Theologische Leitlinien des Matthäus-Evangeliums

Wenn es Matthäus darum geht, die Hoheit Christi besonders herauszustellen, dann lässt dies ja schon vermuten, dass wir ihn in einer Umgebung zu denken haben, in der es noch heftige Kontroversen um die Gestalt Jesu Christi gibt. Die Messianität Jesu scheint äußerst umstritten gewesen zu sein.

Wenn wir auf die großen Grundlinien der Theologie des Matthäus blicken, dann wird diese anfängliche Vermutung deutlich erhärtet.

1. Jesus, Israel und die Kirche

Matthäus beginnt ja sein Evangelium damit, dass er deutlich macht, wie Israel sich dem Messias verweigert. Jesus wird von Gott zu seinem Volk gesandt, doch dieses versagt sich ihm - und das schon ganz am Anfang.

So heißt es unmittelbar nach der Geburt des Messias in Mt 2,3:

"Da aber der König Herodes (es) hörte, erschrak er und ganz Jerusalem mit ihm." (Mt 2,3)

Die Geschichte des Wirkens Jesu führt diese Ablehnung nur noch auf den Punkt. Und im Winzergleichnis (Mt 21,33-46) - für die Theologie des Matthäus ein Schlüsselgleichnis - wird ganz deutlich gesagt, was die Konsequenz dieser Ablehnung ist. Der Herr des Weinberges wird den ungetreuen Winzern, die selbst seinen Sohn nicht geachtet haben, den Weinberg wegnehmen und ihn anderen Winzern geben.

Die Ablehnung, die der Messias in seinem eigenen Volk erfährt, führt also, nach Auskunft des Matthäus-Evangeliums, konsequenterweise zur Heidenmission.

Daraus kann man bereits folgern, dass der Verfasser des Matthäus-Evangeliums wohl in einem Umfeld anzusiedeln ist, in dem Judenchristen eine bedeutende Rolle spielen. Die Spannungen zwischen Juden- und Heidenchristen, die in der Gemeinde des Matthäus offenbar herrschten, wurden in seinem Evangelium mitverarbeitet.

2. Die Christologie des Matthäus

Die Wüste.

Um auf diese Auseinandersetzungen eine Antwort zu geben, geht Matthäus von der Christologie aus. In den Kapiteln 5-9 stellt er die Botschaft von Jesus dem Christus in den Mittelpunkt seiner Darstellung.

Dabei geht es ihm um den Nachweis, dass dieser Jesus der seit jeher verheißene Messias, der Sohn des lebendigen Gottes (Mt 16,16) ist. Dieser wird sein Volk von seinen Sünden erlösen (Mt 1,21).

Und wichtig ist für Matthäus, dass es ohne diesen Jesus Christus eine Vergebung der Sünden nicht gibt. So ändert er ganz bewusst die Formulierung in Mk 1,4 ab. Dort sagt das Markus-Evangelium:

"So trat Johannes der Täufer in der Wüste auf und verkündigte Umkehr und Taufe zur Vergebung der Sünden." (Mk 1,4)

Das kann Matthäus anscheinend nicht so stehen lassen. Ihm ist es wichtig, dass mit der Taufe des Johannes noch keine Vergebung der Sünden verbunden ist. Er schreibt daher:

"In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe." (Mt 3,1-2)

Den "Nachlass der Sünden" kann Johannes nicht gewähren. Den verheißt im Matthäus-Evangelium erst Jesus beim Abendmahl (Mt 26). Damit zeigt Matthäus ganz deutlich, dass die Vergebung allein durch Jesus, nicht schon durch Johannes den Täufer gekommen ist.

Ein Nebeneffekt dieser Darstellung ist übrigens, dass Matthäus damit das Stichwort von der Sündenvergebung aus dem Umfeld der Taufe wegnimmt. Er bringt es mit dem Tod Jesu zusammen. Damit haben wir von Matthäus her den Tod Jesu als eigentlich Sünden vergebendes Geschehen. Von Markus her ereignet sich Vergebung zunächst in der Taufe. Dieser Hinweis aber nur nebenbei.

Wichtig für unseren Zusammenhang ist festzuhalten, dass Vergebung der Sünden nach Aufweis des Matthäus-Evangeliums allein an Jesus Christus gebunden ist.

3. Die Ekklesiologie

Damit ist die Vergebung der Schuld, und das ist die mattäische Konsequenz, in der Zeit nach Ostern aber allein in der Gemeinschaft der Menschen zu finden, die sich von Jesus Christus her definiert. Matthäus versucht demnach zu zeigen, dass die Rettung der Menschen in der Zeit nach Ostern vorab in der Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi geschieht.

Der zweite Schwerpunkt der Theologie des Matthäus ist demnach die Ekklesiologie. Sie steht in den Kapiteln 8-10 im Mittelpunkt. Es geht hier um die Betonung, dass die Rettung nur innerhalb der ["ekklæsía"] des Christus zu gewinnen ist. Von hier her ist dann auch das Wort an Petrus zu verstehen, dem ja die Schlüssel gegeben werden, um die Schuld zu lösen (Mt 16,18-19). Und auch das vergleichbare Wort an die übrigen Jünger in Mt 18,17-18 findet von dieser Ekklesiologie her seine Deutung.

Dominierendes Thema ist bei Matthäus denn auch die Umkehr bzw. Hinkehr zu dieser Kirche Jesu Christi.

Jesus, aber auch schon Johannes der Täufer, haben ja bereits diese Umkehr zum Reich Gottes gepredigt. Und dieses Reich Gottes bringt Matthäus nun mit der Kirche zusammen (Mt 3,1-2; Mt 4,17; Mt 10,7). Mit Jesus hat für ihn nämlich die neue Zeit bereits angefangen. Die ["ekklæsía"] des Christus ist der Neue Bund, der sich dann endzeitlich vollenden wird. Mit Jesus ist die Zeit der Erfüllung bereits gekommen, die Zeit der Nähe und der Aufrichtung des Gottesreiches, eine Zeit, die sich in der ["ekklæsía"] des Christus bereits manifestiert.

4. Fazit

An diesen wenigen Punkten spüren wir schon, dass Matthäus nicht einfach das Markus-Evangelium nacherzählt. Matthäus redigiert seine Stoffe mit der Absicht, ein Buch für die Unterweisung der Kirche seiner Zeit zu schaffen, d. h. er will nicht historisch konservierend das Leben Jesu erzählen, sondern er deutet das Leben Jesu in theologisch-heilsgeschichtlichen Perspektiven.

Er verarbeitet die Probleme seiner Zeit und seiner Gemeinde, so dass seine Gemeinde in der Geschichte von Jesus zugleich ihre eigene Geschichte noch einmal lesen und entdecken kann. Sie soll sich dadurch wieder neu auf das Wort Jesu und sein Wirken verpflichten.

Mit Werner Georg Kümmel kann man also zusammenfassend sagen, dass die Aussageabsicht des Matthäus einmal darin besteht, dass

"Jesus der von Gott seit jeher verheißene Messias, der Sohn des Lebendigen Gottes 16,16 ist, der sein Volk von ihren Sünden retten wird 1,21, andererseits in der immer wiederholten Betonung der Tatsache, dass solche Rettung nur in der ["ekklæsía"] des Christus 16,18f.; 18,17f. und als Glied des Volkes zu gewinnen ist, das seine Früchte bringt 21,43."

Anmerkungen

1) Wo nicht anders angegeben folge ich meinem Lehrer Prof. Dr. Rudolf Pesch, Einführung in das Neue Testament - I: "Von Jesus zu den Evangelien", Vorlesungsmitschrift Sommersemester 1980.

2) Vgl.: Paul Feine, Johannes Behm, Werner Georg Kümmel, Einleitung in das Neue Testament (Heidelberg 13. Auflage 1964) 69.

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Letzte Änderung: 15. März 2011