Herodes der Große

Vor Ort wurde der römische Imperator durch seinen Stellvertreter repräsentiert. Dies galt für alle Reichsteile, so auch für Palästina. Zur Zeit der Geburt Jesu war dies vor allem Herodes der Große, mit dem wir Jesu ersten Landesherren vor uns haben.

1.  Herkunft des Herodes

Palästina unter Herodes d. Gr. (Reproduced by permission of Westminster John Knox Press).

Herodes stammte aus reichem idumäischem Geschlecht. Sein Vater war der in unserem geschichtlichen Überblick bereits erwähnte Antipater, seine Mutter war eine Nabatäerin namens Kypros.

Herodes war also kein direkter Angehöriger des jüdischen Volkes. Er galt den Juden von daher stets als Eindringling und fremder Usurpator.

2. Herodes kommt an die Macht

Deshalb versuchte er diesen Makel durch die Heirat mit der Hasmonäerin Mariamme auszugleichen. Herodes heiratete also in das Geschlecht der Makkabäer ein und versuchte dadurch eine gewisse dynastische Legitimation zu erlangen.

Nach dem Tod seines Vaters Antipater wurden er und sein Bruder Phasael von Antonius zu Tetrarchen ernannt und mit der Herrschaft über Judäa betraut. Dabei versuchte sich Herodes, durch strenges Vorgehen Respekt zu verschaffen und sich die Unterstützung der Römer zu sichern.

Als der letzte Hasmonäer, Antigonos, der von 40 bis 37 v. Chr. König und Hoherpriester war, von den Parthern gestürzt wurde, ging Herodes nach Rom und versuchte das Königtum für sich zu erlangen. Gegen Ende des Jahres 40 v. Chr. wurde es ihm zuerkannt. Die römischen Machthaber erblickten in Herodes den geeigneten Mann, das unbotmäßige jüdische Volk der Gewalt Roms unterzuordnen. Erst im Jahre 37 v. Chr. konnte er allerdings das ihm von den Römern zugesprochene Königtum antreten. Er bezeichnete sich nun als "rex socius et amicus populi Romani" - "verbündeter König und Freund des römischen Volkes".

Fortan versuchte er mit allen Mitteln, die neue Machstellung zu sichern. Gleich nach seiner Machtübernahme ließ er viele Adlige, darunter auch Mitglieder des Synhedrions, die den Hasmonäern nahe standen, hinrichten und deren Güter einziehen. Darüber hinaus ließ Herodes durch Verleumdung, Intrigen und Verfolgungswahn veranlasst, zunächst seine Frau Mariamme und ihre Mutter, dann schließlich die beiden Söhne der Mariamme hinrichten. Damit war die Hasmonäerdynastie ausgestorben.

Letztlich gelang es ihm so, ein Reich zusammenzuschmieden, das Idumäa, Judäa, Samaria, Galiläa, Peräa und weite Gebiete im Nordosten Palästinas umfasste.

3. Zur Persönlichkeit des Herodes

Trotz dieser Grausamkeiten darf man Herodes allerdings nicht einfach nur unterstellen, dass er aus rein egoistischem Machtsreben gehandelt habe. Eine niedrige Gesinnung hatte er sicher nicht. Joachim Gnilka meint vielmehr, dass Herodes von der politischen Sendung Roms voll und ganz überzeugt war. Dieser politischen Sendung der neuen Großmacht wollte er sich ganz einordnen.

Dies schienen im übrigen auch die Römer zu merken. Octavianus Augustus nahm ihn - nach der Bezwingung Mark Antons - beispielsweise gnädig auf, obschon Herodes zunächst Parteigänger seines Widersachers gewesen war. Er scheint in Herodes trotz allem einen verlässlichen Partner erblickt zu haben.

Im übrigen darf man nicht vergessen, dass es Herodes fertig brachte, sein Territorium fast dreißig Jahre hindurch in Frieden zu lenken.

4. Weitreichende innenpolitische Befugnisse

Und das ist letztlich tatsächlich sein Verdienst. Die inneren Angelegenheiten Judäas waren Herodes nämlich beinahe komplett übertragen worden. Während der König außenpolitisch nichts unternehmen durfte, war ihm als dem verlängerten Arm Roms innenpolitisch keine Machtbeschränkung auferlegt worden. Seine innenpolitische Autorität umfasste

Diese außerordentlichen Befugnisse im Innern waren dem König allerdings ad personam bewilligt worden. Dies bedeutete unter anderem, dass er diese Rechte nicht so ohne weiteres an seine Söhne vererben konnte und dass sein Testament, um rechtskräftig zu werden, der Bestätigung des Kaisers bedurfte.

5. Kaum außenpolitische Befugnisse

Wie sehr Rom - bei allen Zugeständnissen - aber darauf bedacht war, sich die Außenpolitik nicht aus der Hand nehmen zu lassen, beleuchtet ein Ereignis aus dem Jahre 9 v. Chr.

Augustus war zu Ohren gekommen, dass Herodes einen Feldzug gegen die Araber durchgeführt hatte, ohne vorher in Rom angefragt zu haben. Daraufhin schrieb ihm der Kaiser in unmissverständlicher Sprache, er habe ihn bisher als Freund behandelt, in Zukunft werde er ihn jedoch als Untertan ansehen.

6. Einzelne politische Maßnahmen

Sehen wir uns einige innenpolitische Maßnahmen des Herodes hier im einzelnen an:

Die ihm übertragene Macht wandte er mit staatsmännischem Geschick und konsequent, aber mitunter auch mit Härte und Brutalität an. Die von ihm eingerichteten Gerichtshöfe glichen sich in ihrer Praxis an hellenistisch-römische Rechtsauffassungen an.

Wie die von ihm erhobenen Steuern im einzelnen aussahen, ist nurmehr schwer auszumachen. Doch spricht manches dafür, dass er für sich und seine Belange eine Kopfsteuer erhob, die höher war als zur Hasmonäerzeit. Darüber hinaus hatte er mit Sicherheit auch einen an den Kaiser weiterzuleitenden Tribut einzufordern. Hinzu traten Steuern verschiedener Art:

Herodes organisierte auch das Zollwesen neu und zwar auf eine Weise, die über seine Zeit hinaus fortbestehen sollte.

7. Das Synhedrion zur Zeit des Herodes

Die Kompetenzen des Synhedrions, also der obersten jüdischen Gerichtsbehörde, wurden unter seiner Regierung sehr eingeschränkt. Die potestas gladii, das heißt, die Vollmacht, einen Menschen hinzurichten, besaß das Synhedrion sicherlich nicht. Man vermutet , dass es nicht einmal die Befugnis hatte, als beratende Körperschaft zu fungieren.

8. Die Stellung des Hohenpriesters

Eine Machtbastion blieb dem König allerdings versagt. Die Hasmonäer hatten ja stets darauf geachtet das Amt des Königs mit dem des Hohenpriesters zu vereinigen. Dies war für Herodes nicht möglich. Als landfremder Idumäer hätte er es nicht riskieren können, nach dem Hohenpriesteramt zu greifen. Darüber war er sich im Klaren.

Er verfolgte daher die Politik das Hohepriestertum, das auch zu seiner Zeit natürlich fortbestand, in seinen Kompetenzen erheblich zu beschneiden. Die hohepriesterliche Würde konnte fortan nicht mehr vererbt werden und der Hohepriester blieb auch nicht mehr lebenslänglich im Amt. Er wurde zu einem kultischen Beamten degradiert, der letztlich ganz vom Willen des Königs abhängig war.

9. Bemühungen des Herodes um ein religiöses Flair seines Königtums

Der Herodianische Tempel - Modell einstmals beim "Holyland-Hotel" in Jerusalem.

Weil der König dieses Amt nun nicht selbst ausüben konnte, mühte er sich beständig, seinem Königtum auf andere Art ein gewisses religiöses Flair zu verleihen und es so über eine rein politische Machtinstanz hinauszuheben.

In den Rahmen dieser Bemühungen gehörte sicherlich die im Jahre 20 v. Chr. begonnene Restaurierung und Erweiterung des Jerusalemer Tempels. Sie war der krönende Abschluss einer ausgedehnten Bautätigkeit, mittels derer Jerusalem zu einer hellenistischen Metropole ausgebaut worden war.

10. Konfliktstoff im Blick auf das Empfinden der jüdischen Bevölkerung

Insgesamt aber waren die Maßnahmen des Königs von einer Art, die jedem gläubigen Juden widersprüchlich erscheinen und seinen tiefen Abscheu erregen mussten.

Herodes hatte sich ein Reich aufgebaut, das in seiner Größe an das Königreich Davids erinnerte. Als Garant für dieses Reich, als Garant für Frieden, Wohlergehen und Erlösung in Israel galten dem König aber nicht so sehr Gott und der erwartete Messias, sondern vielmehr Rom und der universale Kaiser, insbesondere Augustus. Herodes war daher auch bereit, sich am Kaiserkult, der sich in den Provinzen auszubreiten begann, zu beteiligen.

Aufschlussreich ist, dass er der neuerrichteten Hauptstadt Samarias den Namen Sebaste gab, was einer Weihung an den göttlichen Kaiser gleichkommt. Weil Herodes mit dieser Einstellung im letzten die Besonderheit und die Erwählung des Gottesvolkes Israel in Zweifel zog, musste sein römisch-imperialer Messianismus dem Volk verdächtig erscheinen. Die Kluft zwischen König und Volk wurde daher weiter vertieft.

Anmerkungen

1) Wo nicht anders angegeben folge ich meinem Lehrer Prof. Dr. Rudolf Pesch, Einführung in das Neue Testament - I: "Von Jesus zu den Evangelien", Vorlesungsmitschrift Sommersemester 1980.

2) Vgl.: A. Schalit, König Herodes (SJ 4) (Berlin 1969) 262-298.

Dr. Jörg Sieger, Mannheimer Straße 54, D-76131 Karlsruhe,
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Letzte Änderung: 15. März 2011