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Mündliche
Überlieferung und schriftliche Tradition ![]()
Ein Teil der Exegeten ist zum Beispiel
der Meinung, dass man grundsätzlich mit einer kürzeren oder längeren Zeit
der mündlichen Tradition zu rechnen habe. Auch nach der Verschriftung sei die
mündliche Weitergabe die eigentliche Form der Tradition geblieben und der
schriftliche Text sei nichts anderes gewesen, als eine Erinnerungshilfe eben
für das Weitererzählen der einzelnen Berichte. ![]()
Andere schätzen die Bedeutung der mündlichen
Überlieferung und die Zuverlässigkeit derselben wesentlich geringer ein. Sie
rechnen eigentlich damit, dass der Text im Grunde sofort niedergeschrieben
worden ist und also schon in ältester Zeit mit schriftlich vorliegenden
Texten gerechnet werden müsse. Wir hätten es nach ihnen also mit einer
Weitergabe der Texte in schriftlicher Form zu tun, und das also beinahe von
Anfang an. ![]()
Vermutlich dürfte auch in dieser Frage eine mittlere
Position die meisten Argumente für sich haben. ![]()
Um den Text und sein Werden zu verstehen, ist es nicht unwichtig, das Verhältnis von mündlicher und schriftlicher Tradition richtig zu bestimmen. Ein mündlich weitererzählter Text ist anders zu untersuchen, als ein von vorneherein schriftlich fixierter Bericht.
Wenn wir dieses Verhältnis aber untersuchen wollen, dann ist es ganz wichtig, nicht vorschnell zu urteilen, sondern ganz einfach zunächst einmal darauf zu schauen, welche Hinweise für die unterschiedlichen Arten, einen Text zu überliefern, wir in der Schrift selbst finden.
Und wenn wir solche Hinweise mit dem vergleichen, was wir über den Alten Orient wissen und über seine Gepflogenheiten im Umgang mit Texten, dann kommen wir der Lösung dieser Frage sicher ein wenig näher.
Wir haben es also mit Sicherheit mit einer breiten mündlichen Tradition in Palästina zu tun und müssen dementsprechend auch im Blick auf die biblischen Schriften damit rechnen.
Die Zeitdauer und die Bedeutung dieser mündlichen Tradition dürfte jedoch begrenzt gewesen sein. Auffallend schließlich ist, dass es sowohl im alten Orient wie auch in Israel sehr früh schriftliche Überlieferungen gegeben hat.
In Mesopotamien und Ägypten reichen die literarischen Traditionen in sehr alte Zeit zurück. Die archäologischen Belege dafür sind eindeutig.
Wir müssen also mit Sicherheit neben der mündlichen Tradition auch eine schriftliche annehmen.
Dies widerspricht sich nicht. Auch heute wird schließlich noch auswendig gelernt, obschon wir natürlich die Texte schriftlich fixiert haben. Das Gelernte bezieht sich also auf das Einprägen von Texten, die durchaus schriftlich vorliegen. Man lernt sie für den normalen Gebrauch, für den Notfall oder aber ganz einfach um über die Inhalte schnell verfügen zu können.
Das wird im Altertum nicht anders gewesen sein.
Natürlich hat die mündliche Weitergabe eines bereits schriftlich fixierten Textes eine andere Qualität als die einfache mündliche Tradition einer noch nicht verschrifteten Erzählung. Der einmal schriftliche fixierte Text ist weit mehr von Änderungen und Bearbeitung geschützt als der nur mündlich tradierte. Genau zu diesem Zweck ist er ja aufgeschrieben worden.
Man muss also zwischen der mündlichen Überlieferung von schriftlich noch nicht niedergelegten Stücken und der zum mündlichen Aufsagen erfolgenden Aneignung von schriftlich vorliegenden Texten unterscheiden.
Auf frühe schriftliche Überlieferung weisen auch die alten Archive und Bibliotheken hin.
In der Periode der späten israelitischen Königszeit kann man den Alten Orient sogar geradezu als ein schreibseliges Zeitalter bezeichnen.
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Eingeritzte Hausaufgabe eines "Schuljungen" in frühem Hebräisch - Kalksteinfragment. |
Dieser Sachlage entspricht, dass im AT häufig von Schreiben, Schriftrollen und Vorlesen die Rede ist.
Nicht zuletzt ist der Berufsstand der Schreiber zu nennen. Dieser Berufsstand war an der schriftlichen Fixierung und der Erhaltung der Überlieferungen sicher in besonderem Maße beteiligt.
Obschon wir also schon in sehr früher
Zeit mit verschrifteten Texten, ja sogar bereits mit Literatur zu rechnen
haben, kann man dennoch nicht sagen, dass gleich alles aufgeschrieben worden
sei
.
Wir müssen vielmehr festhalten, dass es von der Erfindung der Schrift an
stets beides gegeben hat:
Wie muss man sich nun aber das Verhältnis zwischen mündlicher Überlieferung und Entstehen der Literatur in Israel vorstellen?
In vielen Fällen hat vor der Niederschrift sicherlich ein
längeres Stadium mündlicher Überlieferung bestanden. ![]()
Dieses Schwergewicht auf der mündlichen Tradition muss man zunächst sicher in erster Linie in der vor- und frühpalästinischen Zeit Israels ansetzen, also etwa bis zur Zeit König Davids.
Das heißt allerdings nicht, dass es solche mündliche Tradition später nicht mehr gab. Sie begegnet hier gelegentlich immer noch, wie etwa in den zunächst sicher mündlich weitergegebenen Legenden um Elia und Elischa.
Von der salomonischen Zeit an tritt sie allerdings sicher - analog dem kulturellen Aufschwung - immer mehr zurück.
Die Thronfolgegeschichte Davids etwa müssen wir dementsprechend mit großer Wahrscheinlichkeit bereits von Anfang an als ein literarisches Werk bezeichnen.
Doch schon in ältester Zeit hat es außer der mündlichen zugleich eine schriftliche Überlieferung gegeben. Sie war die übliche Überlieferungsart vor allem für:
Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass größere
Erzählungskomplexe oder Sagenkränze jeweils für sich schriftlich
festgehalten worden sind. Wir müssen sogar davon ausgehen, dass die einzelnen
Erzählstränge als größere oder kleinere Komplexe schriftlich niedergelegt
waren, noch bevor sie in den heutigen Textzusammenhang hineingestellt wurden. ![]()
Aus jüngerer Zeit muss auf die überlieferten Prophetensprüche verwiesen werden. Vieles spricht dafür, dass sie nicht lange nach ihrer mündlichen Verkündigung schriftlich niedergelegt worden sind.
Wo dies nicht geschehen ist, ist die
Überlieferung bald abgebrochen. Von den Vielen, die als Propheten gewirkt
haben, kennen wir nicht einmal die Namen, geschweige denn den Inhalt ihrer
Botschaft. ![]()
Gerade aus der Handlungsweise Jeremias wird deutlich, was
der Sinn dieser schriftlichen Fixierung war. Die Wirkungskraft des
gesprochenen Wortes sollte erhalten bleiben oder gar noch gesteigert werden. ![]()
Aus alldem folgt, dass weder mit einer
langen allein mündlichen noch ausschließlich schriftlichen Überlieferung zu
rechnen ist. ![]()
Die Lage ist je nach der Art der Redeformen und Gattungen verschieden.
Einige von ihnen blühen und gedeihen besonders gut bei mündlicher Überlieferung. Sie sind deshalb geradezu wie bestimmt für die mündliche Weitergabe.
Andere sind von einer Art, die zur schriftlichen Fixierung drängt.
Dazu treten bei umfangreichen und kunstvollen Werken und bei den Prophetensprüchen weitere Anlässe und Verhältnisse, die eine schriftliche Überlieferung begünstigen und fördern. Diese überwiegt dementsprechend folgerichtig, je weiter wir in der Geschichte voranrücken.
Dr. Jörg Sieger, Peter-und-Paul-Str. 49, 76646 Bruchsal,
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Letzte Änderung: 14. März 2011