Theologische Strömungen

Neben diesen Fragen taucht Ende des 3. bzw. Anfang des 2. vorchristlichen Jahrhunderts eine andere Frage auf, die im Laufe der Zeit nicht minder eine immer größere Rolle zu spielen beginnt. Ich meine die Frage nach dem wahren Israel. Was und wo ist das wahre Israel? Sind alle, nur weil sie in dieses Volk hineingeboren wurden, auch schon Angehörige des wahren Israels? Diese Frage wurde zur Zeit Jesu ganz unterschiedlich beantwortet.

1. Die theokratische Richtung

Ausgangspunkt für diese unterschiedlichen Antworten war die unterschiedliche Sicht und Beurteilung des Exils. Einig waren sich alle darin, dass das Exil das große Gericht Gottes über das schuldig gewordene Volk Israel gewesen sei. Aber welchen St ellenwert Israel nun in der Zeit nach dem Exil hatte, diese Frage bewegte die Gemüter.

Ein Teil des Volkes war der Auffassung, dass das Exil die Schuld, die das Volk auf sich geladen hatte, abgewaschen habe. Israel sei durch das babylonische Exil geläutert worden. Das Gericht sei nun vorüber und die Heilszeit habe begonnen.

Diese Ansicht war vor allem in den herrschenden Kreisen verbreitet. Das ist leicht verständlich. Wer gut situiert ist und sich in einer Gesellschaft etabliert hat, wartet natürlich nicht auf eine neue und veränderte Gesellschaft.

So waren die Priester, deren Rolle und Einfluss durch den neu aufblühenden Tempelkult in Jerusalem gefestigt war, mit die wichtigsten Vertreter dieser sogenannten theokratischen Richtung.

2. Die eschatologische Richtung

Daneben gab es aber eine immer stärker werdende Strömung, die die Auffassung vertrat, dass auch die Zeit nach dem Exil immer noch eine Unheilszeit sei. Das Heil, das die Exils-Propheten verkündet hatten, erwartete man erst für die Endzeit. Sie erst würde die wahre Heilszeit bringen. Diese Anschauung, die vor allem im Untergrund existierte und besonders in Krisenzeiten deutlicher hervortrat, äußerte sich vorab in der apokalyptischen Erwartung.

So bildeten sich in der Folge eine Reihe von Gruppierungen, die in dieser Endzeiterwartung lebten. Sie bereiteten sich auf den Anbruch dieser eschatologischen Heilszeit vor und nahmen für sich in Anspruch, das wahre Israel, Israel in Israel, zu sein. Begleitet wurde dieser Anspruch davon, dass sich solche Gruppen immer stärker von der Masse des Volkes absonderten. Man versuchte die Berührung mit der Masse zu vermeiden, um nicht auf deren niedrigeres Niveau herabgezogen zu werden.

Israel wurde von solchen Gruppierungen demnach nicht mehr als sozial umfassende Größe verstanden. Das wahre Israel war vielmehr nur noch so etwas wie ein entscheidender Kern des Volkes, ein übriggebliebener Rest, dem die heilsgeschichtliche Kontinuität galt. Die Folge davon war selbstverständlich eine offensive Ausgrenzung gegnerischer Gruppen und Personen.

Forciert wurde diese Entwicklung durch den politischen Umbruch, der durch die Seleukidenherrschaft in Syrien und Palästina hervorgerufen worden war.

Die Makkabäer hatten sich gegen die Fremdherrschaft erfolgreich zur Wehr gesetzt. Doch danach hatten sie sich ja als Hasmonäer-Dynastie etabliert, und gewagt, das königliche mit dem hohepriesterlichen Amt auf eine Person zu vereinigen.

a. Die Bewegung der Chassidim

In dieser Zeit war - wie ich im geschichtlichen Überblick bereits erwähnt habe - die Bewegung der Chassidim, der Frommen, auch Asidäer genannt, entstanden. Die Chassidim war die erste große Gruppierung aus der Fülle dieser Abspaltungen, die wir geschichtlich greifen können.

Solche Abspaltungen darf man nicht falsch verstehen. Sie entstanden nicht aus Überheblichkeit oder persönlichem Dünkel. Sie entstanden durchaus aus lauteren Motiven. Sie bildeten sich aus dem Bestreben heraus, in dieser Zeit der Erniedrigung Israels, die Reinheit und Heiligkeit des Gottesvolkes zu wahren oder wiederherzustellen, und damit der Berufung Israels gerecht zu werden.

So widersetzten sich die Chassidim, die den makkabäischen Widerstand zunächst unterstützt hatten, in ihrer Mehrheit der hasmonäischen Usurpation. Sie erblickten in dieser Anmaßung der Macht einen Verrat an der Sache Gottes, denn sie erwarteten das endgültige Heil nicht von realpolitischen Maßnahmen, sondern allein von einem endzeitlichen Eingreifen Gottes.

b. Die weitere Entwicklung der chassidisch-apokalyptischen Konventikel bis zur Zeit Jesu

Obschon es zur Zeit Jesu chassidisch-apokalyptische Gemeinden oder Konventikel nicht mehr gegeben zu haben scheint, wirkte die chassidische Mentalität fort. Aus ihrer Bewegung und auch unabhängig von ihnen, eben aus dem Bestreben nach einem gottgefälligen Leben, entstanden eine ganze Reihe von weiteren religiösen Gruppierungen in der Folge der Zeit.

Anmerkung

1) Vgl.: Joachim Gnilka, Jesus von Nazareth (Herders Theologischer Kommentar zum NT - Supplementband 3) (Freiburg/Basel/Wien 1990) 51-74.

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Letzte Änderung: 15. März 2011