Israel in vorstaatlicher Zeit (etwa 1200 bis 1000 v. Chr.)

1. Etwas zur Kultur des frühen Israels

Das Sesshaftwerden im Kulturland bedeutete für Israel den Übergang vom Hirtendasein zum Ackerbau, vom Wanderleben in Zelten zum sesshaften Wohnen in Häusern und Siedlungen und damit den Beginn einer, wenn auch nur bescheidenen Kultur.

a. Die Städte, Häuser und Einrichtung

Archäologische Grabungen in Schilo, Bet-El, Ai, Mizpa, Gibea, Bet-Zur und Debir ergaben, dass die Häuser der Israeliten viel weniger sorgfältig gebaut waren, als die der Kanaanäer in der späten Bronzezeit.

Die Stadtmauern, soweit überhaupt vorhanden, wiesen nur geringe Stärke und Festigkeit auf.

Die Keramik der Israeliten war aus grobem Material hergestellt und hatte wesentlich rohere Formen als die fein entwickelte Keramik der Bronzezeit.

Die Städtekultur der Kanaanäer und ihre Handelstätigkeit erschienen den Israeliten zunächst als etwas Fremdes. Im Laufe der Zeit spürt man hier aber eine deutliche Anpassung. Gerade auf den Gebieten der Städtekultur und Handelstätigkeit konnten die Israeliten sich auf Dauer kanaanäischen Einflüssen nicht entziehen.

b. Die Gesellschaftsordnung

Die kanaanäische Gesellschaft war - wie bereits erwähnt - eine Feudalgesellschaft. Die Gesellschaftsordnung der Israeliten wies, im Unterschied zu ihr, patriarchalische Struktur auf.

Die kleinste soziologische Einheit war die Großfamilie. Sie unterstand dem Familienoberhaupt, dem "Vater".

Mehrere untereinander verwandte Großfamilien bildeten eine Sippe. Die Oberhäupter der einzelnen Großfamilien bildeten deren Ältestenschaft.

Mehrere Sippen wiederum waren in der größeren Gemeinschaft des Stammes zusammengeschlossen.

Der Stamm wurde durch ein Ältestenkollegium geleitet, das sich aus den Sippenältesten zusammensetze.

c. Die Rechtssprechung

In den Händen der Ältestenschaft eines Ortes lag auch die Rechtssprechung in Israel. Sie geschah auf Grund "kasuistisch" formulierter Rechtssätze, die in der Form "Wenn..., dann..." Anweisung für die Behandlung bestimmter Rechtsfälle geben.

2. Die Auseinandersetzung mit der Religion und dem Kult der Kanaanäer

Von besonderem Gewicht war die Auseinandersetzung Israels mit den Kanaanäern auf dem Gebiet des Religiösen und Kultischen. Diese Auseinandersetzung gewann an Bedeutung, je mehr sich in Israel das Bewusstsein des Monotheismus durchsetzte.

Im Unterschied zu allen anderen Völkern in seiner Umgebung haben wir es in Israel ja mit der Verehrung eines einzigen Gottes zu tun. Diese israelitische Monolatrie musste sich auf die Dauer an der Religion der Kanaanäer reiben.

Über diese Religion sind wir recht gut unterrichtet.

a. Ugarit

Die seit 1930 bei Ausgrabungen in "Ras Schamra" an der syrischen Nordküste, dem alten Ugarit, zutage gekommenen, in alphabetischer Keilschrift geschriebenen Tontafeltexte religiöser und mythologischer Art gewähren einen guten Einblick in die Religion und den Kultus Kanaans. Sie stammen aus dem 14. Jh. v. Chr. und sind daher wichtige Belege gerade für die Zeit um die Landnahme.

b. Das kanaanäische Pantheon

Die höchste der kanaanäischen Gottheiten war der bereits mehrfach erwähnte und als "König", als Vater der Götter und Menschen bezeichnete Gott El.

Eine größere Rolle als El spielte mit fortschreitender Zeit aber der als "Wolkenreiter" bezeichnete Himmelsgott Baal, der manche Züge des Gewittergottes Hadad annehmen konnte und so als Spender des Regens und der Vegetation galt.

Nach dem ugaritischen Mythos wird Baal in der Trockenzeit von seinen Gegnern Jam und Mot, den mythischen Personifikationen des Meeres und des Todes, getötet und in der Unterwelt festgehalten. Die Folge davon ist, dass alle Vegetation erstirbt.

Zu Beginn der Regenzeit wird Baal mit Hilfe seiner Schwester und Gattin Anat zu neuem Leben erweckt und aus dem Totenreich befreit. So kann die Vegetation wieder aufblühen.
Dabei wird die Feldbestellung als sympathetischer Zauber, der Baal zu Hilfe kommt, aufgefasst.

Die drei Hauptgöttinen Aschera (die Gattin des Gottes El), Anat (Schwester und Gattin des Baal), und Astarte sind in ihren Funktionen nicht genau unterschieden. In ihnen vereinigen sich Züge von Mutter-, Vegetations-, Fruchtbarkeits-, Liebes- und Kriegsgöttinnen.

In ihren Heiligtümern spielt die kultische Prostitution eine wesentliche Rolle. Durch diesen Ritus soll die Vereinigung des Himmelsgottes Baal mit der Fruchtbarkeitsgöttin, die Vereinigung von Himmel und Erde, nachvollzogen werden, um damit die Fruchtbarkeit von Mensch und Vieh zu garantieren und reiche Vegatition herbeizuführen.

c. Israel und der kanaanäische Kult

(1) Einflüsse der kanaanäischen Religion auf die Praxis der Israeliten

Dass die Vegetationskulte des Baal und der Muttergöttin für Israel eine ständige Gefahr waren und die Ausschließlichkeit der Jahweverehrung sich erst allmählich in Israel durchsetzte, lässt das Alte Testament selbst erkennen.

Doch nicht nur Baal zog die Aufmerksamkeit der Israeliten auf sich.

Bei Ausgrabungen israelitischer Siedlungen kamen Tonfigürchen der Muttergöttin, die als Amulette verwendet wurden, in großer Zahl zum Vorschein.

(2) Der Kampf gegen diese Praktiken

Zahlreiche Verbote des apodiktischen Rechtes dienen daher der Abwehr kanaanäischer Fremdkulte. Dies muss man wissen, um diese Rechtsvorschriften richtig einordnen zu können. Für sich gesehen sind sie nämlich kaum verständlich. Ich möchte nur zwei Beispiele nennen.

Strikte Ablehnung fand im Gesetz Israels vor allem der Baal-Astarte-Kult und die damit verbundene kultische Prostitution. Sie wurde ausdrücklich als "Gräuel" empfunden.

(3) Gemeinsamkeiten mit der kanaanäischen Religion

Auf dem Gebiet des Kultischen sind, neben manchen Unterschieden und Gegensätzen, auch gewisse Gemeinsamkeiten der israelitischen Religionspraxis mit der seiner Umwelt festzustellen.

Das Opferwesen in Israel entspricht weitgehend dem, was wir aus der Umwelt Israels kennen.

Die Israeliten übernahmen ferner - wie bereits mehrfach erwähnt - alte kanaanäische Heiligtümer wie Bet-El, Beerscheba, Hebron, Sichem oder Gilgal.

Sie übernahmen ebenso den Festkalender der Kulturlandtradition, also die ihnen in der Nomadenzeit ja fremden Feste der Einheimischen. Das Erntedankfest ist solch ein Festtag, der für Nomaden ja kaum die Bedeutung hat, wie für Kulturlandbewohner. Solche Feste wurden jetzt ganz einfach übernommen.

Freilich fand hier eine charakteristische Umprägung des Sinngehaltes dieser Feste statt. Die Feste, die von Natur aus Ackerbaufeste waren, wurden "historisiert" und mit den großen Daten der Heilsgeschichte Israels, vor allem mit dem Auszugsgeschehen, in Verbindung gebracht. Das heißt auch, dass die meist mythologischen Inhalte der Feste verändert wurden.

3. Die Stämme und ihre Kriegsführung

Der sakrale Zwölfstämmeverband Israels war keine politische Größe und hatte auch keine politische Führungsspitze. Daher war der einzelne Stamm in der Regel auf sich gestellt, wenn es galt, Angriffe der Kanaanäer oder der Nachbarstaaten abzuwehren und den eigenen Lebensraum zu verteidigen.

Berufsmäßige Heerführer und Krieger waren dem alten Israel ebenso fremd wie ein stehendes Heer. Aus den wehrfähigen, freien Bauern der Stämme rekrutierte sich der Heerbann, der jeweils durch Posaunenruf aufgeboten wurde.

Anführer des Heerbanns waren charismatische Führerpersönlichkeiten. Ihre Legitimation und Autorität gründeten in der Berufung und Ausrüstung durch Jahwe. Als eigentlichem Kriegsherrn und Führer des Heerbannes betrachtete man Jahwe selbst.

Da Jahwe eigentlicher Kriegsherr war und man die Vorstellung hatte, dass er den Krieg durch machtvolle Tat für sein Volk führte, gehörte ihm auch alle Beute des Krieges. Nach der Vorstellung der Zeit musste diese deshalb "gebannt", d. h. Jahwe übereignet werden.

Alles Lebende wurde dementsprechend getötet und alle übrige Beute als Weihegabe dargebracht.

4. Die Richter

Palästina in der Richterzeit (Reproduced by permission of Westminster John Knox Press).

Die charismatischen Führergestalten der vorstaatlichen Zeit werden im Richterbuch als "Helden", "Retter" oder "Richter" bezeichnet.

Wir werden auf sie im Zusammenhang mit der Besprechung des Buches "Richter" noch ausführlicher zu sprechen kommen.

Hier sei nur erwähnt, dass die Termini "richten", "Recht", "Gerechtigkeit" und "Richter" im Alten Testament keineswegs auf den juristischen Bereich beschränkt sind. Sie beziehen sich nicht einmal in erster Line auf diesen Bereich.

Unter "Recht" - hebräisch: ["mischpath"] - ist eine heilvolle, Leben ermöglichende, Leben erhaltende und fördernde Ordnung zu verstehen.

"Richten" meint deshalb jede Tätigkeit im politischen, juristischen, sozialen und militärischen Bereich, die eine solche heilvolle Ordnung zustande bringt, sie schafft, aufrichtet, erhält oder fördert. Dazu gehört dann auch, allem zu wehren, was diese heilvolle Lebensordnung gefährdet oder zerstören könnte.

Darum kann auch die Abwehr von Feinden, die die Lebensmöglichkeiten einer Gemeinschaft bedrohen, als "richten" bezeichnet werden. Der Führer eines solchen Unternehmens wird dann "Richter" genannt.

5. Auseinandersetzung mit den Kanaanäern

Solche Abwehr von Feinden war für Israel eine dauernde Notwendigkeit.

Im Zusammenleben zwischen Israeliten und Kanaanäern konnten auf die Dauer Spannungen und Konflikte nicht ausbleiben. Kleinere Auseinandersetzungen wird es ständig gegeben haben.

Der Dominanz der Kanaanäer, gerade im Tiefland, konnte Israel lange nichts entgegensetzen. Einen Wendepunkt markiert die weitreichende Auseinandersetzung zwischen Israeliten und einem kanaanäischen Stadtstaat, die in Ri 4 erzählt wird.

In der Schlacht in der Jesreelebene, die den Hintergrund zum Siegeslied der Debora in Ri 5 abgibt, gelang den Israeliten zum ersten Mal ein Sieg über die Streitwagenmacht eines kanaanäischen Stadtstaates in der Ebene.

Dies war anscheinend der Anfang vom Ende der Vorherrschaft der kanaanäischen Stadtstaaten. Israel gelang es in der Folgezeit - wohl noch in vorstaatlicher Zeit - im ganzen Land die Vorherrschaft über die Kanaanäer zu erlangen.

6. Auseinandersetzung mit den Nachbarstaaten

In vorstaatlicher Zeit hatte sich Israel aber nicht nur gegen die kanaanäischen Mitbewohner des Landes zu behaupten, es kam auch zu ernsthaften Auseinandersetzungen mit den Nachbarstaaten.

Das galt vor allem für die Völker, die sich etwa gleichzeitig mit der Landnahme der Israeliten am Rand der syrisch-arabischen Wüste im östlichen und südöstlichen Ostjordanland niedergelassen hatten. Sie suchten ihr Gebiet nach Westen hin zu erweitern, und das auf Kosten Israels.

a. Die Moabiter

Den südlich des Arnon ansässigen Moabitern war es beispielsweise gelungen, ihr Gebiet über den Arnon hinweg nach Norden zu erweitern. Sie hatten sogar den Jordan überschritten, das Gebiet von Jericho annektiert und die umwohnenden Benjaminiten tributpflichtig gemacht.

Richter 3 berichtet, wie der Benjaminit Ehud beim Abliefern des Tributes den Moabiterkönig Eglon ermorderte. Er nutzte die Verwirrung der Moabiter und rief die Nachbarstämme zur Heeresfolge. Die Israeliten besetzten die Jordanfurten und rieben die westlich des Jordan stationierten moabitischen Truppen auf (Ri 3,12-30).

Später gelang es den Israeliten, die Moabiter sogar wieder bis südlich des Arnon zurückzudrängen.

b. Die Ammoniter

Die Ammoniter saßen am Oberlauf des Jabbok. Sie griffen in das Siedlungsgebiet der Efraïmiter, das südlich des Jabbokunterlaufes lag, über und eroberten von ihnen die Ortschaft Gilead.

Richter 10-12 berichtet, wie sich die Efraïmiter in ihrer Not an Jiftach oder Jephte wandten. Jiftach war Sohn eines Efraïmiter und einer Dirne. Aber er war vor allem eine charismatische Führerpersönlichkeit. Er hatte schon vor seinem Auftreten gegen die Ammoniter eine Streifschar um sich gesammelt und in dem uns unbekannten Land "Tob" Waffenerfahrung gesammelt.

Jiftach berief nun den Heerbann nach Mizpa in Gilead und schlug die Ammoniter mit Waffengewalt zurück (Ri 10,17-12,33).

c. Die Midianiter und Amalekiter

Im Unterschied zu den soeben genannten sesshaften Völkern waren die Midianiter und die Amalekiter Nomaden. Sie durchzogen die syrisch-arabische Wüste.

Den Midianitern war im 12. Jahrhundert die Domestikation des Kamels gelungen. Das gab ihnen die Möglichkeit, sich weiträumig und schnell fortzubewegen und Raubüberfälle ins Kulturland zu unternehmen.

In großen Scharen fielen sie im Frühjahr ins Kulturland ein, ließen ihre Kamele die aufkeimende Saat abweiden, raubten Vieh und Erntebestände und verschwanden ebenso schnell, wie sie gekommen waren.

Sie wurden auch für Israel zu einer gefährlichen Plage und verbreiteten durch ihre Schnelligkeit und Fremdartigkeit lähmenden Schrecken.

Richter 6-8 schildert, wie sie wieder einmal in die Jesreelebene einfielen und sich nach erfolgreichem Beutezug an der Harodquelle, am Nordwestabhang des Gilboagebirges, lagerten. Daraufhin sammelte Gideon aus Manasse eine kleine Schar sorgfältig ausgewählter Männer um sich und führte bei Nacht durch geschicktes Manövrieren einen Überraschungsangriff auf das Lager der Midianiter. Dieselben ergriffen kopflos die Flucht und zogen sich in die Wüste zurück. Die Midianitergefahr scheint dadurch für immer gebannt gewesen zu sein.

d. Die Philister

Kriegsgegfangene, an ihren Kopfbedeckungen als Philister erkennbar - Detail aus dem Totentempel Ramses' III. in Medinet Habu.

Die bei weitem gefährlichste Bedrohung der Israeliten ging von den Philistern aus.

Kleinere Auseinandersetzungen zwischen ihnen und dem benachbarten Stamm Dan sind in der Simsongeschichte vorausgesetzt (Ri 13-16).

In der Gestalt des Simson stellt die Tradition im übrigen einen Charismatiker vor Augen, der die von Jahwe verliehene Gabe vertändelt und dem ihm gewiesenen Auftrag nicht gerecht wird.

Die Philister blieben über längere Zeit hinweg eine Bedrohung für Israel.

Wahrscheinlich ist es nicht zuletzt auf den Druck der Philister zurückzuführen, dass der Stamm Dan seinen ursprünglichen Wohnsitz im judäischen Hügelland nicht behaupten konnte und nach Norden abwandern musste.

Es war ständig das Bestreben der Philister, ihr Einfluss-Gebiet nach Osten hin zu erweitern und die Vorherrschaft über Palästina zu erringen. Darum konnte eine entscheidende Auseinandersetzung zwischen Israeliten und Philistern auf die Dauer nicht ausbleiben.

Nicht übersehen werden darf, dass besonders ein Umstand die Philister so gefährlich machte.

Die Zeit der Landnahme Israels ist ja kulturgeschichtlich gekennzeichnet durch den Übergang von der späten Bronzezeit zur Eisenzeit.

Die Verhüttung und Verwertung von Eisen gelang zunächst den Hetitern. Durch die Philister wurde die Kunst der Eisenverwertung nach Palästina gebracht. Sie hielten hier längere Zeit das Monopol auf diesem Gebiet (vgl. 1 Sam 13,19-22). Das machte sie zum gefährlichsten Gegner der Israeliten überhaupt.

Anmerkungen

1) Vgl.: Martin Metzger, Grundriß der Geschichte Israels (Neukirchen 5. Auflage 1979) 48-81.

2) Vgl. Ex 23,19; Lev 11,7; Dtn 14,8; Lev 19,29; Dtn 23,17f.

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Letzte Änderung: 14. März 2011