Der Unterschied des Johannes-Evangeliums zu den synoptischen Evangelien

Der ausführliche Blick auf den Aufbau und die Gliederung des vierten Evangeliums hat uns nicht zuletzt deutlich gemacht, dass sich der johanneische Text stark von seinen drei synoptischen Vorgängern unterscheidet.

Versuchen wir die Unterschiede zwischen dem Johannes-Evangelium und den synoptischen Texten noch etwas deutlicher herauszuarbeiten.

1. Das johanneische und das synoptische Itinerar im Vergleich

Auffallend ist zunächst schon der unterschiedliche Weg, den Jesus bei den Synoptikern auf der einen und bei Johannes auf der anderen Seite nimmt. Bei Markus, Matthäus und Lukas beginnt Jesus sein Wirken in Galiläa und geht dann, zum Todespascha nach Jerusalem. Der johanneische Christus hingegen ist bald in Jerusalem, bald in Galiläa am Werk.

Eine Fülle von Überlieferungen erscheinen im Johannes-Evangelium daher auch an den Ort Jerusalem gebunden. Sie sind darüber hinaus mit bestimmten jüdischen Festen verknüpft, dem Laubhüttenfest, dem Tempelweihfest, dem Paschafest usw.

Betrachtet man die Überlieferungen im einzelnen, so ergeben sich zwar Berührungen mit der synoptischen Tradition. Diese Berührungen halten sich aber in Grenzen. Sie sind überschaubar und von besonderer Qualität.

2. Johannes der Täufer

Nehmen wir als Beispiel das Täuferbild. Johannes der Täufer trat in den synoptischen Evangelien vor allem als Umkehrprediger auf, der eine Gerichtsbotschaft anzusagen hatte. Bei Johannes wird der Täufer weder als asketischer Bußprediger gezeichnet noch wird etwas von seiner bedrängenden Gerichtspredigt geschildert.

Sein Zeugnis ist ausschließlich auf Christus hin ausgerichtet:

Diese anderen Konturen, die der Täufer im Johannes-Evangelium gewinnt, lassen sich nicht damit erklären, dass hier einfach zusätzliche Informationen geboten werden sollen. Johannes bringt nicht einfach Nachrichten, die lediglich die synoptischen Evangelien ergänzen sollen. Man kann diese andere Darstellung nur damit erklären, dass dem Johannes-Evangelium eine ganz eigene theologische Konzeption zugrunde liegt. Die Theologie des Johannes-Evangeliums prägt letztlich die Art der Darstellung.

3. Überlieferung in anderen Zusammenhängen

Fischernetz.

Diese spezifisch johanneische Sicht wird auch deutlich, wenn Johannes Berichte aufgreift, die sich mit synoptischer Tradition berühren. Er bringt sie dann in der Regel in ganz andere Zusammenhänge ein.

Dadurch erhalten diese Perikopen im Vergleich mit der Darstellung bei den Synoptikern ganz andere Akzente. Akzente, die anscheinend wiederum der anderen theologischen Intention des Johannes-Evangeliums entsprechen.

4. Spärliche identische Wortüberlieferung Jesu

Auffallend ist auch, dass im Johannes-Evangelium wenige Worte Jesu überliefert werden, die sich mit synoptischen Herrenworten vergleichen lassen.

Der johanneische Christus spricht eine ganz eigene Sprache. Auf sie müssen wir noch gesondert eingehen, wenn wir die theologischen Intentionen des Johannes-Evangeliums betrachten.

5. Berührungen mit Lukas

Immerhin gibt es einige ganz wenige Berührungen zwischen dem Johannes-Evangelium und dem Lukas-Evangelium. Vor allem in der zweiten Hälfe des johanneischen Werkes.

weisen zumindest auf Berührungspunkte zwischen der lukanischen und der johaneischen Tradition hin.

6. Fazit

Aus all dem folgert man heute in weiten Teilen der Forschung, dass Johannes wohl keines der synoptischen Evangelien kannte oder verwendete. Die Unterschiede zwischen den Synoptikern und dem Johannes-Evangelium sind zu groß, um ein Kennen der synoptischen Tradition durch den Verfasser des Johannes-Evangeliums vorauszusetzen. Johannes hätte die synoptischen Evangelien sicher nicht in diesem Maße ignorieren können, wenn sie ihm vorgelegen hätten.

Man geht aber gleichwohl davon aus, dass der Verfasser des Johannes-Evangeliums synoptische Überlieferungen kannte. Möglicherweise hat er vorsynoptisches oder auch vorlukanisches Traditionsgut kennengelernt und mitverarbeitet. Er hat dasselbe allerdings dann auf ganz eigene Art und Weise dem Konzept seines Werkes eingepasst.

7. Das Johannes-Evangelium als Evangelienschrift

a. Das Johannes-Evangelium als Glaubensschrift

Bei aller Verschiedenheit zu den Synoptikern muss das Johannes-Evangelium dennoch genauso wie die drei anderen kanonischen Evangelienschriften gattungsmäßig als Evangelium bezeichnet werden.

Evangelium ist ursprünglich ja kein literarisches Erzeugnis, sondern die Heilsbotschaft, die Jesus Christus als der eschatologische Freudenbote Gottes gebracht hat und die die Urkirche entsprechend der nachösterlichen Situation nun auch als die rettende Kunde von Jesus Christus, dem gekreuzigten und auferstandenen, zur Seite Gottes erhöhten Messias und Herrn versteht.

Markus hat nun zwar die literarische Gattung Evangelium geschaffen und er hat damit den Begriff Evangelium mit der Vorstellung einer historisch-chronistischen Darstellung vom Auftreten und Wirken Jesu von Nazaret neu gefüllt. Aber der Evangeliums-Begriff hat seine ursprüngliche Aura dennoch nie ganz verloren. Er beinhaltete immer auch den Anspruch Glaubensverkündigung zu sein.

Auch die synoptischen Evangelien vertraten ja nie nur ein biographisches Interesse. Wenn nun der Anspruch der Geschichtsschreibung im Johannes-Evangelium hinter der Glaubensverkündigung und der Ausformulierung einer Theologie ganz stark zurücktritt, dann ändert dies nichts an der Tatsache, dass dieses Werk im Letzten eine Evangeliumsschrift darstellt.

Die Evangelien sind Glaubensschriften. Und nichts anderes möchte das johanneische Werk, wie Joh 20,30-31 ausdrücklich betont, sein.

b. Das historische Interesse des Johannes-Evangeliums

Natürlich kann auch dem Johannes-Evangelium ein daneben liegendes historisches Interesse nicht abgesprochen werden:

c. Ordnung des Stoffes nach theologischen Kriterien

Aber Johannes ordnet seinen Stoff eben noch stärker als dies die Synoptiker schon tun, nach sachlichen und theologischen Kriterien.

Ja es entsteht durchaus der Eindruck, als sei sein Stoff weniger perikopenhaft gegliedert als vielmehr einheitlich komponiert. Besonders die großen Reden, die bei Johannes im Vordergrund stehen, stützen dieses Bild.

Gerade die Reden machen aber wieder deutlich, dass hier in keinster Weise Ansprachen des historischen Jesus wiedergegeben werden sollten. Hier sind Worte Jesu nach theologischen Kriterien zu regelrechten Traktaten zusammengefügt worden.

Dabei ist gerade etwa bei den Abschiedsreden die Blickrichtung des Johannes-Evangeliums ganz deutlich zu sehen. Der Schwerpunkt wird ganz klar auf die Weisung Jesu gesetzt, die dieser selbst am Ende seines öffentlichen Wirkens allen gegeben hat, die ihm als Jünger nachfolgen möchten. Nachdrücklich wird also die österliche Perspektive des Johannes-Evangeliums betont. Der Christusweg wird bei Johannes ganz stark von seinem Ende, oder besser, von seinem Ziel her betrachtet.

Anmerkungen

1) Vgl.: Joachim Gnilka, Johannesevangelium (Würzburg 1983) 5.

2) Vgl.: Joachim Gnilka, Johannesevangelium (Würzburg 1983) 5-6.

3) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium I (Freiburg, Basel, Wien 5. Auflage 1981) 2-3.

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Letzte Änderung: 15. März 2011