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Einzelstämme
und Zwölfstämmeverband ![]()
Aus dem Gesamtvorgang der Landnahme und aus dem, was wir bereits über die verschiedenen Zeitpunkte des Sesshaftwerdens einzelner Stammesgruppen gesagt haben, ist aber zu folgern, dass der Zwölfstämmeverband nicht gut in der Zeit vor dem Sesshaftwerden existiert haben kann. Israel als Zwölfstämmeverband ist eine Größe, die sich sicher erst nach der Landnahme konstituierte.
Ab wann können wir jetzt aber von einem "Zwölf-Stämme-Verband" sprechen, vom Volk Israel, so wie dieser Begriff in der Bibel dann gebraucht wird?
Gab es diesen Zwölf-Stämme-Verband überhaupt?
Handelt es sich bei der biblischen Konzeption eines Zwölferverbandes um eine Fiktion, um eine Theorie, eine Idealvorstellung? Oder liegen ihr tatsächlich reale Gegebenheiten zugrunde? Und wenn ja, aus welcher Zeit rührt dieser Zusammenschluss der Stämme?
Martin Noth ging dieser Frage in seiner 1930 erschienenen Arbeit "Das System der zwölf Stämme Israels" nach. Er hat dabei eine interessante Hypothese aufgestellt, mit der wir uns auf jeden Fall ein wenig genauer auseinandersetzen müssen.
Er ging aus von einem Phänomen, das uns im westkleinasiatischen, griechischen und altitalisch-etruskischen Bereich im 8., 7. und 6. Jahrhundert v. Chr. begegnet. Hier fallen recht eigenartige Sakralverbände auf, griechische und altitalische Stämme, die sich jeweils zu einem nicht politisch sondern religiös motivierten Verband zusammengeschlossen haben.
Als man diese Verbände genauer untersuchte, fand man heraus, dass einige wesentliche Elemente immer wiederkehrten. Es gab zum Beispiel immer
Dabei scheint auch die Sechs- oder Zwölfzahl der Stämme eine große Rolle gespielt zu haben, ja sie scheint sogar konstitutiv gewesen zu sein.
Sie war dadurch bedingt, dass die Mitglieder dieses Stämmeverbands in wechselndem Turnus für die Bedienung und Pflege des Zentralheiligtums zu sorgen hatten. Bei einem aus zwölf Stämmen bestehenden Verband traf dies jeden Monat abwechselnd einen anderen Stamm. Bei einem Sechserverband war ein Stamm für den Zeitraum von je zwei Monaten an der Reihe.
Die dadurch auftretende Regelmäßigkeit erlaubte es somit, den Festkalender mit den einzelnen diensttuenden Stämmen zu verknüpfen.
In der wissenschaftlichen Forschung belegte man das Phänomen solcher Sakralverbände mit dem Fachterminus "Amphiktyonie".
Dieser Begriff "Amphiktyonie" kommt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie "Umwohnerschaft".
Mit ihm bezeichnet man nun einen solchen freiwilligen, unpolitischen Zusammenschluss von zwölf oder sechs Stämmen zu einem Sakralverband, wie er eben im westkleinasiatischen, griechischen und altitalisch-etruskischen Bereich belegt ist.
Das Modell einer griechischen Amphiktyonie diente Martin Noth nun als Analogie, um Aufschluss über das Wesen und die Grundkonzeption des altisraelitischen Stämmeverbandes zu gewinnen.
Außer der Zwölfzahl der Stämme fand er weitere Parallelen zwischen griechischer Amphiktyonie und altisraelitischem Stämmeverband.
Für Martin Noth waren diese drei großen Feste, zu denen Abgeordnete der Stämme Israels dreimal jährlich zusammengekommen seien, der Sitz im Leben zur Proklamation des amphiktyonischen Rechtes und zur Verkündigung der mit dem Pentateuch gegebenen Sakralüberlieferungen.
Einen Hinweis darauf, dass die Stämme Israels in einer Amphiktyonie zusammengewachsen waren, glaubte Martin Noth auch im Debora-Lied in Ri 5 zu finden. Hier war in einem vermutlich vorstaatlichen Text schließlich belegt, dass die Stämme gemeinsam in der Jesreelebene dem Feind entgegentraten. Für Martin Noth ein Hinweis darauf, dass ein Stammesverband bereits existierte.
Die altisraelitische Amphiktyonie sei um Jahwe, den Gott Israels, zentriert gewesen. Im Jahweglauben, in den vom Jahweglauben her geprägten Überlieferungen, die sich im Pentateuch niedergeschlagen haben, und im apodiktischen Recht sah Noth das unverwechselbare Proprium der altisraelitischen Amphiktyonie.
Die These Martin Noths hat selbstverständlich eine große wissenschaftliche Diskussion ausgelöst. Der Gedanke selbst klingt zunächst äußerst verlockend.
Die Amphiktyonie-These bietet schließlich die Möglichkeit, die mannigfaltigen Traditionen der Frühzeit Israels und die vielfältigen und disparaten Einzelerscheinungen der vorstaatlichen Zeit, die sonst ja beziehungslos nebeneinanderstehen, einem umgreifenden Ganzen sinnvoll einzuordnen. Hierin erwies sich die Evidenz dieser Hypothese. So ist es nicht verwunderlich, dass Martin Noths Gedanke rasch auf weitgehende Zustimmung stieß und lange Zeit auch das Feld der Forschung beherrschte.
In neuerer Zeit wurde die Amphiktyonie-These jedoch modifiziert (vor allem von R. Smend), angegriffen (S. Herrmann) und schließlich von Georg Fohrer radikal in Frage gestellt.
Gegen die Amphiktyonie-These wendet S. Herrmann ein, dass erst in der frühen Königszeit, also nach 1000 v. Chr. die Nord-, Mittel- und Südstämme zu einem Ganzen geworden seien. Erst ab 1000 v. Chr. kann man davon sprechen, dass die Stämme Israels geeint worden seien.
Auch wurden erst mit dem aus dieser Zeit stammenden ältesten Strang der Pentateuchüberlieferung (Jahwist) die einzelnen Stammestraditionen miteinander verbunden. Jetzt erst seien diese Traditionen gesamtisraelitisch geworden. Die Traditionen der nördlichen und der mittleren Stämme wurden nun erst miteinander verbunden.
In vorstaatlicher Zeit sei eine alle Stämme umfassende Amphiktyonie zudem nicht möglich gewesen. Denn die Sperrriegel der kanaanäischer Festungsstädte hätten die galiläischen Stämme von den mittelpalästinischen und die mittelpalästinischen von den südpalästinischen Stämmen isoliert.
Auch das Deboralied in Ri 5, eines der ältesten Textzeugnisse des Alten Testamentes, scheint nach S. Hermann die Amphiktyonie-These nicht zu stützen.
Das Deboralied nennt zehn Stämme Israels, die in der Jesreelebene einen entscheidenden Sieg über die kanaanäischen Städte errungen hatten. Für Martin Noth war diese Schlacht ein Hinweis darauf, dass Israel in der Amphiktyonie zusammengewachsen war und so geeint gegen die Kanaanäer vorgehen konnte.
Das Siegeslied der Debora in Ri 5 setze nach S. Herrmann die Einheit der Stämme jedoch nicht voraus. Es fordere sie vielmehr erst.
Die Schlacht in der Jesreelebene, mit ihrem Sieg über die kanaanäischen Städte, sei erst zu der eigentlichen Voraussetzung für die Kommunikation der nördlichen und der mittelpalästinischen Stämme geworden. Diese Schlacht wäre also erst die Ursache und Voraussetzung für das Zusammenwachsen gewesen und nicht eine zusammengewachsene Amphiktyonie Voraussetzung für die Schlacht in der Jesreelebene - wie Martin Noth annahm.
Nach S. Herrmann könne man daher nicht von einer israelitischen Amphiktyonie sprechen. Das Zwölfersystem der Stämme Israels sei eine nachträgliche Konstruktion, die erst aus der frühen Königszeit stamme. Vorher hätte es eine alle Stämme umfassende Größe schlicht und ergreifend nicht gegeben.
Georg Fohrer weitete diese Kritik sogar noch einmal aus.
Hat es in vorstaatlicher Zeit also eine stämmeübergreifende Größe "Israel", einen real funktionierenden, wie auch immer gearteten, Stämmeverband nicht gegeben?
Wir können auf die ausführliche Diskussion dieses Problemkreises hier unmöglich eingehen. Ich möchte lediglich einige Hinweise auf einen Lösungsversuch wiedergeben.
Hier sind die Verzeichnisse der israelitischen Stämme ein wichtiges Indiz. Martin Metzger bemerkt, dass diese Stämmeverzeichnisse in der Bibel, nicht einfach nur eine spätere Konstruktion sein können. Wir haben oben schon darauf hingewiesen, dass sie nicht mehr die Situation der frühen Königszeit widerspiegeln.
Deshalb liegt es nahe, in diesen Überlieferungen tatsächlich Spiegelbilder vorstaatlicher Gegebenheiten zu sehen. Und dementsprechend auch Erinnerungen an stammesübergreifende Verbindungen.
Martin Metzger geht nun davon aus, dass die in der Genesis als Söhne Leas genannten Stammväter die älteren, zuerst eingewanderten Stämme repräsentieren. Er hält dabei das von Georg Fohrer rekonstruierte 2. System der Stammesverbände für das ursprüngliche. Hier handelt es sich bei den Lea-Stämmen ja tatsächlich um sechs Stämme.
Daraus folgert er, dass diese zunächst eingewanderten Stämme möglicherweise tatsächlich so etwas wie einen Sechserverband bildeten.
Man muss nicht so weit gehen wie Martin Metzger. Ich möchte
jetzt nicht unbedingt daran kleben, dass es tatsächlich so ein Sechserverband
gewesen sein muss - obschon es für solche Verbände tatsächlich auch aus dem
Umfeld Israels Parallelen gibt
.
Ob es sich jetzt um fünf, sechs oder sieben Stämme handelt, dürfte relativ
egal sein. Auf jeden Fall scheint es aber sinnvoll zu sein, davon auszugehen,
dass diese zunächst eingewanderten Stämme einen Verband untereinander
bildeten.
Dieser Stämmeverband dürfte sich dann auch mit dem Namen "Israel" in Beziehung gebracht haben. Das ist durchaus wahrscheinlich. Wir haben es bei den so zusammengeschlossenen Stämmen schließlich mit großer Wahrscheinlichkeit mit "El"-Verehrer zu tun.
Diese These wird durch eine Tatsache ganz entscheidend untermauert: Aus der Zeit gegen Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. gibt es nämlich einen außerbiblischen Beleg für das Vorhandensein eines "Israels" in Palästina. Die Ägypter sind gegen Ende eben des 13. Jahrhunderts v. Chr. in Mittelpalästina eingefallen. Auf einer Siegesstele rühmt sich der Pharao Mernptah oder Merneptah:
"Kanaan ist geplündert, mit allem Bösen überschüttet,
weggeführt wird Askalon, genommen Geser, Jenoam ist zunichte gemacht, Israel
ist verwüstet und hat keinen Samen mehr." ![]()
Diese Inschrift ist das einzige uns bekannte außerbiblische Schriftdokument aus dem 2. Jahrtausend v. Chr., in dem der Name Israel erwähnt wird. Und diese Erwähnung könnte sich durchaus auf den von Martin Metzger rekonstruierten Sechserverband oder zumindest einen ähnlich gearteten Stämmeverband "Israel" beziehen.
Die sogenannten Rahel-Stämme - ähnliches gilt dann für die von Georg Fohrer angenommenen Silpa- und Bilha-Stämme - wären dann später eingewandert. Sie wären dann in diesen bereits bestehenden Verband eingegliedert worden.
Die Rahel-Stämme, oder ein Teil von ihnen, dürften dabei die Gottesbezeichnung Jahwe mitgebracht haben. Sie scheinen bereits vor ihrer Sesshaftwerdung Jahwe-Verehrer gewesen zu sein und scheinen die Jahwe-Verehrung wie auch die Exodusüberlierfung an die bis dato "El" verehrenden Gruppen weitergegeben zu haben.
Dass die im Land bereits ansässigen Stämme diesen "neuen" Gott so ohne weiteres als den ihren annahmen, könnte durch ein in die damalige Zeit verweisendes historisches Ereignis begünstigt worden sein.
Kurz vor Einwanderung der Rahel-Stämme scheint der oben angeführte Kriegszug der Ägypter in Mittelpalästina, der auf der Mernephta-Stele erwähnt ist, seinen Platz zu haben. In seiner Folge dürften Teile der Lea-Stämme, Simeon und Levi, aus ihren Wohnsitzen in Mittelpalästina verdrängt worden sein.
In dieser Situation dürfte sich die Botschaft von Jahwe, die die Rahel-Stämme mitbrachten, die Botschaft vom Gott, der aus der Knechtschaft der Ägypter befreite und der eine Gruppe von Halbnomaden vor den Nachstellungen einer ägyptischen Streitwagenmacht errettete, deutlichen Widerhall bei den Lea-Stämmen gefunden haben.
Vielleicht ist dies der Hintergrund, auf dem die Durchsetzung der Jahwe-Verehrung in Israel zu denken ist.
Wenn wir abschließend noch einmal auf die umstrittene Amphiktyonie-These zurückblicken, dann kann man mit Einschränkungen sagen, dass bei einem Vergleich zwischen der israelitischen Stämmegemeinschaft und den amphiktyonischen Bünden im altgriechisch-etruskischen Bereich große Unterschiede aber durchaus auch Gemeinsamkeiten zu verzeichnen sind.
Als gemeinsame Elemente zwischen der Amphiktyonie und dem altisraelitischen Stämmeverband sind
Während jedoch die Stämme griechischer Amphiktyonien in regelmäßigem Turnus an einem gemeinsamen Zentralheiligtum zu gemeinsamen Festen des Gesamtverbandes zusammenkamen, ist es nicht mit Sicherheit nachweisbar, dass es in Israel in vorstaatlicher Zeit einen Zentralkultort mit einem allen Stämmen gemeinsamen Zentralheiligtum, an dem alle Stämme zu gemeinsamen Festen zusammenkamen, gab.
Martin Noths These, dass die Kultstätten von Sichem, Gilgal und Schilo nacheinander als zentraler Kultort der Amphiktyonie fungierten, gründete auf der Überlieferung, dass diese Orte zeitweilig Standort der Bundeslade waren. Die These ging zudem von der Voraussetzung aus, dass mit der Lade das Zentralheiligtum des Stämmeverbandes gegeben war.
Es kann jedoch nicht mit Sicherheit nachgewiesen werden, dass die Lade ein solches Zentralheiligtum gewesen ist. Nach Martin Metzger liegt die Annahme näher, dass die Lade ursprünglich lediglich bei den mittelpalästinischen Rahel-Stämmen beheimatet war. Sie dürften ja die Träger der Sinai-Tradition gewesen sein. Darum kann auch die Existenz eines zentralen, allen Stämmen gemeinsamen Kultortes nicht mit Sicherheit angenommen werden. Erst recht nicht für die Zeit, bevor die Rahel-Stämme sesshaft wurden.
Der alte Festkalender in Ex 23,14-17, den wir oben zitierten, lässt auch nichts davon erkennen, dass alle Stämme bei den Wallfahrtsfesten an einem zentralen Kultort zusammenkamen. Die Forderung, dass jeder männliche Israelit "dreimal im Jahr das Angesicht Jahwes sehen" solle, kann man ja auch - wiederum mit Martin Metzger - durchaus als Wallfahrten zu Lokalheiligtümern deuten.
Erst im deuteronomischen Festkalender (Dtn 16) - also ab dem 7. Jahrhundert v. Chr. - wird die Zentralisation aller Feste an nur einem Heiligtum gefordert (Dtn 16,2. 11. 15. 16).
Die Unterschiede zwischen einer Amphiktyonie im klassischen Sinne und dem israelitischen Stämmeverband sind also gravierend.
Da aber manche Gemeinsamkeit zwischen altisraelitischer Stämmegemeinschaft und altgriechisch-etruskischer Amphiktyonien bestehen, bietet die Amphiktyonie nach wie vor, wenn auch in gewissen Grenzen, eine brauchbare Analogie zum Verständnis der altisraelitischen Stämmegemeinschaft.
Weil aber die Unterschiede zwischen griechisch-etruskischen
Amphiktyonien und der Gemeinschaft der Stämme Israels sowie die zeitliche und
räumliche Distanz zwischen beiden Größen so beträchtlich sind, scheint man
gut beraten zu sein, die Bezeichnung "Amphiktyonie" auf den
griechisch-altitalischen Bereich zu beschränken und für Israel in
vorstaatlicher Zeit die neutralere Bezeichnung Stämmeverband, Sakralverband
oder sakraler Stämmeverband zu gebrauchen.
Auf keinen Fall ist für die Frühzeit Israels mit einer straff durchorganisierten, zentral geleiteten Institution zu rechnen.
Andererseits müssen die Beziehungen der Stämme zueinander über nur gelegentliche, mehr oder weniger zufällige Kontakte hinausgegangen sein. Die Beziehungen untereinander müssen - so etwa Martin Metzger - so intensiv gewesen sein, dass es zu einem gesamtisraelitischen Bewusstsein kam, dass man sich über den Stammesverband hinaus zu einer größeren Gemeinschaft, die den Namen Israel trug, verbunden wusste und dass es zu gemeinsamer Tradtionsbildung kommen konnte. Ereignisse, die nur einem Teil der Stämme widerfahren waren, wurden dabei auf die Gesamtheit übertragen und Überlieferungen verschiedener Gruppen miteinander verbunden.
Gerade dieses Zusammenwachsen der Überlieferungen, das wir im Nachhinein noch erkennen können, muss schließlich einem Zusammenwachsen der Stämme entsprochen haben. So spiegelt sich im Überlieferungsprozess der israelitischen Tradition sicher der Vorgang der Gemeinschaftsbildung wider. Man kann daher nachträglich aus dem Überlieferungsbestand durchaus auch Rückschlüsse auf mannigfache Beziehungen der Stämme untereinander ziehen.
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
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Letzte Änderung: 2. Juli 2001