Bettlertum und Arbeitslosigkeit

Neben der wirtschaftlich bedingten Armut im Land, gab es eine weitere Form von Armut, die ihren Grund letztlich in der Krankheit hatte. Kranke und Arbeitsunfähige, wie Blinde und Gelähmte, hatten im Grunde keine andere Chance als ihren Lebensunterhalt durch Betteln zu verdienen. Dass es nicht wenige Bettler in Israel gab, machen ja nicht zuletzt die Evangelien deutlich.

Bevorzugte Bettelplätze gab es an der Pilgerstraße und dann natürlich in Jerusalem selbst, etwa am Tor des Tempels (Apg 3,2). Der blinde Bettler Bartimäus saß bei Jericho an der Straße, die die Pilger nach Jerusalem in aller Regel benutzten (Mk 10,46).

Stadtmauer von Gamla.

Keine Frage, dass Jesus gerade bei diesen Bevölkerungsteilen eine Fülle aufmerksamer Hörer gefunden hatte.

Wenn wir den Arbeitsmarkt Israels an sich betrachten wollen, dann darf ein Faktor, der in der Zeit Jesu eine bedeutende Rolle spielte nicht übersehen werden. Herodes hatte den Neubau des Tempels beginnen lassen. Und dieses ungeheure Werk bot über Jahrzehnte hinweg zahlreichen Menschen Arbeit und Brot. Steinhauer, Zimmerleute und Kunsthandwerker fanden hier ihre Beschäftigung.

Beim Bau sollen insgesamt 18000 Arbeiter tätig gewesen sein. Zumindest wird davon berichtet, dass nach der Beendigung des Werkes zwischen 62 und 64 n. Chr. 18000 Arbeiter brotlos geworden seien.

Aus sozialen Gründen und auf das Drängen des Volkes hin ließ Agrippa II. deshalb in der Folge Jerusalem mit weißen Steinen pflastern. Die nach Beendigung der Bauarbeiten am Tempel nun erdrückend gewordene Arbeitslosigkeit in der Stadt sollte damit zumindest ein wenig aufgefangen werden.

Das Geld für diese Maßnahmen nahm Agrippa II. übrigens aus dem Tempelschatz. In ihm hatten sich - wie man daraus schon ersehen kann - im Lauf der Zeit gewaltige Summen angehäuft.

Anmerkung

1) Vgl.: Joachim Gnilka, Jesus von Nazareth (Herders Theologischer Kommentar zum NT - Supplementband 3) (Freiburg/Basel/Wien 1990) 66-74.

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Letzte Änderung: 15. März 2011