Der Aufbau des Markus-Evangeliums

Damit aber soll dieser Blick auf die Quellen der eigentlichen Evangelienschriften abgeschlossen sein. Kommen wir nun zu den Evangelien im einzelnen und beginnen wir mit dem ältesten Evangelium, dem Markus-Evangelium.

Wenn wir uns an das erinnern, was wir über die bereits schriftlich fixierten Quellen des Markus-Ervangeliums gesagt haben, vor allem über die vormarkinische Passionsgeschichte, so wie sie Rudolf Pesch rekonstruiert, dann stellen wir fest, dass das Markus-Evangelium in zwei Hauptteile zerfällt:

1. Erste Hälfte: Mk 1,1-8,26

Die erste Hälfte ist dabei nicht so konsequent aufgebaut, wie der zweite Abschnitt. Der Verfasser des Evangeliums hat hier die einzelnen Perikopen mehr oder minder zusammenhanglos nebeneinander gestellt. Dies lässt sich damit erklären, dass er hier eine Fülle von einzelnen Überlieferungen unterzubringen hatte, die in sich schon mehr oder minder abgeschlossene und selbständige Texteinheiten waren.

a. Erster Hauptteil (Mk 1,1-3,6)

Innerhalb dieser ersten Hälfte des Evangeliums stellt der erste Hauptteil (Mk 1,1-3,6) Jesu Auftreten dar und zwar als Auftreten in Vollmacht.

Jesu Handeln wird dabei in Galiläa, am See, in und um Kafarnaum lokalisiert.

Nach der Vorgeschichte und dem summarischen Referat über Jesu Predigt wird dieser Teil zeitlich gegliedert, indem ein "Tag in Kafarnaum" geschildert wird (Mk 1,16-34), eine Zeit des Wirkens in ganz Galiläa (Mk 1,35-45) und eine Zeit der Auseinandersetzungen in Kafarnaum und dessen Umgebung (Mk 2,1-3,6).

Dementsprechend lässt sich der erste Hauptteil in vier Abschnitte gliedern:

 

1. Mk 1,1-15 Der Anfang des Evangeliums
2. Mk 1,16-34 Der Beginn des Wirkens in Vollmacht
3. Mk 1,35-45 Ein Höhepunkt des Wirkens Jesu
"Und er zog durch ganz Galiläa..." (Mk 1,39)
4. Mk 2,1-36 Die Bewährung der Vollmacht Jesu in der Auseinandersetzung - Die Gegner Jesu

b. Zweiter Hauptteil (Mk 3,7-6,29)

Mit Mk 3,7 ist deutlich der Begin eines neuen Hauptteiles angezeigt. Hier setzt nun die Einarbeitung der vormarkinischen Wundergeschichtensammlung ein.

Schauplatz des Geschehens ist nun überwiegend der Galiläische See.

Dieser zweite Hauptteil lässt sich wie der erste in vier Abschnitte gliedern:

 

1. Mk 3,7-35 Die Unterscheidung der Hörer Jesu
2. Mk 4,1-34 Das Mysterium der Gottesherrschaft
Einbau der vormarkinischen Gleichnissammlung
3. Mk 4,35-5,43 "Wer ist dieser?" - Höhepunkte des Wunderwirkens Jesu
4. Mk 6,1-29 Jesu Verwerfung (Parallelität zum Geschick Johannes des Täufers) und die Mission der Jünger

c. Dritter Hauptteil (Mk 6,30-8,26)

Mk 6,30-8,26 bietet dann einen dritten Hauptteil. Dieser schildert nach der Mission der Zwölf noch einmal Jesu Zuwendung zu den Juden, besonders in Mk 6,32-44. Dann folgt die Aufhebung der Unterscheidung von "rein" und "unrein". Und danach wird uneingeschränkt Jesu Zuwendung zu den Heiden geschildert. Dies geschieht besonders in Mk 7,24-30 und Mk 8,1-9.

Mk 6,30-56 schildert Begegenheiten, die vom Verfasser in die Zeit nach der Rückkehr der Apostel von ihrem Missionswerk unter den Juden angesiedelt werden. Dieser Teil endet dann mit dem Hinweis, dass Jesus ab dieser Zeit durch Dörfer, Städte und Gehöfte gezogen sei.

Verbunden sind diese Schilderungen durch die Bootsfahrten, die wir aus dem postulierten vormarkinischen Wunderzyklus bereits kennen.

Während Mk 7,1-23 nicht näher lokalisiert ist, bietet uns Mk 7,24-8,26 dann das dichteste Itinerar mit genauen Ortsangaben, das uns aus dem Markus-Evangelium bekannt ist.

Alles in allem lässt sich der dritte Hauppteil des Evangeliums in drei Abschnitte gliedern:

 

1. Mk 6,30-56 Jesus, der Hirte Israels
2. Mk 7,1-23 Die Aufhebung der Unterscheidung von "rein" und "unrein" als Barriere zwischen Juden und Heiden
3. Mk 7,24-8,26 Jesu Zuwendung zu den Heiden und das Unverständnis der Jünger

2. Zweite Hälfte: Mk 8,27-16,20

Mit Mk 8,27 beginnt die zweite Hälfte des Evangeliums. Nach Rudolf Pesch folgt der Verfasser ab hier vornehmlich dem Faden der sogenannten vormarkinischen Passionsgeschichte.

a. Vierter Hauptteil (Mk 8,27-10,52)

Diese zweite Hälfte des Evangeliums beginnt nun mit dem vierten Hauptteil. Dieser lässt sich in drei Abschnitte gliedern, auf die sich auch die drei Leidens- und Auferstehungsweissagungen verteilen lassen:

 

1. Mk 8,27-9,29 Einführung in das Leidens- und Auferstehungsgeheimnis und die Kreuzesnachfolge
2. Mk 9,30-50 Weisungen für die Gemeinde der Jünger Jesu
3. Mk 10,1-52 Ehe, Kinder, Reichtum und Rang in der Nachfolge Jesu

b. Fünfter Hauptteil (Mk 11,1-12,44)

Der darauf folgende fünfte Hauptteil gliedert sich erneut in drei Abschnitte:

 

1. Mk 11,1-25 Jesu Einzug in Jerusalem und die prophetische Tempeldemonstration
2. Mk 11,27-12,12 Die Vollmachtsfrage und Jesu Antwort im Gleichnis von der Tötung des Sohnes
3. Mk 12,13-44 Jesu messianische Lehre im Tempel

c. Das 13. Kapitel des Markus-Evangeliums

Jerusalem - An der Westmauer des Herodianischen Tempels.

Dann folgt das 13. Kapitel des Evangeliums. Es ist formal durch die einleitende Szene an den fünften Hauptteil angebunden. Das Stichwort Tempel verbindet Mk 13,1-3 mit dem vorausgehenden Teil, der ja Jesu messianische Lehre im Tempel schildert. Auch durch die Thematisierung der Tempelzerstörung innerhalb der eschatologischen Rede in Mk 13,14 wird dieses Kapitel an das vorhergehende angeschlossen.

Insgesamt bietet diese große geschlossene Redekomposition in Mk 13,5-37, aber einen ganz eigenen Teil. Sie ist von einer formalen Eigenart, die uns schon regelrecht dazu zwingt, diesen Text als "Einschub" oder "Anfügung" zu betrachten. Ursprünglich gehörte er wohl nicht zum Text des Evangeliums.

Auffallend ist vor allem der aktuelle Gehalt des Kapitels. Den Hintergrund dieser Textpassage liefert nämlich der Jüdische Krieg mit der Zerstörung des Tempels. Hier wird dieses möglicherweise zeitgenössische Geschehen im Licht der christlichen Eschatologie betrachtet und verarbeitet.

Gerade der Teil Mk 13,14-20 gibt hier zusätzlichen Anlass zu Spekulationen. Er ist wohl der Teil des 13. Kapitels, der am stärksten nach einem aktuellen Hintergrund verlangt. Ich zitiere die Verse hier nach der Übersetzung von Rudolf Pesch:

"Wenn ihr aber das Scheusal der Verödung stehen seht, wo es nicht darf - der Leser begreife! -, dann sollen die in Judäa in die Berge fliehen, der (aber) auf dem Dache soll nicht herabsteigen und nicht hineingehen, etwas aus seinem Haus zu holen; und der auf dem Feld soll sich nicht rückwärts wenden, seinen Mantel zu holen! Wehe aber den Schwangeren und Stillenden in jenen Tagen!
Betet aber, dass es nicht im Winter geschehe! Denn jene Tage werden eine (solche) Drangsal sein, wie keine entstand seit Anfang der Schöpfung, die Gott schuf, bis jetzt, noch je sein wird. Und wenn der Herr die Tage nicht verkürzt hätte, kein Fleisch würde gerettet. Doch um der Erwählten willen, die er erwählt hat, hat er die Tage verkürzt." (Mk 13,14-20)

Pesch deutet diesen Abschnitt gleichsam als Flugblatt. Während des jüdischen Krieges, um das Jahre 68 n. Chr., war die christliche Urgemeinde von Jerusalem ja gezwungen nach Pella ins Ostjordanland zu fliehen. Auch die übrigen judäischen Gemeinden wurden zur Flucht aufgerufen.

Mit diesem "Flugblatt" könnte nun, nach Rudolf Pesch und einer Reihe anderer Exegeten, diesen Gemeinden das Signal zum Aufbruch übermittelt worden sein, gleichsam letzte Anweisungen in verschlüsselter Form für den Beginn der großen Flucht.

Von diesem Abschnitt her glaubt Pesch die ganze eschatologische Rede als apokalyptisches Dokument mit der Flucht der jüdäischen Gemeinde nach Pella in Zusammenhang bringen zu können.

Der Verfasser des Evangeliums oder vielleicht auch ein zusätzlicher, späterer Redaktor, der nun bereits auf diese Ereignisse zurückblickte, konnte den ganzen Abschnitt unverändert übernehmen, weil er ihn von seiner Gegenwart absetzte. Die Aufforderung zur Flucht hatte für ihn keinen aktuellen oder künftigen Sinn mehr. Der Jerusalemer Tempel war nun bereits zerstört und die Christen waren aus Judäa geflohen. Diese Ereignisse dienten nun zu einer eschatologischen Orientierung in der Gegenwart.

In pharisäischen Kreisen hatte man mit der Zerstörung des Tempels von Jerusalem ja unmittelbar das Kommen des Messias erwartet. Die christliche Gemeinde mochte durch solche Erwartungen verunsichert sein. Der Tempel war nun zerstört, aber Jesus Christus war nicht wiedergekommen. Die Wendung

"Denn jene Tage werden eine (solche) Drangsal sein, wie keine entstand seit Anfang der Schöpfung, die Gott schuf, bis jetzt." (Mk 13,19)

dürfte der Redaktor um die Worte

"... noch je sein wird." (Mk 13,19)

erweitert haben. Damit wollte er möglicherweise eine Zukunftsperspektive eröffnen. Das Ende kommt zwar "nach jener Drangsal", aber eben zu unbestimmbarem Tag und nicht wissbarer Stunde.

Damit sind wir aber bereits mitten in die Exegese eingetreten. Folgen wir hier weiter dem Aufbau des Markus-Evangeliums.

d. Sechster Hauptteil (Mk 14,1-16,8)

Es folgt nun der sechste Hauptteil, der aus sieben Dreiergruppen von Erzählabschnitten zusammengesetzt ist. Er lässt sich in drei Abschnitte von drei, einer und wieder drei Dreiergruppen gliedern:

 

1. Mk 14,1-52 Vom Verrat des Judas bis zur Verhaftung Jesu
2. Mk 14,53-72 Jesu Verurteilung durch das Synedrium und seine Verleugnung durch Petrus
3. Mk 15,1-16,8 Von der Auslieferung an Pilatus bis zu Tod und Begräbnis und zur Auferstehungsverkündigung im leeren Grab.

 

Mit Mk 16,8 ist dann ein deutlicher Einschnitt gegeben, der den Text eigentlich beschließt.

 

e. Der Schluss des Markus-Evangeliums (Mk 16,9-20)

Heute finden sich am Ende des Markus-Evangeliums aber noch die Verse 9-20. Dieser Markus-Schluss hat schon sehr früh Zweifel aufkommen lassen, ob diese Verse schon von Anfang an zum Textbestand des Evangeliums gehört haben können.

Tatsache ist, dass der Text von Mk 16,9-20 in den alten Handschriften bereits umstritten war. Nicht alle enthalten ihn nämlich. Etwa um das Jahr 150 n. Chr. ist der Schluss des Markus-Evangeliums das erste Mal belegt. Um diese Zeit wird er erstmals von Kirchenvätern zitiert.

Dies führte zur Annahme, dass der Text von Mk 16,9-20, erst im zweiten Jahrhundert an den ursprünglich mit Mk 16,8 endenden Evangelientext angefügt wurde.

Vermutlich wurde zu dieser Zeit der ursprüngliche Schluss des Evangeliums als anstößig empfunden. Ursprünglich scheint das Evangelium nämlich mit den Worten geendet zu haben:

"... Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich." (Mk 16,8)

Anmerkungen

1) Wo nicht anders angegeben folge ich meinem Lehrer Prof. Dr. Rudolf Pesch, Einführung in das Neue Testament - I: "Von Jesus zu den Evangelien", Vorlesungsmitschrift Sommersemester 1980

2) Vgl.: Rudolf Pesch, Das Markusevangelium - II. Teil (Freiburg, Basel, Wien 3. Auflage 1984) 290-296.

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Letzte Änderung: 15. März 2011