Die Hellenisten

1. Hinweise auf das Vorhandensein griechisch-sprechender Juden

Ich habe eben darauf hingewiesen, dass gerade in Jerusalem immer wieder Menschen aus dem ganzen Mittelmeerraum zusammenkamen. Darunter waren auch Juden aus den Diasporagebieten. Einige von ihnen hatten sich als Rückwanderer aus den jüdischen Kolonien im Mittelmeerraum auch wieder in Palästina angesiedelt. Diese Juden sprachen von Hause aus Griechisch. In Apg 9,29 werden solche griechisch sprechende Juden erwähnt. Man nennt diese mit dem Fachterminus "Hellenisten".

Ein wichtiger Hinweis auf das Vorhandensein dieser Hellenisten ist auch die sogenannte Theodorosinschrift, eine Synagogeninschrift in griechischer Sprache, die man gefunden hat.

Warum Diasporajuden nach Israel zurückkehrten, war ganz unterschiedlich motiviert. Oftmals war die nahe Heilserwartung ausschlaggebend. Man wollte beim Eintritt des Endes sozusagen im "Vorort der jüdischen Geschichte", also in Israel, anwesend sein.

Andere, vor allem konservativ-rigoristische Kreise erhofften sich, in der jüdischen Umgebung Israels die Gesetze genauer einhalten zu können.

2. Die Hellenisten in der Urgemeinde

Schon sehr früh scheinen solche griechisch sprechenden Juden von der christlichen Mission erreicht worden zu sein. Schon im Zwölferkreis gab es offensichtlich Graeco-Palaestiner. Andreas oder Philippos tragen beispielsweise griechische Namen.

Unterschiedliche Sprachen haben auf Dauer aber auch etwas trennendes. So kam es beinahe zwangsläufig zu einer Zweiteilung der Urgemeinde in aramäisch sprechende Hebräer und griechischsprechende Hellenisten.

Der hellenistische Teil erlangte anscheinend rasch das Bewusstsein, eine eigene Gruppierung zu sein. Möglicherweise war ein Konflikt in der Armenversorgung (Apg 6) der Auslöser dafür, zumindest sucht die Apostelgeschichte hier die Gründe für die aufziehenden Unruhen.

In der Folgezeit kam es dann auch zu einer Ausprägung eigener Gottesdienste, ja sogar zur Ausformulierung einer eigenen Theologie.

Die Wahl der Diakone in Apg 6 ist ein wichtiger Hinweis für die vorhandenen Spannungen. Die sieben Diakone tragen alle griechische Namen. Die Apostelgeschichte versucht zwar den Eindruck zu erwecken, als seien sie nur für die Armenversorgung, also für wirtschaftliche Belange zuständig gewesen, selbst aus der Darstellung der Apostelgeschichte wird allerdings deutlich, dass dies nicht gut der Fall gewesen sein kann. Stephanus predigt. Die Diakone waren also ebenfalls als Prediger und Verkündiger tätig. Die Berichte über Stephanus (Apg 7) und Philippus (Apg 8) können uns heute wichtige Aufschlüsse über diese ersten Spannungen in der Urgemeinde geben.

Jerusalem - Antike Stufen zum Haus des Hohenpriesters Kajafas.

Die Hellenisten unter den Christen waren vor allem um die Mission im Blick auf die hellenistische Synagoge bemüht. Sie selbst waren ja aus ihr hervorgegangen.

Offensichtlich war die Kritik am Tempel und am Gesetz bei ihnen auch stärker ausgebildet als bei den aramäisch sprechenden Christen. Stephanus wird ja nach der Schilderung der Apostelgeschichte ausdrücklich Lästerung des Mose und des Tempels vorgeworfen.

Die Hellenisten zogen also aufgrund des gesetzeskritischen Vermächtnisses Jesu vermutlich die klareren Konsequenzen als die aramäische Urgemeinde.

Sie mussten den Widerstand der konservativen Kreise der hellenistischen Synagoge daher auch beinahe zwangsläufig wecken. Die daraus entstehenden Auseinandersetzungen führten letztendlich zur Steinigung des Stephanus, zur Verfolgung der christlichen Hellenisten in Jerusalem und zu ihrer Vertreibung.

Auch wenn Lukas einen ausführlichen Prozess gegen Stephanus darstellt, müssen wir vermutlich mit einer spontanen Aktion der Steinigung rechnen. In der Apostelgeschichte ist das Bemühen des Lukas festzustellen, den Prozess gegen Stephanus analog dem Prozess Jesu darzustellen. Dies ist historisch aber wenig wahrscheinlich.

Von der Verfolgungswelle, die nun über die griechisch sprechenden Christen hereinbrach, war der aramäische Teil der Urgemeinde vermutlich nicht betroffen. Anscheinend konnten die Zwölf währenddessen weiterhin ungehindert predigen. Auch das, was die Apostelgeschichte über Paulus berichtet, spricht für eine Verfolgung nur der hellenistischen Teile. Paulus als strenger Pharisäer verfolgte sicher bevorzugt die liberale Richtung der Christengemeinde.

Die Vertreibung der Hellenisten aus Jerusalem hatte aber einen von den Initiatoren absolut nicht beabsichtigten Nebeneffekt. Sie führte zu einer weiteren Ausbreitung der Mission. Die Verfolgten trugen auf dem Weg ins Exil bzw. als Wandermissionare das Evangelium nach Samaria (Apg 8), nach Syrien mit Antiochien und nach Zypern (Apg 11).

In diesem Zusammenhang kam es vermutlich zur Übersetzung der Jesusüberlieferung und des apostolischen Kerygmas ins Griechische. Auch dies wäre demnach sehr früh anzusetzen.

Anmerkung

1) Wo nicht anders vermerkt folge ich meinem Lehrer Rudolf Pesch, Einführung in das Neue Testament II - nicht autorisierte Vorlesungsmitschrift des WS 1980/81 (Albert-Ludwig-Universität Freiburg i. Br.).

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 15. März 2011