Die Hohenpriester und das Synhedrion

Werfen wir nun noch einen Blick auf die jüdischen Gegenspieler der römischen Statthalter, nämlich auf die Hohenpriester der damaligen Zeit.

1.  Simon ben Boetos

Jerusalem in biblischer Zeit (Reproduced by permission of Westminster John Knox Press).

Als Jesus geboren wurde, fungierte in Jerusalem wahrscheinlich noch Simon ben Boetos (ca. 24 - 5 v. Chr.) als Hoherpriester. Er entstammte einer alexandrinischen Familie und einem niedrigen Priestergeschlecht.

Ich habe bereits erwähnt, dass die Hohenpriester zu dieser Zeit noch vom König selbst eingesetzt wurden. Dadurch sollte gewährleistet sein, dass ihr Einfluss nicht zu groß würde.

Aus dem Wirken des Simon ben Boetos ist denn auch nicht allzu viel bekannt. Er fiel letztendlich in Ungnade bei Herodes d. Gr. und zwar in Verbindung mit der Verschwörung des Antipatros und wurde kurzerhand vom König abgesetzt. An seine Stelle trat Mattias ben Theophilos, ein Bürger Jerusalems.

2. Mattias ben Theophilos

Mattias war nur ein Jahr im Amt. Er verlor die hohepriesterliche Würde, als bei Unruhen im Tempel Weihegeschenke, die Herodes hatte anbringen lassen, zerstört wurden.

3. Die folgenden Hohenpriester

Von den folgenden Hohenpriestern wissen wir kaum mehr als den Namen.

Zu ihnen gehören Josef ben Ellem und Joasar ben Boetos. Mit letzterem ernannte Herodes also wieder einen Vertreter der Familie des Boetos.

Auch sein Sohn Archelaos hielt an der Familie des Boetos fest. Er berief im Jahre 4 v. Chr. Eleazar ben Boetos in das Amt des Hohenpriesters.

Später berief Archelaos den Joasar ben Boetos, der das Amt ja schon einmal innehatte und der sich für den Zensus der Römer einsetzte, nochmals zum Hohenpriester. Joasar ben Boetos wurde jedoch im Jahr 6 n. Chr. von Quirinius endgültig seines Postens entkleidet, weil er mit dem Volk in Streit geraten war.

4. Hannas ben Seti

Für ihn erhielt Hannas ben Seti das Amt.

Mit ihm tritt einer der wichtigsten Hohenpriester in Erscheinung, der auch im Neuen Testament seine Spuren hinterlassen hat.

Im Neuen Testament wird er nur in der lukanisch-johanneischen Überlieferung erwähnt, rückt dort aber stark in den Vordergrund.

Faktisch war seinerzeit aber Josef Kajafas im Amt. Hannas fungierte von 6-15 n. Chr. Er hatte sich aber auch für die folgenden Jahre einen großen Einfluss bewahren können.

So ist nicht mehr zu entscheiden, ob Lukas bei der Nennung von zwei Hohenpriestern einfach von der einflussreichen Rolle ausging, die Hannas ben Seti auch unter Kajafas spielte, oder ob er fälschlicherweise tatsächlich annahm, es habe zwei amtierende Hohepriester gegeben.

Nach Flavius Josephus galt Hannas als einer der glücklichsten Menschen und zwar deswegen, weil nach ihm fünf seiner Söhne dem Herrn als Hohepriester gedient hätten. Dies sei noch nie zuvor der Fall gewesen.

An einer anderen Stelle erwähnt Flavius Josephus beiläufig, dass sich das Grab des Hannas ben Seti im Süden der Stadt Jerusalem befände.

5. Zwischen Hannas ben Seti und Josef Kajafas

Zwischen den Amtszeiten von Hannas und Kajafas regierten drei Hohepriester, jeder von ihnen jeweils nur ein Jahr.

Hannas war vom Praefekten Valerius Gratus abgesetzt worden und wurde durch Ismael ben Phabi ersetzt.

Es folgten Ismael ben Hannas und Simon ben Kamitos. Auf diesen folgte schließlich Josef Kajafas.

6. Josef Kajafas

Josef aus dem Geschlecht der Kajaf (darum der Beiname Kajafas), amtierte von 18-36 n. Chr.

Nach Joh 18,13 war er der Schwiegersohn des Hannas, was die Rolle, die Hannas auch zur Zeit des Kajafas spielte, unterstreichen würde. Hannas ben Seti festigte durch Josef Kajafas seine politische Hausmacht.

In das hellere Licht der Geschichte tritt Kajafas in den synoptischen Evangelien im Kontext der Passionsgeschichte. Er erscheint hier als jener, der in dem Bestreben, Jesus zu beseitigen, die Führung hatte. Dies gilt für den Verhörbericht Mk 14,53-65 par und Joh 11,47-51.

Flavius Josephus spricht dann mit wenigen Worten davon, dass Josef Kajafas unter Vitellius im Jahre 36 n. Chr. abgesetzt worden sei.

Im gleichen Zusammenhang wird von der Rückgabe des hohenpriesterlichen Ornates an die Juden berichtet. Demnach hat es Kajafas trotz seines Paktierens mit Pilatus nicht geschafft, die Rückgabe des hohenpriesterlichen Gewandes zu erreichen. Dies wirft auch nachträglich noch einmal ein Licht auf Pilatus, der in seiner distanzierten bis hasserfüllten Einstellung gegenüber den Juden zu dieser Geste nicht bereit war.

7. Das Ansehen der Hohenpriester beim Volk zur Zeit Jesu

Beim Volk war die zeitgenössische hohepriesterliche Kaste, die das Amt für Geld erkaufte und danach trachtete, dass es im Besitz der eigenen Sippe blieb, unbeliebt geworden und dementsprechend auch wenig geachtet, ja sogar gehasst.

Aufschlussreich ist ein im Talmud überliefertes Volkslied, eine Art Gassenhauer, der den Unwillen gegenüber den Machenschaften der Priesteraristokratie zum Ausdruck bringt:

"Weh ist's mir vor dem Haus des Boetos: weh ist's mir vor ihren Keulen!
Weh ist's mir vor dem Haus des Hannas: weh ist's mir vor ihren Denunziationen!...
Denn sie sind Hohepriester, und ihre Söhne Schatzmeister, und ihre Schwiegersöhne Verwalter, und ihre Diener schlagen das Volk mit Stöcken."

8. Übersicht über die Hohepriester zur Zeit Jesu

Abschließend seien die Hohenpriester zur Zeit Jesu noch einmal im einzelnen, der Übersicht halber, aufgeführt:

9. Das Synhedrion a. Die Geschichte des Synhedrions bis zur Zeit Herodes d.Gr.

Ganz eng mit dem Amt des Hohenpriesters zusammen hängt die oberste jüdische Verwaltungs- und Gerichtsbehörde, das Synhedrion (Sanhedrin), und zwar insofern als der amtierende Hohepriester stets der Vorsitzende dieses 71köpfigen Gremiums war.

Hervorgegangen ist das Synhedrion aus einer Versammlung, die sich aus Vertretern des Priester- und Landadels zusammensetzte. Es entstand aller Wahrscheinlichkeit nach schon in persischer Zeit und wird erstmals in einem Erlass des syrischen Königs Antiochus III. (223-187 v. Chr.) als ["gerousía"], also als "Ältestenrat", erwähnt.

Von Anfang an dürften Schriftgelehrte Mitglieder dieses Rates gewesen sein, wenn auch in geringerer Zahl. Erst unter der Königin Alexandra (76-67 v. Chr.) nahm der Einfluss der Schriftgelehrten zu. Ab dieser Zeit etwa werden Schriftgelehrte pharisäischer Provenienz eine an Macht gewinnende Fraktion im Rat gewesen sein.

b. Herodes und das Synhedrion

Herodes d. Gr. eröffnete seine Regierungszeit mit einem demonstrativen Machtakt gegen das Synhedrion. Er ließ eine große Zahl seiner Mitglieder hinrichten, weil der Rat es gewagt hatte, ihn vor seine Schranken zu zitieren. An die Stelle der hingerichteten Mitglieder berief er Leute, die ihm willfährig waren.

In den langen Jahren der Regierung des Herodes d. Gr. hatte das Synhedrion - ab jetzt etwa wird dieser Name zu dessen Bezeichnung verwendet - praktisch keine Bedeutung.

c. Archelaos und das Synhedrion

Dasselbe gilt auch für die Zeit des Herodessohnes Archelaos. Während seiner Regierung wurde darüber hinaus die Kompetenz des Rates lediglich auf Judäa beschränkt. Dies geschah im Zusammenhang mit der Aufteilung des Landes unter den Herodessöhnen. Der Einfluss des Synhedrions wurde nun also lediglich auf den Machtbereich des Archelaos begrenzt.

d. Das Synhedrion zur Zeit der römischen Statthalter

Ausgerechnet in der Epoche der römischen Statthalter konnte das Synhedrion dann wieder in seine alten Rechte eintreten - freilich immer noch lediglich auf das Gebiet von Judäa beschränkt. Es konnte wieder als Gerichtsbehörde in Zivil- und Strafsachen tätig werden. Dies entsprach der Politik der Römer in den eroberten Provinzen.

Freilich bestand die stärkste Einschränkung der Rechte des Synhedrions darin, dass die Römer als Besatzungsmacht es sich vorbehielten, jederzeit aus eigener Initiative einzugreifen und selbständig zu verfahren.

Von besonderem Interesse ist für uns in Verbindung mit dem Prozess Jesu die Frage, ob der jüdische Rat über die potestas gladii verfügte, das heißt, über die Vollmacht, Todesurteile auszusprechen und zu vollstrecken, oder ob dieses Recht dem Statthalter vorbehalten blieb. Die Antwort auf diese Frage ist umstritten und wird auch gegensätzlich diskutiert.

Anmerkung

1) Wo nicht anders angegeben folge ich meinem Lehrer Prof. Dr. Rudolf Pesch, Einführung in das Neue Testament - I: "Von Jesus zu den Evangelien", Vorlesungsmitschrift Sommersemester 1980.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
Tel.: +49 (0721) 82105171, E-Mail: kontakt@joerg-sieger.de.

Letzte Änderung: 15. März 2011