Mündliche Überlieferung und schriftliche Tradition

A. Die wissenschaftliche Diskussion

Ein Teil der Exegeten ist zum Beispiel der Meinung, dass man grundsätzlich mit einer kürzeren oder längeren Zeit der mündlichen Tradition zu rechnen habe. Auch nach der Verschriftung sei die mündliche Weitergabe die eigentliche Form der Tradition geblieben und der schriftliche Text sei nichts anderes gewesen, als eine Erinnerungshilfe eben für das Weitererzählen der einzelnen Berichte.

Andere schätzen die Bedeutung der mündlichen Überlieferung und die Zuverlässigkeit derselben wesentlich geringer ein. Sie rechnen eigentlich damit, dass der Text im Grunde sofort niedergeschrieben worden ist und also schon in ältester Zeit mit schriftlich vorliegenden Texten gerechnet werden müsse. Wir hätten es nach ihnen also mit einer Weitergabe der Texte in schriftlicher Form zu tun, und das also beinahe von Anfang an.

Vermutlich dürfte auch in dieser Frage eine mittlere Position die meisten Argumente für sich haben.

B. Versuch einer Antwort

Um den Text und sein Werden zu verstehen, ist es nicht unwichtig, das Verhältnis von mündlicher und schriftlicher Tradition richtig zu bestimmen. Ein mündlich weitererzählter Text ist anders zu untersuchen, als ein von vorneherein schriftlich fixierter Bericht.

Wenn wir dieses Verhältnis aber untersuchen wollen, dann ist es ganz wichtig, nicht vorschnell zu urteilen, sondern ganz einfach zunächst einmal darauf zu schauen, welche Hinweise für die unterschiedlichen Arten, einen Text zu überliefern, wir in der Schrift selbst finden.

Und wenn wir solche Hinweise mit dem vergleichen, was wir über den Alten Orient wissen und über seine Gepflogenheiten im Umgang mit Texten, dann kommen wir der Lösung dieser Frage sicher ein wenig näher.

1. Die mündliche Überlieferung

Wir haben es also mit Sicherheit mit einer breiten mündlichen Tradition in Palästina zu tun und müssen dementsprechend auch im Blick auf die biblischen Schriften damit rechnen.

2. Die schriftliche Überlieferung

Die Zeitdauer und die Bedeutung dieser mündlichen Tradition dürfte jedoch begrenzt gewesen sein. Auffallend schließlich ist, dass es sowohl im alten Orient wie auch in Israel sehr früh schriftliche Überlieferungen gegeben hat.

In Mesopotamien und Ägypten reichen die literarischen Traditionen in sehr alte Zeit zurück. Die archäologischen Belege dafür sind eindeutig.

Wir müssen also mit Sicherheit neben der mündlichen Tradition auch eine schriftliche annehmen.

Dies widerspricht sich nicht. Auch heute wird schließlich noch auswendig gelernt, obschon wir natürlich die Texte schriftlich fixiert haben. Das Gelernte bezieht sich also auf das Einprägen von Texten, die durchaus schriftlich vorliegen. Man lernt sie für den normalen Gebrauch, für den Notfall oder aber ganz einfach um über die Inhalte schnell verfügen zu können.

Das wird im Altertum nicht anders gewesen sein.

Natürlich hat die mündliche Weitergabe eines bereits schriftlich fixierten Textes eine andere Qualität als die einfache mündliche Tradition einer noch nicht verschrifteten Erzählung. Der einmal schriftliche fixierte Text ist weit mehr von Änderungen und Bearbeitung geschützt als der nur mündlich tradierte. Genau zu diesem Zweck ist er ja aufgeschrieben worden.

Man muss also zwischen der mündlichen Überlieferung von schriftlich noch nicht niedergelegten Stücken und der zum mündlichen Aufsagen erfolgenden Aneignung von schriftlich vorliegenden Texten unterscheiden.

Auf frühe schriftliche Überlieferung weisen auch die alten Archive und Bibliotheken hin.

In der Periode der späten israelitischen Königszeit kann man den Alten Orient sogar geradezu als ein schreibseliges Zeitalter bezeichnen.

Eingeritzte Hausaufgabe eines "Schuljungen" in frühem Hebräisch - Kalksteinfragment.

Dieser Sachlage entspricht, dass im AT häufig von Schreiben, Schriftrollen und Vorlesen die Rede ist.

3. Das Verhältnis von schriftlicher und mündlicher Überlieferung

a. Schwergewicht auf mündlicher Tradition in vor- bzw. frühpalästinischer Zeit

Obschon wir also schon in sehr früher Zeit mit verschrifteten Texten, ja sogar bereits mit Literatur zu rechnen haben, kann man dennoch nicht sagen, dass gleich alles aufgeschrieben worden sei . Wir müssen vielmehr festhalten, dass es von der Erfindung der Schrift an stets beides gegeben hat:

Wie muss man sich nun aber das Verhältnis zwischen mündlicher Überlieferung und Entstehen der Literatur in Israel vorstellen?

In vielen Fällen hat vor der Niederschrift sicherlich ein längeres Stadium mündlicher Überlieferung bestanden.

Dieses Schwergewicht auf der mündlichen Tradition muss man zunächst sicher in erster Linie in der vor- und frühpalästinischen Zeit Israels ansetzen, also etwa bis zur Zeit König Davids.

Das heißt allerdings nicht, dass es solche mündliche Tradition später nicht mehr gab. Sie begegnet hier gelegentlich immer noch, wie etwa in den zunächst sicher mündlich weitergegebenen Legenden um Elia und Elischa.

Von der salomonischen Zeit an tritt sie allerdings sicher - analog dem kulturellen Aufschwung - immer mehr zurück.

Die Thronfolgegeschichte Davids etwa müssen wir dementsprechend mit großer Wahrscheinlichkeit bereits von Anfang an als ein literarisches Werk bezeichnen.

b. Schriftliche Texte seit ältester Zeit

Doch schon in ältester Zeit hat es außer der mündlichen zugleich eine schriftliche Überlieferung gegeben. Sie war die übliche Überlieferungsart vor allem für:

Außerdem ist es nicht ausgeschlossen, dass größere Erzählungskomplexe oder Sagenkränze jeweils für sich schriftlich festgehalten worden sind. Wir müssen sogar davon ausgehen, dass die einzelnen Erzählstränge als größere oder kleinere Komplexe schriftlich niedergelegt waren, noch bevor sie in den heutigen Textzusammenhang hineingestellt wurden.

Aus jüngerer Zeit muss auf die überlieferten Prophetensprüche verwiesen werden. Vieles spricht dafür, dass sie nicht lange nach ihrer mündlichen Verkündigung schriftlich niedergelegt worden sind.

Wo dies nicht geschehen ist, ist die Überlieferung bald abgebrochen. Von den Vielen, die als Propheten gewirkt haben, kennen wir nicht einmal die Namen, geschweige denn den Inhalt ihrer Botschaft.

Gerade aus der Handlungsweise Jeremias wird deutlich, was der Sinn dieser schriftlichen Fixierung war. Die Wirkungskraft des gesprochenen Wortes sollte erhalten bleiben oder gar noch gesteigert werden.

c. Fazit

Aus alldem folgt, dass weder mit einer langen allein mündlichen noch ausschließlich schriftlichen Überlieferung zu rechnen ist.

Die Lage ist je nach der Art der Redeformen und Gattungen verschieden.

Einige von ihnen blühen und gedeihen besonders gut bei mündlicher Überlieferung. Sie sind deshalb geradezu wie bestimmt für die mündliche Weitergabe.

Andere sind von einer Art, die zur schriftlichen Fixierung drängt.

Dazu treten bei umfangreichen und kunstvollen Werken und bei den Prophetensprüchen weitere Anlässe und Verhältnisse, die eine schriftliche Überlieferung begünstigen und fördern. Diese überwiegt dementsprechend folgerichtig, je weiter wir in der Geschichte voranrücken.

Anmerkungen

1) Vgl. zu diesem Abschnitt: Georg Fohrer, Einleitung in das Alte Testament (Heidelberg 121979) 36-41.

2) Darauf hat schon Hermann Gunkel für die Genesis hingewiesen (Vgl.: Georg Fohrer, Einleitung in das Alte Testament (Heidelberg 12. Auflage 1979) 38).

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Letzte Änderung: 14. März 2011