Die Theologie des Johannes-Evangeliums

Damit sind wir aber schon mitten in der Frage nach der Theologie des Johannes-Evangeliums. Dieser Frage müssen wir uns nun abschließend stellen. Und da das Johannes-Evangelium ist ein eminent theologisches Evangelium ist , sind die Themen seiner Theologie auch vielfältig.

1. Das johanneische Christusbild

Im Zentrum steht selbstredend die Botschaft von Jesus Christus. Johannes referiert diese Botschaft aber nicht und legt sie auch nicht traktatmäßig dar. Sie wird im Johannes-Evangelium vornehmlich durch den johanneischen Christus selbst ausgesprochen.

Christus erscheint dabei als der irdische Mensch, dessen reales Menschsein an keiner Stelle bezweifelt wird. Sein Weg aber wird noch konsequenter als in den synoptischen Evangelien von seiner Vollendung her gesehen.

2. Die Welt als Schauplatz des Wirkens Christi

Von Senfblüten gelbe Wiese und Vögel am Ufer des Sees Gennesaret.

Ein wichtiger Zug des Johannes-Evangeliums ist auch die Weitung der Perspektive. Schauplatz des Wirkens Christi ist nur pro forma das Land Israel. Genaugenommen spielt die Topographie aber nur noch eine untergeordnete Rolle. Der Schauplatz des Auftretens Jesu ist bei Johannes die Welt schlechthin. Es wird nicht betont, dass Jesus zu seinem Volk kam, sondern das Licht kam in die Welt.

Diese Welt ist aber in der Sicht des Johannes-Evangeliums in einem ambivalenten Zustand:

3. Der Dualismus von Gott und Welt

Der johanneische Dualismus entzündet sich demnach am Gegenüber von Gott und Welt. Der verlorene Zustand der Welt ist aber nicht etwa ein unausweichliches Schicksal. Der Grund für diese Verlorenheit liegt darin, dass sich der Mensch gegen Gott entschieden hat.

Daher sind die Juden bei Johannes auch nicht die Angehörigen eines auserwählten Volkes, sie werden gleichsam als Repräsentanten dieser Entscheidung gezeichnet.

Die Frage nach der heilsgeschichtlichen Rolle Israels spielt demnach auch kaum noch eine Rolle. Wenn Johannes davon spricht, dass die Seinen das Wort nicht aufnahmen (Joh 1,11), dann meint er nicht wie Matthäus im Winzergleichnis etwa, dass den Juden der Weinberg genommen und anderen gegeben werden wird. Johannes fragt nicht nach der Bedeutung Jesu für Israel, sondern nach seiner Bedeutung für die ganze Welt. Die Seinen, die das Wort nicht aufnahmen sind bei Johannes deshalb die Menschen schlechthin.

4. Die Christologie - Christus und die Welt

In diese Welt, die durch die Entscheidung gegen Gott zur Sphäre der Finsternis wurde, tritt nun der Logos, der Christus ein. Er kommt aus der Welt Gottes, der Welt des Lichtes und wird somit zum Licht der Welt (Joh 3,19).

Interessant ist, dass das Johannes-Evangelium zwar nahezu alle wichtigen christologischen Prädikate nennt, einige haben aber herausragende Bedeutung. Ganz besonders wichtig werden bei Johannes nämlich die Bezeichnungen

Sie werden immer wieder verwandt.

Der Sohn, den der Vater gesandt hat, wird nämlich durch seine Sendung aus der Welt Gottes zum Mittler des Heils.

Indem Christus den Menschen, und damit der Welt, das Heil anbietet, stellt er diese Welt radikal in Frage. Denn an ihn allein sind Licht, Wahrheit, Leben und Freiheit gebunden.

Diese Güter, die die Menschen so sehr ersehnen, können somit in der Welt definitiv nicht gefunden oder errungen werden. Nur Christus vermag sie zu vermitteln, denn in ihm erschließt sich Gott, er ist die Offenbarung Gottes, der Offenbarer schlechthin.

5. Die Soteriologie - Der Glaube an Christus als Bedingung der Heilwerdung

Die Christologie des Johannes mündet demnach direkt in die Soteriologie. Denn durch Christus erhält der Mensch die Möglichkeit, seinen Standort zu wechseln, aus der Finsternis in das Licht, aus dem Tod zum Leben zu gelangen.

Die grundlegende Bedingung, an die dieser Schritt zum Heil geknüpft ist, ist der Glaube.

Glauben heißt, Christus als den zu erkennen, sehen, anerkennen und annehmen, als der er sich vorstellt. Und das tut er bei Johannes vor allem im Offenbarungswort des "Ich bin". Wer zu diesem Glauben gelangt, wechselt seinen Standort, gelangt vom Unheil zum Heil.

Glauben ist demnach eine verwandelnde Entscheidung. Der johanneische Dualismus ist daher mehrfach auch zutreffend als Entscheidungsdualismus definiert worden.

Der Glaube des Menschen muss aber reifen und zwar zum Bleiben, also zu einer das Leben gestaltenden Gemeinschaft mit Christus. Dies wird vor allem in den Immanenzformeln zum Ausdruck gebracht: Ihr in mir und ich in euch.

6. Die Eschatologie

Die Bedeutsamkeit der Entscheidung, die der Glauben beinhaltet, hat ihren Niederschlag im Johannes-Evangelium auch in einer veränderten Eschatologie gefunden.

Das Johannes-Evangelium bietet keine Rede, die der eschatologischen Rede in Mk 13 vergleichbar wäre. Es geht nicht mehr um die nahe bevorstehende Gottesherrschaft, die stündlich anbrechen kann. Johannes betont vielmehr,

Man kann diese irrealistisch dünkenden Sätze eigentlich nur dann verstehen, wenn man wahrnimmt, dass sie wiederum auf die Christologie hingeordnet sind. Die einstweilige Vollendung ist in einer einstweiligen "Parusie" bereits erreicht: Wer Christus liebt und sein Wort festhält, den wird der Vater lieben, und Vater und Sohn werden kommen und bei ihm wohnen (Joh 14,23). In Christus ist die Vollendung anfanghaft bereits gegenwärtig.

Die irdische Christusgemeinschaft aber soll eine Zukunft besitzen: Im Haus des Vaters sind viele Wohnungen bereitet (Joh 14,2). Hier wird das "schon und noch nicht" der christlichen Existenz deutlich. Wir leben bereits in der neuen Wirklichkeit des Vaters, eine Wirklichkeit, die sich aber erst noch vollenden muss.

7. Die Ekklesiologie

Werfen wir nun einen Blick auf die johanneische Ekklesiologie.

Das Thema Kirche fällt im Johannes-Evangelium - bei aller Ausrichtung auf den Glauben des einzelnen - keineswegs aus. Aber auch es stellt sich unter einem betont christologischen Aspekt dar.

Die Bilder von

vermögen dies zu veranschaulichen.

Untereinander sollen die Christen die Bruderliebe als das neue Gebot bewahren (Joh 13,31ff). Christus selbst - also wieder Ausrichtung auf die Christologie - gab dafür schließlich das schönste Beispiel, als er sein Leben für die Freunde einsetzte.

Ein besonderes Anliegen im Hinblick auf die Kirche ist deren Einheit, um die Christus in seinem Abschiedsgebet den Vater bittet (Joh 17,21ff).

Simon Petrus hat genau in diesem Punkt nach Johannes in der Kirche einen herausragenden Dienst zu erfüllen. Er ist Garant genau dieser Einheit wie Joh 21,11. 15ff deutlich zu machen versucht.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 15. März 2011