Der Aufbau des Johannes-Evangeliums

Damit haben wir die synoptischen Evangelien hinter uns gelassen. Wir kommen nun zum Johannes-Evangelium, das eine ganz eigene Stellung unter den kanonischen Evangelien einnimmt. Was wir bisher über Quellen und strukturelle Zusammenhänge gesagt haben, galt fast in gleicher Weise ja für alle drei bisher besprochenen Evangelien-Schriften. Im Blick auf das Johannes-Evangelium müssen wir hier ganz eigene Wege gehen.

Bevor wir dies aber tun wollen, soll zunächst der Aufbau des Evangeliums verdeutlicht werden.

Das Johannes-Evangelium lässt sich folgendermaßen gliedern:

1. Der Prolog (Joh 1,1-18)

Es beginnt mit einem eigenartigen Prolog, dem ein Lied oder Hymnus zugrunde liegt. Dieses Lied, besang den ["lógos"], das göttliche Wort, den Erlöser. Umstritten ist in der Forschung, ob es sich hier schon von Anfang an um ein christliches Lied handelte, also ob dieser [ "lógos"] schon vom Verfasser dieses Liedes mit Jesus Christus identifiziert worden ist, oder ob der Verfasser des Evangeliums ganz einfach auf ein bekanntes, heidnisches Lied, etwa aus dem Umfeld der Gnosis - wir werden auf sie später noch zu sprechen kommen - zurückgegriffen hat. Dieses hätte er dann christlich durchformt und erweitert.

2. Erster Hauptteil - Jesu Selbstoffenbarung vor der Welt (Joh 1,19-12,50)

a. Erster Abschnitt - Die Anfänge der Offenbarung Jesu (Joh 1,19-4,54)

Danach beginnt ein Abschnitt, der im Rahmen des ersten Hauptteiles des Johannes-Evangeliums die Anfänge des Wirkens Jesu darstellt, und zwar in einem fortlaufenden, vielfach mit genauen Zeitangaben versehenen Bericht.

Der Leser trifft auf Jesus zuerst bei der Taufstelle Johannes' d. T. am Jordan, folgt ihm nach Galiläa, näherhin nach Kana, wo er auf einer Hochzeit das erste "Zeichen" wirkt, dann nach Kafarnaum, wo er aber nur kurz verweilt, um dann zum Pascha nach Jerusalem hinaufzuziehen. Der Abschnitt schließt nach der Rückkehr mit einem zweiten Wunder in Kana.

 

Joh 1,19-51 Das Zeugnis Johannes' des Täufers und die ersten Jünger
Joh 2,1-11 Der Anfang der "Zeichen": Das Wunder auf der Hochzeit zu Kana
Joh 2,12-3,12 Die Anfänge in Jerusalem: Tempelreinigung, viele Zeichen, Nikodemusgespräch
Joh 3,22-30 Tauftätigkeit in Judäa. Letztes Zeugnis Johannes' d. T.
Joh 4,1-42 Selbstoffenbarung Jesu in Samaria
Joh 4,43-54 Rückkehr nach Galiläa. Das zweite Kanawunder

b. Zweiter Abschnitt - Auf dem Höhepunkt der galiläischen Wirksamkeit. Jesus, das Brot des Lebens (Joh 6)

Auf Kapitel 4 des Johannesevangeliums folgte wohl ursprünglich Kapitel 6. Wenn wir den heutigen Text anschauen, dann fällt nämlich auf, dass Joh 6,1 nur ganz schlecht an Joh 5 anschließt, aber sehr gut als Fortsetzung von Joh 4,54 passen würde.

Die Bemerkung

"Danach ging Jesus weg an das andere Ufer des Sees von Galiläa, des von Tiberias." (Joh 6,1)

ist nämlich völlig fehl am Platz, wenn Jesus vorher in Jerusalem war. Der Vers zeigt schließlich eine Übersiedlung von der einen auf die andere Seite des Sees an. Ende Joh 5 ist Jesus aber in Jerusalem. Dass er von Jerusalem nach Galiläa zurückgekehrt wäre, wird nirgendwo berichtet.

Auch Joh 7,1 gibt im Anschluss an Kapitel 6 keinen guten Sinn, wohl aber wenn vorher das in Kapitel 5 Geschehene erzählt wurde.

Die Gegenprobe zeigt, dass nicht nur Kapitel 6 besser an Kapitel 4 anschließt, sondern auch Kapitel 5 ohne Schwierigkeit an Joh 6 angefügt werden kann. Hat der Leser zuerst den Jüngerabfall in Galiläa und das Bekenntnis des Simon-Petrus erfahren, so hört er danach, dass sich Jesus zu einem Fest nach Jerusalem begibt.

Wie aber wäre nun die Tatsache zu erklären, dass die Reihenfolge der Verse hier durcheinandergekommen ist.

Manchmal hat man versucht, dieses Phänomen mit dem Vertauschen von Blättern zu erklären. Die Blätter wären ganz einfach durcheinandergeraten und in der Folge immer falsch abgeschrieben worden. Wir werden an einer weiteren Stelle sehen, dass diese These aber recht unwahrscheinlich ist.

Vermutlich muss eine solch frühzeitige Änderung, die in sämtliche Handschriften eingegangen ist, schon der Endredaktion des Johannes-Evangeliums zugeschrieben werden. Möglicherweise war das Material des Evangelisten bei seinem Tod noch nicht genügend geordnet und die den Text herausgebende Schule hat sich aus uns nicht mehr ganz nachvollziehbaren Gründen für diese Reihenfolge entschieden.

Auf jeden Fall scheint sich - dem ursprünglichen Textablauf zufolge - die Gliederung der folgenden Kapitel so darzustellen:

 

Joh 6,1-15 Das Zeichen der großen Speisung
Joh 6,16-21 Der Seewandel Jesu
Joh 6,22-59 Die Selbstoffenbarung Jesu als Brot des Lebens
Joh 6,60-71 Die Wirkung der Rede auf die Hörer, der Abfall vieler Jünger und das Bekenntnis des Simon Petrus

c. Dritter Abschnitt - Jesu Selbstoffenbarung in Jerusalem: Der "Sohn" als Lebensspender und Richter (Joh 5; Joh 7,15-24)

Darauf würde dann Joh 5 und auch die Verse 15-24 aus dem 7. Kapitel folgen. Der Abschnitt Joh 7,15-24 wurde mit einiger Wahrscheinlichkeit auch erst nachträglich in den heutigen Textzusammenhang gestellt. Für die wohldurchdachte Komposition von Joh 5 scheint er kaum entbehrlich zu sein.

 

Joh 5,1-15 Die Heilung des Kranken am Betesdateich
Joh 5,16-30 Die Verfolgung Jesu durch die Juden und die Rede von der Vollmacht des Sohnes zum Lebenspenden und Richten
Joh 5,31-47 Die Glaubwürdigkeit Jesu auf Grund des Zeugnisses Gottes
Joh 7,15-25 Die ungläubige Beurteilung Jesu durch die Juden

d. Vierter Abschnitt - Jesus auf dem Laubhüttenfest in Jerusalem. Die Einstellung verschiedener Kreise zu ihm (Joh 7 mit Ausnahme der Verse 15-24)

Darauf folgt dann als 4. Abschnitt Joh 7 mit Ausnahme der Verse 15-24, die wir ja an Kapitel 5 anschließen ließen.

 

Joh 7,1-13 Vor dem Fest: Gespräch mit seinen ungläubigen Brüdern und die Stimmung in Jerusalem
Joh 7,14. 25-36 Jesus in der Mitte der Festwoche in Jerusalem
Joh 7,37-52 Am letzten, großen Tag des Festes

e. Ein nichtjohanneischer Einschub: Die Perikope von der Ehebrecherin (Joh 7,53-8,11)

In Joh 7,53-8,11 folgt nun die Perikope von der Ehebrecherin. Dieses Stück stellt textkritisch ebenfalls ein Problem dar. Mit großer Sicherheit hat es ursprünglich gar nicht zum Johannes-Evangelium gehört.

So enthalten viele Textzeugen, darunter die ältesten, diese Perikope gar nicht. Einzelne Handschriften bieten diese Perikope darüber hinaus an einer ganz anderen Stelle.

Auch den griechischen Vätern scheint die Perikope als Bestandteil des Johannes-Evangeliums unbekannt gewesen zu sein.

U. Becker geht aufgrund seiner traditionsgeschichtlichen Forschungen davon aus, dass diese Perikope aus judenchristlichen Kreisen des 2. Jahrhunderts stammt. Erstmals scheint sie zu Beginn des 3. Jahrhunderts in den Vier-Evangelien-Kanon aufgenommen worden zu sein. Um 400 n. Chr. dürfte sie dann von der griechischen Kirche ausgehend als kanonisch akzeptiert worden sein.

f. Fünfter Abschnitt - Weitere Offenbarungsworte und Streitreden. Vertiefung der Kluft zwischen Jesus und den ungläubigen Juden (Joh 8,12-59)

Der johanneische Zusammenhang wird dann mit Joh 8,12 fortgesetzt. Dieser fünfte Abschnitt schließt sich locker, ohne neuen Rahmen, an Kapitel 7 an. Es geht um weitere Offenbarungsworte und Streitreden. Die Kluft zwischen Jesus und den ungläubigen Juden vertieft sich.

 

Joh 8,12-20 Jesus das Licht der Welt. Streitrede mit den Ungläubigen: sein Wissen und ihr Nichtwissen
Joh 8,21-29 Jesu Herkunft von oben und ihre Herkunft von unten
Joh 8,30-36 Jesu Freiheit und die Unfreiheit der Juden
Joh 8,37-47 Abrahams- und Teufelskindschaft
Joh 8,48-59 Jesu Einheit mit Gott und Vorrang vor Abraham

g. Sechster Abschnitt - Die Heilung des Blindgeborenen; Jesus das Licht der Welt (Joh 9)

Joh 9 bildet dann wieder eine selbständige Einheit, die allerdings geschickt in den Zusammenhang eingefügt ist. Joh 9,1 schließt sich unmittelbar an den Fortgang Jesu aus dem Tempel an. Die Thematik "Jesus, das Licht der Welt", die an Hand der Blindenheilung entfaltet wird, wird an den Deutesprüchen zu Beginn (Joh 9,5) und am Ende (Joh 9,39) erkennbar. Sie steht mit dem Offenbarungswort in Joh 8,12 in Verbindung und bindet den sechsten Abschnitt dementsprechend an den fünften zurück.

 

Joh 9,1-7 Die Heilung des Blindgeborenen
Joh 9,8-17 Diskussion unter den Nachbarn und erstes Verhör durch die Pharisäer
Joh 9,18-34 Vernehmung der Eltern und zweites Verhör des Geheilten
Joh 9,35-41 Der Glaube des Geheilten und die Verblendung der Pharisäer

h. Siebter Abschnitt - Jesus der Hirt und verwandte Bildreden. Auf dem Tempelweihfest (Joh 10)

Joh 10 stellt uns wieder vor literarkritische Probleme. Es ist umstritten, ob hier die ursprüngliche, vom Evangelisten beabsichtigte Reihenfolge der Verse vorliegt. Auffallend ist der

Auch hier hat man nun wieder die Theorie einer Blattvertauschung ins Spiel gebracht. So meinte man die Verse 19-21 für den Abschluss von Kapitel 9 halten zu müssen. Darauf wären dann ursprünglich die Verse 22-29 gefolgt. Angeschlossen hätten sich die Verse 1-18 und Vers 30 hätte die Perikope der vertauschten Verse geschlossen.

Dabei würde also der ganze Block Joh 10,1-18 zwischen Vers 29 und 30 eingeschoben. Man hat errechnet, dass diese Verse mit ihren 1495 Buchstaben auf zwei Blättern Platz gefunden hätten. Der Abschnitt Joh 10,19-29 mit seinen 775 Buchstaben hätte auf einem Blatt Platz gehabt. So hätten die Blätter durchaus vertauscht worden sein können.

Gegen die damit neu gewonnene Reihenfolge der Verse kann man vom Inhalt her keine ernstlichen Einwände erheben. Schwierig ist nur die These der Blattvertauschung an sich. Hat man das Johannes-Evangelium in dieser frühen Zeit tatsächlich bereits auf lose Blätter geschrieben, in Form eines Kodex gar? Schrieb man in dieser Zeit nicht doch noch auf Rollen? Bei einer Rolle aber lassen sich Blätter kaum vertauschen.

So bleiben wir mit Rudolf Schnackenburg hier wohl am Besten bei der traditionellen Reihenfolge der Verse, mit der man durchaus leben kann.

 

Joh 10,1-6 Die Bild- oder Rätselrede vom Hirten und seinen Schafen
Joh 10,7-10 Die Worte von der Tür
Joh 10,11-15 Jesus der gute Hirt
Joh 10,16-21 Abschließende Worte; Diskussion im Volk
Joh 10,22-30 Auf dem Tempelweihfest. Disput über Jesu Messianität
Joh 10,31-39 Disput über die Gottessohnschaft Jesu
Joh 10,40-42 Rückzug an die Taufstelle des Johannes am Jordan

i. Achter Abschnitt - Die Auferweckung des Lazarus: Jesus, die Auferstehung und das Leben. Todesbeschluss des Hohen Rates (Joh 11,1-54)

Es folgt nun Joh 11 mit der Schilderung der Auferweckung des Lazarus. Hier lässt sich traditionsgeschichtlich ganz gut eine einfache Geschichte von einer Totenerweckung herauslösen. Auf ihr hat der Evangelist aufgebaut und sie auf dem Hintergrund seiner theologischen Intentionen erweitert.

In der Tiefenschau des Evangelisten ist es kein Zufall, dass in dem Augenblick, da der Sohn Gottes seine Lebensmacht in höchster Weise offenbart, die ungläubigen Menschen entschlossen sind, ihn zu vernichten und alle erforderlichen Maßnahmen dazu zu ergreifen. Der Weg zum Kreuz ist vorgezeichnet, steht aber im Plan Gottes; denn die Erhöhung am Kreuz wird zur Verherrlichung Gottes in seinem Sohn. Das Zeichen der Totenerweckung weist schon auf diese letzte Verherrlichung hin (Joh 11,4), und die unfreiwillige Prophetie des Hohenpriesters aus Joh 11,51-52, dass Jesus nämlich als einzelner für das ganze Volk sterben werde, zeigt, wie der Anschlag der Menschen dem Plan Gottes dienen muss.

 

Joh 11,1-5 Die Vorgeschichte der Totenerweckung
Joh 11,6-16 Der Gang nach Judäa-Betaniën; Gespräch Jesu mit den Jüngern
Joh 11,17-27 In Betaniën. Gespräch Jesu mit Marta
Joh 11,28-32 Die Begegnung Jesu mit Maria
Joh 11,33-41a Der Gang zum Grab und die Öffnung des Grabes
Joh 11,41b-44 Die Auferweckung des toten Lazarus
Joh 11,45-54 Der Todesbeschluss des Hohen Rates und Jesu Rückzug nach Efraïm

j. Neunter Abschnitt - Der Gang zum Todespascha in Jerusalem. Ausblick auf Jesu Erhöhung und Verherrlichung (Joh 11,55-12,36)

Der letzte Abschnitt des öffentlichen Wirkens Jesu steht dann im Bannkreis des herannahenden Todespascha.

 

Joh 11,55-57 Das letzte Pascha und die Stimmung in Jerusalem
Joh 12,1-11 Salbung in Betaniën und Zustrom des Volkes
Joh 12,12-19 Der Einzug Jesu in Jerusalem
Joh 12,20-28 Jesus und die Griechen. Tod und Verherrlichung
Joh 12,29-36 Gespräch mit dem Volk. Letzter Glaubensappell

k. Abschluss des Ersten Hauptteils - Das Ergebnis des Offenbarungswirkens Jesu und die fortklingende Offenbarungsrede (Joh 12,37-50)

Den Abschluss der öffentlichen Wirksamkeit Jesu markiert der Evangelist nun noch durch eine Rückschau und eine Reflexion über den Unglauben der Menschen. Joh 12,37-43 ist eine theologische Betrachtung, die den jüdischen Unglauben im Licht der Schrift zu verstehen sucht und auf die Verhältnisse zur Zeit des Evangelisten blickt (Joh 12,42-43).

Nach Rudolf Schnackenburg hat dann die Redaktion des Evangeliums in Joh 12,44-50 aus Material des Evangelisten weitere Worte angefügt, die ursprünglich nicht zum Bestand des Evangeliums gehörten. Sie bringen keinen neuen Gedanken, aber sie stellen das "johanneische Kerygma", die Verkündigung des Johannes, in einer präzisen Form mit einigen besonderen und beachtlichen Formulierungen dar.

 

Joh 12,37-43 Das Ergebnis des Offenbarungswirkens Jesu: der rätselhafte Unglaube
Joh 12,44-50 Abschließende Offenbarungsrede

3. Zweiter Hauptteil - Jesus im Kreis der Seinigen. Passion und Auferstehung (Joh 13-20)

Damit kommen wir zum zweiten Hauptteil des Johannes-Evangeliums. Er schildert Jesus im Kreis der Seinigen und führt über die Passion zu den Berichten von der Aufstehung.

a. Erster Abschnitt - Jesus im Kreis der Seinigen. Letztes Mahl und Abschiedsreden (Joh 13-14)

Der erste Abschnitt schildert das Mahl und lässt Jesus in einer Abschiedsrede seinen Weggang ankündigen. Dabei ist auffallend, dass Johannes nicht vom Mahl selbst handelt. Er berichtet vielmehr ausführlich von der Fußwaschung. Durch den Weggang des Verräters wird dieser Abschnitt klar in zwei Hälfen geteilt.

 

Joh 13,1-30 Das letzte Mahl Jesu mit seinen Jüngern
Joh 13,31-14,31 Ankündigung des Weggangs Jesu und Abschiedsrede

b. Zweiter Abschnitt - Weitere Abschiedsreden (Joh 15-16)

Nun folgen zwei weitere Abschiedsreden. Obschon Joh 15 tatsächlich eine Fortsetzung der "Abschiedsrede" von Joh 14 ist, fällt auf, dass diese Rede abrupt einsetzt. Mit einiger Wahrscheinlichkeit handelt es sich - nach Rudolf Schnackenburg - hier um einen Nachtrag der Redaktion aus hinterlassenem Material des Evangelisten.

Auch die nächste Rede in Joh 16 könnte aus ähnlichen Bestrebungen entstanden sein. Hier handelt es sich offensichtlich um eine "relecture" der ursprünglichen Abschiedsrede von Joh 14, ein Neubedenken und Neusagen, besonders im Hinblick auf die Existenz der Gemeinde in der Welt (vgl. Joh 16,33).

 

Joh 15,1-16,4a Eine Mahnrede: Fruchtbringen aus der Verbundenheit mit Jesus und Standhalten gegenüber der Welt
Joh 16,4b-33 Eine Trostrede: Das Wirken des Parakleten, Freude und Friede trotz aller Bedrängnis

c. Dritter Abschnitt - Das Gebet des scheidenden Erlösers (Joh 17)

Wieder anders stellt sich das Problem des Gebetes in Joh 17 dar. Dieses Gebet, das eine in sich gerundete Redeeinheit darstellt, kann durchaus auf einer späteren Stufe der literarischen Komposition eingefügt worden sein. Nach Schnackenburg bleibt es durchaus möglich, dass die Redaktion ein solches Gebet im Nachlass des Evangelisten vorfand und an dieser Stelle einbaute.

 

Joh 17,1-5 Jesu Bitte um Verherrlichung, um den Menschen ewiges Leben zu geben
Joh 17,6-11a Begründung der Bitte im Hinblick auf die Jünger
Joh 17,11b-16 Bitte um Bewahrung der Jünger in Gottes Wesen und um ihre Bewahrung vor dem Bösen
Joh 17,17-19 Bitte um Heiligung in der Wahrheit
Joh 17,20-23 Bitte um Einheit der Glaubenden
Joh 17,24-26 Abschluss: Die Vollendung der Glaubenden

d. Vierter Abschnitt - Die Verhaftung Jesu und das jüdische Verhör (Joh 18,1-27)

Auch die johanneische Darstellung der Passion Jesu, die sich an das letzte Zusammensein Jesu mit seinen Jüngern im Rahmen eines Mahles anschließt, zeigt unverkennbar die Eigenart johanneischer Theologie und Gestaltungskunst. Theologisch ist sie nichts anderes als die Durchführung des Gedankens von der "Erhöhung" Jesu. Seine Hoheit, näherhin seine königliche und göttliche Würde, wird gerade in jenem Geschehen erwiesen, das den früheren Evangelisten und anderen Theologen als der Tiefpunkt seiner Erniedrigung galt.

Der johanneische Passionsbericht setzt unmittelbar mit der Verhaftung Jesu ein. Er übergeht also das von allen Synoptikern geschilderte Gebetsringen und die Todesangst Jesu in Getsemani.

 

Joh 18,1-11 Die Verhaftung
Joh 18,12-27 Das Verhör durch Hannas und die Verleugnung des Petrus

e. Fünfter Abschnitt - Der Prozess vor Pilatus (Joh 18,28-19,16a)

Schon von seiner Länge her ragt der fünfte Abschnitt des zweiten Hauptteiles aus dem johanneischen Passionsbericht hervor. Er ist das Herzstück der ganzen Darstellung. Es geht nun um den Prozess vor Pilatus. Auch ohne die synoptischen Vergleichstexte weist er sich durch die Worte Jesu, die durchweg an Pilatus gerichtet sind, als bewusste und gewollte Gestaltung des Evangelisten aus. Diese Worte sind zusammengenommen gleichsam eine letzte Offenbarungsrede Jesu, die er vor dem Vertreter des römischen Staates und des Heidentumes hält, während seine Rede vor den Juden verstummt ist (vgl. Joh 12,36b; Joh 18,20-21).

 

Joh 18,28-32 Die Übergabe an Pilatus
Joh 18,33-38a Erstes Verhör Jesu durch Pilatus. Die Frage nach dem Königtum Jesu
Joh 18,38b-40 Versuch, Jesus freizulassen; Barabbas statt Jesus
Joh 19,1-3 Geißelung und Dornenkrönung
Joh 19,4-7 Vorführung Jesu durch Pilatus
Joh 19,8-12 Zweites Verhör Jesu durch Pilatus. Versuch, ihn freizulassen und Einspruch der Juden
Joh 19,13-16a Die Verurteilung Jesu zum Tod am Kreuz

f. Sechster Abschnitt - Die Passion: Kreuzweg, Kreuzigung und Grablegung (Joh 19,16b-42)

Das eigentliche Passionsgeschehen stellt Johannes dann konsequent in die theologische Perspektive hinein, die er durch das ganze Evangelium aufgetan hat. Das Thema vom Königtum Jesu, das den Prozess vor Pilatus beherrschte, wird nun zu Ende geführt. Jesus besteigt am Kreuz seinen "Königsthron", in der Mitte von zwei anderen Verurteilten: tiefste Schmach in den Augen der Menschen, "Erhöhung" von Seiten Gottes. Sein Königtum wird durch die Kreuzesaufschrift in drei Sprachen - also vor aller Welt - proklamiert. Der Text ist für die "Hohenpriester der Juden" widersprüchlich, wird von Pilatus bestätigt, aber erst von der glaubenden Gemeinde in seinem Sinn erkannt.

 

Joh 19,16b-22 Die Kreuzigung auf Golgota und die Kreuzesaufschrift
Joh 19,23-24b Kleiderverteilung und Auslosung des Leibrocks durch die Soldaten
Joh 19,24-27 Die Frauen unter dem Kreuz und das Wort an Maria und den Jünger, den Jesus liebte
Joh 19,28-30 Die Essigtränkung und das letzte Wort Jesu
Joh 19,31-37 Die Forderung des Beinezerbrechens und die Durchbohrung der Seite Jesu
Joh 19,38-42 Die ehrenvolle Bestattung Jesu

g. Siebter Abschnitt - Ostern: Offenes Grab und Erscheinungen. Ausklang der Offenbarung Jesu vor den Jüngern (Joh 20)

Der letzte Abschnitt des ursprünglichen Evangelienbuches bringt nun die Osterüberlieferung in der Sicht und Deutung des 4. Evangelisten.

 

Joh 20,1-10 Die Kunde Marias von Magdala vom leeren Grab und der Grabbesuch der zwei Jünger
Joh 20,11-18 Maria am Grab und ihre Begegnung mit Jesus
Joh 20,19-23 Die Erscheinung Jesu vor den Jüngern
Joh 20,24-29 Die Bekehrung des Tomas zum Osterglauben durch eine neue Erscheinung Jesu
Joh 20,30-31 Abschluss des Evangelienbuches

4. Das redaktionelle Schlusskapitel (Joh 21)

Schwierigkeiten bereitet dann noch einmal das heutige Schlusskapitel Joh 21. Stilistische, sprachliche und literarkritische Argumente zwingen dazu, dieses Kapitel dem Evangelisten abzusprechen. Es wurde frühestens von der Redaktion geschaffen und an den Text des Evangeliums angefügt.

Inhaltlich findet sich hier eine weitere Offenbarung des Auferstandenen vor Petrus und dem Lieblingsjünger und die Gleichsetzung des Verfassers mit dem Lieblingsjünger, sowie ein weiteres Schlusswort.

 

Joh 21,1-14 Die Erscheinung Jesu am See von Tiberias
Joh 21,15-19 Der Auferstandene und Simon-Petrus
Joh 21,20-23 Petrus und der Jünger, den Jesus liebte
Joh 21,24-25 Schlussworte der Redaktion

Anmerkungen

1) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium II (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1985) 6-11.

2) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium II (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1985) 116.

3) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium I (Freiburg, Basel, Wien 5. Auflage 1981) 162..

4) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium II (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1985) 348-351.

5) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium II (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1985) 396-402.

6) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium II (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1985) 396-402.

7) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium III (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1982) 102-103.

8) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium III (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1982) 103.

9) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium III (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1982) 246.

10) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium III (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1982) 274.

11) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium III (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1982) 310.

12) Vgl.: Rudolf Schnackenburg, Das Johannesevangelium III (Freiburg, Basel, Wien 4. Auflage 1982) 406-417.

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Letzte Änderung: 15. März 2011