische Baruch-Apokalypse als Beispiel

Betrachten wir als außerbiblisches Beispiel nun die sogenannte syrische Baruch-Apokalypse etwas näher. So lassen sich am Besten die Unterschiede zur neutestamentlichen Offenbarung erkennen.

Diese Baruchschrift wurde zu Beginn des 2. Jahrhunderts n. Chr. verfasst, ist also auch von ihrer Entstehungszeit mit der neutestamentlichen Apokalypse gut zu vergleichen. Auch diese entstand ja sicher nach dem jüdischen Krieg, wie wir später noch sehen werden.

Wesentlicher Ansatzpunkt dieser Baruchapokalypse ist die große Depression, die Israel nach der Auflösung der Volksgemeinschaft infolge des Krieges erfasst hatte. Angesichts der immer noch stark vorherrschenden Rebellionsbereitschaft weiter jüdischer Kreise drohte über das bisher schon hereingebrochene Unheil ja zudem die totale Vernichtung der Juden.

Vermutlich war diese Situation für den Verfasser letztlich auch der Grund, die Apokalypse an der Person des Baruch aufzuhängen, der ja als Schüler Jeremias in der Zeit des beginnenden babylonischen Exils wirkte. Es handelte sich hierbei ja um eine durchaus vergleichbare Zeit. Samaria war bereits untergegangen und die Zerstörung Jerusalems lag in der Luft. Der Verfasser dieser Apokalypse zieht also ganz bewusst die Parallele zum Exil.

Dabei möchte diese Schrift zur Tröstung beitragen. Sie sagt letztlich, dass die Treuen an der Schwelle zu einer neuen Zeit stehen. Baruch diskutiert mit Gott, und er spiegelt dabei das Problem aller Frommen wider. Seine Diskussion gipfelt in einer Serie von Fragen (3,5-9), die letztlich nichts anderes als die Fragen der zeitgenössischen Juden angesichts der Zerstörung Jerusalems widerspiegeln.

Dabei tritt deutlich die sogenannte Zwei-Äonen-Lehre hervor: Die Jetztzeit ist nichts anderes als ein Interim. Dieser Äon wird aber enden. Es kommt die Wende zum neuen Äon (4,1: zeitlang). Dieser neue Äon, die Endzeit, liegt im Himmel schon bereit (praeexistent; Bild des himmlischen Tempels; 4,5f). Der jetzige Äon, in dem Gottes Herrschaft gleichsam suspendiert scheint, ist nichts anderes als das Gericht Gottes. Wie bei der großen babylonischen Gefangenschaft bedient sich Gott der Feinde, um die Frevler zu bestrafen. Das Leid, das die Menschen im Augenblick trifft, ist also nicht selbstmächtige Aktion der Feinde, es ist Gericht Gottes (Kapitel 5) - und dementsprechend im Plan Gottes auch miteinbegriffen. Deshalb können die Leser auch hoffen (8,2). Sie dürfen hoffen, dass Gott weiterhin zu seinem Volk steht und die Prophezeiungen am Ende auch eintreffen werden.

So trägt selbst die Zerstörung Jerusalems etwas Tröstliches in sich, denn wenn Gott das Gericht geübt hat, dann kann er auch sein Erbarmen wieder zur Geltung kommen lassen. Die Baruch-Apokalypse berichtet, dass die Tempelgeräte aufbewahrt wurden. Und das sagt dem Leser, dass es einen neuen Tempel geben wird. Und ganz wichtig ist die Auskunft, dass der Leser diesen neuen Tempel noch erleben wird (Kapitel 6).

Die Depression der Gegenwart wird schonungslos geschildert, aber weil nichts beschönigt wird, weil alles der Wahrheit entspricht, kann die positive Botschaft genauso als wahr angenommen werden (Kapitel 11).

Erst nach der Endzeit wird die große Umwälzung kommen. Was augenblicklich passiert, ist die Züchtigung Israels. Dies geschieht schon jetzt, damit Israel später gerettet werden kann. Die Feinde, die jetzt triumphieren, werden aber zu Beginn des neuen Äons gerichtet werden (Kapitel 12). Wann dies geschieht, bleibt aber ein Geheimnis. Über die Frage der Zeiten und Fristen kann nichts gesagt werden (Kapitel 14).

Warum Gott diesen leidvollen Weg geht, wird auch nicht erörtert. Das Problem der Theodizee wird verweisend auf Gottes Gerechtigkeit und die Unergründlichkeit seiner Wege behandelt (14,8).

Eine interessante Parallele zum Buch Daniel ist dann Kapitel 36, wo der Verlauf der Geschichte in Naturbildern geschildert wird. Der dort gebotene Traum ist eine Allegorie, deren Bilder aufgelöst werden können, wenn die Chiffren bekannt sind. Dies leistet eine Deutungsvision, die aber nicht restlos aufgeschlüsselt wird.

Jeder aber der - etwa durch Daniel - geschult ist, kann die vier Reiche des Traumes als Herrschaft der Babylonier, der Perser, Alexanders d. Gr. und der Römer deuten. Mittels eines Traumes wird der Leser dann in die Gegenwart geführt, zur eigentlichen Tempelzerstörung im Jahr 70.

39,7 kündigt dann die Herrschaft des Messias an.

Insgesamt sind Parallelen, besonders zu Daniel, Sacharja und Ezechiel leicht ersichtlich. Die Auswahl der Themen und Bilder ist ganz ähnlich. Es finden sich aber auch Parallelen in der neutestamentlichen Literatur, zumindest formaler Art. Inhaltlich sind die neutestamentlichen Texte aber anders akzentuiert. Im Blick auf das eigentlich apokalyptische Buch des Neuen Testamentes werden wir dies nun im einzelnen sehen.

Anmerkungen

1) Wo nicht anders vermerkt folge ich meinem Lehrer Rudolf Pesch, Einführung in das Neue Testament II - nicht autorisierte Vorlesungsmitschrift des WS 1980/81 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.).

2) Vgl.: Paul Riessler, Alt-jüdisches Schrifttum (Heidelberg 4. Auflage 1979) 85-113.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 15. März 2011