Zur Theologie des Paulus

Werfen wir nun abschließend noch einen Blick auf die Theologie, die sich aus den Schreiben des Apostels Paulus erheben lässt und beginnen wir mit der paulinischen Sichtweise des Menschen. Wie sieht Paulus den Menschen?

1. Zum paulinischen Menschenbild

a. Der Mensch ist Leib

Die erste Aussage, die man über das paulinische Menschenbild machen muss, ist die, dass der Mensch Leib ( ["sôma"]) ist. Leib ist dabei als eine umfassende anthropologische Kategorie aufzufassen. Der Leib darf deshalb nicht im Sinn der griechischen Dichotomie als ein Teil des Menschen aufgefasst werden. Er ist erst recht nicht minderwertiger als die Seele und er hält auch nicht die Seele wie in einem Grab gefangen.

Als Leib existiert der Mensch in der Welt. Er ist ein Stück dieser Welt. Und somit trägt er auch sein je eigenes Stück Verantwortung für diese Welt. Für den Christen gilt zudem der Auftrag:

"Verherrlicht Gott in eurem Leib." (1 Kor 6,20)

Und Paulus kann auch sagen, dass die Christen ihre Leiber als

"lebendige, heilige, wohlgefällige Opfergabe" (Röm 12,1)

Gott darbringen sollen.

Auch dies ist wieder ganzheitlich zu verstehen und gleichbedeutend damit, dass die Christen sich selbst als ganz für Gott in dieser Welt Lebende begreifen sollen.

b. Der Leib ist begrenzt

Als Leib aber ist der Mensch ein sterbliches, hinfälliges und begrenztes Wesen (Röm 6,12). Doch genau in diesem Leib soll er auferweckt werden (Röm 8,11). Darin besteht das Ziel seiner Berufung und seine besondere Würde.

Diese Vollendung des Leibes bedarf aber eines neuen schöpferischen Eingreifens Gottes. Von daher ist der neue Leib, den die Menschen erhoffen dürfen, nicht mehr ein sterblicher, sondern ein verherrlichter, vom Doxaglanz der Ewigkeit erfüllter, geistiger Leib (Phil 3,21; 1 Kor 15,44).

Wie der irdische Leib vom Fleisch, vom ["sárx"], bestimmt und somit sterblich ist, so wird der himmlische Leib vom Geist, vom ["pneûma"], bestimmt. Er wird somit ein unverweslicher, unsterblicher Leib sein (vgl. Röm 1,3-4; 1 Kor 15,53-54).

Man kann von daher nach Paulus nicht sagen, dass dem sterblichen Leib eine unsterbliche Seele korrespondiere. Der Mensch existiert nach Paulus in diesem wie im kommenden Leben als Leib. Dieser Leib ist lediglich einmal von einem nicht bleibenden, vergänglichen Prinzip, das andere mal von einem bleibenden Prinzip geprägt.

2. Die vom Fleisch geprägte irdische Existenz des Menschen

Die irdische Existenz des Menschen ist, wie bereits gesagt, durch das "Fleisch" geprägt. Durch das Fleisch erhält die Existenz des Menschen den Charakter des Vergänglichen.

a. Die Vergänglichkeit des Fleisches

Schon im Alten Testament beinhaltet dieser Begriff die Todesperspektive:

"Alles Fleisch ist Gras und all seine Kraft wie die Blume des Feldes. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt." (Jes 40,6)

So heißt es bei Jesaja.

Diese Perspektive ist auch bei Paulus gegeben, nur erhält sie angesichts der neu gewonnenen Möglichkeit einer himmlischen Berufung einen veränderten Sinn. Zwar können

"Fleisch und Blut ... das Reich Gottes nicht erben." (1 Kor 15, 50)

Der Mensch an sich allerdings schon.

b. Bedrohung des Menschen durch "fleischliche" Orientierung

Auf dem Weg dorthin, auf dem Weg zu diesem Erbe, ist der Mensch aber, als in der Welt im Fleisch Existierender bedroht. Er steht in der Gefahr, falsche Entscheidungen zu treffen, falsche Wege zu gehen. Er kann auf das Fleisch vertrauen. Dies aber bedeutet so viel, wie auf Dinge zu setzen, die dieser Welt zugehören und letztlich nicht zu tragen vermögen.

Die Dinge, die in der Welt geachtet werden, sind daher nicht derart, dass man auf sie vertrauen könnte. In der scharfen Auseinandersetzung von Phil 3,9-10 bezeichnet Paulus diese äußerlichen, vermeintlichen Vorzüge der Welt, selbst dann wenn sie religiöser Natur wären (vgl. Phil 3,3-4; 2 Kor 10,2), als Verlust und Unrat.

Der "fleischlich" orientierte Mensch ist genau um diese Dinge besorgt (Röm 8,5). Er wird von ihnen umgetrieben und hat Angst, sie zu verlieren. Auch rühmt er sich ihrer und meint, sich durch sie empfehlen zu können (2 Kor 10,17-18).

c. Die Leidenschaften der Sünde

Nun könnte man meinen, dass Paulus daher den Menschen dazu aufruft, sich nicht "fleischlich" sondern "geistig" zu orientieren. Wichtig ist aber, dass der Gegensatz zum Fleisch nicht das Geistige, nicht der menschliche Geist ist. Gegensatz zum Fleisch ist vielmehr Gott oder der Herr.

So kann Paulus sagen, dass nicht, wer sich selbst empfiehlt, bewährt ist, sondern jener, den der Herr empfiehlt (2 Kor 10,18).

Antikes Grab mit Rollstein.

Die eigentliche Problematik erweist sich für den Menschen nun darin, dass er, solange er in der Welt ist, zwar unweigerlich im Fleisch ist, aber nicht gemäß diesem Fleisch leben soll (vgl. 2 Kor 10,3). Und diese Problematik verschärft sich noch einmal, weil nach Paulus im Fleisch Kräfte, Strebungen, vorhanden sind, die den Menschen von Gott abbringen, ihn zur Sünde verleiten, sich der Weisung Gottes entgegenstellen lassen. Paulus schreibt in Röm 7,5:

"Als wir noch im Fleisch waren, wirkten die Leidenschaften der Sünde ... in unseren Gliedern, so dass wir Frucht brachten für den Tod." (Röm 7,5)

Und weiter in Röm 13,14:

"Kümmert euch nicht um das Fleisch, dass ihr nicht den Begierden verfallt." (Röm 13,14)

Oder in Gal 5,13:

"Missbraucht die Freiheit nicht als Vorwand für das Fleisch." (Gal 5,13)

In solchen Zusammenhängen kann das Im-Fleisch-Sein, dieses dem Fleisch Verfallensein, geradezu die völlige Hoffnungslosigkeit der menschlichen Lage umschreiben. So schreibt Paulus in Röm 8,8:

"Die im Fleisch sind, können Gott nicht gefallen." (Röm 8,8)

d. Die Werke des Fleisches

In einem umfänglichen Lasterkatalog reiht Paulus im Galaterbrief die "Werke des Fleisches" dann auf, von Unzucht über Feindschaften und Streit bis zu Saufen und Fressen (Gal 5,19-21, Luther-Übersetzung). Wer diese Werke tut, kann - nach Paulus - das Reich Gottes nicht erben.

Dabei ist - gerade auch im Blick auf die moderne Diskussion über die kirchliche Sexualmoral - ganz wichtig zu sehen, dass in diesem Lasterkatalog zwar durchaus sexuelle Verfehlungen am Beginn stehen. Es wäre aber ein ungeheurer Fehler, die "Werke des Fleisches" auf diesen Bereich beschränken zu wollen. Für Paulus gehört das ganze antisoziale, egoistische Verhalten des Menschen zu diesen Unheilswerken. Deshalb kann er auch in Gal 6,8 ganz pauschal umschreiben:

"Wer auf sein Fleisch sät, wird vom Fleisch Verderben ernten." (Gal 6,8)

3. Die Sünde

Ganz eng mit diesem Komplex zusammen hängt das Sprechen von der Sünde. Dabei fällt auf, dass Paulus dieses Thema vor allem im Römerbrief aufgreift.

a. Die Verwendung des Begriffs "Sünde" bei Paulus

Und weiter ist interessant, dass der Begriff "Sünde" bei ihm meist im Singular verwendet wird. Paulus spricht, also nicht so sehr vom Sündigen des Menschen, also von seinem Tun, er handelt auch hier vor allem davon, dass der Mensch der Sünde verfallen sei, oder besser, dass er ihr ausgeliefert ist. Wir haben es hier also gleichsam mit einer personifizierenden Rede von der Sünde zu tun. Diese erscheint quasi als eine Unheilsmacht. Man kann ihr wie einer Person sogar aktives Handeln nachsagen:

Ein Ziel dieser Aussagen liegt darin, zum Ausdruck zu bringen, dass Sünde allgemein und universal herrscht.

Das eigentliche Thema aber ist, dass diese Herrschaft der Sünde überwunden wurde und das Leben für alle gewonnen ist. Diese Zusammenhänge werden in einer interessanten Parallele entfaltet. Paulus vergleicht Adam mit Christus (Röm 5,12ff).

b. Die Schuld des Adam

Er legt dar, dass das mythisch wirkende Kommen der Sünde in die Welt mit der Ungehorsamstat Adams verknüpft ist. Das heißt: der Mensch ist nicht deshalb an die Sünde ausgeliefert, weil - wie etwa in der Gnosis - schon die Materie oder die Natur des Menschen sündhaft sei. Die Verstrickung in die Sünde ist an die Tat des Menschen gebunden. Adam hat gewissermaßen durch sein Sündigen der Macht der Sünde die Tür geöffnet.

In Adam aber sind nun alle Menschen zusammengeschlossen und damit sind letztlich auch alle Menschen mit dem Schicksal Adams verknüpft. Sein Schicksal wirkt in seinen Nachkommen weiter.

Nun denkt Paulus natürlich nicht daran, dass die Sünde gleichsam von Adam auf alle anderen Menschen vererbt worden wäre - in dieser Engführung wird ja manchmal das Sprechen von der Erbsünde gesehen. Paulus meint vielmehr, dass alle Nachkommen Adams, dass also alle Menschen so sündigen, wie ihr Stammvater gesündigt hat.

Auf diese Weise entsteht ein Netz von Verhängnis und Schuld, das von Generation zu Generation weitergewirkt wird und letztlich alle in sich verstrickt. Jeder Neugeborene gerät in dieses Netz der Verstrickung und bestätigt später durch sein eigenes Sündigen seine Abkunft von Adam. Das Tat-Folge-Schema schafft eine fatale Textur, die das Handeln aller negativ beeinflusst.

4. Der Tod als Folge der Sünde

Unübersehbare Folge der Sünde und des Sündigens ist der Tod. Paulus betrachtet den Tod hier aber nicht unter biologisch-naturwissenschaftlichem Aspekt, wie wir ihn zu betrachten gewohnt sind. Er sieht den Tod unter einem theologischen Aspekt. In Anlehnung an Gen 3 kann er sagen, dass durch einen einzigen Menschen, nämlich durch Adam, nicht bloß die Sünde, sondern auch der Tod in die Welt eintrat und so zu allen Menschen durchdrang (Röm 5,12).

Das heißt aber im letzten, dass der Mensch eigentlich nicht für den Tod geschaffen worden ist. Der Mensch war ursprünglich - und er ist es immer noch ? für das Leben bestimmt.

Damit hat die Rede vom Tod aber eine Dimension, die mehr umfasst als das Problem des physischen Sterbens. Die Rede vom Tod schließt das gegenwärtige und das über das physische Sterben hinausreichende Verderben des Menschen mit ein. Von daher kann Paulus sagen, dass der Tod schon im gegenwärtigen Leben präsent ist:

"Als das Gebot kam, wurde die Sünde lebendig, ich aber starb." (Röm 7,9-10)

Der Tod ist dabei Schicksal und Strafe für aufgehäufte Schuld zugleich. Er ist Schicksal, weil er mit und seit dem ersten Menschen in der Welt ist. Und er ist Strafe, weil letztlich alle sündigten. Der Konnex von Sünde und Tod ist also grundlegend.

"Die solches tun, sind des Todes würdig" (Röm 1,32),

meint Paulus in Röm 1,32 und in Röm 6,23 sagt er:

"... der Sold der Sünde ist der Tod." (Röm 6,23)

Und in Röm 7,5 heißt es: Durch die Leidenschaften der Sünde...

"... brachten wir Frucht für den Tod." (Röm 7,5)

Eine tiefe Einsicht in diese Zusammenhänge gewinnen wir dann, wenn wir uns daran erinnern, dass der Mensch "im Fleisch" aus ist auf das, was vergeht. Weil er sich aber dadurch an das Vergängliche klammert, ist sein eigenes Vergehen nur konsequent. Das Trachten des Fleisches ist der Tod (Röm 8,6).

5. Das Gesetz

Als letztes Element, das Heilsbedürftigkeit des Menschen ausmacht, muss hier nun das Gesetz genannt werden.

a. Die Ambivalenz der paulinischen Aussagen über das Gesetz

Wenn man sich freilich die paulinischen Aussagen über das Gesetz, die im Römer- und Galaterbrief konzentriert sind, anschaut, so erscheint das Gesetz zunächst als eine ambivalente Größe. Negatives und Positives wird über das Gesetz gesagt.

Einerseits haben wir Sätze wie:

"Das Gesetz wirkt Zorn." (Röm 4,15)

Oder in 1 Kor 15,56:

"Die Macht der Sünde ist das Gesetz." (1 Kor 15,56)

Und in Gal 3,10:

"Denn die aus dem Gesetz sind, sind unter einem Fluch." (Gal 3,10)

Dem aber stehen Äußerungen entgegen wie Röm 7,12:

Wie lassen sich diese Divergenzen ausgleichen? Ist das überhaupt möglich? Es wundert nicht, wenn gerade die paulinische Beurteilung des Gesetzes in der exegetischen Forschung recht unterschiedlich gedeutet wird. Manche vertreten gar die Meinung, dass der Apostel seiner eigenen Auffassung nicht treu geblieben sei oder dass er im Galaterbrief schärfer und negativer über das Gesetz urteile als im Römerbrief (H. Hühner).

b. Der Mensch unter dem Gesetz

Wenn wir den Gedankengang Pauli verstehen wollen, dann müssen wir von der Einsicht ausgehen, dass das Gesetz durchaus den Willen Gottes vermittelt. Es ist die autoritative Willensäußerung Gottes.

Aber dieser Wille muss auch erfüllt werden. So entfaltet der Jude - zumindest in der Darstellung des Paulus - seine religiöse Existenz vorab im Tun des Gesetzes. Dadurch wird er gerecht. Denn Mose schreibt:

"Der Mensch, der die Gerechtigkeit aus dem Gesetz tut, wird durch sie leben." (Röm 10,5; vgl. Lev 8,5).

Aber nicht nur der Jude, auch der Heide steht unter diesem Willen Gottes, unter dem Gesetz. Der Heide kennt zwar nicht das schriftliche Gesetz, es ist ihm aber gleichsam in das Herz geschrieben. Dem Heiden wird das Gesetz durch sein Gewissen bezeugt. So tun die Heiden, die das Gesetz nicht haben, von sich aus, was das Gesetz will. Sie sind sich somit selbst Gesetz (Röm 2,14).

Doch auch sie kann das Gesetz nicht zum Heil führen. Es vermag es gar nicht.

Es besteht nämlich letztlich ein Zusammenspiel von Gesetz und Sünde. Die Sünde ist durch die "fleischliche" Orientierung des Menschen nämlich in der Welt und sie erscheint nun gleichsam als eine übergeordnete Macht, die sich des Gesetzes zur Durchsetzung ihrer unheilvollen Wirkung bedient.

c. Das Gesetz bewirkt die Erkenntnis der Sünde

Das Gesetz hat nun zunächst mit der Sünde absolut nichts zu tun, das Gesetz bleibt gut und bleibt die Willensäußerung Gottes, aber durch das Gesetz gelangt der Mensch eben zur Einsicht und Erkenntnis in die Sünde.

"Ich hätte die Sünde nicht kennengelernt, wenn nicht durch das Gesetz." (Röm 7,7)

Nun meint Paulus mit dieser Erkenntnis der Sünde, die das Gesetz bewirkt (vgl. Röm 3,20), nicht eine theoretische Einsicht in die Vorhandenheit von Schuld und Sünde. Der Mensch weiß um das Gute und er weiß um das, was für ihn richtig ist. Das im Gesetz Gebotene ist demnach bereits im Menschen angelegt. Er weiß also im Grunde bereits um das, was das Gesetz ihm sagt. Es tritt durch das Gesetz demnach keine wesentlich neue Erkenntnis hinzu.

Wenn Paulus von Erkenntnis spricht, dann ist dieses Wort im genuin biblischen Sinne zu verstehen. Die Einsicht in etwas bewirkt im Menschen eine Veränderung, lässt ihn zu einem Handelnden werden. Und wenn der Mensch das Gebot erkennt, dann heißt das nichts anderes, als dass er, der ja unter dem Gesetz der Sünde steht, seine Auflehnung gegen dieses Gebot erfährt. Das Gebot erregt im Menschen "alles Begehren". So schreibt Paulus in Röm 7,7-8:

"Ich hätte die Begierde nicht erfahren, wenn das Gesetz nicht gesagt hätte: Du sollst nicht begehren." (Röm 7,7-8)

Die Erregung alles sündigen Begehrens, die also mehr ist als Erkenntnis, ist letztlich genau das, was die Sünde im Verein mit dem Gesetz im Menschen auslöst, nämlich den Ungehorsam des Menschen.

Durch diese Auffassung wurde Paulus für die Juden zum Apostaten, zum Abgefallenen. Sie ergab sich für ihn aber zwingend vom Christusereignis her. Wer nicht wahrnimmt, dass Paulus hier letztlich vom Kreuz Christi aus argumentiert, vermag ihn überhaupt nicht zu verstehen. Vom Kreuz her aber erweist es sich, dass letztlich alle Menschen Sünder sind, Heiden wie Juden (Röm 3,9. 20).

Blicken wir, um dies näher zu verstehen, auf die Bedeutung, die Christus in diesem Spannungsfeld von Sünde, Gesetz und Tod in der Theologie des Paulus innehat.

6. Die Gerechtigkeit

Die Grundaussage des Paulus ist in diesem Zusammenhang, dass in Christus Jesus Gott zur Rettung aller Menschen gehandelt hat. Dieses Handeln Gottes stellt für Paulus eine Zäsur der Zeiten dar.

a. Zeitenwende

So schildert Paulus im Römerbrief auf ganz dramatische Art und Weise den Heilsverlust aller Menschen, der Heiden wie der Juden (Röm 1,18-3,20). In Röm 3,21 setzt er jedoch mit "jetzt aber" neu ein. Dieser scharf herausgestellte Neueinsatz durch die geschehene Offenbarung ist gleichsam als Äonenwende zu denken.

Doch begreift Paulus diese Äonenwende nicht als radikale Ablösung des alten Äons der Sünde durch den neuen Äon Gottes. Alter und neuer Äon stehen nicht in hermetischer und zeitlicher Abgrenzung zueinander. Vielmehr dringt der neue Äon in die gegenwärtige Weltzeit ein.

b. Die Gerechtigkeit Gottes als universale Vergebung

Diese zeitenwendende Offenbarung ist aber letztlich die in Kreuz und Auferstehung Jesu Christi offenbarte Gerechtigkeit Gottes (Röm 3,21).

Mit diesem Begriff, mit dem Ausdruck "Gerechtigkeit Gottes" haben wir den zentralen Begriff der paulinischen Rechtfertigungslehre vor uns.

In Röm 3,25-26a erläutert Paulus, was er unter dieser Gerechtigkeit versteht:

"Ihn (Christus) hat Gott hingestellt als Sühne - durch Glauben - in seinem Blut, um seine Gerechtigkeit zu zeigen, da er die Sünden vergab, die zuvor, in (der Zeit) seiner Geduld, geschahen." (Röm 3,25-26a)

Zwei Aussagen aus diesem Satz, sind in unserem Zusammenhang vor allem wichtig:

Das ist paradox. Für menschliche Vorstellungen ist dies eine paradoxe Konzeption von Gerechtigkeit. Sie ist einzig und allein von Gott her zu verstehen. Die Gerechtigkeit des Gottes, der sein Wesen selbst verfasst hat als ein Sein für Welt und Mensch, als reine Proexistenz, die Gerechtigkeit dieses Gottes erweist sich eben genau darin, dass er vergibt.

c. Der jüdische Versöhnungsritus

Vielleicht kann man diese, an das Kreuz gebundene universale Vergebung mithilfe des Versöhnungsritus, der am jüdischen Versöhnungstag vom Hohenpriester zu vollziehen war, ein wenig besser verstehen.

Wenn Paulus in Röm 3,25-26a davon spricht, dass Gott Christus zur Sühne, zum ["hilastærion"], hingestellt habe, dann verwendet er hier das Wort, das gleichzeitig vermutlich für den Aufsatz der Bundeslade im Allerheiligsten des Tempels verwendet wurde (vgl. Ex 25,17-22). Vor die Bundeslade aber hat der Hohepriester im israelitischen Kult das Blut zur Entsühnung des Heiligtums gesprengt. Dies galt in Israel als der entscheidende Sühneakt.

Paulus nun rückt das Kreuz in die Position, die bislang das ["hilastærion"] innehatte. Das Kreuz ist nun und eigentlich Inbegriff der göttlichen Vergebung.

d. Der Glaube als Ermöglichung des Zugangs zum Gerechtigkeitshandeln Gottes

Zu diesem Gerechtigkeitshandeln Gottes erhält der Mensch nun aber nicht mehr Zugang durch seine Werke der Gerechtigkeit - sprich sein Tun des Gesetzes - und auch nicht mehr durch die Darbringung von Opfern. Der Glaube allein ist die Ermöglichung des Zugangs für den Menschen zum Gerechtigkeitshandeln Gottes. Durch den Glauben an den entsühnenden Tod und die Auferstehung Christi wird der Mensch von Gott gerechtgesprochen. Der Glaube ist die entscheidende und letztlich einzige Bedingung.

In dieser Akzentuierung des Glaubens wird ein Zweifaches deutlich:

Deshalb kann Paulus die Gerechtigkeit Gottes in Röm 3,22 folgendermaßen umschreiben : Sie ist...

"... Gerechtigkeit Gottes durch Glauben an Jesus Christus für alle, die glauben." (Röm 3,22)

e. Die Wirkung der Gerechtsprechung

Was ist nun mit dem Menschen geschehen, den Gott aufgrund des Glaubens gerecht gesprochen hat?

Bultmann hat den Vorgang der Rechtfertigung ganz von einem forensischen Standpunkt aus betrachtet. Gerechtsprechung ist nach ihm als Relationsbegriff zu verstehen. Sie bedeutet nicht, dass der Mensch nun auf einmal gerecht sei. Er gilt ganz einfach als gerecht. Gott als Richter spricht dem Menschen in seinem Urteil zu, dass er nun als gerecht gelte, nicht weil er unschuldig wäre, sondern weil er durch seinen Glauben und die Gnade Gottes von diesem Gott geschenkweise als gerecht anerkannt wird (Bultmann, Theologie 273).

Diese Bestimmung reicht aber nicht aus. Die Gerechtigkeit Gottes, von der Paulus spricht, wurde ja als ein Handeln Gottes offenbart. Und dieses Handeln lässt die Gerechtigkeit als eine heilvolle Macht in Erscheinung treten. Sie nimmt den Menschen, der sich ihr im Glauben zuwendet, in Anspruch und verändert ihn von daher auch (Käsemann, Röm 87). Wenn Gott den Menschen gerechtspricht, dann gilt er demnach nicht nur als gerecht, ohne dass sich ansonsten irgendetwas verändert hätte. Gottes Handeln verändert den Menschen auch.

Paulus spricht nämlich davon, dass die Gnade durch Gerechtigkeit im Menschen herrscht. Sie führt ihn zum ewigen Leben (Röm 5,21). Und die Getauften werden von Paulus aufgefordert, sich nun, so wie sie sich bislang in den Dienst der Gesetzlosigkeit gestellt hatten, in den Dienst der Gerechtigkeit zu stellen. Sie sollen heilig werden (Röm 6,19).

Deshalb kann man das, was am Menschen durch die Gerechtsprechung geschehen ist, letztlich als befreienden Herrschaftswechsel bezeichnen. Der Mensch, der an die Unheilsmächte von Sünde, Gesetz und Tod versklavt war, steht nunmehr dem Dienst der Gerechtigkeit in ihrem spezifisch theologischen Sinn zur Verfügung. Denn Gott als Geber der Gerechtigkeit ist in seiner Gabe im Menschen präsent und er will in dieser Gabe, in der Gnade, die den Menschen nun innewohnt, weiterwirken.

Die Gerechtigkeit Gottes, die die Gerechtsprechung im Sünder bewirkt, ist deshalb nicht nur etwas, was die Anfangsphase, also die Christwerdung, den Überschritt zum Glauben, betrifft. Sie ist eine Prozess, der fortwirkt und bestimmend bleibt. Die befreiende Macht der Gerechtigkeit Gottes, unter die der Gerechtgesprochene gestellt ist, erhält ihren Anspruch aufrecht. Die Gerechtigkeit muss sich im Tun, im Leben, im Fruchtbringen auswirken (Phil 1,11; 2 Kor 9,9-10).

7. Die Gnade

Für dieses erlösende Handeln Gottes gibt es letztlich nur eine Begründung. Die Menschen sind, aufgrund der Heilsinitiative Gottes...

"... geschenkweise gerechtgesprochen durch seine Gnade kraft der Erlösung, die in Christus Jesus geschehen ist." (Röm 3,24)

Allein die Gnade Gottes ist Grund für die Erlösung des Menschen. Deshalb missachtet jeder diese Gnade Gottes, der meint, aus den Werken des Gesetzes gerechtgesprochen werden zu können (Gal 2,21), ja, er fällt dadurch bereits aus dieser Gnade heraus (Gal 5,4).

Durch solche Aussagen wird von vorneherein klar, dass mit der Gnade Gottes nicht das Sein Gottes umschrieben wird. Es geht nicht darum eine Eigenschaft Gottes zu beschreiben, gleichsam dass Gott gnädig ist. Das Wort Gnade zielt vielmehr auf jenes Geschehnis ab, das uns rettete, zu dem wir jetzt Zugang gefunden haben. Durch Christus haben wir den Zutritt zu der Gnade erhalten, in der wir jetzt stehen (Röm 5,2). Gnade bezeichnet demnach ein währendes Geschehen, das dem Menschen sein gerechtsein vor Gott immer wieder neu schenkt.

Das Ziel des göttlichen Handelns ist der endgültige Sieg der Gnade. In der Adam-Christus-Parallele kommt diese Perspektive ganz deutlich zum Vorschein. Paulus schreibt Röm 5,15. 21:

"Aber anders verhält es sich mit der Übertretung als mit der Gnadengabe. Denn wenn durch die Übertretung des einen (Adam) die vielen starben, um wie viel mehr ist Gottes Gnade und Gabe den vielen überreich zuteil geworden durch die Gnade des einen Menschen Jesus Christus ... Wie die Sünde geherrscht hat zum Tode, so soll auch die Gnade herrschen durch die Gerechtigkeit zum ewigen Leben durch Jesus Christus, unseren Herrn." (Röm 5,15. 21)

Die Macht der Gnade wurde von Gott demnach in Jesus Christus aufgerichtet und sie ist deshalb fortan der Faktor der Hoffnung in der Geschichte der Menschen.

8. Der Glaube

Die Bedingung für dieses Gnadenhandeln Gottes ist nach Paulus einzig und allein der Glaube. Paulus besteht darauf, dass der Mensch allein durch Glaube gerechtgesprochen wird, nicht durch Werke des Gesetzes. Das macht es erforderlich, den paulinischen Glaubensbegriff näher zu umreißen.

Was sagt Paulus über den Glauben?

a. Glaube als Geschenk

Dieser Glaube, der ja dann die Bedingung für den Gewinn des Heiles ist, ist aber nicht wieder eine Leistung des Menschen. Er ist dem Menschen ja erst von Gott her ermöglicht. Auch der Glaube ist bereits Geschenk Gottes.

In Verbindung mit der Glaubenserkenntnis deutet der Apostel dieses schöpferische Wirken Gottes an:

"Aus Finsternis soll Licht aufleuchten. Der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, damit wir erleuchtet werden, um den göttlichen Glanz auf dem Antlitz Christi zu erkennen." (2 Kor 4,6)

Der Glaubende wird durch dieses Handeln Gottes zur neuen Schöpfung (2 Kor 5,17).

b. Die Annahme des Glaubens ist dennoch eine Aufgabe

Dies bedeutet allerdings nicht, dass die Übernahme des Glaubens auf eine gewisse Art und Weise nicht auch vom Menschen abhinge. Der einzelne ist zur Entscheidung gerufen, den Glauben anzunehmen oder zu verweigern. Diese Entscheidung, die von jedem, der mit der Botschaft konfrontiert wird, gefällt werden muss, hat weitreichende Konsequenzen. Sie verändert seine Existenz tiefgreifend und bestimmt sie.

Die Annahme des Glaubens ist demnach eine Forderung, der im Gehorsam zu entsprechen ist. Darum kann auch vom Gehorsam des Glaubens die Rede sein. Der Apostel ist bestellt, ...

"... unter allen Völkern den Gehorsam des Glaubens aufzurichten." (Röm 1,5)

Darum redet er nur von dem, was Christus durch ihn gewirkt hat, ...

"... um die Völker zum Gehorsam zu bringen durch Wort und Werk" (Röm 15,18),

und darum rühmt er den Gehorsam der römischen Gemeinde, der allen bekannt geworden sei (Röm 16,19).

Vom Gehorsamscharakter des Glaubens kann vermutlich auch deshalb gesprochen werden, weil es gilt, Jesus im Glauben als den Herrn des eigenen Lebens anzunehmen und anzuerkennen.

c. Was heißt Glaube?

Was aber heißt nun Glaube?

Konkret ist der Glaube die Annahme des Evangeliums. Glauben heißt, das Evangelium anzunehmen.

Dieser auf das Evangelium ausgerichtete Glaube, hat demnach eine inhaltliche Bestimmung. Sein Inhalt ist das Evangelium, jene Botschaft, die Paulus in seiner Berufung empfangen, die er als verkündete Botschaft in den Gemeinden schon vorgefunden und in die er sich darum mit seinem apostolischen Auftrag auch eingefügt hatte, die Botschaft nämlich, dass Christus gestorben und von Gott auferweckt worden ist, wie es die wichtige, von ihm zitierte Glaubensformel in 1 Kor 15,3-5 ausformulierte.

Dieses von Gott zur Rettung der Menschen veranstaltete Heilsgeschehen, die Offenbarung seiner Gerechtigkeit, ist der eigentliche Inhalt des Glaubens.

d. Von der Notwendigkeit der Verkündigung des Glaubens

Dass Jesus Christus für die Menschen gestorben und Gott ihn auferweckt hat, diese Botschaft, die den Inhalt des Glaubens ausmacht, muss daher unter die Leute gebracht werden. Für die Erweckung des Glaubensgehorsams ist es unabdingbare Voraussetzung, dass das Evangelium verkündet wird, dass es Menschen gibt, die bereit sind, sich in den Dienst der Evangeliumsverkündigung zu stellen.

So fragt Paulus in Röm 10,14-17, wie die Menschen ansonsten zum Glauben kommen könnten:

"Wie sollen sie also den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie aber hören, wenn niemand verkündigt? Wie aber sollen sie verkündigen, wenn sie nicht gesendet werden? ... So gründet also der Glaube in der Verkündigung, die Verkündigung aber im Wort Christi." (Röm 10,14-17)

e. Glaube als Vertrauen

Verkünden kann man nun genau diesen inhaltlichen Aspekt des Glaubens, von dem wir gerade gesprochen haben. Der Glaube hat für Paulus aber noch eine andere Dimension. Und diese Dimension kann man nicht lehren und nicht erklären. Glaube enthält nämlich das Element des Vertrauens.

Damit zeigt Paulus, dass sein Glaubensbegriff ganz von der Tradition, die sich vom Alten Testament her gründet, geprägt ist. Glaube ist für ihn [">æmunah"], ein Sich-Gründen in Gott, so wie es uns in der Tradition Israels immer wieder vor Augen geführt wird. Auch wenn das Vertrauen sich nunmehr auf die Offenbarung Gottes in Jesus Christus gründet, so hat sich am Glaubensbegriff des Paulus im Vergleich zur Vorstellung Israels nichts wesentlich verändert.

Eindrücklich wird diese christliche Glaubensstruktur von Paulus am Beispiel des Glaubens Abrahams erläutert. Abraham bewährte seinen Glauben in einer herausfordernden Situation. Die Verheißung von Gott, dass er zum Vater vieler Völker werden würde, empfing er nämlich im Alter, als "sein Leib und auch Saras Mutterschoß schon erstorben waren." Aber "er glaubte auf Hoffnung, wo nichts zu hoffen war", wurde nicht schwach im Glauben, "zweifelte nicht an der Verheißung Gottes im Unglauben, sondern wurde stark im Glauben und gab Gott die Ehre, auf das allergewisseste wissend, was Gott verheißen hat, das kann er auch tun" (Röm 4).

An Abrahams Beispiel wird klar, dass Glaube ein uneingeschränktes Sich-Einlassen auf das von Gott ergangene Wort bedeutet. Glaube ist Vertrauen, gleicht einer starken Hoffnung. Und Glaube widersetzt sich der Erfahrung, die wir immer machen und die uns täglich umgibt. Im Wagnis, indem sich der Mensch selbst aufs Spiel setzt, darin kommt letztlich der vertrauende Charakter dieses Glaubens voll zum Zuge.

9. Gemeinschaft mit Christus

Anemonenwiese.

Eine besondere Weise der soteriologischen Darstellung des Paulus besteht darin, das Wirken des Christus und die Verbindung der Glaubenden mit ihm in das Bewusstsein zu rücken. Diese Verbindung der Glaubenden mit Christus kann man als "Christusgemeinschaft" bezeichnen.

Das Bestechende in der Darstellung des Paulus besteht darin, dass dieses tiefgreifende Anliegen mit Hilfe einfacher Präpositionen vorgetragen wird. Er stellte es immer wieder durch Wendungen wie "durch Christus", "in Christus" oder "mit Christus" dar. Solche Wendungen begegnen wiederholt, am häufigsten die Formulierung "in Christus".

a. Das "Durch-Christus-Sein"

Die Wendung "durch Christus" macht deutlich, dass durch Jesus Christus das Heilsgeschehen gewirkt wurde. Wenn Paulus dies immer wieder in Erinnerung bringt, dann blickt er zurück auf das geschichtliche Ereignis, besonders auf das Kreuz:

In diesen Zusammenhängen ist die Mittlerstellung Christi zwischen Gott und den Menschen ganz deutlich. Der initiativ Wirkende ist Gott, der durch Christus rettend eingreift, sein Handeln in ihm in Erscheinung treten lässt und sich in ihm offenbart.

Diese Mittlerstellung Christi ist auch dann gewahrt, wenn der Blick sich weitet und zurückgelenkt wird auf die Schöpfung. Christus wird selbst als Schöpfungsmittler gesehen. So ist es für Paulus kein Widerspruch in ein und demselben Atemzug im Blick auf Christus zu sagen: "durch ihn ist alles" (1 Kor 8,6). Während er noch eine Zeile zuvor von Gott gesagt hat: "aus ihm ist alles".

Und wie dies für den Anfang gilt, also für die Schöpfung, so kann Paulus die Mittlerschaft Christi auch auf das Ende der Geschichte und das ergehende Gericht übertragen:

"Durch ihn sollen wir gerettet werden vor dem Zorn." (Röm 5,9)

Wobei "Zorn" hier für das Gericht Gottes steht.

b. Das "In-Christus-Sein"

Wenn Paulus das "durch-Christus-sein" betont, dann tritt in diesen Formulierungen die Unmittelbarkeit seines Beistandes in den Hintergrund. Die Mittlerschaft wird betont.

Ganz anders ist dies bei den Wendungen, die mit der Präposition "in" konstruiert sind. Hier geht es um die Unmittelbarkeit der Gemeinschaft mit Christus.

Dass wir "in Christus" sind, dass "in Christus" dieses oder jenes geschieht oder geschehen ist und geschehen soll, das sagt Paulus in der Regel sogar mehrere Male auf jeder Seite seiner Briefe. Alle Vollzüge des christlichen Lebens sind "in Christus" einbezogen.

Ich möchte nur einige wenige Beispiele allein aus dem Philipperbrief herausgreifen. Sie stehen für viele andere.

Bei all diesen Wendungen ist - unabhängig von all den vielen mannigfaltigen Interpretationsvorschlägen - das Bestimmende immer das Heilsgeschehen, das Gott durch Jesus Christus gewirkt hat. Es geht also letztlich um das "Christus für uns".

Durch dieses Heilsgeschehen sind wir als Glaubende nämlich durch und durch bestimmt. Unser Sein ist ein von Christus her bestimmtes. Wir sind demnach in Christus.

Wichtig ist, dass diese Beziehung auf den erhöhten Christus hin sowohl für den einzelnen Glaubenden als auch für die Gemeinschaft der zu Christus Gehörenden gilt. Diese Beziehung hat demnach eine individuelle und eine soziale Ausrichtung.

Von daher ist in all diesen Formulierungen auch ein ekklesiales Element enthalten. Das In-Christus-Sein ist in der Gemeinschaft, das heißt letztlich in der Kirche gegeben. Sie ist der Ort, wo Christus seine Herrschaft aufrichtet.

c. Das "Mit-Christus-Sein"

Besonderes Interesse verdienen nun die Wendungen, in denen Paulus vom "Mit-Christus-Sein" spricht.

Dieses Mit-Christus-Sein ist zunächst eine eschatologische Verheißung. Bei der Vollendung werden wir endgültig mit Christus verbunden sein. Diese Verheißung gilt demnach einmal für den jüngsten Tag (1 Thess 4,17; 1 Thess 5,10), dann aber auch für den persönlichen Sterbetag (Phil 1,23).

Aber schon das gegenwärtige Leben des Christen ist durch dieses Zusammen-mit-Christus ausgezeichnet. Diese Christusgemeinschaft tritt vor allem im Leiden in den Vordergrund. Unser Leid ist letztlich ein Mit-Christus-Leiden, eine Leidensgemeinschaft mit dem Gekreuzigten (Röm 8,17; Phil 3,10).

So werden wir mit Christus gleichgestaltet. Vor allem im Leiden werden wir ihm ähnlich. Aber auch darüber hinaus. Der Christ ist eingebunden in einen Prozess des Christus immer ähnlicher Werdens, ein Prozess, der in der eschatologischen Endzeit seine Vollendung finden wird: Wir sollen dem Bild des Sohnes gleichgestaltet (Röm 8,29), unser Niedrigkeitsleib soll seinem Herrlichkeitsleib gleichgestaltet werden (Phil 3,21; jeweils ["sýmmorphos"]).

(1) Die Taufe

Die Gemeinschaft des Christen mit Christus ist nach Auskunft von Röm 6,1-11 nun in der Taufe sakramental begründet. Paulus deutet das Taufgeschehen dabei als Anteilhabe des Täuflings an Christi Tod, seinem Begräbnis und seiner Auferstehung:

Dem Christen widerfährt in der Taufe also das gleiche Geschick wie Christus. In der Taufe wird er wesenhaft mit dem Schicksal Christi verbunden und zwar bleibend. Die Verbindung mit dem Tod Christi und seiner Auferweckung will dabei nicht symbolisch, sondern durchaus real verstanden sein. Der Täufling, dem in der Taufe Anteil am Auferstehungsleben Christi zuteil geworden ist, soll und kann dadurch auch ein neues, christliches Leben führen. Nachdem der alte Mensch mitgekreuzigt worden ist und er der Sünde abgestorben ist, kann er als neuer Mensch in Christus leben.

(2) Zum Verhältnis von Taufe und Glaube

Eine besondere Problematik stellt nun aber das Verhältnis von Glaube und Taufe im Zusammenhang der Rechtfertigungslehre dar. Was wirkt die Taufe über die durch den Glauben zugesprochene Rechtfertigung noch hinaus? Ist die Taufe ein notwendiges Element im Prozess der Rechtfertigung?

Man kann bei Paulus sicher nicht von zwei Heilsweisen sprechen, einer aus Glauben, die zur Gerechtsprechung führt, und einer sakramentalen etwa. Die Taufe ist nun eben von Anfang an der Initiationsritus der christlichen Gemeinden. Sie ist demnach eine Gegebenheit, die dem Paulus vorgegeben ist. Für ihn ist in diesem Zusammenhang lediglich wichtig, dass für den Empfang der Taufe der Glaube bereits notwendige Voraussetzung ist. Das eine lässt sich gegen das andere demnach nicht ausspielen. Die Taufe vergegenwärtigt vielmehr das objektive Heilsgeschehen, in das eingeholt zu werden den Täufling bleibend mit Christus und mit der Kirche verbindet.

(3) Fazit

Überschauen wir von daher abschließend die paulinischen Aussagen der Christusgemeinschaft, so ergibt sich jetzt ein detailliertes Bild:

Begründet in der Taufe, ist die Verbindung mit Christus Lebensprogramm für den Christen. Dieser hat dabei zu realisieren, was er durch Glaube und Taufe empfing. Er soll sich in seinem Leben mehr und mehr Christus gleichgestalten. Dabei darf er darauf hoffen, dass das Hineinwachsen in das Bild Christi im jenseitigen Leben vollendet werden wird.

10. Der Geistempfang

Kommen wir damit zu einem weiteren Punkt in der paulinischen Theologie. Die Getauften haben schließlich die Gabe des Geistes empfangen. Mit dem Gläubigwerden ist nach Gal 3,2. 5. 14 der Empfang des Geistes schließlich verbunden.

a. Der Geist wurde allen zuteil

Dabei kann Paulus bereits auf Tradition zurückgreifen. Wenn er in 1 Kor 12,13 die Taufe und die Tränkung mit dem Geist parallel setzt, dann dürfte dies eine Vorstellung sein, die Paulus mit dem Urchristentum geteilt hat.

Wichtig ist auf jeden Fall, dass dieser Geist allen zuteil wurde. Er ist nicht eingeschränkt etwa auf einige wenige Amtsträger. Der Geist, der im übrigen nach Gott und nach Christus benannt werden kann, wurde allen zuteil. So sagt Paulus:

"Ich bin mir aber bewusst, Gottes Geist zu haben." (1 Kor 7,40)

Und in Röm 8,9 wendet er das ganze auf Christus hin:

"Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm." (Röm 8,9)

Darüber hinaus kann Paulus beide Dimensionen miteinander verbinden, wie etwa Gal 4,6 zeigt :

"Gott hat den Geist seines Sohnes in unsere Herzen gesandt." (Gal 4,6)

Die Gabe dieses Geistes ist nun im Letzten die Ermöglichung der christlichen Existenz. Sie befähigt erst zu einem Leben aus dem Glauben, in dem der Wille Gottes erfüllt wird.

b. Freiheit und Liebe

Aber nicht nur dies. Auch die christliche Freiheit verdankt sich letztlich dieser Gabe des Geistes. So sagt 2 Kor 3,17:

"Wo der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit." (2 Kor 3,17)

Der Geist befreit den Gläubigen von den Unheilsmächten der Sünde, des Todes und des Gesetzes, die den Menschen bislang versklavten. So sagt Paulus in Gal 5,18:

"Wenn ihr durch den Geist getrieben werdet, seid ihr nicht unter dem Gesetz." (Gal 5,18)

Die erste Frucht des Geistes aber ist die Liebe (Röm 5,5). So wird im "Tugendkatalog" in Gal 5,22-23 die Liebe noch vor der Freude und dem Frieden als "Frucht des Geistes" erwähnt.

c. Geist und Fleisch

Die Getauften sind nun zwar mit dem Geist ausgestattet, dadurch zu einem christlichen Leben befähigt, das aber nimmt ihnen nicht das eigene Tun ab. Wenn Paulus demnach von einem Sich-führen-Lassen durch den Geist und einem Getriebenwerden durch den Geist spricht (Gal 5,18), dann heißt das also nicht, dass alles von selbst läuft.

Der Christ lebt schließlich gleichsam "zwischen den Zeiten", er lebt noch in diesem "Äon", in dem er sich zu bewähren hat. In Gal 5,17 umschreibt er den inneren Zwist des Menschen, der dadurch entsteht. Paulus schreibt:

"Das Fleisch begehrt auf gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch." (Gal 5,17)

Darum gilt die Mahnung von Gal 5,25:

"Wenn wir durch den Geist leben, dann lasst uns auch ein dem Geist entsprechendes Leben führen." (Gal 5,25)

Oder wie es Gal 5,16 ausdrückt:

"Wandelt im Geist, dann werdet ihr die Begierden des Fleisches nicht vollbringen." (Gal 5,16)

11. Die Gemeinde

Eng in Zusammenhang mit der Gabe des Geistes stehen die Gnadengaben, die Charismen, die ein jeder Christ von Gott empfangen hat.

Paulus entfaltet anhand seiner Ausführungen über diese Charismen letztlich sein Gemeindemodell (Röm 12; 1 Kor 12). Von daher hat man seine Vorstellung von Gemeinde auch "charismatisch" genannt.

a. Die Gemeinde als Leib

Grundlegend ist dabei der Vergleich der Gemeinde mit einem Leib oder genauer, mit dem Leib Christi. Die Gemeinde der Christen stellt den Leib Christi in der Welt dar. So sagt Paulus in Röm 12,5:

"Wir, die Vielen, sind ein Leib in Christus." (Röm 12,5)

In 1 Kor 12,27 meint er:

"Ihr aber seid der Leib Christi." (1 Kor 12,27)

Und in 1 Kor 12,12 wird der Vergleich der Gemeinde mit einem Leib hingeführt zu dem Satz:

"So ist es auch mit Christus." (1 Kor 12,12)

Die Gemeinde wird also mit dem erhöhten Christus identifiziert. Sie ist somit etwas Vorgegebenes. Sie kommt nicht dadurch zustande, dass Menschen sich zusammenschließen. Vielmehr werden diese in den Christus-Leib aufgenommen, in den Raum, der von Christi Heilshandeln bestimmt ist und in dem man sich genau davon bestimmen lassen soll.

Die Glieder der Gemeinde sind nun wie die Glieder an diesem Leib. Jeder hat eine bestimmte, notwendige Funktion zu erfüllen, eine Funktion, die seinem Charisma entspricht.

Die Ordnung innerhalb der Gemeinde wird dann durch den Geist geregelt. Er teilt die Vielfalt der Gaben mit und verbindet sie zur Einheit. Diese Einheit wird letztlich in der eucharistischen Mahlfeier gewährleistet und vertieft. Hier verbinden sich die Feiernden mit Christus und untereinander. Die Heilsfrüchte des Todes Christi werden aber den Mahlteilnehmern dabei nicht nur zugesprochen, sie werden auch nicht lediglich präsent, Christus ist in der Versammlung selbst anwesend. Schon die Versammlung stellt Christus dar. So sagt Paulus in 1 Kor 12,17:

"Ist das Brot, das wir brechen, nicht die Teilhabe am Leib Christi? Ein Brot ist es. Darum sind wir, die Vielen, ein Leib. Denn wir alle haben teil an dem einen Brot." (1 Kor 12,17)

b. Die Frauen in der Gemeinde

Dass Paulus den Frauen in der Eucharistiefeier, der Gemeindeversammlung, genauso wie in der Gemeinde überhaupt, prinzipiell den gleichen Rang zuerkennt wie den Männern, geht aus der Fülle der Frauen, die im Umfeld des Paulus in wichtigen Positionen sind, hervor.

Auch seine erste Auskunft über das Auftreten von Frauen im Gottesdienst im Zusammenhang des heutigen ersten Korintherbriefes macht diese, seine prinzipielle Haltung deutlich. Dass Paulus frauenfeindlich eingestellt gewesen sei, ist von daher eine unhaltbare Behauptung.

Die teilweise harten Formulierungen in den Briefen nach Korinth haben sich im Verlauf unserer Rekonstruktion als situationsbezogene Äußerungen im Blick auf konkrete Schwierigkeiten in dieser Gemeinde herausgestellt. Sie heben sich von daher stark von der grundsätzlichen Auffassung des Paulus ab und unterstreichen diese im Grunde nur noch.

c. Gemeinde und Kirche

Viel diskutiert ist die Frage, welche Rolle innerhalb der Gemeindetheologie des Paulus die Gesamtkirche spielt. Der Begriff ["ekklæsía"], den Paulus verwendet, kann ja sowohl Gemeinde wie auch Kirche bedeuten.

In der Regel bezieht Paulus dieses Wort sicher auf die Ortsgemeinde, wobei er die Gemeinde meist auch mit dem jeweiligen Ortsnamen benennt, etwa die Gemeinde von Kenchreä, Korinth oder Thessaloniki.

Aber auch eine Hausgemeinde kann mit diesem Wort bezeichnet werden, wie uns gerade der Philemonbrief deutlicht macht (Phlm 1. 2; auch: Röm 16,5).

An manchen Stellen tritt der ursprüngliche Wortsinn von ["ekklæsía"], im Sinne von "Versammlung" in den Vordergrund (etwa 1 Kor 11,18).

Versucht man eine Wertung, so wird man nicht sagen können, dass Paulus die Vorstellung einer Gesamtkirche nicht gekannt habe, dass es ihm gewissermaßen nur darum gegangen sei, autarke Ortsgemeinden zu gründen.

Allerdings spielt die Ortsgemeinde in seiner Theologie die überragende Rolle. Die Einzelgemeinde vermag letztlich sogar die Gesamtheit zu repräsentieren.

Deshalb ist die Kirche für ihn auch nicht einfach die Summe einzelner Gemeinden. Aber die einzelnen Gemeinden, die jede für sich die Gesamtheit repräsentiert, sind verbunden durch das gemeinsame Evangelium, die Idee vom Volk Gottes und den Dienst der Apostel.

d. Kirche und Israel

Hier schließt sich die Frage an, wie die Kirche als das neue Volk Gottes im Verhältnis zu Israel als erstem Gottesvolk steht.

Der Gedanke vom Volk Gottes, die Problematik der Verstockung Israels gegenüber dem Evangelium und die Ablösung des alten Gottesvolkes durch ein neues, aus den Heidenvölkern gerufenes, diese Themen werden nun auf eindrückliche Weise in Röm 9-11 entfaltet.

Dabei arbeitet Paulus heraus, dass Gott in seinem Heilswalten völlig souverän ist. Deshalb kann er sich ohne weiteres einem neuen Volk zuwenden. Hier kommt die Vorstellung von der auf die Universalität der Völkerwelt abzielenden göttlichen Gnade zum Tragen.

Aber gleichzeitig betont Paulus die Barmherzigkeit und die Treue Gottes zu Israel. Ein Spitzensatz ist die Verheißung, dass ganz Israel gerettet werden soll (Röm 11,26). Diese in Aussicht gestellte Rettung kann nur begriffen werden in Übereinstimmung mit dem Heilshandeln Gottes insgesamt. Denn Gott ist der, der den Sünder gerecht spricht.

"... Gott hat alle in den Ungehorsam eingeschlossen, um sich aller zu erbarmen." (Röm 11,32)

Da Paulus die Verheißung als Geheimnis verkündet (Röm 11,25), ist es uns verwehrt, die Weise des zukünftigen Handelns Gottes anzugeben.

12. Die Erwartung des Endes

Werfen wir abschließend noch einen kurzen Blick auf die Erwartung des Endes in der Theologie des Paulus.

a. Die Erwartung der Parusie Christi

Paulus erwartet mit seinen Gemeinden die Parusie Christi für die absehbare Zukunft. Dabei entfaltet er die Dramaturgie des jüngsten Tages in apokalyptischen Bildern mit Auferweckung der Toten, Verwandlung der Lebenden sowie gemeinsamer Entrückung dem Herrn entgegen.

Mögen die Bilder, die diese Texte verwenden, auch vorgegeben sein, ausgezeichnet werden sie in der paulinischen Anwendung durch ihre Zentrierung auf Christus hin.

"Dank aber sei Gott, der uns den Sieg geschenkt hat durch Jesus Christus, unseren Herrn." (1 Kor 15,57)

Wichtig ist, dass die Erwartung der Auferstehung der Toten verbunden wird mit der Auferstehung Jesu. Den Glaubenden ist nämlich die Auferstehung Jesu die Bürgschaft für diese allgemeine Erwartung. In ihr erweist sich Christus als das Haupt einer neuen, für das Leben bestimmten Menschheit:

"Wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden." (1 Kor 15,22)

Und:

"Der erste Mensch, Adam, wurde zu einem lebendigen Wesen, der letzte Adam zu einem Geist, der lebendig macht." (1 Kor 15,45)

b. Die individuelle Auferstehung und die Erlösung der Schöpfung

Was Paulus über das individuelle Schicksal des Sterbenden sagt, habe ich im Blick auf den Philipperbrief bereits erwähnt. Im Gegensatz zu den in apokalyptischen Bildern gehaltenen Schilderungen über das Ende der Welt, spricht er hier gleichsam von einem Hindurchgang durch den Tod zur neuen Wirklichkeit des endgültigen Mit-Christus-Seins.

Aber Paulus denkt nicht nur über die Erlösung des Menschen nach. Die den ganzen Menschen einbeziehende Enderlösung, die sich griechischer und gnostischer Leibfeindlichkeit widersetzt, greift letztlich dann auch auf die gesamte Schöpfung aus. Auch die Schöpfung soll befreit werden "von der Sklaverei der Vergänglichkeit zur herrlichen Freiheit der Kinder Gottes" (Röm 8,21). Zielpunkt der Enderlösung ist Gott, der am Ende alles erfüllen wird und dem sich auch Christus, der Sohn, unterwerfen wird (1 Kor 15,28).

Anmerkung

1) Vgl.: Joachim Gnilka, Neutestamentliche Theologie - Ein Überblick (Würzburg 1998) 68-92.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 15. März 2011