Der Epheserbrief

1. Die Adressaten

Hinter der Bezeichnung "Epheserbrief" steckt schon die erste Schwierigkeit. Das ["en Ephéso"] aus Eph 1,1 ist nämlich textkritisch unsicher und fehlt in einer ganzen Reihe von Handschriften.

Aufmerken lässt auch die Bemerkung in Eph 1,15. Dort bringt Paulus zum Ausdruck, dass er vom Glauben der Adressaten lediglich gehört habe. Und in Eph 3,2 erweckt er den Eindruck, als haben die Adressaten vielleicht von seinem Amt gehört. Solche Aussagen sind in Bezug auf Ephesus, wo Paulus so lange gewirkt hat, eigentlich undenkbar.

Diesen Merkwürdigkeiten korrespondiert, dass Markion, der um die Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. den ersten Kanon der heiligen Schriften zusammenzustellen versucht hat, diesen Brief offensichtlich als Brief nach Laodicea kennt. In diesem Zusammenhang ist interessant, dass in Kol 4,16 ein Brief nach Laodicea erwähnt wird. Meint der Kolosserbrief hier etwa unseren Epheserbrief, der dann eigentlich ein Laodiceabrief wäre? Dann hätte Markion noch die ursprünglichen Adressanten gekannt und der Brief wäre tatsächlich zunächst nach Laodicea gerichtet gewesen.

Es kann natürlich auch möglich sein, dass der Brief ursprünglich gar keine Gemeinde ausdrücklich nannte. Vielleicht hatte Markion den Brief ohne Adresse vorliegen. Er hätte dann angesichts der Verwandtschaft des Epheserbriefes mit dem Kolosserbrief und aus Kol 4,16 auf Laodicea als Bestimmungsort geschlossen.

So haben sich in der Forschung drei Hypothesen entwickelt, die die Fragen um die Adresse des Epheserbriefes zu erklären versuchen.

Joachim Gnilka gibt in seinem Kommentar der Ephesus-Theorie den Vorzug. Die eigenartigen Bemerkungen des Paulus über die Gemeinde in Ephesus und über ihn selbst ließen sich damit erklären, dass er den Brief ja gar nicht selber geschrieben habe, wir es also mit einem pseudepigraphischen Schreiben zu tun haben.

2. Aufriss und Inhalt

Wenn wir uns den Brief nun genauer ansehen, dann stellen wir fest, dass er eigentlich auch gar kein richtiger Brief ist. Ein brieflicher Rahmen liegt eigentlich nur in Eph 1,1ff und am Ende in Eph 6,21-24 vor. Offensichtlich wurde hier der Versuch unternommen eine theologische Abhandlung in Form eines Briefes vorzulegen.

Auffallend sind auch die starken Übereinstimmungen zwischen dem Epheserbrief und dem Kolosserbrief. Nicht nur dass Tychikus auch im Epheserbrief als Briefüberbringer genannt wird. Über weite Abschnitte hinweg finden sich im Epheserbrief ganz ähnliche Formulierungen und sogar mehr oder minder gleichlautende Abschnitte.

 

Eph 1,7

=

Kol 1,14 Diese Stellen sind nahezu gleichlautend formuliert.
Weitere verwandtschaftliche Hinweise finden sich in Gnilkas Epheserbrief-Kommentar (Vgl.: Joachim Gnilka, Der Epheserbrief (Freiburg 1971))
Eph 1,13 = Kol 1,5
Eph 1,20 = Kol 2,12; 3,1
Eph 1,15-16 = Kol 1,3-4
Eph 6,21 = Kol 4,7-8

 

Diese Fülle von auffälligen Übereinstimmungen führt zu dem Schluss, dass der Autor des Epheserbriefes den Kolosserbrief offenbar als literarische Vorlage benutzt hat. Er verfasst sein Schreiben wohl anhand des ihm vorliegenden Kolosserbriefes.

Inhaltlich gliedert sich der Brief, in dem - ebenfalls wie im Kolosserbrief eine heidenchristliche Gemeinde angesprochen wird - wie folgt:

 

Eph 1,1-2 Präskript.
Eph 1,3-14 Danksagung (Eulogie) mit hymnischen Einschlägen.
Eph 1,15-23 Dank und Fürbitte.
Eph 2,1-10 Ausführungen über die Bekehrung (vom Tod zum Leben gekommen).
Eph 2,11-22 Ausführungen über die universale Ekklesia aus Juden und Heiden.
Eph 3,1-12 Paulusbild: Dienst des Apostels in der Kirche.
Eph 3,13-21 Fürbitte um Vollendung der Kirche und Doxologie.
Eph 4,1-16 Ausführungen über die Einheit der Kirche und die Vielheit ihrer Dienste.
Eph 4,17-32 Mahnungen (nicht wie die Heiden wandeln).
Eph 5,1-14 Mahnungen zum christlichen Lebenswandel.
Eph 5,15-20 Ausführungen über den pneumatischen Gottesdienst.
Eph 5,21-6,9 Haustafel (stärker verchristlicht als im Kolosserbrief).
Eph 6,10-17 Kampf der Christen gegen die Bosheit.
Eph 6,18-20 Gebet für die apostolische Kirche.
Eph 6,21-24 Postscript.

3. Die Echtheit

Wenn wir nach dem Verfasser fragen, dann müssen wir ähnlich argumentieren wie beim Kolosserbrief. Der Brief gibt zwar vor, von Paulus zu stammen, doch dürfte dies kaum zutreffend sein. Wortschatz und Stil sind wichtige Indizien dafür, dass das Schreiben eigentlich nicht aus der Feder des Paulus stammen kann. Der Stil ist äußerst pathetisch und weicht noch stärker vom paulinischen Stil ab, als dies schon im Kolosserbrief der Fall gewesen ist. Auch das Paulusbild, das der Epheserbrief zeichnet, und die theologischen Argumente sind nicht mit dem vergleichbar, was uns aus den authentischen Paulusbriefen bekannt ist.

Um nur auf einige dieser Auffälligkeiten hinzuweisen, möchte ich etwa Eph 2,20 erwähnen. Dort wird die Gemeinde daran erinnert, dass die Kirche auf das Fundament der Apostel gebaut ist. Hier wird also bereits mit einem gewissen zeitlichen Abstand auf die Anfänge zurückgeschaut. Die Aussage ähnelt den Visionen in Offb 20-21.

Hinzu kommt, dass im Epheserbrief genauso wie schon im Kolosserbrief das Bild der universalen Ekklesia vorherrschend ist.

Jeder Hinweis auf die Parusie fehlt. In den echten Paulusbriefen ist dieses Thema nie ausgelassen worden.

Und auch im Epheserbrief fehlen die wichtigsten Stichworte der paulinischen Rechtfertigungslehre.

["dikaiosýnæ"] - "Gerechtigkeit", ["ádikos"] - "ungerecht", ["díkaios"] - "gerecht" usw., all diese Worte werden im Epheserbrief nicht verwendet.

Der Brief schildert darüber hinaus auch keine charismatische Struktur der Gemeinde mehr. In Eph 4,11ff, wo von den Gaben gesprochen wird, die Christus den Menschen gegeben hat, wird im Gegensatz zu 1 Kor 12 und Röm 12 nur von den Charismen der Unterweisung und Leitung gesprochen. Hier beginnt sich schon abzuzeichnen, dass sich innerhalb der Kirche eine klare Leitungsstruktur zu entwickeln beginnt.

Auffallend ist auch, dass Israel keine Rolle mehr spielt. Während im Römerbrief Israel noch als relevante Größe der Gegenwart erscheint, ist es im Epheserbrief eine Größe der Vergangenheit. An die Stelle Israels ist nach dem Epheserbrief die Kirche getreten. Von einer Konkurrenzsituation, die im Römerbrief noch deutlich zu spüren war, kann im Epheserbrief keine Rede mehr sein (Vgl. Röm 9-11 mit Eph 2,11ff).

Wichtig ist in diesem Zusammenhang auch, dass der Epheserbrief eine ganze Reihe von Traditionen aufnimmt, in denen eine dualistische Terminologie vorherrscht. Es geht und Licht und Finsternis, so wie wir es aus einigen Qumranschriften kennen. Auch finden sich Anleihen aus der Logos- und Anthroposlehre, zeitgenössische Spekulationen der hellenistischen Synagogen.

Auch zeigt ein genauer Vergleich, dass der Verfasser die Paulusbriefe in ihrer Gesamtheit gekannt zu haben scheint. Dies könnte nun ein Hinweis auf die Abfassung durch Paulus sein. Es kann uns aber genauso in eine Zeit verweisen, in der die Paulusbriefe bereits gesammelt und dementsprechend auch leicht zugänglich waren.

4. Die Abfassungszeit und Zweck des Schreibens

Da der Epheserbrief literarisch vom Kolosserbrief abhängig ist, muss man die Abfassung des Kolosserbriefes wohl vor dem Epheserbrief ansetzen. Dann wäre die Entstehung des Epheserbriefes recht spät zu denken. Wir können die Zeit um 90 n. Chr. ins Auge fassen.

Wenn der Brief tatsächlich als Epherserbrief geschrieben und die Adresse erst zu einer späteren Zeit weggeschnitten wurde, dann kann man den Zweck dieses Schreibens ähnlich einordnen, wie den des Kolosserbriefes. Es wäre dann trotz der Adressierung an eine bestimmte Gemeinde für eine weitere Verbreitung gedacht gewesen.

Auch der Anlass der Briefes ist ähnlich zu denken wie beim Kolosserbrief: Der Brief soll der Gefahr häretischer Überfremdung wehren. Diese scheint im Laufe der Zeit sogar noch gewachsen zu sein. Außerdem scheint die Kirche in Kleinasien in der damaligen Zeit in einer Krise gesteckt zu haben. Ihr ursprünglicher Impetus drohte, anscheinend aufgrund kosmischer Spekulationen, zu verflachen. Dem versuchte der Epheserbrief zu wehren.

Anmerkungen

1) Wo nicht anders vermerkt folge ich meinem Lehrer Rudolf Pesch, Einführung in das Neue Testament II - nicht autorisierte Vorlesungsmitschrift des WS 1980/81 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.).

2) Vgl.: Joachim Gnilka, Der Epheserbrief (Freiburg 1971) 1-7.

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Letzte Änderung: 15. März 2011