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Die
Opposition gegen die historisch-kritische Erforschung des Pentateuchs,
speziell gegen die Neuere Urkunden-Hypothese, in der Vergangenheit ![]()
Und auf diese Kritik möchte ich nun ein wenig genauer eingehen. Sie setzt natürlich nicht erst mit den Forschungsergebnissen Wellhausens ein.
Die Opposition gegen die literarkritische und literarhistorische Erforschung des Pentateuchs ist so alt wie diese Forschungsrichtung selbst. Schon Pastor Henning Bernhard Witter und der Oratorianer Richard Simon, der 1678 aus seiner Kongregation ausgeschlossen wurde, mussten sie erfahren.
Als Wellhausen seine Theorie vorlegte, löste sie allerdings noch einmal eine ganz besondere Welle der Kritik aus.
Hier sind zunächst einmal eine ganze Reihe von Einwänden zu nennen, die sich zwar wissenschaftlich nannten, aber als solche doch weniger ernst zu nehmen sind. Dies sind vor allem Einwände, die versuchten doch noch mit allen Mitteln die Lehre von der Abfassung des Pentateuchs durch Mose zu retten.
Solche pseudowissenschaftliche Versuche stammen vor allem von protestantischen und jüdischen Autoren der damaligen Zeit. Die Absicht, mit aller Gewalt die mosaische Herkunft des Gesamtpentateuchs zu retten, spricht oftmals nur allzudeutlich durch die Zeilen dieser Veröffentlichungen. All diese Versuche der Erwiderung halten daran fest, dass Mose als Verfasser oder doch als Tradent und Schöpfer der zunächst meist mündlichen Pentateuch-Traditionen zu gelten habe.
Eine kleinere Zahl von Wissenschaftlern sticht aus dieser Masse jedoch heraus. Diese Forscher führen eine ganze Reihe Argumente an, die tatsächliche Schwächen am Wellhausen'schen System deutlich machen. Mit wissenschaftlichen Argumenten versuchen diese Forscher den Pentateuch als Gesamtwerk zu halten. Dies läuft dann meist auf Argumentationen entsprechend der Ergänzungshypothese bzw. einer Kristallisationshypothese hinaus.
So sagt man in diesen Kreisen, dass der Pentateuch ursprünglich als einheitliches Gesamtwerk, das nicht in einzelne Quellenschichten zerlegt werden könne, existiert habe. Dieses ursprüngliche Grundwerk hätte aber später durch absichtliche und unabsichtliche Erweiterungen und Umgestaltungen Veränderungen erfahren. Diese späteren Eingriffe würden die heute spürbaren Unstimmigkeiten im Textzusammenhang erklären.
Hier sind sicherlich teilweise richtige Ansätze vorhanden.
Nicht alle Fragen können mit Wellhausens Theorie tatsächlich beantwortet
werden. So kommt es denn auch später zu einer Reihe von Modifizierungen des
Wellhausen'schen Systems.
Auf katholischer Seite stellte sich die Kritik an der kritischen Pentateuchforschung anders dar, als im evangelischen und jüdischen Raum. Als Wellhausen sein System vorlegte, hatten sich katholische Exegeten schon seit geraumer Zeit aus der Diskussion ausgeklinkt. Dies hing vor allem mit der bremsenden Wirkung des kirchlichen Lehramtes zusammen.
Interessanterweise waren Katholiken am Anfang der Pentateuchforschung noch relativ stark vertreten. Die kritische Pentateuchforschung war ja, wenn wir an Richard Simon, Jean Astruc oder Alexander Geddes denken, nicht zuletzt durch Katholiken inauguriert worden.
Dieses Bild änderte sich aber spätestens um 1800. Und das hängt nun vor allem mit der Entwicklung der Auseinandersetzung um die Aufklärung zusammen.
Im Zuge der Aufklärung fand der Deismus schließlich immer größere Anhängerschaft: diese Vorstellung, dass ein Gott zwar die Welt geschaffen und angestoßen habe, nun aber keinerlei Einfluss mehr darauf nehme. So etwas, wie Offenbarung und damit auch Zeugnisse der Offenbarung, wie sie ja in schriftlicher Form in der Bibel vorliegen sollen, gab es nach dieser Vorstellung nicht. Sie sind genau genommen eine Unmöglichkeit.
Gerade die Ergebnisse der kritischen Pentateuchforschung wurden nun zur Begründung dieser Auffassung herangezogen. Man glaubte, mit ihnen zeigen zu können, dass die Bibel eben kein Offenbarungsbuch ist, dass sie vielmehr aus alten Überlieferungen gewachsen und dementsprechend kein Werk göttlicher Inspiration sondern ein Produkt menschlicher Autoren und Redaktoren sei.
Die Pentateuchforschung musste dementsprechend immer mehr dazu herhalten, im Sinne des offenbarungsfeindlichen Deismus, Argumente zur Erschütterung des Bibelglaubens zu liefern.
Andererseits wurde die Pentateuchforschung dadurch auch immer mehr zum Interessens- und speziellen Forschungsgebiet für dezidierte Vertreter des Deismus. Dementsprechend war es unvermeidlich, dass in immer stärkerem Maße offenbarungsfeindliche und rationalistische Prinzipien in die Forschung mit eingingen.
Musterbeispiele hierfür sind Vatke und Julius Wellhausen selbst. Ich habe auf die religionsphilosophischen Implikationen seines Systems ja bereits hingewiesen. Wellhausen versuchte schließlich zu zeigen, dass die Entwicklung des Pentateuchs gemäß den von dieser Religionsphilosophie geprägten Prinzipien - nämlich weg von archaischen polytheistischen Verhältnissen, über den Henotheismus zum Monotheismus bis hin zu einer Erstarrung in der Gesetzesreligion - verlief. Es handelt sich hierbei gleichsam um eine religiöse Evolution, die ohne jeglichen Eingriff Gottes auskommt.
Die Kirchenkritik und Kirchenfeindlichkeit Wellhausens ist in seinen Schriften denn auch an zahlreichen Stellen zu spüren.
Dies veranlasste das kirchliche Lehramt bereits sehr früh, gegen diese Forschung Stellung zu beziehen. So haben sich nur wenige katholische Forscher um die Wende des letzten Jahrhunderts an der Diskussion um den Pentateuch beteiligt.
Unter denen, die dennoch versuchten den literarkritischen
Argumenten der Wellhausen-Schule gerecht zu werden, sind vor allem Pater Franz
von Hummelauer SJ
und Marie-Joseph Lagrange
zu nennen. Beide bemühten sich darum, die wissenschaftliche Arbeit am
Pentateuch, ausgehend von Wellhausen und seiner Schule, in die katholische
Exegese zu überführen, ohne die religionsgeschichtlichen Implikationen zu
übernehmen.
Vor allem Lagrange hat stark zur endgültigen Anerkennung dieser Methoden auch im katholischen Bereich beigetragen.
Mit welchen Schwierigkeiten solches Arbeiten im katholischen Raum zunächst belastet war, zeigt das Beispiel Franz von Hummelauers. Im Jahre 1903 wurde er aufgrund seiner Verdienste um die exegetische Forschung zum Konsultor der Bibelkommission berufen. Als er 1904 in seiner Schrift "Exegetisches zur Inspirationsfrage" im Grunde genau die Wege wies, die die katholische Exegese später ausbaute, musste er nach großen Angriffen gegen seine Arbeit 1908 vorzeitig aus der exegetischen Forschung ausscheiden.
Diese Schwierigkeiten des kirchlichen Lehramts mit den neuen
Methoden der biblischen Literarkritik wurden durch die zeitgleiche
Auseinandersetzung um den sogenannten Modernismus nur noch einmal gesteigert.
Hier wirkte sich besonders negativ aus, dass einige katholische
Alttestamentler vom kirchlichen Lehramt mit dem Modernismus in Verbindung
gebracht wurden. Vor allem Friedrich Freiherr von Hügel
und Alfred Loisy
sind in diesem Zusammenhang zu nennen. Letzterer - eigentlicher "Vater
des Modernismus" ("Jesus Christus hat das Reich Gottes verkündet,
und gekommen ist die Kirche") - wurde unter anderem wegen seiner
radikalen Anwendung der bibelkritischen Methoden im Jahre 1908 gar aus der
Kirche ausgeschlossen.
Solche Auseinandersetzungen führten dazu, dass die Pentateuchfrage und die wissenschaftliche Literarkritik für Rom häufig mit der Frage um den Modernismus verknüpft wurde.
Zur "Förderung der Bibelwissenschaften und zur
Entscheidung schwebender Fragen" wurde am 30. Oktober 1902 dann die päpstliche
Bibelkommission durch Schreiben Leos XIII. gegründet. Franz von
Hummelauer und vor allem Marie-Josef Lagrange wurden 1903 in diese Kommission
berufen. Durch Verfügung von Pius X. am 18. November 1907 haben die
Entscheidungen der Bibelkommission gleichen Wert wie die Entscheidungen
römischer Kongregationen, sie müssen also als Norm kirchlicher Lehre
gewertet werden.
Bereits am 27. Juni 1906 erließ die Bibelkommission eine
Responsio über den mosaischen Ursprung des Pentateuchs. Darin wurde die
begründete Annahme mehrerer Schreiber, dass es verschiedene mosaische Quellen
und auch nach-mosaische Veränderungen gegeben habe, zugegeben, allerdings
"salvo Ecclesiae iudicio" - vorbehaltlich des Urteils der Kirche.
Damit war zwar an sich ein gewisser Spielraum für weitere Forschungsarbeit gelassen, Versuche aber, die Quellen J, E, D, P zu übernehmen, wurden von der Bibelkommission nicht gebilligt; und das selbst dann nicht, wenn die entsprechenden Forscher diese Quellenschichten im wesentlichen in mosaische Zeit hinaufdatierten. Die Bibelkommission versuchte mit ihrer ganz eindeutig sachlich verfehlten Entscheidung, damals schlicht und ergreifend einer etwaigen modernistischen Entwicklung zu wehren.
Erst durch die berühmte Enzyklika "Divino afflante Spiritu" Pius XII. vom 30. September 1943 wurden katholische Exegeten wieder ermutigt, ungelöste Fragen erneut aufzugreifen.
Pius XII. schreibt:
"Dem katholischen Exegeten, der sich mit dem
Verständnis und der Erklärung der Heiligen Schrift befaßt, haben schon die
Kirchenväter, besonders Augustinus, das Studium der alten Sprachen und die
Heranziehung des Urtextes ans Herz gelegt [..] Ist es doch Pflicht des
Exegeten, auch das Kleinste, das unter Eingebung des Heiligen Geistes aus der
Feder des heiligen Schriftstellers geflossen ist, mit größter Sorgfalt und
Ehrfurcht aufzugreifen, um dessen Gedanken möglichst tief und vollständig zu
erfassen. Daher soll er gewissenhaft daran arbeiten, sich eine immer größere
Kenntnis der biblischen und auch der anderen orientalischen Sprachen
anzueignen, und seine Schriftauslegung durch alle Hilfsmittel stützen, die
die verschiedenen Zweige der Philologie bieten." ![]()
Gerade dieser letzte Satz mit dem Hinweis darauf, dass alle Hilfsmittel verwendet werden sollen, die die verschiedenen Zweige der Philologie bieten, war die Ermöglichung der modernen Bibelwissenschaft auch im katholischen Bereich.
Letzte Zweifel zerstreute der berühmte Brief des Sekretärs der Bibelkommission an Kardinal Suhard von Paris vom 16. Januar 1948. Hier wird die erwähnte Entscheidung der Bibelkommission über den Pentateuch von 1906 ganz klar revidiert. Es heißt:
"So gibt es auch heute niemanden mehr, der an der
Existenz dieser Quellen zweifelt oder nicht zugibt, dass unter dem Einfluss
der späteren sozialen und religiösen Verhältnisse das Mosaische Gesetzbuch
fortschreitend Zusätze erfuhr, und zwar auch in den geschichtlichen
Teilen." ![]()
Hier wird also ein allmähliches Wachstum der mosaischen
Gesetze aufgrund der sozialen und religiösen Verhältnisse späterer Zeit
zugegeben und selbst ein Fortschritt in den historischen Berichten
eingeräumt.
Damit waren die Katholiken auch offiziell wieder auf die Bühne der kritischen Pentateuchforschung, wie auch überhaupt der modernen wissenschaftlichen Auseinandersetzung um die Bibel zurückgekehrt.
Wirklich ernstzunehmende Kritik erfuhr das Wellhausen'sche System in erster Linie von der Archäologie her.
Was Wellhausen noch nicht wissen konnte, das war, dass gerade die archäologische Forschung der nächsten Jahrzehnte einen Grundpfeiler seines Systems erschüttern sollte. Zu seiner Zeit steckte die Archäologie ja noch in den Anfängen.
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Oberteil der Gesetzesstele Hammurapis (1728-1686 v. Chr.). |
Bahnbrechende Erfolge auf dem Gebiet der Archälogie brachten nun aber immer neue Erkenntnisse.
So wurde im Jahre 1901 der berühmte altbabylonischen Codex Hammurapi gefunden. Dieser, sowie die Auffindung der Nuzi-Gesetze oder die in Boghazköy gefundenen hethitischen Verträgen mit den alten hethitischen Bundesformularen erwiesen es als falsch, wenn Wellhausen behauptete, dass die Gesetze des Pentateuchs ein ziemlich spätes Zeugnis der Erstarrung einer zuvor urwüchsigen, kraftvollen, prophetischen Jahwereligion gewesen seien.
Diese nun aufgefundenen alten Gesetzeswerke zwangen dazu, das religionsgeschichtliche Schema vom Werden Israels und seiner alten Traditionen nach Wellhausen noch einmal zu überprüfen.
Die Gesetze des Pentateuchs waren demnach keineswegs so jung wie Julius Wellhausen annahm.
Dass Wellhausen diese Funde noch nicht kannte, dafür kann er selbstverständlich nichts. Allerdings hätte er schon durch die 1850 erfolgte Entdeckung der Bibliothek Assurbanipals in Ninive oder durch das 1872 erschienene Opus des Archäologen und Orientalisten E. Schrader "Die Keilschriften und das Alte Testament" hellhörig werden müssen.
Dass dies nicht der Fall war, zeigt eigentlich nur, dass Julius Wellhausens Blick einseitig auf Israels Entwicklung gerichtet war, die sich nach dem Hegel'schen dialektischen Schema von These - Antithese - Synthese vollziehen sollte.
Diese Schwäche erkannte schon der katholische Exeget Marie-Josef Lagrange, den wir oben bereits erwähnten. Obwohl sich Lagrange zu den vier Pentateuchquellen einschließlich der Spätdatierung der Priesterschrift bekannte - dafür waren auch für ihn ausreichend Gründe gegeben -, lehnte er Wellhausens Urteil über die Gesetzestexte ab:
"Will man nun sagen, alles dies [d. h. die Sammlung
der Gesetze im Pentateuch] sei mosaisch, wenn Mose die Thora nicht geschrieben
hat? Es wäre hundertmal besser zu sagen, all dies sei 1000 oder 2000 Jahre
älter als er. Moses aber hat all diese Gepflogenheiten, die teils allen
Semiten gemeinsam, teils den semitischen Nomaden oder Halbnomaden
eigentümlich sind, gekannt." ![]()
Auch Wellhausens Postulat, dass die Entwicklung der israelitischen Religion von einem primitiven Polytheismus und Geisterglauben über einen Henotheismus zum prophetischen Monotheismus führte, war Anlass heftiger Kritik. Hier setzten vor allem wichtige religionsgeschichtliche Arbeiten an, die Wellhausens These in diesem Punkt letztlich auch als falsch erwiesen.
Ab 1880 etwa setzte eine intensive religionsgeschichtliche Forschung bei "primitiven" Stämmen ein. Sie ergab letztlich, dass entgegen der Annahme Wellhausens
Ein weiteres interessantes Ergebnis ist, dass die mündliche Überlieferung eines fixierten Textes über Jahrhunderte hinweg genauer sein kann als die schriftliche Überlieferung bei Kulturvölkern.
Auch diese Forschungstendenz Wellhausens wurde also als ein Vorurteil entlarvt. So waren mehrere Modifizierungen der neueren Urkunden-Hypothese auf der Grundlage von Karl Heinrich Graf und Julius Wellhausen erforderlich, die die Forschung in der Folge jahrzehntelang beschäftigten sollte.
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
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Letzte Änderung: 14. März 2011